Frauen im Islam: Der Weg zu neuen Reformen

Frauen im Islam: Der Weg zu neuen Reformen

Eines der umstrittensten Themen – heute und insbesondere in der Gesellschaft, in der wir leben – ist die Stellung der Frau in den muslimischen Gesellschaften. Durch unvoreingenommene Diskussionen verbessert sich die Lage der Frauen von Tag zu Tag. Analog zu einer gleichberechtigteren Stellung der Frau wird auch die Integration Fortschritte machen. Je mehr Mitspracherechte Frauen in der Gesellschaft erhalten und je offener Männer mit ihnen über gesellschaftliche Themen diskutieren, desto schneller gelangt man zur Wahrheit, desto mehr Vorurteile und Missverständnisse können beseitigt werden und desto eher erreicht man Gerechtigkeit und Gleichberechtigung.machen.


Von Imam Benjamin Idriz

Das Ziel des Korans: Wenn sich der Koran einer patriarchalischen Sprache bedient hat, um eine durchs Patriarchat geprägte Gesellschaft anzusprechen, so bedeutet dies nicht, dass sein Anliegen eine ebenfalls patriarchalische Botschaft war. Denn die Redeweise und Sprache des Korans sind historisch, aber seine Botschaft ist universell. Heute sollten wir der Art und Weise, wie der Koran die Menschen anspricht, auch einen universellen Charakter geben. Wenn wir die Zeit und die gesellschaftliche Struktur berücksichtigen, in der der Koran offenbart wurde, stellen wir fest, dass er sich damals mit seinem Stil und mit seinen neuen Ideen zur kulturellen Struktur der damaligen Gesellschaft quer­gestellt hat. Das Ziel des Korans war also, die herrschenden Bedingungen zu überwinden und eine Wende einzuleiten. Der Koran machte – wie bei vielen anderen Themen – auch bei einer Veränderung hinsichtlich der Stellung der Frau einen Anfang, und er überließ die Fortsetzung dieser vielschichtigen, positiven Entwicklung der Vernunft und dem Gewissen des Menschen.

Gleichberechtigung: Die Unterschiedlichkeit von Mann und Frau als Argument anzuführen, dass zwischen ihnen auch keine Gleichheit vorgesehen sei, widerspricht dem Koranvers»der dich gleichberechtigt und gerecht geschaffen und ebenmäßig geformt (fa-sawaka fa-`adalaka)« (Koran: 82/7). Nach diesem Vers geht im Schöpfungsprozess des Menschen die Gleichheit (sawa) der Gerechtigkeit (adl) eindeutig voraus. Das heißt: das Ziel der Gerechtigkeit ist es, Gleichheit herzustellen; wenn die Gleichheit erreicht ist, hat sich die Gerechtigkeit verwirklicht. Gott sagt über die Schöpfung von Frau und Mann aus der gleichen Substanz unmissverständlich Folgendes: »Meint denn der Mensch, er würde sich selbst überlassen sein? War er nicht ein Tropfen Sperma, das ausgestoßen wird, hierauf ein Embryo? Dann schuf und formte er dieses in gleichem Maß. Dann machte er daraus die beiden Geschlechter, das männliche und das weibliche.« (Koran 75/36–39)
Ungleichheit in der Gesellschaft ist nicht durch die Religion, sondern durch die »Männer« bzw. männliche Gelehrte entstanden. Gott hat Propheten auf die Erde gesandt, um diese Ungleichheit zu beheben und die Gleichheit in der Entstehung des Menschengeschlechts wiederherzustellen. In diesem Zusammenhang spielt Muhammads Wort eine entscheidende Rolle: »Die Frauen haben den gleichen Wert wie die Männer. Nur die Würdigen würdigen Frauen und nur die  Nichtswürdigen erniedrigen sie«. Wenn sich die Offenbarung in unserer Zeit wiederholen würde, müsste der heutige Prophet für die Unterdrückten und Entrechteten eintreten. Da aber keine Offenbarung und kein neuer Prophet mehr kommen werden, müssen sich dieser Aufgabe jetzt alle Menschen stellen.

Frauenrechte: Mit Bezug auf den Koranvers »Und die gläubigen Männer und Frauen sind untereinander Freunde« (Koran: 9/71) revolutionierte Muhammad die Rechte der Frauen. Mit seinen Prinzipien »Die Frauen sind die Geschwister der Männer« und »Frau und Mann sind wie die zwei Hälften eines Apfels« betonte er die Gleichheit der Geschlechter und untermauerte damit die islamische Einstellung zu dieser Gleichheit unmissverständlich. Alle überlieferten Sprüche und Taten, die diesem Prinzip widersprechen, sind später, im Zeitalter des Niedergangs der Muslime entstanden; doch sie sind leider von anhaltender Wirkung bis in unsere Tage. Wenn die deutsche Verfassung sagt: »Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.« (GG Artikel 3, Absatz 2), so steht dies in völligem Einklang mit dem Grundsatz der Gleichberechtigung im Koran (sawa), der in den oben erwähnten Versen zur Sprache kommt.

Führungsposition: Die Frauen sollten, an allen gesellschaftlichen Aktivitäten teilnehmen, die für die seelische und körperliche Entwicklung förderlich sind. Die Integration kann nur gelingen, wenn der Weg für die muslimische Frau geebnet ist, in der muslimischen Gemeinschaft eine aktive Rolle zu übernehmen.

Ehepartnerwahl: Nach dem Islam ist es das natürlichste Recht jeder männlichen oder weiblichen Person, ihren Ehepartner aus freiem Willen selbst zu wählen. Ein Zwang seitens der Eltern widerspricht dem islamischen Recht und den Menschenrechten. So hat das Mädchen die absolute Freiheit, ihr Leben mit dem eines Mannes zu verbinden oder nicht zu verbinden. Sie darf wegen ihrer Entscheidung keineswegs bestraft werden. Die islamische Ehe ist rechtmäßig, wenn die Trauung öffentlich vollzogen wird. Grundvoraussetzung für die Rechtmäßigkeit einer Trauung aber ist das gegenseitige Einverständnis und die Liebe der Partner zueinander. Wenn islamwidrige Tradition (Zwangsheirat) heute in gewissen patriarchalischen Gesellschaften verbreitet ist, so trifft den Islam dabei keine Schuld.Hätten die Muslime gewusst, dass Zwangsehen nach dem islamischen Recht ungültig sind, hätten sie sich auf Muhammad berufen können, der gesagt hat: »Der beste unter euch ist derjenige, der gut zu seiner Frau ist«. So hätte niemand einen Imageverlust erlitten und viele »Zwangsehen« oder »Ehrenmorde«, die ja heute nicht zu leugnende Tatsachen sind, hätten verhindert werden können. ­Offensichtlich sind einige nicht nur weit hinter unserer Zeit zurückgeblieben, sondern auch hinter dem Koran!

Respekt und Liebe: Die erste Generation der Muslime und allen voran der Prophet Muhammad haben sich vorbildlich verhalten, wenn es darum ging, die Liebe zu ihren Frauen offen zu bekennen und zur Sprache zu bringen. Sie waren nicht scheu, Liebe und Respekt zu zeigen, die sie als etwas Angenehmes, Schönes und Heiliges erlebten. Muhammad, der seine Empfindsamkeit nicht verbarg, sagte es in aller Öffentlichkeit: »Ich liebe die Frauen, ich trage gern Düfte auf, und das tägliche Beten ist mein Augapfel«.
Diese offene Art Muhammads, seine Liebe zu seinen Frauen zu zeigen, wurde in den Epochen des Rückschritts und der Verbreitung des Konservativismus zunehmend als eine Schande empfunden. Doch es ist keine Schande, zu lieben und die Liebe offen zu zeigen. Was eher beschämend ist, ist der Machismus und der Streit in der Familie.

Sexualerziehung: Obwohl Bildung keine Scham kennt, ist die Sexualerziehung für den überwiegenden Teil der konservativen Muslime immer noch ein Tabu. Und das Thema der Sexualität ist in vielen islamischen Ländern weit davon entfernt, zu Hause, in der Schule oder gar in der öffentlichen Debatte behandelt zu werden. Dies ist ein Bildungsmangel, der bei Jungen wie Mädchen zu Störungen der Persönlichkeit führt. Dazu gehört auch die Reduzierung der Frau als »erotisches« Objekt, wodurch in extrem konservativen Gesellschaften soziale Explosionen ausgelöst werden. Der Mangel an Erziehung bezüglich der Beziehungen von Mann und Frau verursacht extreme Hemmungen in der Wahrnehmung und Behandlung des anderen Geschlechts. Die sexuellen Tabus in konservativen muslimischen Familien müssen aber endlich gebrochen werden. Dazu muss der Sexualkundeunterricht in der Schule wahrgenommen und dazu muss die Sichtweise des Islam auf sexuelle Themen ohne Scheu dargelegt werden.

Das Kopftuch: Das Kopftuch ist kein religiöses Symbol. Wenn es sich dabei um ein religiöses Symbol handelte, müsste auch für die Männer ein religiöses Symbol vorgesehen sein. Da das Kopftuch kein religiöses Symbol sein kann, kann es auch kein politisches Symbol sein. Es steht der Frau frei, ein Kopftuch zu tragen oder nicht zu tragen. Der Frau per Gesetz Vorschriften in Bezug auf das Kopftuch zu machen, ist weder von religiöser Seite noch von rechtlicher akzeptabel. Bei beiden besteht ein Recht auf freie Wahl der Kleidung. Das Kopftuch, das die Frau nur aufgrund ihrer religiösen Überzeugung trägt, falls sie es überhaupt trägt, darf ihre aktive Teilnahme am sozialen Leben nicht verhindern. Das Kopftuch darf nicht zur Isolierung der Frau von der Gesellschaft führen. Es darf sie nicht daran hindern zu studieren, zu arbeiten, zu forschen, Spaß zu haben und zu spielen. Das Kopftuchtragen verstößt gegen das islamische Recht, wenn es unter Zwang, als Erfüllung des Brauchs oder aus einem anderen nicht überzeugenden religiösen Grund getragen wird.
Das Kopftuch hat im Islam nicht den Status eines Dogmas im Gegensatz zur Bildung, Sauberkeit, zum Gebet, Fasten, Pilgern, Almosengeben und zur Arbeit fürs Gemeinwohl. So wie das Kopftuch nicht den Status und nicht den Wert von täglichem Gebet, Bildung und guten Taten angibt, so zeigt auch das Nichttragen des Kopftuchs keine Sündhaftigkeit an.
Was zählt, ist nicht, was die Frau auf dem Kopf hat, sondern was sie im Kopf hat. Auf der einen Seite gibt es Nicht-Muslime, die kein Kopftuch dulden, und auf der anderen Seite Muslime, die kein offenes Haar dulden. Beide Seiten verletzen das Recht auf Freiheit. Das Kopftuch ist weder das Maß der Frömmigkeit noch ein Gegenbeweis für die Integration. Das heißt, eine Frau mit Kopftuch muss nicht zwangsläufig religiöser sein als eine ohne Kopftuch, und eine Frau ist nicht unbedingt besser integriert, wenn sie kein Kopftuch trägt. Es gibt viele Frauen mit Kopftuch, die sich in die Gesellschaft weit besser integriert haben als manche ohne Kopftuch. Umgekehrt gelingt es vielen modern aussehenden und in die Gesellschaft integrierten Frauen, frommer zu sein als Frauen mit Kopftuch. Daher müssten muslimische Frauen unbehelligt von allen – beginnend von ihren Eltern bis hin zum Staat – frei über ihr Kopftuch entscheiden können, und alle sollten ihr bei ihrer gesellschaftlichen Entfaltung helfen.

Patriarchalische Tableau: Während ich die Schlussworte zu diesem Kapitel schrieb, zeigten die Medien die Bilder eines Gipfeltreffens von 20 Ländern in Toronto. Auf dem Gruppenfoto der 20 Teilnehmer war nur eine Frau zu sehen: Angela Merkel. Dieses Foto war ein Beweis dafür, dass im 21. Jahrhundert nicht nur in der islamischen, sondern auch in der übrigen Welt eigentlich immer noch patriarchalische Verhältnisse herrschen. An diesem Tag war ich besonders erfreut dar­über, in einem Land zu leben, dessen Kanzlerin dieses patriarchalische Tableau stört. Doch das männerbetonte Gruppenbild zeigt, dass sowohl die Muslime als auch die Nicht-Muslime noch einen weiten Weg zur Gleichberechtigung zu gehen haben.

Wenn wir die heute umstrittene Stellung der Frau aus dem Blickwinkel des Korans und des Propheten sowie der Vernunft betrachten, erhalten wir ein ganz anderes Bild als das, was gemeinhin für eine islamische Einstellung gehalten wird. Es ist nicht einfach, über dieses Thema zu schreiben und zu diskutieren: es gehört Mut und Aufgeschlossenheit dazu. Wollen Sie mit mit dem Autor eine gedankliche Reise unternehmen, um dieses »sensible« Thema sowohl aus der Perspektive des Korans als auch unserer Gegenwart zu betrachten?Dazu lesen sie das Buch “Grüß Gott, Herr Imam!” von Imam Benjamin Idriz, Diedrichs-Verlag München 2010, ISBN-13: 978-3424350425