Interview mit dem Imam

Süddeutsche Zeitung, 30.11.2010

Interview mit der Süddeutsche Zeitung Reden wir über Muslime und Integration: Imam Benjamin Idriz hat ein Buch über aufgeklärten Islam geschrieben. Für die einen ist der Penzberger Imam Benjamin Idriz ein liberaler Hofnungsträger, für die anderen ein Blender, mit Kontakten zur Islamistenszene. Diese Woche hat der 38-Jährige sein neues Buch “Grüß Gott, Herr Imam” (Diederichs, 16,99 Euro) herausgebracht. Die SZ hat mit ihm über Mülltrennung und Mustermuslime gesprochen.

 

 

 

SZ: Grüß Gott, Herr Imam. „Eine Religion ist angekommen“ lautet der Untertitel Ihres neuen Buches. Gilt das auch für den Islam hier im traditionell christlich-konservativen Oberland?

Idriz: Der Islam ist hier definitiv angekommen. Die Muslime und die Penzberger Moscheegemeinde sind ein fester Bestandteil des Oberlandes. Verwurzelt sind die Muslime aber noch nicht. Leider ist der Islam in der Mehrheitsgesellschaft noch nicht so geschätzt und anerkannt wie andere Religionsgemeinschaften. Hier in der Gegend sind beispielsweise etwa fünf Prozent der Bevölkerung Muslime, in den Ämtern und Behörden stellen sie aber nicht mal ein Prozent der Angestellten.

SZ: In Ihrem Buch entwerfen Sie  das Idealbild eines perfekt integrierten Muslims.  Aber mal ehrlich, wie viele solche Mustermuslime gibt es in Ihrer Gemeinde?

Idriz: Mustermuslime gibt es auch in unserer Gemeinde. Für das Idealbild des integrierten Muslims müssen wir noch mehr tun. In meinem Buch habe ich versucht, den Muslimen ganz konkrete Beispiele zu geben, damit sie sich besser integrieren und mit Deutschland identifizieren können.

SZ: Die Beispiele klingen teils banal: Müll trennen und nicht laut Musik hören, sollen die Gläubigen beispielweise.

Idriz: Einiges ist banal. Aber es sind auch Dinge, die ich schon konkret gefragt wurde. Das Buch habe ich auch nicht nur für Penzberg oder Bayern geschrieben, sondern für ganz Deutschland. Ich war vor kurzem in Neukölln. Da sind so banale Dinge noch nicht normal.

SZ: Der bayerische Verfassungsschutz wirft Ihnen Kontakte zur Islamistenszene vor. Wollten Sie sich mit Ihrem Buch auch ein wenig von den Vorwürfen freischreiben?

Idriz: Ich habe mein Buch nicht geschrieben, um jemanden zu Gefallen oder jemandem zu schmeicheln. Mein Buch ist aber ein Widerspruch gegen das, was der Verfassungsschutz behauptet und widerspricht zugleich dem, was Islamisten denken. Mein Buch soll aufklären – auch die Verfassungsschützer. Denn das, was ich schreibe, denke ich. Wenn unsere Gemeinde nächstes Jahr wieder im Verfassungsschutzbericht auftaucht, dann ist eines klar: Dann ist es nicht deren Absicht, Islamismus zu verhindern, sondern unsere Gemeinde weiterhin zu stigmatisieren und eine ehrliche Integration zu verhindern.

Interview: Frederik Obermaier


Imam Idriz: “Der Islam ist Integrierbar”

Interview: Johannes Patzig und Wolfgang Schörne für den Münchener Merkur

Penzberg – Sonnenlicht dringt durch die blau funkelnde Glaswand der Moschee in Penzberg. Von der Gebetsnische aus kann man in die oberbayerische Landschaft blicken. Dies ist der Arbeitsplatz von Benjamin Idriz, dem bekanntesten Imam Bayerns. Bekannt ist er, weil seine muslimische Gemeinde als vorbildlich integriert gilt. Weil er in München ein Islam-Zentrum bauen will. Aber auch, weil ihn der Verfassungsschutz im Visier hat: Der warf ihm Kontakte zu Islamisten vor. Idriz, 38, hat sich, mit Unterstützung vieler Politiker, immer gegen Islamismus-Vorwürfe gewehrt. Und will sie nun endgültig entkräften: Er hat ein Buch geschrieben, mit dem Titel „Grüß Gott, Herr Imam“. Darin skizziert er seine Vision von einem aufgekläten europäschen Islam. Das Buch wird fü Aufsehen sorgen –bei Muslimen wie bei Nichtmuslimen in Deutschland. Wir treffen den Imam zum Früstük, im ersten Stock der Moschee. Es gibt Brezen und Baklava, dazu tükischen Tee

 

 

Grüß Gott, Herr Imam!
Ein herzliches Grüß Gott!

In Ihrem Buch schreiben Sie viel darüber, wie sich Muslime hierzulande verhalten sollen. Sollte ein Muslim in Bayern eine Lederhose haben?
(lacht.) Bayerische Kleidung widerspricht nicht dem islamischen Geist – im Gegenteil! Wenn ich Frauen im Dirndl sehe, dann ist das der typischen Kleidung muslimischer Frauen näher als vieles andere. Ich habe kürzlich mit einem Trachtenmode-Designer gesprochen. Ich habe ihn gebeten, mir einen passenden bayerischen Imam-Trachtenanzug zu entwerfen.

Sie stellen ja gleich im ersten Kapitel sehr deutliche Forderungen an Muslime: Sie müssen grundgesetztreu und voll integriert sein, aber auch Müll trennen und nicht zu laut Musik hören!
Es war mir sehr wichtig, ganz konkrete Anforderungen zu formulieren: Wie soll sich ein ideal integrierter Muslim verhalten? Alles, was ich fordere, ist aber konform mit dem Islam. Ein Muslim muss als Schüler fleißig, als Arbeiter aufrichtig sei, als Bürger die Gesetze des Landes achten und sich in seinem sozialen Umfeld engagieren. Ich bin gespannt auf die Reaktionen der Muslime.

Islamkritiker sagen, die Normen des Islam seien unvereinbar mit dem Grundgesetz und Muslime daher nicht integrierbar. 
Dieses Vorurteil ist weit verbreitet. Es gibt aber auch den Ruf nach islamischen Theologen, die erklären, wie Islam und westlicher Rechtsstaat zusammenpassen. In meinem Buch versuche ich, das zu tun. Der Islam ist integrierbar. Alles, was er fordert, ist mit dem Grundgesetz vereinbar.

Wie vermitteln Sie das den Islamkritikern?
Ich sage ihnen, dass der Islam kein starres Gebilde ist. Er kann sich modernen Gesellschaften anpassen. 90 Prozent der islamischen Lehre sind flexibel und zeitgemäß interpretierbar. Nur einige grundlegende Dinge sind festgelegt – Werte wie Barmherzigkeit und Gebote wie z.B. das fünfmalige Beten am Tag.

Blickt man auf die Entwicklung mancher muslimischer Staaten, bekommt man nicht gerade den Eindruck, sie seien flexibel…
Tatsache ist, dass die Religion schon kurz nach dem Tod Muhammads für politische Zwecke missbraucht worden ist. In dieser Zeit ist bei Muslimen sehr viel schiefgelaufen, erstarrte Regelwerke sind entstanden. Jetzt ist es die Aufgabe muslimischer Intellektueller, dies zu korrigieren.

Der Islam befand sich also über mehr als 1000 Jahre auf dem Irrweg?
In gewisser Hinsicht ist das so, leider. Über Jahrhunderte hinweg gab es das, was man heute „Gottesstaaten“ nennen würde – dabei ist ein Gottesstaat mit dem Islam unvereinbar, auch wenn noch so oft das Gegenteil behauptet wird. Im Islam ist eigentlich eine Trennung von Staat und Religion angelegt. Muhammad wurde von Gott nie als politischer Führer bezeichnet, sondern immer als Gottes Gesandter. Ich sage deshalb zu Muslimen: Richtet euch im Gebet nach Mekka – aber in der Politik nach Berlin und Brüssel.

Müssen sich Muslime dann nicht von der Scharia, dem islamischen Gesetz, distanzieren?
Die Scharia ist kein zeitloses Gesetz Gottes, sondern das Ergebnis von Auslegungen durch Menschen, die auf jeweilige kulturelle und historische Umstände bezogen sind. Ich distanziere mich entschieden von Auslegungen, die Menschenrechte mit Füßen treten. Der Begriff Scharia wird heute auf beiden Seiten immer wieder instrumentalisiert um feindselige Stimmungen anzuheizen.

In manchen Ländern gibt es bis heute Steinigungen – und die Richter berufen sich auf die Scharia.
So ein primitives Verständnis von Scharia hat im 21. Jahrhundert nichts verloren.

Kann es hierzulande neben dem Grundgesetz ein zweites Regelwerk wie die Scharia geben?
Nein. Die Vorstellung eines Parallelgesetzes widerspricht meinem Islamverständnis. Es wäre falsch, die Scharia hier als Parallelgesetz zu etablieren, jetzt oder in der Zukunft.

Dennoch fordern Sie einen „Fatwa-Rat“ für Deutschland – also ein Gremium, das Fatwas, islamische Rechtsgutachten, erstellt. Wäre das keine Parallelinstanz?
Eine „Fatwa“ ist eine religiöse Empfehlung, das hat nichts mit Politik zu tun. Wir haben das Problem, dass manche Muslime hierzulande oft den Fatwas und religiösen Interpretationen aus anderen Ländern folgen. Wäre es da nicht besser, einen Fatwa-Rat mit Islam-Wissenschaftlern in Deutschland zu etablieren?

Worüber würde so ein Fatwa-Rat urteilen?
Ein Beispiel: Gelatine wird aus Knochen von Schweinen hergestellt. Ein Mufti in Saudi-Arabien würde Muslimen da vielleicht verbieten, Gelatine zu essen! Aber wenn islamische Gelehrte hier sich damit vernünftig auseinandersetzen, könnten sie entscheiden, dass es Unsinn ist, Muslimen Gelatine zu verbieten.

In Dublin wurde ein europäischer Fatwa-Rat gegründet. Dessen Vorsitzender, Yusuf Qaradawi, legitimierte Selbstmordattentate von Palästinensern…
Ich habe ihm daraufhin einen Brief geschrieben, dass diese Fatwa meines Erachtens dem Islam widerspricht. Der Rat hat Qaradawis Position in dieser Sache auch nicht übernommen. Und der Rat hat auch sehr vernünftige Fatwas herausgegeben.

Auch im Koran gibt es Passagen, die Muslime zum Kampf gegen Nicht-Muslime auffordern.
Der Koran fordert nicht pauschal den Kampf gegen Nichtmuslime, sondern gegen Aggressoren vorzugehen. Die gemeinten Verse sind im Kontext des 7. Jahrhunderts zu sehen und nicht buchstäblich als zeitlose Weisungen zu verstehen. Muslime in Europa sollten sich nicht an ihnen orientieren.

Ist der Koran denn nicht verbindlich? Kann ein Muslim auswählen, was ihm gefällt und was nicht?
Ein Vers kann nicht aus dem Koran gestrichen werden. Die Bibel wird ja auch nicht verändert. Aber nicht alle Verse enthalten Weisungen, die für alle Zeiten gültig wären.

Man darf den Koran also interpretieren?
Natürlich. Genau das fordere ich. Man darf ihn nicht Wort für Wort dogmatisieren. Es geht doch nicht nur darum, was Gott im Koran sagt, sondern vor allem darum, was Gott damit meint. Gott hat den Menschen Vernunft gegeben, um den Koran in jeder Zeit neu zu interpretieren. Eine Schrift, die nicht mehr interpretiert werden könnte oder dürfte, wäre tot, doch der Koran ist ein lebendiges Buch.

Was Sie sagen, klingt fortschrittlich. Aber Ihnen ist auch vorgeworfen worden, Sie würden „Taqiyya“ betreiben – also Nichtmuslime über ihre wahren Ansichten hinwegtäuschen.
Jetzt kolportieren Sie selbst ein verbreitetes Vorurteil. Es ist eine schwere Anschuldigung gegen Muslime, dass sie sich verstellen und lügen würden. Ich denke, die beste Antwort auf solche Vorurteile ist eben mein Buch. Ein Buch unter meinem Namen, in dem ich alles begründe, was ich denke, kann keine so genannte „Taqiyya“ sein. Das Buch ist auch eine Antwort an den Verfassungsschutz, der unsere islamische Gemeinde stigmatisiert hat, obwohl wir seit Jahren einen völlig verfassungskonformen Islam leben und lehren. So ein Vorgehen der Behörden schürt gerade den Extremismus. Und es hat die Glaubwürdigkeit der Behörde in den Augen vieler massiv in Frage gestellt. Es ist höchste Zeit, zu sachlicher Kooperation zurückzukehren und diesen unsinnigen Streit zu beenden.

In ihrem Buch warnen Sie vor anti-islamischer Hetze. Sie vergleichen sie sogar mit dem Antisemitismus vergangener Jahre. 
Nein, ich möchte das nicht vergleichen. Ich will nur warnen: Wie man in der Vergangenheit mit religiösen Minderheiten umgegangen ist, darf sich nicht wiederholen, nirgendwo und gegen niemanden.

Sie schreiben aber auch zornig über Muslime. Im Umgang mit Frauen werfen sie vielen „steinzeitliches Denken“ vor.
Man muss das nicht schönreden: In vielen muslimischen Köpfen existiert ein Frauenbild, das ich als Mensch und als Imam nicht akzeptieren kann. Ich versuche, dagegen zu kämpfen und für Gleichberechtigung einzutreten.

Gehört das Kopftuch dann auch abgeschafft?
Das Kopftuch ist kein Dogma im Islam. Nur die Frau selbst hat zu entscheiden, ob sie Kopftuch trägt oder nicht. Weder ein Imam noch der Staat noch die Familie dürfen eine Frau zum Kopftuch zwingen. Ich halte es deshalb auch für falsch, schon kleine Mädchen mit Kopftuch in die Schule zu schicken.

Heißt das, eine Frau kann auch ohne Kopftuch eine gute Muslimin sein?
Genau. Der Charakter einer Frau wie eines Mannes und ihr oder sein Gottesbewusstsein sind das Maß für Religiosität, nicht bloß ein Stück Stoff.

Dürfte sie auch kurze Röcke und Blusen mit tiefem Ausschnitt tragen?
Niemand dürfte es ihr verbieten, das liegt in ihrer individuellen Freiheit. Aber: Der Islam verlangt von allen Menschen, sich zu bedecken. Er ist gegen eine Nacktkultur.

Gilt das auch für Männer?
Absolut! Das ist ja gerade die Doppelmoral in manchen Ländern, in denen man muslimische Männer in Shorts sieht und neben ihnen ihre Frauen völlig verschleiert sind. Ich verstehe den Islam so, dass Frau und Mann ihren Körper gleichermaßen bedecken sollen.

Burkas lehnen Sie in Ihrem Buch aber ab. 
Ja, Burka und die totale Verschleierung des Gesichts widersprechen der Menschenwürde – und sind damit nach meinem Verständnis ein Verstoß gegen den Islam.

Glauben Sie wirklich, dass viele Muslime da ihrer Meinung sind?
Eine Mehrheit der Muslime in Deutschland ist für ein zeitgemäßes Islamverständnis. Viele Muslime sind begeistert von unserer Arbeit.

Einige Muslime werden damit aber nicht einverstanden sein.
Mag sein. Ich habe versucht, mit meinem Buch die muslimische Bevölkerung auch aufzurütteln. Muslimische Organisationen mögen sich von meinem Buch herausgefordert fühlen – damit wäre schon etwas erreicht. Und wenn sich Extremisten und sicherlich auch Islamhasser davon provoziert fühlen, dann löst das ja vielleicht bei dem einen oder anderen einen längst fälligen Denkprozess aus.

Haben Sie keine Angst vor Gewalt von Islamisten?
Nein, nicht in Deutschland. Wir leben ja zum Glück in einem Rechtsstaat. Wir haben Polizei und Verfassungsschutz. Und schließlich glaube ich fest an Gott. Ich habe keine Angst. Möge er uns alle schützen!

Interview: Johannes Patzig und Wolfgang Schörne

Münchener Merkur 09.11.2010

Das Buch “Grüss Gott, Herr Imam” wird am 29.11.2010 erscheinen:http://www.randomhouse.de/book/edition.jsp?edi=352426


Ein Gespräch zwischen Studentin Bettina Schawarzer und Imam der Islamischen Gemeinde Penzberg Benjamin Idriz über Religionfreiheit, Religionsunetrricht, Kopftuch, Burka-Verobt in Bayern... Ein Gespräch zwischen Studentin Bettina Schawarzer und Imam der Islamischen Gemeinde Penzberg Benjamin Idrizüber Religionfreiheit, Religionsunetrricht, Kopftuch, Burka-Verobt in Bayern…

Bettina Schwarzer: Meine erste Frage bezieht sich ganz allgemein auf Religion: Was glauben Sie, welche Stellung hat Religion, gleich ob es die christliche oder islamische Religion ist, heute für die Menschen in Bayern?

Benjamin Idriz: Also wie ich überall beobachte, ist Religion in der Welt überhaupt ein wichtiger Faktor, sei es für Wirtschaft, für Frieden, für Politik, für Integration, für soziales Leben. Religion wird in Zukunft auch noch eine größere Rolle spielen. Und weil wir auch über Bayern reden: Bayern ist im Vergleich mit anderen Bundesländern, ein stärker von Religion geprägtes Land; daher meine ich, dass in Bayern Religion auch eine gewisse Rolle spielt, spielen wird.

Schwarzer: Wie stehen Sie dazu, dass die christliche Religion in Bayern verfassungsrechtlich verankert ist, zum Beispiel im Erziehungsgesetz, in dem es heißt, dass der Unterricht in Bayern an den Grundsätzen der christlichen Bekenntnisse orientiert sein soll?

Idriz: Es ist selbstverständlich, dass wir auch, als Muslime, als muslimische Bürger in Bayern, das akzeptieren müssen, dass wir in einem christlich geprägten Land leben. Das hat mit der Geschichte zu tun. Seit hunderten Jahren ist Bayern ein christliches Land und der Islam ist im Vergleich mit dem Christentum ein neues Phänomen in Bayern. Religionsfreiheit ist natürlich für alle Menschen gemeint, egal ob sie Christen, Juden oder Muslime oder was auch immer sind. Aber in der Tat ist es so, dass das Christentum eine gewisse Autorität in diesem Land hat und der Islam ist nicht gleichermaßen akzeptiert, weder in Bayern noch in anderen Bundesländern; als Religionsgemeinschaft ist er noch nicht anerkannt. Und die Muslime verlangen jetzt von der Politik, vom Staat, dass ihre Religion, also der Islam, auch eine staatliche Anerkennung vom Staat bekommen soll, analog zu den christlichen Kirchen und auch analog zu den jüdischen Gemeinden. Aber wie gesagt, die Muslime und der Islam sind ein neues Phänomen in Deutschland und das ist ein Prozess. Weil die Verfassung, das Grundgesetz, Religionsfreiheit in unserem Land garantiert, wird mit der Zeit auch der Islam als ein Teil der Gesellschaft, als ein Teil unseres Lebens hier, akzeptiert werden. Und der Islam wird hoffentlich auch einmal staatlich anerkannt. Das zu schaffen ist im Interesse unseres ganzen Landes hier; es ist nationales Interesse, gesellschaftliches Interesse, würde ich sagen, dass der Islam hier auch anerkannt werden soll. Dann werden wir selbstverständlich mit der Anerkennung des Islam als Religionsgemeinschaft auch Religionsunterricht und andere Rechte bekommen, aber das ist ein Prozess und das wird ein bisschen dauern.

Schwarzer: Aber woran, glauben Sie, liegt es, dass es noch nicht soweit ist, obwohl schon seit mehreren Jahrzehnten Muslime in Deutschland leben? Woran liegt es, dass dieser Prozess solange dauert?

Idriz: Weil es auf beiden Seiten kein ernsthaftes Interesse an einer Institutionalisierung des Islams in Deutschland gibt. Auf muslimischer Seite sind wir immer noch nicht in der Lage eine strukturierte gemeinsame Religionsgemeinschaft zu gründen, wo die unterschiedlichen Strömungen, unterschiedlichen Ethnien, unterschiedlichen Moscheegemeinden sich zusammenfinden und eine gemeinsame Organisation, eine gemeinsame Religionsgemeinschaft gründen. Die Religionsgemeinden, die muslimischen Moscheegemeinden, sind bisher entweder ethnisch oder auch ideologisch geprägt. Das hat mit dem Hintergrund der muslimischen Bevölkerung zu tun. Die meisten Muslime stammen ursprünglich aus der Türkei, aus dem Balkan, auch aus arabischen Ländern. Und die Muslime sind hier nicht nur mit ihren Körpern, sondern auch mit Gedanken und Seelen, die hier aber noch nicht angekommen sind. Ihre Körper sind da, aber ihre Seelen, ihre Gedanken sind woanders. Aber als viele Muslime seit Anfang der 1960er Jahre nach Deutschland kamen, haben sie auch ihre Gedanken hierher mitgebracht und dementsprechend sind die verschiedenen Strömungen auch hier organisiert. So darf es aber nicht weitergehen. Denn genau das ist ja schon das erste Hindernis, warum wir noch nicht eine anerkannte Religionsgemeinschaft geworden sind. Die Muslime sollen sich einen. Auf der anderen Seite fehlt auch ein politischer Wille hier. Die Politik muss uns helfen. Und das ist auch Aufgabe der Politik uns zu helfen. Das bedeutet nicht sich in unsere Sache einzumischen. Aber wir haben hier in Bayern, als Beispiel, einen Integrationsbeauftragten, eine Stelle oder eine Person, die zuständig ist, eine Brücke zu schlagen zwischen Muslime und dem Staat. Diese Person muss in Zukunft viel mehr daran arbeiten, die Interessen der Muslime und die Interessen des Staates auf beiden Seiten zusammenzubringen. Ein Beispiel aus Österreich: Warum ist der Islam dort eine staatlich anerkannte Religion, obwohl die Muslime auch ähnlich wie in Deutschland organisiert sind? Weil die Politik einen Ansprechpartner brauchte: Wer ist verantwortlich für Religionsunterricht, wer ist für Erziehung der Religionslehrer und für verschiedene Sachen. Aber die Muslime konnten sich nicht einigen. Dann hat die Politik indirekt die Initiative ergriffen, weil die Politik einen Ansprechpartner brauchte. Und dann haben die Muslime das gemacht. Und jetzt sind sie glücklich. Die beiden Seiten sind jetzt glücklich. Das fehlt in Deutschland. Das fehlt in Bayern. Also wie gesagt, warum haben wir hier noch nicht diese Position, die Christen und Juden haben: weil wir uns erstens nicht einig sind, auf der anderen Seite weil die Politik immer noch nicht ihren Willen manifestiert hat. Aber in Zukunft muss die Politik sich mehr mit uns beschäftigen und die Muslime müssen mehr Interesse für Integration zeigen.

Schwarzer: Und wie schätzen Sie die Akzeptanz in der bayrischen Gesellschaft ein?

Idriz: Vielleicht würden andere muslimische Persönlichkeiten anders antworten, aber ich persönlich, und wir als Gemeinde hier in Penzberg, wir genießen eine hohe Anerkennung und hohe Akzeptanz in der breiten Bevölkerung. Wir genießen hier auch eine gewisse Autorität, weil wir von Anfang an ein starkes Interesse an Integration gezeigt haben und nicht nur Theorien darüber entwickelt haben, sondern auch in der Praxis ganz deutlich gezeigt haben, dass wir ein Teil dieser Gesellschaft sind. Wenn wir das auch sagen, nicht Teilgesellschaft, sondern wir sind die Gesellschaft, nicht ein polarisierter, ein parallelgesellschaftlicher Teil, sondern wir sind in der Gesellschaft. Wir machen mit, sodass die Islamische Gemeinde Penzberg hier vor Ort eine Anerkennung genießt wie die katholische Kirche, wie die evangelische Kirche. Und auch der Imam ist hier anerkannt wie ein Priester, wie ein Pfarrer. Im Vergleich zu anderen Städten in Bayern ist die Situation hier in Penzberg eine Ausnahme, auch in Deutschland. Wir haben erfolgreich versucht, diese Polarisierung, diese Parallelgesellschaft hier zu verhindern und ein gelungenes gesellschaftliches Zusammenleben zu schaffen. Jeder Muslim soll sich hier wohl fühlen. Jeder Bürger soll sich hier als geehrter Bürger fühlen. Daher ist der Islam hier insgesamt herzlich willkommen, in Bayern.
Die Religionsgemeinschaften, die beiden Kirchen und die jüdischen Gemeinden, und auch die Politik zeigen durchaus Interesse an einer gelungen Integration. Sie brauchen jetzt einen Ansprechpartner und die brauchen, auf muslimischer Seite, den Willen zur Integration. Inwieweit sind die Muslime bereit, sich einzumischen bzw. sich zu integrieren? Dazu können wir hier verschiedene Meinungen hören. Aber auf der anderen Seite ist eine Art von Angst und eine Phobie vor dem Islam in der Gesellschaft verbreitet, weil wir in unserer Gesellschaft, insbesondere auch hier in Bayern, auch solche extremistische Strömungen und Gruppierungen haben, die jegliche Art von Islam hier verhindern wollen. „Islam ist eine Gefahr für unsere Gesellschaft“, dieses Motto soll überall verbreitet werden. Die arbeiten mit allen Mittel, damit die Gesellschaft Angst vor Muslimen bekommt. Und das ist sehr gefährlich. Die Politik sollte sehr wachsam sein und jegliche Art von Extremismus, also auch solche Strömungen, bekämpfen. Egal woher das kommt. Von Muslimen, von Christen, von anderen Seiten. Extremismus ist eine gemeinsame Gefahr für unser Land. Der Islam ist insgesamt und die Muslime sind insgesamt, auch in Bayern, auch in Deutschland, auch in Europa nicht so herzlich aufgenommen, weil politisch in der Welt vieles schief gelaufen ist, von beiden Seiten. Und alles, was in anderen Ländern passiert, wird auch hier thematisiert. Ich als Bürger des Landes hier, ich als Muslim, der sich in Deutschland wohl fühlt, muss nicht immer die Interessen anderer Muslime in anderen Ländern hier verteidigen. Alles was in Saudi- Arabien, in Nigeria, in Somalia, in Afghanistan oder im Irak passiert, muss ich nicht verantworten. Und die Medien spielen eine große Rolle hier. Wenn die Bevölkerung Nachrichten schaut, was heute in Somalia passiert ist, bekommt sie den Eindruck, dass das auch in Deutschland passieren kann. Das ist falsch. Und wir versuchen das mit unserer Arbeit hier zu verhindern, weil uns das alles in die Irre führt, in eine Polarisierung und in einen Konflikt. Das ist eine Gefahr. Ihre Frage war, ob der Islam eine Anerkennung hier bekommt – wenn wir vernünftig arbeiten, wenn wir kooperationsbereit sind, wenn wir dialogfähig sind, wird mit der Zeit der Islam auch eine gewisse Anerkennung genießen.

Schwarzer: Um nun auf ganz aktuelle Debatten zu sprechen zu kommen, warum, glauben Sie, obwohl die Menschen in ganz Europa über viele Jahrzehnte viel Erfahrung mit muslimischen Mitbürgern haben und die Muslime auch in vielen Gemeinden integriert sind, warum herrschen über die verschiedensten Lager der Gesellschaft hinweg so vehemente Debatten über, zum Beispiel, ein Burka-Verbot? Woran liegt das, dass islamische Symbole – Minarette, Kopftücher oder die Burka, ganz aktuell – so auf Widerstand stoßen, auch in Bayern?

Idriz: Weil die Gesellschaft Angst vor dem Islam bekommen hat. Und es wird auch versucht, das zu schüren: 95, 96 Prozent der Bevölkerung soll vor vier Prozent Angst haben. Das ist unakzeptabel. Niemand fragt, ob die Minderheit, die vier Prozent – vier Prozent der Bevölkerung in Deutschland sind Muslime – ob diese Minderheit von vier Prozent vor der Mehrheit Angst hat. Niemand fragt uns das. Weil ich unter den Muslimen bin, weiß ich, wie groß die Angst der Muslime ist! Aber niemand sonst nimmt das zur Kenntnis. Dieses Kleidungsstück, Kopftuch oder Burka, wird so instrumentalisiert, ist so geprägt, als ob fast jede Frau eine Burka trägt, obwohl ich in Deutschland noch nicht eine Frau mit Burka gesehen habe; abgesehen von Touristinnen aus den Golfländern beispielsweise, die hier zwei, drei Wochen bleiben, Millionen an Geld hier lassen und dann wieder zurückgehen. Aber eine Frau, die in Deutschland hier lebt, trägt keine Burka. Wenn es hier solche Fälle gibt, sind das innerhalb der muslimischen Gemeinde vielleicht 0,1 Promille. Insgesamt von 80 Millionen sind das vielleicht 10, 20 Frauen. Sollen wir über 20 Frauen jetzt debattieren und das als ein gesamtgesellschaftliches Problem, eine große Herausforderung sehen? Kann es nicht sein, das solche Debatten von anderen, eigentlichen Problemen ablenken sollen? Wird durch Burkas und durch Minarette unser Land jetzt islamisiert? Sicher nicht. In Europa ist der Islam schon seit 600 Jahren kontinuierlich präsent, in den Balkanländern. Ist Europa islamisiert? Seit 600 Jahren ist weder Europa islamisiert, noch ist der Islam europäisiert. Also, warum haben wir Muslime Angst, dass die Christen unseren Glauben überfremden werden? Das sind Verschwörungstheorien bei den Muslimen: Alle sind schlimm, alle sind schlecht, die wollen uns nicht, die mögen uns nicht, die wollen uns vertreiben. Solche Gedanken sind verbreitet bei Muslimen. Auf der anderen Seite sind es Gedanken wie: Muslime sind aggressiv, die wollen hier nur Moscheen bauen, die wollen hier mit Kopftüchern leben, die wollen uns islamisieren. Weder das eine noch das andere ist richtig. Das reale Bild ist das nicht. Das reale Bild ist ein völlig anderes. Und daher – Ihre Frage zu islamischen Symbolen: Es muss eine Aufklärungsarbeit stattfinden. Dass ein Minarett, zum Beispiel, keine Bedrohung für eine Gesellschaft ist, wenn dieses Minarett mit einem religiösen Hintergrund gebaut ist. Ein Minarett ist kein Machtsymbol. Es ist ein Kultursymbol. Ein Minarett ist ein religiöses Symbol. Und ich als Muslim, wenn ich weiß, dass meine Nachbarn sich von meinem Minarett gestört fühlen, dann sollte ich mein Minarett nicht bauen. Ich kann auch mit einer Moschee ohne Minarett leben und eine Moschee kann auch ohne Minarett gebaut werden. Aber ich muss auch auf der anderen Seite dazu beitragen, dass sich mein Nachbar mit meinem Minarett wohl fühlen kann. Diese Angst abzubauen, ist eine große Aufgabe und  wird durch Aufklärung von muslimischer Seite erbracht. Das ist unsere Aufgabe hier, die Ängste ernst zu nehmen und abzubauen, nicht zu ignorieren. Diese Ängste bestehen. Die Medien und die Politik versuchen leider oft zu provozieren und auch zu instrumentalisieren und versuchen mit allen Mitteln Angst zu schüren. Aber das ist falsch. Wir alle, jeder hier, ist gefordert, diese Irrtümer zu korrigieren und Missstände zu beseitigen.

Schwarzer: Und warum, glauben Sie dann, wenn wir gerade bei den Minaretten waren, wird so ein islamisches Kulturelement abgelehnt, aber andere Elemente werden nicht nur toleriert, sondern sogar aufgenommen, sei es Musik, Speisen und vieles mehr?

Idriz: Sehr schön, ja. Ja, ich weiß es nicht warum. Warum stört ein Minarett und ein Döner stört nicht. Es ist sogar, wenn ich es richtig gehört habe, von Deutschen dieser Spruch entwickelt worden: „Döner macht schöner“. Warum ist Döner, ist eine arabische Tanzmusik hier keine Gefahr, sondern nur ein Minarett – es ist doch genauso Kunst wie z.B. Musik! Schauen Sie, als wir hier ein Minarett gebaut haben, ganz bewusst, hier in Penzberg, haben wir überlegt, wie wir ein Minarett bauen können, mit dem wir als Muslime unsere Kultur auch repräsentieren können. Und da haben wir ein Minarett gebaut, auf das jetzt alle stolz sind. Auch wenn andere Muslime sagen: „Was ist das für ein Minarett?“. Dann sage ich: „Lieber so ein Minarett, als ein Minarett wie eine Rakete zu machen.“ Und wenn diese Raketenmodell-Minarette keine Akzeptanz in unserer Gesellschaft finden, dann müssen wir das nicht machen. Dann lassen wir das. Wir müssen immer kompromissfähig sein und die Minarette, als Beispiel, sind nicht überall in der islamischen Welt von gleicher Gestalt. Die Minarette, zum Beispiel, in Marokko, in Tunesien, Algerien sind völlig anders als in Ägypten, in Syrien. In Saudi-Arabien, in den Golfländern sind die Minarette anders als in der Türkei. Schauen Sie, eine Moschee in China ist etwas völlig anderes. Sie können kaum erkennen, dass das eine Moschee ist. Also ist der Islam flexibel und wir können je nachdem, wo wir leben, in welcher Zeit wir leben, auch interpretieren. Und die Muslime sollten auch flexibel sein, ihre Religion hier in Deutschland auch anders zu interpretieren. Und mit solchen Interpretationen des Islam können wir Ängste abbauen. Aber auf der anderen Seite ist die Religionsfreiheit, die wir in unserem Grundgesetz haben, von der Gesellschaft insgesamt noch nicht verinnerlicht. Ja, wenn ich ein Christ bin, wenn ich meine Kirche bauen darf, dann darf auch ein Muslim das machen, darf auch ein Jude seine Synagoge bauen. Das garantiert mir die Glaubensfreiheit. Weder eine Kirche, noch eine Synagoge, noch eine Moschee kann eine Gefahr sein. Auch diese häufig gehörten Argumente – „Warum ist es in islamischen Ländern nicht erlaubt Kirchen zu bauen“ – stimmen ja nicht. Wenn ein islamisches Land nicht in der Lage ist zu erlauben, eine Kirche zu bauen, ist das eine Schwäche dieses Landes. Sollen wir uns dann ausgerechnet so ein Land als Vorbild nehmen, anstatt stolz auf unser Grundgesetz zu sein, unsere Pluralität, unsere Toleranz zu zeigen! Diese Kultur der Toleranz ist notwendig in unserer Gesellschaft. Und wir Muslime sollten und müssen einen Beitrag leisten, damit wir in Zukunft eine tolerante Gesellschaft haben.

Schwarzer: Und wenn wir jetzt auf die Religionsfreiheit, die Sie gerade auch angesprochen haben, zurückkommen: Welche Bedeutung hat heutzutage, in Zeiten von Migration und Globalisierung, für Sie die Religionsfreiheit?

Idriz: Es ist ein sehr zentraler Punkt, nicht nur im Grundgesetz, sondern auch in unserem Leben. Ich kann alles geben. Wenn jemand von mir etwas verlangt, werde ich alles geben, außer meiner Freiheit. Freiheit kann ich nicht verschenken. Ich werde kämpfen um meine Freiheit. Freiheit ist das Schönste, was einen Menschen bekleiden kann. Es ist Schmuck für den Menschen. Und diese Religionsfreiheit gibt mir das. Und Religionsfreiheit darf nicht beschränkt werden. Weder die Politik, noch die Religion kann das beeinflussen. Und daher ist eine Trennung von Staat und Religion notwendig. Weil vielleicht die Politik auch Interesse haben kann, diese Religionsfreiheit zu beschränken, oder auch die Religion könnte ein Interesse haben, die Religionsfreiheit zu beschränken. Daher müssen in einem neutralen Rechtsstaat Religion und Politik getrennt voneinander sein. Und, Gott sei Dank ist in Deutschland diese Religionsfreiheit immer noch stark und wir haben wunderbare Richter hier, die zu diesen Artikeln des Grundgesetzes aufrufen. Es ist aber vor allem auch die Aufgabe der Bevölkerung diese Religionsfreiheit zu verinnerlichen.

Schwarzer: Ist für Sie Religionsfreiheit in Bayern gegeben, wenn Innenminister Herrmann fordert, dass im Staatsdienst die Burka, auch wenn sie, wie Sie vorhin gesagt haben, nur von ganz wenigen Frauen getragen wird, wie es gerade aktuelle Debatte ist, verboten wird? Geht das mit der Religionsfreiheit einher?

Idriz: Je nachdem wie wir Burka interpretieren. Wenn Burka eine religiöse Pflicht ist, dann kann kein Politiker verlangen, die Burka zu verbieten, weil es eine religiöse Pflicht ist. Daher müssen wir erst eine Definition von Burka machen. Was ist Burka? Ist es ein religiöses Symbol, ist es eine religiöse Pflicht, oder nicht? Nach meinem Islamverständnis als Theologe ist Burka weder eine religiöse Pflicht, noch ein religiöses Symbol. Burka ist etwas, das gegen die Menschlichkeit, die individuelle Persönlichkeit, gerichtet ist. Der Islam verlangt keine totale Verschleierung.

Bettina Schwarzer: Und wie ist es mit dem Kopftuch?

Idriz: Kopftuch ist etwas anderes. Aber wir reden jetzt von der Burka. Ich bin gegen die Burka und der Islam ist auch gegen die Burka. Und es gibt keine Stelle im Koran, noch im prophetischen Leben; die höchste Instanz in der Religion ist der Koran und der Prophet Mohammed. Weder der Koran, noch der Prophet Mohammed haben von Frauen eine totale Verschleierung verlangt. Daher ist die Burka völlig irrational, unislamisch und hat nichts mit dem Islam zu tun, sondern das hat mit Traditionen bestimmter Länder zu tun, aber nicht mit dem Islam. Weil, schauen Sie, diejenigen die die Burka tragen, sind auch in der islamischen Welt nicht mehr als zehn Prozent. Wir haben als das größte muslimische Land in der Welt Indonesien. Dort gibt es zweihundert Millionen Muslime. Dann gehen wir weiter Malaysia und andere asiatische Länder. Fünfzig Millionen Muslime in Europa und in Russland. Und weiter in die Türkei. Im Nahen Osten, Syrien, Libanon. Die Burka ist selten, ist ein Ausnahmefall. Alleine das ist ein Zeichen, dass es gar nichts mit dem Islam zu tun hat. Dass der Islam das nicht von den Frauen verlangt, sonst würden alle Frauen das tragen. Mein Verständnis von Islam sagt, dass Burka nicht islamisch ist und daher hat das nichts mit der Religionsfreiheit zu tun. Und wenn ein Minister das verlangt, gebe ich ihm Recht. Ich gebe ihm Recht, wenn er das in bestimmten Bereichen verbietet.

Schwarzer: Im Staatsdienst.

Idriz: Das ist völlig akzeptabel.

Schwarzer: Und in der Öffentlichkeit? Wenn ein Politiker, wie zum Beispiel Frau Koch-Mehrin, für ganz Deutschland ein Burka-Verbot einfordert, wie es zum Beispiel in Belgien oder Frankreich, die Parlamente zumindest, schon einmal beschlossen haben?

Idriz: Also, wenn eine Frau, auch wenn das aus meiner Sicht nicht stimmt, davon überzeugt ist, dass es ihre islamische Pflicht wäre oder das einfach aus ihrer eigenen religiösen Überzeugung so glaubt, dann wäre das ein Eingriff in die Religionsfreiheit. Daher ist das im wirklichen Leben sehr schwer zu verbieten, aber im Staatsdienst ist es wohl ganz normal. Ich kann mir nicht vorstellen, dass in einem Ministerium oder in der Stadt München, zum Beispiel, in einem Referat, einem Sozialreferat, einem Planungsreferat eine Frau mit Burka arbeitet – das kann sich doch kein Mensch vorstellen. Nur: Wenn es keine einzige Frau in Bayern gibt, die Burka trägt und in einer staatlichen Behörde arbeitet, warum thematisiert man dann etwas, das es überhaupt nicht gibt. Das ist doch Ironie. Stellen Sie sich vor, in Bayern wird ein Volksentscheid, ein Referendum über ein Rauchverbot gemacht und im Land gibt es keine einzige Zigarette. Das ist komisch, nicht? Steckt da nicht doch eine ganz andere Absicht dahinter? Aber wenn ein solches Gesetz kommt, es im staatlichen Dienst zu verbieten, dann würde der Islam das akzeptieren.

Schwarzer: Abschließend noch zwei, drei kurze Fragen: Wenn wir die Religionsfreiheit anschauen, dann verbinde ich mit ihr zum einen die freie  Religionsausübung und die freie Entscheidung zur Religion, gleichzeitig aber die Neutralität des Staates und auch die Gleichheit zwischen den Religionen. Und jetzt frag ich mich, wenn der bayrische Staat gesetzlich verankert, dass Kruzifixe oder Kreuze in bayrischen Klassenzimmern hängen sollen, aber einer muslimischen Lehrerin verboten wird, ein Kopftuch im Unterricht zu tragen, wird hier die Gleichheit, die die Religionsfreiheit eigentlich mit sich bringt, durch den bayrischen Staat gewährleistet?

Idriz: Ein Kreuz ist ein religiöses Symbol und dieses religiöse Symbol stört die Muslime nicht. Ich habe noch nie von einem muslimischen Kind, zum Beispiel von meinem Sohn, der seit Jahren zur Schule geht, eine Klage gehört. Habe ich nie gehört. Das stört nicht. Und es ist auch gut, wenn ein religiöses Symbol gepflegt wird. Aber eine diskriminierende Art von Religionsfreiheit, ist nicht Religionsfreiheit. Ein christliches Symbol wird akzeptiert, aber ein muslimisches Symbol wird nicht akzeptiert. Das ist eine Doppelmoral, die nicht mit der Religionsfreiheit vereinbar ist. Ein Kopftuch, nicht Burka, sondern Kopftuch ist auch kein religiöses Symbol und schon gar kein politisches Symbol. Es wird leider so interpretiert, auch von Seiten der Politiker, weil hinter den Politikern oft Beamte stehen, die leider mit vielen Vorurteilen aufgewachsen sind und Vorurteile gegen den Islam haben. Schauen Sie, wenn ein Minister ein Kopftuch in Schulen von Lehrerinnen verbietet, sagt er nicht, dass das Kopftuch ein religiöses Symbol ist. Das kann er nicht sagen, weil das gegen das Grundgesetz wäre. Er sagt, es sei ein politisches Symbol. Politische Symbole dürfen in der Schule nicht präsent sein. Gibt es ein CSU- oder SPD Logo in der Schule? Nein, gibt es nicht, weil es ein politisches Symbol ist. Und dann wird aber ein Kopftuch mit einem solchen politischen Symbol verglichen. Das ist doch falsch. Ich schreibe jetzt gerade an einem Buch und schreibe dabei auch über das Kopftuch. Ich interpretiere das Kopftuch völlig anders, auch als es bei den Muslimen allgemein verstanden wird. Ich sage kurzum, dass das Kopftuch kein politisches Symbol ist, dass es auch kein religiöses Symbol ist, denn wenn der Islam verlangt ein solches religiöses Symbol zu tragen, sollte er auch von Männern verlangen so etwas zu tragen. Dann müsste ich auch ein Kopftuch tragen. Wenn es im Islam Gleichberechtigung gibt, wie wir oft mit Stolz auf den Islam sagen. Ich sage, das Kopftuch ist weder ein religiöses Symbol noch ein politisches Symbol. Es kann kein politisches Symbol sein. Kopftuch ist etwas anderes. Es ist ein langes Thema über das ich geschrieben habe. Das Buch wird im Oktober veröffentlicht. Aber, viele Frauen sind davon überzeugt, dass das Kopftuch ein Teil ihrer Kleidung ist. Nicht das Kopftuch selbst ist religiöse Pflicht Aber die Religion verlangt von den Menschen, der Islam verlangt von Männern und Frauen gleichermaßen, sich zu bekleiden. Jeder Mensch soll bekleidet sein. Und es gibt diejenigen die ein Minimum davon und diejenigen, die ein Maximum für richtig halten. Und eine Frau ist eben mit einem Maximum bekleidet, mit Kopftuch. Mehr zu verlangen, wäre extrem. Deswegen sage ich, Burka ist extrem. Aber, wenn eine Frau, die ein Kopftuch trägt, davon überzeugt ist, dass das ein Teil ihrer Kleidung ist, dann darf man ihr das doch nicht verbieten. Da muss es mehr Aufklärung geben. Wenn die Politik von muslimischen Lehrerinnen verlangt, kein Kopftuch zu tragen, ist das genauso, zu verlangen keinen Rock zu tragen. Ich kann nicht mit Shorts in die Schule gehen. Ich muss die Beine bekleiden. Und Kopftuch ist ein Teil der Kleidung für diejenigen Frauen, die das so sehen. Das ist dann, nach meinem Verständnis, durchaus ein Angriff auf die Religionsfreiheit, so etwas zu erzwingen. Auch unter dem Vorwand, es sei ein politisches Symbol, ist das falsch. Aber letztendlich, leben wir, Gott sei Dank, in einer Demokratie. Und ein Minister oder ein Politiker kann so etwas nicht von sich aus verbieten. Es gibt ein Parlament hier und die Abgeordneten können ihre unterschiedliche Meinung dazu äußern und abstimmen. Und wenn die Mehrheit sagt, wir verbieten das Kopftuch, dann würde ich als Bürger, auch wenn ich es für falsch halte, dann würde ich das respektieren. Wenn eine Frau dann eine Lehrerin wäre, dann müsste sie sich eben entscheiden, ob sie als Lehrerin an der Schule bleiben wollte – dann müsste sie das Kopftuch weglassen, weil sie jedenfalls die Gesetze respektieren muss.

Bettina Schwarzer: Als abschließende Frage: Wie sehen Sie allgemein die Stellung der Religionsfreiheit in Bayern? Sie haben vorhin kurz gesagt, Sie halten die Religionsfreiheit in Deutschland für stark. Wie würden sie dies nun abschließend für Bayern bewerten?

Idriz: Es gab bisher noch keine schwere Herausforderung für die Muslime hier, sich mit den staatlichen Behörden über Religionsfreiheit auseinanderzusetzen. Daher ist es sehr schwer zu bewerten, inwieweit Religionsfreiheit hier stark ist oder nicht. Vielleicht wird es einmal eine Gelegenheit geben, darüber zu sprechen, aber jetzt, insgesamt, meine ich, dass es mit der Religionsfreiheit in Bayern gut bestellt ist.

Bettina Schwarzer: Vielen Dank!

Idriz: Bitte!

Interview im Rahmen der Diplomarbeit im Fach Soziologie


“IZ-Begegnung” mit Imam Idriz

Islamische Zeitung

Interview der Islamischen Zeitung mit Imam Idriz

 

 
28.04.2010 “IZ-Begegnung” mit Imam Benjamin Idriz von der Islamischen Gemeinde Penzberg

 

 

“Eine repräsentative Moschee für München”

Dass die Entwicklung des Islam in Deutschland augenblicklich auf der Stelle tritt, ist mittlerweile eine Ansicht, die nicht nur von wenigen geäußert wird. Es ist sicherlich einfach, diesen Missstand zu beklagen, schwie­rig wird es aber bei der Formulierung ­alternativer Modelle. Ein Allgemeinplatz in dieser – leider noch zu selten geführten – Debatte ist dabei die Vermittlung von islamischem Wissen, das sich von den Ex­tre­men und einem politisierten Islamverständnis fernhält.

Einer der Ansätze, die von der Islamischen ­Gemeinde Penzberg geplant sind, ist das Münchener ZIE-M. ZIE-M ist die Abkürzung für „Zentrum für Islam in Europa – München”. Es handelt sich dabei um eine Initiative, die die bisherige muslimische Vergangenheit in diesem Lande herausfordern will, sich der Lebensrealität im Kontext der Gegenwart im Hier und Jetzt zu stellen. Das Projekt ZIE-M ist ein aufrichtiges Angebot von Musliminnen und Muslimen in München, diesich dem Gemeinwohl unserer Gesellschaft in Deutschland verpflichtet sehen.

Um mehr darüber zu erfahren und auch, um die Möglichkeiten eines solchen Projekts im bundesdeutschen Kontext einzuordnen, sprach die IZ mit Benjamin Idriz. Idriz ist Imam und Direktor des Islamischen Forums in Penzberg. Der in Mazedonien geborene Diplomtheologe stammt nicht nur aus einer Familientradition muslimischer Gelehrter und ist mehrsprachig aufgewachsen. Er ist auch Teil des multinationalen Teams, das seit Jah­ren die Penzbeger Gemeinde betreibt und nun das Projekt in München realisieren möchte.

Islamische Zeitung: Lieber Benjamin Idriz, die Islamische Gemeinde Penzberg arbeitet seit geraumer Zeit an einem neuen Projekt in München (das so genannte ZIE-M), das eine recht positive Medienresonanz gefunden hat. Für unserere Leser, die es nicht verfolgt haben, was sind die Eckpunktes des Vorhabens und in welcher Entwicklungsphase befindet es sich?

Benjamin Idriz: Diese Initiative ist meiner Meinung nach zumindest für Bayern innovativ, weil sie sich in mindestens einem Punkt von anderen dadurch unterscheidet, dass sie frei von Einflüssen aus dem Ausland und vom Einfluss der Dachverbände ist. Das heißt, es handelt sich dabei alleinig um ein Projekt von Muslimen in Deutschland, die sich hier heimisch fühlen. Im Gründungsvorstand finden sich muslimische Persönlichkeiten mit verschiedenen ethnischen Ursprüngen, die sich aber mit Deutschland identifizieren.

Das ZIE-M ist darüber hinaus interessant, weil wir es gerne in Zusammenarbeit mit der Stadt München verwirklichen wollen. Das bedeutet, dass die Stadt München direkt an der Verwirklichung des Vorhabens interessiert und beteiligt ist. Es bedeutet auch, dass die Kommune damit einen Teil des Projektes übernehmen wird. Ein Beispiel dafür ist das Islamische Museum, das es so bisher noch nicht in Bayern gibt. Ebenso wie das Jüdische Museum in München-Mitte eine städtische Einrichtung ist, will die Stadt auch ein Islamisches Museum betreiben, das zugleich einen Baustein des ZIE-M darstellt.

Dies ist aber nur ein Teil des Projektes. Weiterhin ist eine Islamische Akademie für wissenschaftlichen Austausch geplant. Wir hoffen für die Zukunft, dass wir hier Fort- und Ausbildung von Imamen anbieten können, die in München beziehungsweise in Bayern tätig sind. Das Gleiche gilt für Religionslehrerinnen und -lehrer, die wir in unserem Bundesland dringend benötigen.

Wir möchten in diesem Zusammenhang gerne in Kooperation mit den zuständigen staatlichen und akademischen Einrichtungen eine Theologie des Islams in Europa entwickeln. Beim ZIE-M natürlich in Kooperation mit den Muslimen. Des Weiteren wollen wir eine öffentliche Islamische Bibliothek für München wie für ganz Bayern mit Büchern in verschiedenen Sprachen einrichten.

Vorgesehen ist auch ein Kulturzentrum für soziale Schwerpunktthemen, sei es für Kinder, Mädchen und Erwachsene, aber auch für muslimische Senioren, die sich in etwaigen Altersheimen nicht wohl fühlen, die aber auch keinen privaten Platz haben. So wollen wir in München ein Altersheim für Muslime bauen, aber auch einen Kindergarten.

Dann kommt letztendlich auch eine repräsentative Moschee – und zwar eine internationale. München ist eine Weltstadt mit Herz. Es fehlt hier, wo über einhunderttausend Muslime leben, an einer zentral gelegenen, internationalen Moschee, die sich mit München identifiziert. Es ist natürlich die Aufgabe von Muslimen, diesen Teil des Vorhabens zu verwirklichen.

Islamische Zeitung: Sie sagten, dass ZIE-M solle frei von ausländischen Einflüssen sein. Nun gibt es keine jahrhundertelange Tradition der islamischen Wissensvermittlung. Sie werden doch wohl kaum darum herumkommen, wesentliche Elemente dieses Wissens aus dem Ausland zu holen?

Benjamin Idriz: Es ist eine Tatsache, dass wir in Deutschland bisher keine Tradition der islamischen Wissenschaften und der Theologie hatten. Aber in Europa haben wir auf dem Balkan und in Osteuropa eine verwurzelte islamische Wissenschaft. Dies sind für uns Orientierungspunkte, die wir auch in Westeuropa als Modell übernehmen können.

Ich hoffe, die Islamische Akademie in München wird diese Richtung einschlagen: die Entwicklung einer traditionellen islamischen Theologie im europäischen Kontext. Wir können dies in den erwähnten Regionen beobachten und ich hoffe, dass sich die Muslime in Deutschland dies als Vorbild nehmen werden. Dafür benötigen wir Wissenschaftler und ‘Ulama, die sich in Deutschland beheimatet fühlen, aber auch eine tiefe Kenntnis haben.

Mit solchen Wissenschaftlern lässt sich diese Aufgabe auch in Deutschland bewerkstelligen.

Islamische Zeitung Islamische Zeitung: Lieber Herr Idriz, laut den letzten Meldungen fand das geplante ZIE-M eine breite politische Basis in München. Gleichzeitig gab es Ihnen gegenüber eine teils kritische Reaktion von Seiten des Verfassungsschutzes. Wie haben Sie auf diese Kritik reagiert und wie würden Sie diese einschätzen?

Benjamin Idriz: Wir haben seit 2007 Schwierigkeiten mit einigen Beamten, die im Verfassungsschutz arbeiten. Wir wurden von diesen beschuldigt, dass wir mit, ihrem Wortlaut nach, „islamistischen“ Gemeinden in Verbindung stünden und mit ihnen zusammenarbeiten würden.

Dies stimmt nicht. Die Islamische Gemeinde Penzberg ist unabhängig, multinational mit Mitgliedern aus mehr als 10 Nationen, und es ist allgemein bekannt, dass wir keiner der bestehenden Dachorganisationen angehörig sind. Alleine zwei oder drei Begegnungen oder Telefonate mit muslimischen Persönlichkeiten in Deutschland können doch nicht als Beweis dafür dienen, dass wir von woher auch immer aus gesteuert werden würden.

Benjamin Idriz

Weil wir als Islamische Gemeinde Penzberg seit drei Jahren in den Verfassungsberichten erwähnt werden, hatten wir geklagt. Dabei handelte es sich um ein Eilverfahren, das sich aber bereits seit mehr als elf Monaten hinzieht. Selbst die Justizministerin hat sich erstaunt gezeigt, dass ein Eilverfahren in Deutschland so viel Zeit in Anspruch nehmen kann. Dies ist in der bayrischen Justizgeschichte ein Einzelfall. Wir sind sehr gespannt, wie die Richter jetzt entscheiden werden. Innenminister Herrmann ist nicht gegen das Projekt und er hat bereits Signale für eine Unterstützung unseres Vorhabens gegeben. Er hat uns dies als damaliger Fraktionsvorsitzender der CSU schriftlich gegeben. Wir hoffen, dass es vor Gericht zu einer Lösung kommen wird, auch wenn es im Hintergrund einige skeptische Personen gibt. Gegenüber den Skeptikern, die sich zu ZIE-M kritisch äußern, sind wir offen für einen fairen Dialog.

Ich wünsche mir, dass wir das Projekt trotz unserer Schwierigkeiten realisieren werden, weil eine breite Unterstützung vorhanden ist, weil das Konzept auf den verschiedensten Foren vorgestellt wurde und weil viele Politiker und Religionsgemeinschaften, darunter auch Moscheegemeinden, in München davon überzeugt sind. Zuletzt haben wir am 13. April das Projekt im Bayerischen Landtag in München vorgestellt, wobei viele Muslime und Nichtmuslime anwesend waren und wir nur ermutigende Signale empfangen haben.

Lediglich zwei Strömungen richten sich gegen das Zentrum in München: Ein einzelner Münchener Stadtrat, der die Rechtsradikalen vertritt und islamfeindliche Einzelpersonen beziehungsweise Strömungen, hinter denen extremistische Gruppen wie „Pax Europa“ oder „Politically Incorrect“ stehen. Natürlich können wir von dieser Seite nichts anderes erwarten.

Islamische Zeitung: Haben Sie die Hoffnung, dass das ZIE-M eine positive Ausstrahlung in die breitere muslimische Community Deutschlands haben könnte?

Benjamin Idriz: Ich habe mittlerweile Signale aus anderen Bundesländern erhalten, da diese durch unsere Broschüren und unsere Homepage von dem Projekt erfuhren. Man sieht darin eine innovative Initiative. Viele Einrichtungen, vor allem jene, die nicht verbandsgebunden sind, äußerten sich dahingehend, dass das ZIE-M genau das sei, was sie seit vielen Jahren erwarten würden.

Diese Muslime und auch jene, die keine Integration benötigen, weil sie deutsche Muslime sind beziehungsweise hier geboren wurden, und auch gar nicht mehr über Integration reden müssen, wollen das Recht haben, hier ihre Religion auszuüben. Im deutschen Kontext ist unser Projekt genau für diese Gruppen der Muslime eine Chance. Ich hoffe, dass sich die Muslime zukünftig mehr für solche Projekte interessieren werden, weil sich unsere Zukunft in Deutschland ereignen wird. Wir müssen sie gemeinsam in Deutschland gestalten.

Islamische Zeitung: Lieber Benjamin Idriz, bei der angekündigten zweiten Runde der Islamkonferenz wird deutlich, dass sich der negative Trend in der Auseinandersetzung mit den Muslimen fortsetzt. Dies führt dazu, dass praktizierende Muslime ohne ihr Zutun in ein Spannungsfeld von „modern“ versus „konservativ“ geraten. Stimmen Sie zu, dass eine traditionell vertiefte, vernünftige Lehre dabei ­helfen könnte, diesen Gegensatz zu verringern?

Benjamin Idriz: Ich bin nicht derjenige, der solche Begriffe verwendet. Es wäre sehr schwer, jemandem zu sagen, er wäre „konservativ“, „liberal“ oder „traditionell“. Tatsache ist, dass es verschiedene Islamverständnisse gibt.

Weil die Muslime nicht ihre Religion, sondern auch ihre kulturellen Traditionen mit nach Deutschland brachten, müssen wir zukünftig ein Islamverständnis entwickeln, das gleichzeitig mit den Werten des Grundgesetzes übereinstimmt. Dies dürfte nicht schwierig sein, da zwischen beiden eine grundlegende Harmonie besteht.

Wir brauchen ein Islamverständnis, das weder im Widerspruch zu den islamischen Quellen und Grundwerten, noch zum Grundgesetz steht.

Islamische Zeitung: Vor wenigen Wochen geisterten Meldungen durch die Tagespresse, wonach die Gründung eines Vereins „liberaler Muslime“ geplant sei…

Benjamin Idriz: Ich bin sehr skeptisch, wenn ich von solchen Vorschlägen höre. Das bringt nichts. Es ist ja notwendig, dass sich die bestehenden Dachverbände mit ihren Weltbildern und ihrer ethnischen Herkunft nach Deutschland orientieren. Sollte es nun zu einer solchen Initiative für einen so genannten „liberalen“ Verband kommen, lenkt dies vom eigentlichen Ziel ab. Wir brauchen weder „liberale“, noch „konservative“.

Vielmehr ist es notwendig, dass sich Muslime, von denen hier mehr als vier Millionen leben und von denen mehr als zwei Millionen die deutsche Staatsbürgerschaft haben, endlich mit ihrer Heimat identifizieren und einen gemeinsamen Weg finden.

Islamische Zeitung: Ihre Gemeinde hat jahrelange Erfahrungen im Aufbau einer übernationalen, lokalen Moschee, die vor Ort gut eingebunden ist. Stellen wir uns vor, es gäbe ein allgemeines Forum von interessierten Muslimen mit den bestehenden Orga­nisationen und Sie könnten dort Wünsche äußern, was würden Sie konkret fordern?

Benjamin Idriz: Ich habe meinen Vorschlag schon gemacht, ob er nun angenommen wird, oder auch nicht. ­Dieser wird im Mai in einem Buch, das ich ­zusammen mit zwei Professoren der Universität München geschrieben habe, vorgestellt. Es soll den Titel „Islam mit ­europäischem Gesicht“ tragen. Dort ­mache ich den muslimischen Dach­verbänden ganz konkrete Vorschläge beziehungsweise den Organisationen in Deutschland.

Sie sollten sich auf die Gründung einer Islamischen Religionsgemeinschaft einigen. Alle Organisationen sollten in diesem Dachverband verschmelzen. Die DITIB, der VIKZ, die IGMG, die IGD, der Zentralrat, der Islamrat und die anderen wären darin dann Geschichte. Tatsache ist, dass im Grundgesetz die Religionsgemeinschaften zuständig für die Religionsausübung und die Organisation der religiösen Lehre sind. Von der lokalen Ebene, über die Länder bis zum Bund benötigt dies einen repräsentativen Ansprechpartner. Es hat sich als notwendig erwiesen, dass die Muslime dies endlich angehen und einen gemeinsamen Weg finden.

Jeder der Beteiligten muss in der Lage sein, seine Hintergründe hinter sich zu lassen und für die Zukunft zu arbeiten.

Islamische Zeitung: Herr Idriz, wir danken für das Gespräch.

Quelle: http://www.islamische-zeitung.de/?id=13267