Vorort

Vorwort zu Grüß Gott, Herr Imam

»Grüß Gott!«, sagen die Menschen in Süddeutschland gerne zueinander. Freilich meist ohne über das eine wie das andere nachzudenken, verbinden sie damit doch tagtäglich einen Segenswunsch mit dem Bekenntnis zur Kultur, zu der sie gehören, vielleicht sogar zu ihrer Heimat. Muslime fühlen sich kulturellen Wurzeln häufig stark verbunden, und Muslime sprechen gern und jeden Tag von, über und mit Gott.

Was also überrascht an der Formulierung »Grüß Gott, Herr Imam«? Das wird nicht nur an dem immer noch anzutreffenden Irrglauben liegen, es existiere eine Spannung zwischen dem »Gott der Christen« und einem »islamischen Allah«. Dabei ist Letzteres nur die wunderbar wohlklingende, arabische Vokabel für denselben, weil einzigen Schöpfer und Herrn der Welt. Es kommt hier ­sicherlich hinzu, dass das Bild von einem Imam hierzulande noch weit davon entfernt ist, als Bestandteil des kulturellen Wir-Gefühls wahrgenommen zu werden.

In unserer kleinen oberbayerischen Stadt Penzberg, rund 50 km südlich von München, vielen nur im Vorbeifahren auf der A95 München-Garmisch bekannt, höre ich diesen Gruß tatsächlich tagtäglich. Nicht anders als das für meine katholischen und evangelischen Kollegen in der Seelsorge gilt, ist es hier in den letzten zehn, fünfzehn Jahren selbstverständlich geworden, dass der Imam seinen Platz im gesellschaftlichen und kulturellen Gefüge der Stadt einnimmt, dass er – und mit ihm seine Islamische Gemeinde – ein Teil davon ist.

Dieses Buch geht von dem aus, was in Penzberg gelungen ist. Aber es begnügt sich nicht damit, eine oberbayerisch-muslimische Erfolgsgeschichte zu erzählen. Es ist getragen von der Überzeugung, dass die Muslime in Deutschland – wann und weshalb auch immer sie gerufen wurden oder selbstbestimmt gekommen sind – an der Zukunft dieses Landes ihren Anteil haben. Dass damit schwierige, ja enorme Herausforderungen verbunden sind, wissen und spüren wir alle. Erfolgreich bewältigen können wir sie nur gemeinsam.

Zum ersten Mal im deutschen Sprachraum unternimmt es ein Imam, der von sich sagen darf, ein Hafis zu sein (jemand, der den Koran vollständig auswendig beherrscht), zu den drängenden Fragen, die die Diskussion um den Islam in Europa beherrschen, auf Grundlage seiner theologischen Ausbildung und jahrelangen Praxiserfahrung Stellung zu beziehen. Meine eigenen Wurzeln liegen in Europa. Im mazedonischen Skopje wuchs ich in einem mehrsprachigen Haus auf und in eine viele Generationen zurückreichende, ehrwürdige Reihe von Imamen hinein. Das multiethnische und -religiöse Gepräge des damaligen Jugoslawiens, besonders auch Bosnien-Herzegowinas, woher meine Frau stammt, die Selbstverständlichkeit des Miteinanders, prägt meine Biografie. Die Sorgen vor den Gefahren, die es zerstören können, mit verheerenden Folgen – auch sie haben ihren Anteil daran.

Dieses Buch will Wege aufzeigen, wie Verständigung zu schaffen ist und Gefahren entgegengewirkt werden kann. Trotzdem wird dieses Buch auch Widerspruch ernten. Es beansprucht natürlich nicht, »den Islam« letztgültig für alle Zeiten und Kulturen zu erläutern. Gottes Offenbarung an die Menschen, aus der die Quellen des Islam schöpfen, ist für alle Zeiten unveränderlich. Doch jede Zeit, jede Kultur, hat diese Quellen immer wieder neu befragt. Das hat zu keiner Zeit zu einer Spaltung der Ummah (der Gesamtheit der Muslime) geführt und niemals dem Islam geschadet. Im Gegenteil. Als vitale Religion hat sich der Islam immer dann und dort er­wiesen, wo sich die Muslime nicht an die Traditionen anderer Kulturräume und vergangener Epochen gekettet haben, sondern neue Antworten für ihre Lebenswirklichkeit suchten und fanden. Dieses Buch sucht nicht nach Lösungen für die Probleme anderer Völker. Ganz bewusst befasst es sich nicht mit der Arabischen Welt, mit der Türkei oder mit Süd­ostasien, auch wenn immer wieder Aspekte aus der weiten Islamischen Welt einbezogen werden und manche Impulse auch über Deutschland und Europa hinaus von Interesse sein mögen. Das zu beurteilen bleibt den Glaubensgeschwistern überlassen, die in ihrer Kultur das jeweilige Antlitz des Islam reflektieren. Dieses Buch ist an Muslime und Nicht-Muslime in Deutschland im Europa des 21. Jahrhunderts gerichtet. Es stellt sich den Fragen, die diese Generation bewegen, und versucht Antworten zu geben. Diese Antworten sind in den Quellen des Islam verwurzelt und von unserer Lebenswirklichkeit gespeist.

Gleichzeitig verstehen sich die Positionen, die dieses Buch entwickelt, als Beitrag zu einem Prozess, der nie abgeschlossen sein wird. Die Debatte ist nicht nur der Weg, sondern in sich schon ein Ziel.

Gerade die zur Zeit des Erscheinens, im Herbst 2010, in Deutschland aufgerührte Integrationsdebatte macht aber auch ­erschreckend deutlich, wie weit die Gesellschaft vom Ziel eines konstruktiven Miteinanders entfernt ist. Wieder einmal zeigt sich, dass mit populistischer Stimmungsmache sehr viel mehr Aufmerksamkeit zu ernten ist als mit dem tagtäglichen Bemühen um Besonnenheit und um seriöse Aufklärung. Bundespräsident Christian Wulff hat in seiner Rede zum 20. Jahrestag der Deutschen Einheit nichts als Tat­sachen beschrieben, als er formulierte: »Das Christentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland. Das Judentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland. Das ist unsere christlich-jüdische Geschichte. Aber der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland.« Er erntete dafür nicht nur Zustimmung.

Die Debatte um die Integration der Muslime in das europäische Umfeld wird weitergehen. Der Buchmarkt ist bereits überflutet mit den unterschiedlichsten Beiträgen zum Thema Islam. Manche davon sind bewusst provozierend geschrieben, auch in der Absicht, die Integration infrage zu stellen und letztlich die friedliche Koexistenz zu gefährden. Manche zielen auf den eigenen Profit ab, sei es auf politischer oder auch auf kommerzieller Ebene. Die meisten Publikationen benennen zwar explizit und beharrlich bestehende Probleme, aber nur wenige bringen seriöse Lösungsvorschläge ein. Dieses Buch bietet konkrete Modelle zur Lösung der viel diskutierten Probleme. Es will den Unterschied verdeutlichen zwischen denen, die über Muslime reden und zur Eskalation von Konflikten beitragen, und denjenigen, die mit Muslimen reden und gemeinsam mit ihnen nach Lösungen suchen.

Meine Islamische Gemeinde Penzberg hat den Druck kompromissloser Islamfeindlichkeit in den letzten Jahren zunehmend zu spüren bekommen. Obwohl sie seit vielen Jahren in vorbildlicher Weise für die gelungene Integration steht – oder womöglich gerade deshalb –, ist sie, wie auch meine Person, zur Zielscheibe von Kräften geworden, die dem Islam per se extremistische Züge, Gewalt­affinität und eine grundsätzliche Unvereinbarkeit mit den Werten der freiheitlichen, demokratischen Staats- und Gesellschaftsordnung zuschreiben. Es gibt leider tatsächlich Muslime, die Dschihad mit Gewalt und Terror verwechseln, unter Scharia mittelalterliche Körperstrafen verstehen und einen Konflikt zwischen Islam und so genannter westlicher Kultur propagieren. Aber es gibt auch Nicht-Muslime, die ihnen folgen. Deren Ideologie, die im Europa des 21. Jahrhunderts eine große Minderheit wegen ihrer Religion pauschal diffamiert und ausgrenzt, stellt heute die wohl meistverbreitete Form von Extremismus dar, mit der unsere Gesellschaft insgesamt konfrontiert ist. Islamfeindliche Agitation nimmt zunehmend alarmierende Dimensionen an; die Gesellschaft und ihre ­öffentlichen Repräsentanten müssen sich dazu durchringen, diese Form von Extremismus als solchen wahrzunehmen und zu brandmarken. Wir alle, Muslime wie Nicht-Muslime, müssen sicher sein, dass die Instanzen des Staates auf der richtigen Seite stehen und niemand mit extremistischer Gesinnung, welcher Art auch immer, von Ministerien, Gerichten, Behörden oder Schulen aus offen oder verdeckt wirken kann.

In meinen wöchentlichen Predigten lege ich den Schwerpunkt auf die universellen Werte, die so alt sind wie unser Kosmos und auf die ich mich auch in diesem Werk stütze. Im Fokus stehen für mich zwei Instanzen, die miteinander harmonisieren: der Koran und der Prophet einerseits und das Grundgesetz andererseits. Die ersten bieten Orientierung für die Beziehung zum Himmel, das zweite für die Beziehung zur Erde. Darauf fußen meine Person und meine Gemeinde.

Zu den Erfahrungen meiner Gemeinde gehört auch ein ganz außerordentliches Maß an Unterstützung, an Sympathie und Freundschaft, die wir weit über das unmittelbar lokale Umfeld hinaus erfahren haben. Auch darauf stützt sich dieses Buch. Deshalb kann ich hier nur stellvertretend für so viele, die dazu beigetragen haben, meinen Dank formulieren an die Bürgerinnen und Bürger von Penzberg, Rechtsanwalt Hildebrecht Braun, Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler (München), Großmufti Dr. Mustafa Cerić (Sarajevo), Ralph Deja (Pax Christi München), Landesbischof Dr. ­Johannes Friedrich (Ev.-Luth. Kirche in Bayern), Alois Glück (Bayerischer Landtagspräsident a.D. und Präsident des Zentralkomitees der Katholiken), Dr. Friedemann Greiner (Evangelische Akademie Tutzing), Pfrin. Jutta Höcht-Stöhr (Evangelische Stadtakademie München), Pfarrer Joseph Kirchensteiner (Penzberg), Dr. Heiner Köster (Eugen-Biser-Stiftung), Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (Landesvorsitzende FDP Bayern), Bürgermeister Hep Monatzeder (München), Bürgermeister Hans Mummert (Penzberg), Dr. Rupert Neudeck (Grünhelme), Dr. Rainer Oechslen (Beauftragter für interreligiösen Dialog und Islamfragen der Ev.-Luth. Kirche in Bayern), Cem Özdemir (Bundesvorsitzender Bündnis 90/Die Grünen), Stadtrat Marian Offman (Israelitische Kultusgemeinde München und Oberbayern), Pfarrer Klaus Pfaller (Penzberg), S.H. Scheich Dr. Sultan bin Mohammed Al-Qasimi (Emirat Sharjah), Dr. Andreas Renz (Ökumenereferat des Erzbistums München und Freising), Stadtrat Josef Schmid (Vorsitzender der CSU-Stadtratsfraktion München), Dr. Margret Spohn (Stelle für interkulturelle Arbeit der LH München), Rudolf Stummvoll (Sozialreferat der LH München), Oberbürgermeister Christian Ude (München), Dr. Stefan Jakob Wimmer (Univ. München, Freunde Abrahams), Landrat Friedrich Zeller (Schongau-Weilheim), die Mit­glieder des Vereins »Zentrum für Islam in Europa – München (ZIE-M)«, zahlreiche Publizisten und Journalisten und nicht zuletzt an meine Frau Nermina (Referentin für Bildung und Soziales der Islamischen Gemeinde Penzberg) und unsere beiden Söhne Ammar und Emir, an den Gemeindevorstand Bayram Yerli und seine Frau Gönül (Vize-Direktorin des Islamischen Forums Penzberg), die Mitarbeiter und alle Mitglieder der Islamischen Gemeinde Penzberg, die am meisten zu tragen, einzustecken und zu entbehren hatten an ihrem vielbeschäftigten Imam: Vergelt’s Gott! – Noch sehr viel mehr Menschen haben große und kleine Beiträge dazu geleistet, dass wir an der Zuversicht auf eine gelingende, gemeinsame Zukunft in diesem Land festhalten. Ein einfaches Lächeln und ein freundliches »Grüß Gott« zählen dabei nicht zu den geringsten.

Benjamin Idriz