Bist DU (nicht) wie ICH !?

“Sie sind nicht viel anders als wir”

Muslimische und christliche Jugendliche bauen bei Begegnungswochenende Berührungsängste ab

Muslimische und christliche Jugendliche bauen bei Begegnungswochenende Berührungsängste ab

Penzberg ­- Einem Bienenstock glich das Islamische Forum am Wochenende. Knapp 60 muslimische und christliche Jugendliche aus Bayern trafen sich in Penzberg zu zwei Begegnungstagen. Selbst in der Nacht wollten sie nicht zum Diskutieren aufhören. „Ich habe nur eine halbe Stunde geschlafen”, bekannte Berkant (27) gestern mit müden Augen. Das Resümee des Münchner Muslim: „Es war eine Art Training, wie man aufeinander zugeht.”

Freundschaften schließen, sich akzeptieren, Missverständnisse und Vorurteile auf beiden Seiten abbauen, was Jugendlichen einfacher fällt, aber nicht selbstverständlich ist ­ darauf zielte diese christlich-muslimische Begegnung unter dem Motto: „Bist Du (nicht) wie Ich!?” Initiiert hatte das Treffen die muslimische Jugend in Penzberg, unterstützt vom Verband für interkulturelle Arbeit und vom Bundesfamilienministerium.
Er sehe seine muslimischen Altersgenossen jetzt mit anderen Augen, sagt Björn (23) aus der evangelischen Jugend in Geretsried. „Die Übereinstimmungen überwiegen, nicht die Differenzen, und die sind eher Auslegungssache.”
„Es ist nicht so wie in den Klischees”, sagt Franziska (17), die auch der evangelischen Jugend angehört. Sie hatte sich in einem der Workshops mit Gewalt und Friede befasst. Dass der Islam voller Gewalt ist, dass in der Bibel nur von Friede und im Koran nur von Gewalt die Rede ist, sei so ein Klischee. „Das wurde widerlegt”, sagt Franziska. Genauso sieht es Michael (20) aus Neufahrn. Früher habe man Muslime mit Gewalt in Verbindung gebracht, sagt Franziska. „Jetzt weiß man, dass dies Einzelne sind, die den Koran falsch auslegen.”

Als wichtig empfanden sie, muslimische Jugendliche (sie stellten zwei Drittel der Teilnehmer) kennenzulernen. „Für mich war es der erste Kontakt”, sagt Lina (17) und liefert eine Antwort auf das Motto des Treffens: „Sie sind nicht viel anders als wir, nur religiöser. Sie sind offen, freundlich und lieb.”
Auch auf muslimischer Seite wurden Vorurteile und Berührungsängste abgebaut. Mona (21) aus München verblüffte, wie locker Mädchen und Jungs miteinander umgehen. Und Armina (19), ebenfalls aus München, sagte, dass solche Begegnungen eigentlich in einer Großstadt normal sein müssten ­ was nicht der Fall ist. „Hier scheint es mir ideal zu sein.”
Erschöpft, aber glücklich war am Ende Gönül Yerli, Vizedirektorin des Islamischen Forum. Spannend fand sie, dass sich auch junge Muslime aus verschiedenen Lebenswelten begegneten, dass sie Dinge aussprechen konnten, die sie so in der Familie nicht sagen können oder dürfen, und dass sie sahen, „dass man in Deutschland einen modernen Islam leben kann”. Und Imam Benjamin Idriz resümierte: „Wenn ich diese Jugendlichen sehe, habe ich keine Angst vor dem Zusammenleben in diesem Land.”
„Ich bin echt begeistert, es war richtig schön”, freute sich Naime (19) von der islamischen Jugendgruppe in Penzberg. Die Erwartungen hätten sich erfüllt. Am liebsten hätte sie so ein Treffen jedes Jahr. „Es war wunderbar.”

Wolfgang Schörner

(Penzberger Merkur, 07.04.2008)

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