Vorurteile im Vergleich

Interdisziplinäres über Islamfeindschaft und Antisemitismus

Vorurteile im Vergleich

Sind Mohammed-Karikaturen die antisemitischen Postkarten von heute? Gleichen Anti Moscheenbau-Demonstrationen in Köln und Berlin dem „Juden-Raus“-Radau der Nazis? Bedient Thilo Sarrazin die gleichen Klischees gegen Muslime wie Heinrich von Treitschke einst gegen die „Ostjuden“? „Absurd!“ sagen die einen und schließen Vergleiche zwischen Antisemitismus und Islamophobie kategorisch aus. „Punktuell denkbar“ meinen die anderen – und versuchen die emotionale Debatte ein Stück zu versachlichen. So auch die Akademie und das Moses Mendelssohn Zentrum Potsdam mit einer gemeinsamen Konferenz zum umstrittenen Vergleich „Feindbild Islam und Antisemitismus“. Dazu trafen sich Historiker und Sozialwissenschaftler, aber auch Pädagogen, Religionswissenschaftler und Journalisten am Starnberger See. Die perfekte Antwort, was an Juden-und Islamfeindschaft tatsächlich vergleichbar ist – und was eben nicht – erwartete vernünftigerweise niemand.

Von Olaf Glöckner / Michael Spieker (Akademie für Politische Bildung in Tutzing)

Klischees überdauern

Julius H. Schoeps, Direktor des Moses Mendelssohn Zentrums, ließ gleich beim Eröffnungsvortrag keinen Zweifel, dass judenfeindliche Bilder und Klischees auch nach der Shoah in den europäischen Köpfen überdauert hätten. Antisemitismus besäße weiter „eine psychosoziale Funktion“. Als seine Wurzel sah er religiöse Überzeugungen, namentlich die christliche Diffamierung der Juden als Gottesmörder. Evyatar Friesel (Hebräische Universität) stützte die Diagnose der anhaltenden Bedeutung des Antisemitismus mit Ergebnissen einer Analyse von mehreren Tausend deutschen E-mails, Blogs und Chats der letzten zehn Jahre, deren Inhalt an den Zentralrat der Juden und die israelische Botschaft gerichtet war. „Antijüdische Vorurteile sind in Deutschland weit verbreitet“, so Friesels Fazit. „Der Ton wird schärfer, und negative Sichtweisen auf Juden teilen auch viele aus der gesellschaftlichen Mitte.“

Juliane Wetzel vom Berliner Zentrum für Antisemitismusforschung betonte, dass die Islamfeindschaft den Antisemitismus nicht abgelöst habe, sondern beides nebeneinander bestünde. „Juden wie Muslime dienen als Sündenböcke für Wirtschafts- und Globalisierungsprobleme, und sie werden als innere Gefahr wahrgenommen“, sagte Wetzel. Es sei wichtig, strukturelle Ähnlichkeiten zu erforschen, ohne dabei gleichzusetzen. In den USA seien komparative Analysen schon viel weiter, das täte nun auch hierzulande not. Ein Unterschied zwischen Antisemitismus und Islamfeindschaft seien etwa die verschwörungstheoretischen Elemente des Antisemitismus. Aber die Grenzen seien fließend, denn schon gehe auch gegenüber dem Islam die Rede von einer „demografischen Verschwörung“ um. Islamfeindschaft äußere sich mittlerweile auch in der Schändung muslimischer Friedhöfe und Moscheen.

„Antimuslimismus“

Eine deutlich breitere, systematischere Vorbereitung von Vergleichen zwischen Antisemitismus und Islamfeindschaft forderte der Brühler Politikwissenschaftler Armin Pfahl-Traughber. Er hält den Begriff „Islamophobie“ für eine untaugliche Vergleichsschablone zum Antisemitismus, zumal das Wort als politischer Kampfbegriff der Islamisten auch gegen jede Kritik am eigenen Handeln instrumentalisiert würde. Stattdessen rät Pfahl-Traughber zur Einführung des Begriffs „Antimuslimismus“, wobei er sich auf „eine Feindschaft gegen Muslime als Muslime“ beziehe. Möglichen Vergleichen zwischen Antisemitismus und Antimuslimismus wollte er gern ein mehrteiliges „Untersuchungsraster“ vorgeschaltet wissen. So sei zu prüfen, inwiefern sich bei den jeweiligen „Diskriminierungsideologien“ schon ein geschlossenes Weltbild entwickelt habe, welche Auswirkungen bisherige Feindbilder hatten  –  von der individuellen Aversion bis hin zum Genozid – und bis zu welchem Grad die jeweiligen Stereotype in der Mehrheitsbevölkerung verbreitet seien.

Aus architekturhistorischer und stadtsoziologischer Perspektive näherten sich Ulrich Knufinke (TU Braunschweig) und Thomas Schmitt vom Max-Planck-Institut Göttingen markanten Konflikten, die Juden und Muslime im christlichen Europa mit der Mehrheitsgesellschaft ausfochten und noch ausfechten. Architekturkenner Knufinke breitete ein Panorama jüdischer Synagogenbau-Tätigkeit im 19. Jahrhundert aus und beschrieb zugleich, wie lokale Behörden immer wieder versuchten, Einfluss auf Baustil und Standort der Gotteshäuser zu nehmen. „Letztendlich kamen viele Synagogen aber doch zustande“, resümierte er. Für den Geographen Thomas Schmitt, der aktuelle Moscheebaukonflikte nachzeichnete, war es schwieriger, verallgemeinernde Aussagen zu treffen. Ausgrenzungsstrategien gegen Moschee-Projekte seien in verschiedenen Städten zu beobachten. Andererseits, so Schmitt, hänge viel von den lokalen Akteuren vor Ort, aber auch von der vorherrschenden öffentlichen Meinung ab.

Medien ohne Differenzierung

Und die wird heute mehr denn je von Zeitungen, Radio, Fernsehen und dem Internet gemacht. Daher gehörten auch „Judentum und Medien“ sowie „Islam und Medien“ zu den Themen der Tagung. Dabei attestierte die Münchner Historikerin Monika Halbinger den deutschen Medien eine vergleichsweise kritische Israel-Berichterstattung. Sie sprach aber auch von Mechanismen der „Schuldentlastung“ und von philosemitischen Stereotypen bei der Darstellung jüdischen Lebens hierzulande. Das könne rasch auch „in sein Gegenteil umkippen“. Der Kölner Medienexperte Thorsten G. Schneiders beklagte, viele Redaktionen würden sich heute kaum die Zeit nehmen,  ausgewiesene Islamwissenschaftler für eine differenzierte Berichterstattung zu engagieren.

Vielfalt im Islam

Schon am Vortag hatte der bekannte Berliner Islamwissenschaftler Peter Heine die Vielfalt sunnitischer und schiitischer Lebensformen wie auch jene der theologischen Rechtsvorschriften im Islam skizziert. Vieles davon sei in Deutschland kaum bekannt, bedauerte Heine, was letztendlich auch der geringen Zahl von ausgebildeten Islamforschern und Asien-Experten geschuldet sei. Zur Aufklärung des undifferenzierten Blicks auf den Islam sei zunächst ein gesteigertes Interesse an der sozio-ökonomischen Situation in den islamisch geprägten Ländern notwendig. Erst dann solle man sich auch für die Religion interessieren. Auch die verbreitete Meinung, dem Islam fehlten Reformation und Aufklärung, würde sich bei genauerer Hinsicht als unbegründet erweisen. Letztere habe es im Islam bereits im 8. Jahrhundert durch die Mutaziliten gegeben, auf die sich Reformer auch heute wieder bezögen. Frische Einblicke in heutige Minderheitensituationen in Deutschland lieferten Heinrich Olmer vom Landesverband der Israelitischen Kultusgemeinden in Bayern und Mohammed Khallouk vom Zentralrat der Muslime. Bei der Podiumsdiskussion am Schlusstag sprach Khallouk von Angst und Vorurteilen in der deutschen Bevölkerung, aber auch von Unsicherheiten bei den Muslimen. Dass der deutsche Staat Muslime nicht ausgrenze, es aber gesellschaftliche Auswüchse von „gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit“ gebe, konstatierte Khallouk. Von einem Vergleich wollte Khallouk angesichts der gänzlich unterschiedlichen Geschichte von Juden und Muslimen in Deutschland nicht sprechen. Während Juden immer schon Teil der deutschen Bevölkerung waren, seien die Muslime nun einmal erst jüngst hinzugekommene Migranten. Aber man nehme sich dennoch die Erfahrungen der Juden zum Vorbild, von denen man lernen könne.

Bekenntnis ohne Wille

Von Ausgrenzungen auf der gesellschaftlichen Ebene wusste auch Heinrich Olmer, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde in Bamberg und Mitglied im Direktorium des Zentralrats der Juden, zu berichten. Sie haben noch seine Berufswahl beeinflusst, indem er nicht Jurist wurde, weil er damit auf eine Tätigkeit in Deutschland festgelegt gewesen wäre. Doch habe sich mit den 90er Jahren auch Entscheidendes geändert: Man sei inzwischen doch zu einem selbstverständlichen Teil der Gesellschaft geworden. Persönlich konnte Olmer ergänzen: „Meine Tochter studiert nun Jura.“ Doch beklagte Olmer auch, dass den öffentlichen Bekenntnissen zur Bedeutung von Dialog noch nicht der Wille folgt, diesen konkret zu ermöglichen. Es fehle an Koordination und oftmals selbst an den geringsten finanziellen Förderungen. Für die vergleichsweise gut integrierte jüdische Bevölkerung sieht Olmer ein Paradox: „Das Dazugehörigkeitsgefühl zur deutschen Gesellschaft nimmt zu, aber die jüdische Identität nimmt ab, und das ist jetzt ein echtes Problem.“

Quelle:http://web.apbtutzing.de/apb/cms/fileadmin/Publikationen/Akademiereport/2011/Reportelfzweifuerweb.pdf