Islam mit europäischem Gesicht – Eine Rezension

Islam mit europäischem Gesicht   Angesichts der gegenwärtigen Debatten um eine christlich-jüdische Leitkultur und das vermeintliche Scheitern von Multikulti, ist das hier anzuzeigende Buch unbedingt zu empfehlen und ein Muss für alle, die kompetent mitreden wollen. Es begibt sich auf die Suche nach Konturen und Eigenschaften eines Islam in Europa und nimmt dabei seinen Ausgangspunkt beim bosnischen Islam, der auf dem Balkan gewachsen ist und eine lange Geschichte des Miteinanders von Muslimen, Juden und Christen, sowohl unter dem Vorzeichen der osmanischen als auch der österreichischen Herrschaft, kennt. Mit der „Deklaration europäischer Muslime“, die 2005 von Mustafa Ceric, dem Großmufti der bosnischen Muslime, als Reaktion auf die Terroranschläge in New York, Madrid und London verfasst wurde, macht das Buch einen eminent wichtigen Text einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich und bietet eine katholische, eine evangelische und eine islamische Reaktion darauf. Zukunftsperspektiven werden am Beispiel einer oberbayrischen islamischen Gemeinde, anhand des islamischen Religionsunterrichts und mit Überlegungen zur Zukunft des Islam in Europa aus deutscher muslimischer Perspektive aufgezeigt.

VON ATEMHAUS

…Unbedingt lesenswert sind die Überlegungen von Benjamin Idriz zur Zukunft der Muslime in Europa. Er betont, dass alle großen europäischen Religionen eingewandert sind und orientalische Wurzeln haben. Er sieht eine neue Generation europäischer Muslime heranwachsen, die die Kulturen verlinkt und Islam und Moderne verbindet. Er sieht für die europäischen Muslime künftig drei Säulen: Loyalität gegenüber dem Land, Partizipation durch Dialog und eine vernünftige Gläubigkeit. Implizit kritisiert er auch Ceric’s „Haus des Vertrags“, was immer noch einem Denken in den Kategorien „wir“ und „die Anderen“ entspreche, statt die Welt als gemeinsames Erbe zu verstehen, wie dies dem Koran entspreche. Aus religiösen Gründen seien die Grundwerte des deutschen Grundgesetzes vollständig zu bejahen und zu verteidigen. Im Dialog sollen sich Muslime als verantwortungsvolle Teilhaber an der Gesellschaft erweisen. Und es gelte, die Religion mit dem Verstand zu versöhnen. Er kritisiert scharf, dass in der Frömmigkeit vieler Muslime von heute nicht das Wissen im Vordergrund stehe, sondern das Nachahmen. Auch plädiert er für eine intensive Auseinandersetzung mit dem Thema „Frau im Islam“. Für die Institutionalisierung des Islam in Deutschland entwickelt er ein Modell, das die Aufspaltung in zahllose ethnisch geprägte Verbände überwinden und den Status einer anerkannten Religionsgemeinschaft ermöglichen würde. Sein eindrückliches Fazit: Der Islam sei in Europa integriert, „wenn die europäischen Muslime europäische Werte als ihre eigenen akzeptieren und sich selbst aktiv für den Erhalt dieser Werte einsetzen, wenn Europa die Existenz und die Zugehörigkeit des Islams verinnerlicht und die Institutionalisierung dieser Religion als organisierte religiöse Gemeinschaft verwirklich ist“.

Die Einwände gegen die Überlegungen in diesem Band liegen auf der Hand: Ist es legitim, den Blick so auf die bosnischen Muslime zu fokussieren? Wie lassen sich die Schwierigkeiten mit islamistischen, fundamentalistischen Gruppierungen lösen? Werden hier intolerante Tendenzen im Islam zu stark ausgeblendet? Werden die Chancen eines europäischen Islam, wie ihn insbesondere Benjamin Idriz vor Augen führt, nicht überbewertet? Ist die ethnische Aufspaltung des Islam in der Diaspora nicht unüberwindbar, weil gerade das Moment der ethnischen Beheimatung für Migrantinnen und Migranten ein großes Gewicht hat? Ist es denkbar, dass europäische Muslime in absehbarer Zeit mehrheitlich Frauenemanzipation und Toleranz gegenüber Homosexualität akzeptieren? Dem ist aber entgegenzuhalten, dass der Islam zu Europa gehört, historisch und mehr noch in der gegenwärtigen gesellschaftlichen Realität. Deshalb kann es einzig darum gehen, ob es gelingt, gemeinsam mit den Muslimen in Europa tragfähige Modelle zu entwickeln, die es ihnen ermöglichen, unter Bejahung grundlegender europäischer Werte ihren Glauben zu praktizieren und ihren Beitrag zur Entwicklung der europäischen Gesellschaften zu leisten. Nur so gibt es auch glaubwürdige Alternativen zu den Identitätsangeboten islamistischer Gruppen. Die tendenzielle Ausgrenzung einer ganzen Religion stärkt lediglich den Islamismus und löst kein einziges Problem.

Ich kann den Band „Islam mit europäischem Gesicht“ von Benjamin Idriz, Stephan Leimgruber und Stefan Jakob Wimmer nur wärmstens empfehlen.

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Bei diesem Text handelt es sich um die ausführliche Fassung einer Rezension, die in der “Reformierten Presse”, der Wochenzeitung der reformierten Kirchen der deutschsprachigen Schweiz erscheinen wird.


“Islam mit europäischem Gesicht: Perspektiven und Impulse” von Benjamin Idriz, Stephan Leimgruber, Stefan Jakob Wimmer

Islam mit europäischem Gesicht Der Islam in Europa – die erhitzten Debatten über Kopftücher und Minarette haben auch dem letzten klar gemacht, dass der Islam schon längst ein europäisches und damit deutsches Thema ist. Die Integrationsfrage ist zum Dauerthema geworden und fordert neue Antworten jenseits von Stereotypen. Am Modell der bosnischen Muslime, die schon lange einen in Europa beheimateten Islam leben, setzen sich christliche und islamische Autoren mit Strukturen und Traditionen, aber auch mit dem Ruf nach Wandel und Weiterentwicklung des Islam auseinander. Dabei zeigen sie nicht nur praxisrelevante Perspektiven für das Zusammenleben auf, sondern wagen sich auch die Frage der staats- und gesellschaftspolitischen Bedeutung des Islams.

Anliegen dieses Buches ist es zu überlegen, welches Gesicht, welche Eigenschaften und Konturen der Islam in Europa haben kann und soll. Ausgangspunkt ist der auf dem Balkan gewachsene Islam, der zeigt, dass ein Miteinander von Christen, Juden und Muslimen möglich ist. Ergänzend werden Grundzüge des Islams in Deutschland und Österreich vorgestellt. Im Mittelpunkt des Buches steht die „Deklaration europäischer Muslime“ von Mustafa Cerić. Diese Erklärung weist Manifest-Charakter auf und wird im Buch aus verschiedenen Perspektiven diskutiert. Sie zeichnet mit ihren Klarstellungen und Forderungen, an Muslime wie auch an Nicht-Muslime, einen Entwurf, wie die gemeinsame Zukunft in Europa aussehen könnte. Hinzu kommen Gedanken über den islamischen Denker Husein Djozo (1912–1982), über das Leben in einer modernen Moscheegemeinde (Penzberg), über die Gestalt eines islamischen Religionsunterrichts und nicht zuletzt über wünschenswerte Strukturen und das Selbstverständnis von Muslimen in Deutschland. Das Buch soll einen kritisch-konstruktiven Beitrag zum Miteinander der Kulturen und Religionen in Europa leisten.

Bücher über Islam in Europa gibt es bereits, und mit Blick auf die weiter zunehmende Brisanz der Thematik wird man in näherer Zukunft mit einer Flut von Beiträgen unter diesem oder vergleichbaren Titeln rechnen dürfen. Das Thema ist in Bewegung, es bewegt die Gemüter und es erhitzt sie auch. Dass wir Europäer, gleich welchen Hintergrunds, nicht mehr an einer Auseinandersetzung mit dem Islam – nicht nur als Vor- oder Nachbereitung exotischer Urlaubsreisen, sondern hier bei uns zu Hause – vorbei kommen, zeigen nicht nur die dramatischen Entwicklungen, mit denen dieses Jahrzehnt begonnen hat; das zeigen auch die Moscheebaupläne in Köln und an vielen anderen Orten, die unsere Städte verändern. Dass anstelle der Auseinandersetzungen besser eine Form von aufrichtiger und fundierter Ineinandersetzung treten sollte, dafür steht in München die neue Initiative für ein “Zentrum für Islam in Europa – München (ZIE-M)”, die Perspektiven für eine gelingende Einbindung in die Stadtgesellschaft entwirft.

Das Anliegen des vorliegenden kleinen Bandes ist es ausdrücklich nicht, alle Aspekte dieses ebenso komplexen wie ergiebigen Feldes zu behandeln, oder auch nur anzusprechen. Wir wollen hier einen Ansatz in den Mittelpunkt rücken, der einem prominenten, in Europa beheimateten und verwurzelten Muslim zu verdanken ist: Die “Deklaration europäischer Muslime” von Mustafa Cerić, dem geistigen Oberhaupt der bosnischen Muslime. Dieser Erklärung mit Manifest-Charakter, die im Jahr 2005 verfasst und 2006 öffentlich vorgestellt wurde, zeichnet mit ihren Klarstellungen und Forderungen, an Muslime und an Nicht-Muslime, einen Entwurf, wie die gemeinsame Zukunft in Europa aussehen könnte. Dabei versteht sich das Dokument selbst als Diskussionsgrundlage, an der weiter gearbeitet und über die in einzelnen Fragen auch kritisch gerungen werden soll. Wenn unser Buch einen Beitrag leistet, um diese Debatte in Gang zu bringen und zu fördern, dann trägt es hoffentlich zu einem konstruktiven und gedeihlichen Miteinander bei.

“Islam mit europäischem Gesicht: Perspektiven und Impulse” von Benjamin Idriz, Stephan Leimgruber, Stefan Jakob Wimmer

Auflage: 1.
Umfang (Seiten): 256
Format: 13 x 21 cm
Ausstattung: gebunden mit Schutzumschlag, mit Lesebändchen
Programmsparte: Sachbuch

Für Bestellung: 

Art.Nr.: 978-3-7666-1397-4

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