Der Islam – eine europäische Tradition

Dr. Nedzad Grabus, Mufti von Slowenien, gilt als erster Mufti in einem EU Land

Dr. Nedzad Grabus, Mufti von Slowenien, gilt als erster Mufti in einem EU Land

Von Silvia Horsch

Die Theorie vom „Kampf der Kulturen“, die von Samuel Huntington in den 90er Jahren entwickelt wurde, ist seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 und den darauf folgenden Kriegen in Afghanistan und dem Irak immer einflussreicher geworden. Ereignisse wie der Karikaturenstreit oder die Auseinandersetzungen um die Rede des Papstes im Jahr 2006 gelten als weitere Belege dafür, dass die maßgeblichen Ursachen für Konflikte im Aufeinanderprallen unterschiedlicher Kulturen, bzw. Religionen zu suchen sind – und der Islam gilt dabei als besonders aggressiv.
Auch für die Muslime in Europa hat diese Kulturkampftheorie direkte Folgen, denn immer wieder wird die Ansicht vertreten, dass der Islam Europa wesensfremd sei und die Behauptung aufgestellt, Muslime seien in Europa nicht integrierbar.
Es ist daher wichtig, genauer hinzuschauen: Wie ist das mit dem Islam und den Muslimen in Europa?

Muslime in Europa
Zunächst einmal müssen wir uns darüber einigen, von welchem Europa wir sprechen. Oft sagen wir „Europa“ und meinen eigentlich Westeuropa, also vor allem die Staaten, die sich in der Europäischen Union zusammengeschlossen haben – jedenfalls bis 2004, denn dann erfolgte die erste Osterweiterung. Mit ihr und der zweiten Osterweiterung im Jahr 2007 hat sich Europa als politisches Gebilde erheblich nach Osten verschoben. Mit Bulgarien ist dabei z.B. ein Land zur EU dazugekommen, das eine alteingesessene muslimische Minderheit von 12-15% hat. Wenn wir Europa als eine geographische Einheit betrachten, dann liegt Europas Mitte in Litauen, nahe bei Vilnius. Da wo wir den Osten Europas vermuten, liegt also eigentlich seine Mitte.

Die Frage danach, wo Europa eigentlich liegt, ist für die Rolle des Islams in Europa nicht unerheblich. Wenn wir Europa als geographische Größe betrachten, mit dem Uralgebirge als Ostgrenze und dem Kaukasus als Grenze im Südosten, dann leben in Europa ca. 53 Millionen Muslime.[1] Davon entfallen auf den europäischen Teil der Türkei etwa 6 Millionen. Es gibt zwei Staaten in Europa, die eine muslimische Bevölkerungsmehrheit haben, das sind Bosnien-Herzegowina und Albanien. Muslimische Mehrheiten gibt es aber auch im Norden Zyperns, im Kosovo, in einigen Provinzen Mazedoniens, Griechenlands und Bulgariens. Ein Drittel der Muslime in Europa lebt in den russischen Teilrepubliken wie Tatarstan, Dagestan, Tschetschenien und Inguschetien. Die Kul-Scharif-Moschee in Kasan ist die größte Moschee Russlands und wahrscheinlich auch Europas. Mit der benachbarten Mariä-Verkündigungs-Kathedrale gilt sie als Symbol für das friedliche Zusammenleben der muslimischen und orthodoxen Bevölkerung von Tatarstan.

Die osteuropäischen Muslime leben in Europa seit Jahrhunderten, viele von ihnen sind unter osmanischer Herrschaft Muslime geworden und nach dem Ende der osmanischen Herrschaft dort geblieben, wo sie lebten. In Russland, im Nordkaukasus, reicht die Geschichte des Islams jedoch fast 1300 Jahre zurück und ist damit älter als die erste russische Staatsgründung an sich. Als erstes Volk des heutigen Russlands nahmen im 8. Jahrhundert die Dagestaner den Islam an. Die Stadt Kasan wurde von muslimischen Wolgabulgaren im Jahr 1005, d.h. 150 Jahre vor Moskau gegründet. Auch die Wolgabulgaren traten bereits im 10. Jahrhundert, noch vor der Christianisierung Russlands, zum Islam über.

Aber an die Muslime im Osten und Südosten Europas wird selten gedacht, wenn man vom Islam in Europa spricht. Im Vordergrund stehen vielmehr die in der Nachkriegszeit in westeuropäische Länder vorwiegend als Arbeitsmigranten eingewanderten Muslime, die nun zum Teil in der dritten Generation hier leben. Diese Gruppe wird auf etwa 15 Millionen geschätzt, ist also de facto der kleinere Teil der Muslime in Europa. Dennoch entsteht häufig der Eindruck, der Islam sei in Europa ein neues Phänomen.

Europas Wurzeln
Gerade weil Europa – zumindest im Osten – keine eindeutigen geographischen Grenzen hat (als Kontinent müsste man ja eigentlich von Eurasien sprechen) braucht man andere Kriterien, um Europa zu definieren. Hier kommen dann kulturelle Aspekte ins Spiel, und das ist ein heiß umkämpftes Feld. Da wird nach Wurzeln und Ursprüngen gesucht, man beruft sich auf ein Erbe und auf Traditionen. Manche Traditionen werden eingeschlossen, andere ausgeschlossen, wie lange Zeit das Judentum und bis heute die Ostkirchen – und eben der Islam. Die Suche nach den Ursprüngen ist immer dann besonders intensiv, wenn es um die Zukunft geht, und hier geht es um die Frage der Zukunft des Islams und der Muslime in Europa. Europas Wurzeln sind also eine hochpolitische Angelegenheit, und deshalb gibt es so unterschiedliche Vorstellungen davon.

Wir können zum Beispiel in der Debatte um den EU-Beitritt der Türkei, wie auch im Kopftuchstreit beobachten, wie mit bestimmten europäischen Traditionen argumentiert wird, um zu zeigen, dass das der Islam nicht nach Europa gehört. So begründete z.B. der frühere Bundeskanzler, Gerhard Schröder, seine Meinung, dass das Kopftuch im Staatsdienst keinen Platz habe, folgendermaßen: „Wir sind beeinflusst von drei großen Traditionen: der griechisch-römischen Philosophie, der christlich-jüdischen Religion und dem Erbe der Aufklärung.“ Der Islam kommt in dieser Aufzählung nicht nur nicht vor, sondern es wird impliziert, dass die genannten Traditionen dem Islam entgegenstehen – denn sonst wären sie ja kein Argument gegen das (islamische) Kopftuch.

Was ist von dieser Aufzählung – christlich-jüdische Religion, griechisch-römische Philosophie – und Aufklärung zu halten?
Die christliche und jüdische Religion kommen wie auch der Islam nicht aus Europa, sondern aus dem Orient. Es gibt eigentlich keinen vernünftigen Grund, diese drei Religionen, die als abrahamitische so eng zusammen hängen, zu trennen, indem man zwei zu europäischen Religionen macht und die dritte zu einer außereuropäischen. Auch wenn man die an sich unsinnige Frage stellt, wer zuerst da war, muss man feststellen, dass der Islam in manchen Gebieten Europas früher da war als das Christentum. Das gilt wie gesehen für Gebiete im heutigen Russland, und auch in Spanien wurden Siedlungen und Städte von Muslimen gegründet und erst durch (Re-)conqista und Inquisition christianisiert.

Spanien (al-Andalus) habe ich bisher noch nicht erwähnt, weil im Unterschied zu Osteuropa dort keine muslimischen Gemeinschaften überlebt haben. Spanien war in unterschiedlicher Ausdehnung vom 8. bis ins 15. Jahrhundert unter muslimischer Herrschaft. Insgesamt lebten Muslime dort über 900 Jahre bis die spanische Inquisition, die nach dem erfolgreichen Ende der Reconquista einsetzte, sie zusammen mit den Juden vertrieben oder getötet hat. Muslime lebten also annähernd ein Jahrtausend in Westeuropa und das reicht nicht, um den Islam in die Reihe der europäischen Traditionen aufzunehmen?

Schauen wir uns als nächstes die Philosophie an. Die griechische Philosophie wurde im Abendland durch muslimische Philosophen in Andalusien bekannt gemacht. Diese waren nicht nur bloße Übermittler – wie manchmal behauptet wird, um ihre Leistung zu schmälern –, sondern sie haben das griechische Denken weiter entwickelt und um neue Fragestellungen bereichert. Der Wichtigste von ihnen war Ibn Ruschd oder Averroes. Ibn Ruschd war  Universalgelehrter, bewandert in Philosophie, Theologie, Fiqh (das sogenannte “Islamische Recht”), Astronomie, Mathematik und Medizin. Sein großes philosophisches Thema war die Vereinbarkeit von Religion und Philosophie. Er vertrat die Meinung, dass der Koran den Gläubigen mit der Aufforderung zum Nachdenken den Auftrag zur Philosophie gibt. Religion und Philosophie sind für ihn zwei Wege zur gleichen Wahrheit. Berühmt wurde er durch seine Aristoteleskommentare. Sein Einfluss auf die lateinische Philosophie des Mittelalter war immens, seine Kommentare wurden an allen Universitäten verwendet. Auch die Arbeit seiner Gegner, zu denen vor allem Thomas von Aquin zählt, der Dominikaner, der für die katholische Kirche so wichtig geworden ist, kann man sich ohne die Leistungen von Ibn Ruschd nicht vorstellen. Frieder Otto Wolf, Privatdozent für Philosophie an der FU Berlin, sagt u.a. deshalb „Ohne die islamische Philosophie hätte es weder Scholastik noch Aufklärung geben können“ und kommt zu dem Schluss: „Der Islam ist nichts der europäischen intellektuellen Tradition Äußerliches, sondern er gehört selbst wesentlich zu unserem westeuropäischen Kulturerbe“.[2] Das ist nun allerdings eine Wahrheit, die die Idee vom ausschliesslich christlichen Abendland in Frage stellt und daher heftige Abwehrreaktionen hervorgerufen hat.
Diese werden z.B. in einem Motiv deutlich, das von verschiedenen Malern gestaltet wurde: „Der Triumph des Hl. Thomas von Aquin über Averroes“, z.B. von Benozzo Gozzoli (15. Jh.), Andrea Bonaiuto (14 Jh.) und
Giovanni di Paolo (15. Jh.). Das Motiv offenbart auf eigentümliche Weise das, was es verbergen soll: dass Thomas von Aquin seine Synthesen ohne die Auseinandersetzung mit den Schriften des Ibn Ruschd nicht hätte entwickeln können.

Kommen wir zum letzten Punkt in der Aufzählung, der Aufklärung. Die Gedanken der muslimischen Philosophen waren nicht nur für ihre Zeitgenossen im Mittelalter interessant, sondern auch für die Aufklärung im 17. und 18. Jahrhundert. Ein philosophischer Roman von Ibn Tufail, einem Lehrer des Ibn Ruschd, war 1671 unter dem Titel „Philosophus Autodidactus“ ins Lateinische übersetzt worden und verbreitete sich erstaunlich schnell unter den Gelehrten Europas. Leibniz, Baruch Spinoza, John Locke, Friedrich Nicolai und Lessing haben ihn unter anderen gelesen. Man kann Gedanken aus diesem Roman in den Werken einiger Aufklärer wiederfinden, insbesondere bei John Locke und Lessing.[3] Vor dem Hintergrund, dass Aufklärung und Islam immer als Widerspruch gedacht werden, ist das ein interessanter Befund. (Zur Aufklärung am Schluss noch mehr).

Der Einfluss des Islams auf die europäische Zivilisation
Die Philosophie ist nur ein Beispiel für den Beitrag des Islams zur europäischen Zivilisation. Gerade über Spanien und Sizilien haben die Muslime einen nachhaltigen Einfluss auf die europäische Kultur gehabt. 827 beendeten aus dem heutigen Tunesien kommende Araber die byzantinische Vorherrschaft in Sizilien, bis im 11. Jahrhundert die Normannen die Herrschaft übernahmen. Unter den Normannen und den nachfolgenden Staufern lebten immer noch viele Muslime in Sizilien. Auch hier kam es zu bedeutenden kulturellen Leistungen. Insbesondere im Bereich der Naturwissenschaften, Handel und Technik könnte man vieles anführen, was hier nur angedeutet werden kann, denn sonst müsste man die gesamte Entwicklung der arabisch-islamischen Wissenschaften darlegen, z.B. in den Bereichen Mathematik, Medizin, Optik und Chemie, was den Rahmen dieses Vortrages sprengen würde.

Man kann den Einfluss der islamischen Zivilisation auf Europa bis heute sehr gut am Wortschatz erkennen, und das soll hier als Hinweis genügen. Dieser Einfluss ist natürlich im Spanischen noch viel stärker, aber auch im Deutschen ist er erkennbar, insbesondere was die materielle Kultur und die Naturwissenschaften betrifft. Ein kleines Wörterbuch, das 2007 erschienen ist “Von Algebra bis Zucker. Arabische Wörter im Deutschen” hat solche Wörter zusammen getragen. Leicht zu identifizieren sind die Wörter, die den arabischen Artikel tragen wie Alkohol, Algebra, Alkali, Algorithmus und Alkoven (Schlafzimmer in Bürgerhäusern bis in 19. Jahrhundert). Namen aus dem Arabischen tragen auch Pflanzen und Lebensmittel: Aprikose, Artischocke, Aubergine, Kaffee, Kandis, Limonade, Marzipan, Natron, Sirup, Spinat und Zucker; Stoffe und Kleidung: Gaze, Musselin, Gamasche und Joppe; Instrumente: Gitarre, Laute und Tamburin; Materialien wie Kork und Lack; Begriffe aus dem Handel wie Magazin, Scheck; Haushaltsgegenstände wie Karaffe, Tasse, Matratze und Sofa, sowie mathematische und astronomische Begriffe wie Ziffer und Zenit. Wenn man die Geschichte dieser Wörter verfolgt, wird deutlich, dass es ein anderes Modell für den Kontakt zwischen Kulturen gibt: nicht das des Kampfes, sondern des Zusammenwirkens und Ineinanderfließens.

Andalusien: Beispiel für Kulturverschmelzung
In den meisten Gebieten des islamischen Spaniens hat sich eine homogene hispano-arabische Kultur ausgebildet. Die Christen beherrschten wie die Muslime arabisch und die unter muslimischer Herrschaft lebenden Christen identifizierten sich so stark mit der islamischen Kultur, dass man sie Mozaraber (Arabisierer) nannte. Bischof Alvar beklagte 854, dass die jungen christlichen Männer von der arabischen Dichtung so bezaubert waren, dass sie kein Latein mehr, sondern nur noch Arabisch lernen wollte. Die islamisch-arabischen Elemente sind ihrerseits mit iberischen Elementen verschmolzen. Ein Beispiel dafür ist die Übernahme des westgotischen Hufeisenbogens durch die Mauren.

All das zeigt, dass es sich nicht um eine fast 800 Jahre dauernde „Fremdherrschaft“ handelte, von der sich die „eingesessenen“, christlichen Spanier dann mit der Reconquista endlich wieder befreit haben. Die Muslime waren genauso Spanier wie die Christen und Juden. Dass es in Spanien einen kontinuierlichen Kampf zwischen Muslimen und Christen gegeben hätte – was auch das Wort „Reconqista“ nahe legt („Rückeroberung“) – ist eine spätere Interpretation. Tatsächlich haben sich christliche Fürsten genauso oft untereinander bekämpft, dasselbe gilt für muslimische Kalifen und Emire. Damit soll nicht gesagt sein, dass es niemals Konflikte zwischen den Religionsgemeinschaften gegeben hätte, oder dass das mittelalterliche Spanien ohne Abstriche ein Modell für eine moderne multikulturelle Gesellschaft sein könnte. Aber: Es wurde eine gemeinsame Kultur geschaffen, an der die verschiedenen Gläubigen alle ihren Anteil hatten.
Man kann das auch an ganz konkreten Beispielen deutlich machen. Eines findet sich im Bereich der Medizin: in Cordoba haben sich ein christlicher Mönch, ein spanischer Jude und einige arabische Arzte zusammen getan, um eine alte arabische Übersetzung eines Arzneimittelbuches aus dem Griechischen (von Hunayn Ibn Ishaq (809-873), Christ) zu verbessern. Ein anderes Beispiel kommt aus Sizilien: Unter dem normannischen König Roger II. (1127-1154) und seinem Sohn Wilhelm I. (1154-1166) arbeitete der muslimische Geograph und Botaniker al-Idrisi und erstellte seine berühmte Weltkarte.

Es ist wichtig, diese Kulturleistungen als gemeinsame zu verstehen. Muslime neigen manchmal dazu, alle möglichen Errungenschaften in Naturwissenschaft, Technik und anderen Bereichen für sich zu beanspruchen – häufig aus einem Minderwertigkeitskomplex heraus, weil die gegenwärtige Lage in vielen Teilen der islamischen Welt nicht gerade rosig aussieht. Dabei wird jedoch übersehen, dass auch die muslimische Zivilisation auf etwas aufgebaut hat. Die islamische Zivilisation hat auf den wissenschaftlichen und kulturellen Errungenschaften der Griechen, Byzantiner, Perser, Inder und Juden aufgebaut und Einflüsse aus China und Afrika aufgenommen. Die wichtigen Übersetzungen aus dem Griechischen in der Zeit der Abbasiden wurden z.B. maßgeblich von Christen geleistet.

Islam als Gegenbild zu Europa
Was ich zum Einfluss der islamischen Zivilisation auf Europa gesagt habe, ist eigentlich lange bekannt und leicht nachlesbar, z.B. in Montgomery Watt`s „Der Einfluss des Islam auf das europäische Mittelalter“. Wie kommt es dann, dass immer noch und immer wieder ernsthaft behauptet wird, der Islam hätte nicht nur für die Entwicklung der europäischen Kultur keine Rolle gespielt, sondern stünde ihr sogar diametral entgegen?
Dem Islam wurde ab einer bestimmten Zeit die Rolle eines Gegenbildes zu Europa zugeschrieben. Dies geschah zu der Zeit, in der sich so etwas wie ein (west-)europäisches Bewusstsein überhaupt erst entwickelte. Für das 8. und 9. Jahrhundert gibt es kaum Belege dafür, dass es einen tiefgreifenden Gegensatz zwischen Muslimen und Christen in Spanien gegeben hätte. Das änderte sich mit der Reconquista und den Kreuzzügen, in deren Zusammenhang ein einseitig negatives Islambild entwickelt wurde, das als Gegenbild zu Europa funktionierte. Dieses Islambild wurde nicht nur in Schriften und Predigten vermittelt, sondern auch über die Kirchenkunst, wie der Künstler und Religionswissenschaftler Claudio Lange in seinem Bildband „Der nackte Feind. Anti-Islam in der romanischen Kunst“ und in einer Ausstellung im Museum für Islamische Kunst in Berlin (2003) gezeigt hat. Die anti-islamischen Skulpturen zeigen eine „ikonographische Typologie des Feindes im elften Jahrhundert, die für die politische und kulturelle Identität des christlichen Europas bis heute von zentraler Bedeutung ist.“ [4]

Es sind vor allem drei Elemente in diesem negativen Islambild wichtig, denen jeweils ein positiver Aspekt in der Selbstsicht entspricht:
1. Der Islam ist eine bewusste Verkehrung der Wahrheit (das Christentum ist wahr)
2. Der Islam ist eine Religion der Gewalt und des Schwertes (das Christentum ist friedlich)
3. Der Islam ist eine Religion der hemmungslosen Genusssucht und Sexualität (das Christentum ist moralisch)
(Ein solches Gegenbild kann aber auch gewendet werden: Heutzutage sind nicht wenige Muslime der Meinung, sie hätten die Moral gepachtet, und die Europäer, bzw. die Westler wären im allgemeinen unmoralisch.)

Die Situation hat sich in der Neuzeit, als die christliche Religion durch die Aufklärung an Einfluss verloren hat, geändert, die Funktion des Islams als Gegenbild blieb jedoch bestehen. Vor allem der Aspekt der Gewalt ist eine Konstante: Der Islam gilt nun als Religion des Despotismus. So schreibt etwa Montesquieu, dass die maßvolle Regierung besser zur christlichen, die despotische besser zur mohamedanischen Religion passe (“Vom Geist der Gesetze”). Was neu hinzukommt, ist der Aspekt des Fanatismus: Der Islam gilt als fanatisch und irrational – dem entspricht das positive Selbstbild der Vernunft. In dem Maße, in dem man sich selbst als vernünftig und aufgeklärt versteht, werden die anderen zu Fanatikern. Das gilt nicht nur für Muslime, sondern auch für Juden und die sogenannten „Wilden“.

Die neuere Entwicklung in dieser Beziehung nach dem Ende des Ost-West-Konflikts hat der Islamwissenschaftler Reinhard Schulze so beschrieben: „Der Islam wurde als das Prinzip des Orients ausgemacht, als Bewahrheitung des Irrationalen, gegenaufklärerischen Fundamentalismus, als Universalie, die nicht nur Ideologie ist, sondern allumfassend Gesellschaft, Kultur und Staat und Politik beherrschen will. Der Islam wird nun nicht mehr als ideologische Antithese begriffen, sondern als gesamtkulturelle Antithese zum Westen und seiner universalistischen Identität. Der Islam gerät so zur Begründung des Gegen-Westens, zur Gegen-Moderne, ja zur Gegen-Zivilisation“. [5] Schulze hat dies in den 90er Jahren geschrieben, also noch vor den Anschlägen vom 11. September 2001, die noch einmal eine weitere Verschärfung eingeläutet haben.

Der Mechanismus des Ausschlusses
Allen Phasen gemeinsam ist die Konzeptionalisierung des Islams als das „Andere“ Europas. Das bedeutet, dass diese Islambilder wenig über den Islam, aber viel über das europäische Selbstverständnis aussagen. Denis Guénoun, Professor an der Sorbonne, schreibt dazu in seinem Buch “Hypothesen über Europa”: „Im Angesicht des Islams macht sich Europa seine Vorstellung von sich selbst.“ [6] Dies ist ein Prozess, der in seinem Anfang im Mittelalter mit der Exterritorialisierung der (west-)europäischen Muslime einherging. Man kann sagen, dass die muslimische Präsenz in Andalusien zweimal endete, einmal mit Vertreibung und Inquisition und ein zweites Mal in den Geschichtsbüchern, in denen diese Epoche aus der europäischen Geschichte ausgetragen wurde, indem man eine Phase der Fremdherrschaft daraus machte. Die Verdrängung des Islams aus der europäischen Geschichte wird ihrerseits verdrängt, und so entsteht der Eindruck, Europa sei etwas, das sich ganz unabhängig vom Islam entwickelt habe. Europa konstruiert sich auf diese Weise selbst über einen „Mechanismus des Ausschlusses“ (Navid Kermani).

Diesen Mechanismus kann man bis heute in den verschiedensten Bereichen beobachten. Ein aktuelles Beispiel ist die Rede des Papstes im September 2006, in der er einen Vertreter des östlichen Christentums zitierte, um die Verbindung von griechischer Vernunft und christlichem Glauben zu belegen. Dadurch war es ihm möglich, von der islamischen Philosophie zu schweigen, die für das westliche, lateinische Christentum gerade denmissing link zwischen beiden darstellt. Das ist schon eine beachtliche Verdrängungsleistung.
Bei einem Vertreter der katholischen Kirche, der an der Vorstellung vom „christlichen Abendland“ naturgemäß ein Interesse hat, ist das vielleicht nicht verwunderlich, aber man kann diesen Mechanismus des Ausschlusses auch in den Wissenschaften beobachten.

Es gibt manchmal erhitzte Debatten über Fragen, die auf den ersten Blick völlig harmlos erscheinen. Ein Beispiel aus der Mediävistik hat die amerikanische Literaturprofessorin Maria Rosa Menocal in ihrem Buch „Die arabische Rolle in der mittelalterlichen Literaturgeschichte“ als Anekdote beschrieben: Sie besuchte als Studentin der Romanistik aus Interesse Arabisch-Kurse und lernte dort das Verb taraba kennen , das unter anderem „singen“ oder “mit Musik unterhalten” heißt. Dieses Wort wurde von ihrem Arabischlehrer als Ursprung für das französische Wort Troubador (mittelalterliche Dichter, Komponisten und Sänger in Südfrankreich) vorgestellt. Sie war darüber sehr erstaunt, da sie wusste, dass es eine lange Diskussion über die Herkunft des Wortes Troubadour gab und die Frage als ungeklärt galt (das gilt sie bis heute). Menocal fand dann heraus, dass dieser Vorschlag für die Entstehung des Wortes bereits 1928 von dem Arabisten Ribera gemacht wurde. Die Erklärung aus dem arabischen taraba hat gegenüber anderen Erklärungsmodellen den Vorteil, dass sie relativ unproblematisch und plausibel ist (taraba – singen, Troubador – Sänger; und der Vermittlungsweg über Spanien nach Südfrankreich ist auch relativ einleuchtend). Aber dieser Vorschlag wurde einfach nicht ernsthaft diskutiert – die Reaktion war Abwehr und Verdrängung. Ein Romanist schrieb z.B. einfach: „Die arabische Etymologie die Ribera dem Wort Troubadour zuschreibt, kann sicherlich niemanden überzeugen.“ [7] Als Favorit gilt stattdessen ein konstruiertes, also nicht belegtes lateinisches Wort, *tropare, aus dem sich Troubador abgeleitet haben soll. Ein solcher Vorgang ist symptomatisch für diesen Prozess der Verdrängung, und ähnliche Beispiele findet man in anderen Bereichen. Diese Prozesse laufen häufig auch unbewusst ab. Es ist einfach nicht möglich, das, was Jahrhunderte lang als das „Andere“ gegolten hat (und immer noch gilt) in die eigene Geschichte und damit das Selbstbild zu integrieren.

Es geht auch anders
Ein vernünftiges und abgeklärtes Verhältnis zum Islam kann sich für (nichtmuslimische) Europäer nur dann einstellen, wenn diese Gegenbildfunktion des Islams aufgegeben wird. Das erscheint schwer, ist aber nicht unmöglich. Tatsächlich gibt es eine Reihe von Vorbildern in Geschichte und Gegenwart, auf die man sich dabei besinnen könnte. Ich möchte nur drei aus der deutschen Geschichte nennen:

Friedrich II von Hohenstaufen war der Sohn des deutschen Kaisers Heinrich VI. und Konstanzes von Sizilien. Von 1220 bis zu seinem Tod war er römisch-deutscher Kaiser. Er hatte den Beinamen „stupor mundi“ – “Erstaunen der Welt” und wurde als der „erste moderne Mensch auf dem Thron“ bezeichnet. Er konnte nicht nur Deutsch, Italienisch, Französisch, Griechisch und Latein, sondern auch Arabisch. An seinem Hof arbeiteten muslimische Wissenschaftler, er führte mit muslimischen Philosophen einen Briefwechsel über Probleme der Ewigkeit und die Erschaffung der Welt. Die Kirche erwartete von ihm wie von wie von den anderen europäischen Herrschern, dass er zum Kreuzzug ins Heilige Land aufbrach. Das tat er dann auch, aber anstatt zu kämpfen, schloss er nach fünfmonatigen Verhandlungen einen Friedensvertrag mit Sultan al-Kamil, dem Neffen von Saladin. Von al-Kamil wurde er nach Jerusalem eingeladen. Von arabischen Berichterstattern wird überliefert, dass er, als der Muezzin aus Rücksicht auf Friedrich II. seinen morgendlichen Ruf zum Gebet nicht erschallen ließ, ihn mit den Worten zur Rede stellte: „Ich habe in Jerusalem übernachtet, um dem Gebetsruf der Muslime und ihrem Lob Gottes zu lauschen.“

Natürlich kann man Johann Wolfgang Goethe in diesem Zusammenhang nicht auslassen. Die Germanistin Katharina Mommsen, Autorin des maßgeblichen Buches über Goethes Verhältnis zum Islam, schreibt von ihm, „dass er eine ganz besondere innere Anteilnahme für die Religion der Muslime entwickelt hat und daß der Koran nach der Bibel die religiöse Urkunde gewesen ist, mit der er am vertrautesten war“. [8] Insbesondere während seiner Arbeit am West-Östlichen Divan beschäftigte er sich intensiv mit dem Islam und fand darin Werte und Tugenden, die ihn sehr ansprachen, vor allem Wohltätigkeit, Ergebung in Gottes Willen und Vertrauen in Vorsehung. Zu einem Gesprächspartner sagte er einmal: „Im Grunde liegt von diesem Glauben doch etwas in uns allen“. Aus dem West-Östlichen Divan stammt der Vers: “Wenn Islam Gott ergeben heißt,
Im Islam leben und sterben wir alle.” Goethe erkannte auch den tiefen Zusammenhang zwischen der islamischen und europäischen Kultur und fasste diese Einsicht in die Verse: „Wer sich selbst und andere kennt, wird auch hier erkennen, Orient und Okzident sind nicht mehr zu trennen.“

Obwohl Gotthold Ephraim Lessing Goethe zeitlich voraus ging, will ich dennoch mit ihm schließen, zum einen weil darin mein spezielles Interesse liegt (>> Lessing, der Islam und die Toleranz), zum anderen, weil die Beschäftigung mit seinem Werk, insbesondere „Nathan dem Weisen“ zeigt, dass aufklärerisches Denken und Islam kein Widerspruch sind. Das gilt insbesondere für die Forderung nach Toleranz. „Nathan der Weise“ ist sicherlich den meisten bekannt, weshalb ich nur auf eine zentrale Stelle eingehen will, die bekannte Ringparabel: Saladin stellt dem weisen Jude Nathan die Fangfrage, welche Religion die beste sei. Nathan antwortet mit einer Geschichte: Ein Mann besaß einen Ring, der die besondere Kraft hatte, „seinen Träger vor Gott und den Menschen angenehm zu machen.“ Dieser Ring wurde seit Generationen immer an den Sohn weitergegeben, den der Vater am liebsten hatte. Dieser Mann hat nun aber drei Söhne, die er alle gleich liebt – und damit ein Problem. Er lässt schliesslich zwei Imitationen anfertigen und gibt jedem seiner Söhne einen Ring. Nach dem Tod des Vaters bricht natürlich ein Streit aus, welcher Ring/welche Religion die echte ist. Dieser Streit bringt die drei Brüder vor einen Richter. Der gibt er den drei Brüdern folgenden Rat:

Es strebe jeder um die Wette,
Die Kraft des Steins in seinem Ring’ an Tag
Zu legen! komme dieser Kraft mit Sanftmut,
Mit herzlicher Verträglichkeit, mit Wohltun,
Mit innigster Ergebenheit in Gott,
Zu Hülf! Und wenn sich dann der Steine Kraft
Bei euern Kindes- Kindeskindern äußern:
So lad’ ich über tausend tausend Jahre,
Sie wiederum vor diesen Stuhl. Da wird
Ein weisrer Mann auf diesem Stuhle sitzen,
Als ich; und sprechen.

Dieser Rat des Richters enthält gleich zwei Anspielungen auf den Koran. Das wurde lange nicht gesehen, denn die Lessing-Forschung ist ein weiteres Beispiel für den beschriebenen Verdrängungsmechanismus. Natürlich konnte man nicht übersehen, dass Lessing mit Saladin einen toleranten muslimischen Herrscher auf die Bühne gestellt hat, aber was lange nicht erkannt wurde, ist, dass mit der Kernaussage, die in der Ringparabel liegt, Lessing islamische Anregungen aufgenommen hat.

Es gibt eine zentrale Formulierung im Drama, die nicht nur im Rat des Richters auftaucht, sondern auch noch an anderer Stelle. Dies ist die Formulierung „Ergebenheit in Gott“. Man hat für diese Formel jüdische, christliche und andere Bezüge gefunden, aber es hat exakt 217 Jahre gebraucht, bis man entdeckt hat, dass „Ergebenheit in Gott“ nichts anderes ist, als die wörtliche Übersetzung des arabischen Wortes islâm. Erst 1996 hat Friedrich Niewöhner in einem Zeitungsartikel in der FAZ darauf aufmerksam gemacht. Auch für die Empfehlung, dass man anstatt über die Wahrheit zu streiten lieber gut handeln sollte, sowie für den Aspekt des Wettbewerbs im guten Handeln gibt es eine Parallele im Koran. Das ist der Vers 48 aus Sura Al-Maida (5):

Für jeden von euch haben Wir Richtlinien und eine Lebensweise bestimmt. Und wenn Gott gewollt hätte, hätte Er euch zu einer einzigen Gemeinde gemacht. Er wollte euch aber in alledem, was Er euch gegeben hat, auf die Probe stellen. Darum wetteifert um die gottgefällig guten Taten. Zu Gott werdet ihr allesamt zurückkehren; und dann wird Er euch das kundtun, worüber ihr uneins waret.

Diese drei Persönlichkeiten sind Beispiele dafür, dass man nicht darauf angewiesen ist, sich von anderren abzugrenzen, um seine Identität zu finden, und nicht andere abwerten muss, um sich selbst aufzuwerten. Diese Haltung können sich Nichtmuslime wie Muslime zum Vorbild nehmen, denn die Konstruierung eines negativen Gegenbildes ist kein spezifisch europäisches, sondern ein menschliches Problem.

Noch eine Bemerkung zum Schluss: Der Hinweis darauf, dass Europa auch islamische Wurzeln hat, ist nicht so zu verstehen, dass dies der Grund sein sollte, aus dem die Muslime als gleichberechtigte Europäer anerkannt werden sollten. Die Muslime sollten in Europa anerkannt werden, weil sie in Europa leben, und nicht, weil sie in der Vergangenheit irgend etwas geleistet haben. Leistungen in der Vergangenheit zu einem Kriterium für Anerkennung zu machen, würde wieder zu einem Ausschluss führen – von Angehörigen anderer Religionen und Kulturen, bei denen kein so direkter Bezug zur europäischen Geschichte herzustellen ist.

Die Kenntnis dieser Tradition kann aber uns Muslimen helfen, uns nicht einreden zu lassen, dass der Islam in Europa etwas Fremdes sei. Sie sollte nicht Anlass sein, einen Stolz auf eine glorreiche Vergangenheit zu entwickeln, um Minderwertigkeitsgefühle zu kompensieren, die aus der Gegenwart entstehen. Das Wissen um diese Tradition sollte vielmehr zu der Einsicht führen, dass Kulturen immer plurale Ursprünge haben – was auch für die islamische Kultur gilt, die so vielfältige Einflüsse aufgenommen hat.E

Quelle: http://www.al-sakina.de/inhalt/artikel/Islam_Europa/islam_europa.html