Bericht eines Imams über seine tägliche Arbeit

Bericht eines Imams über seine tägliche Arbeit

Bildung von Muslimen in Deutschland –

Prozesse der Sozialisation in Familie, Gemeinde und Schule

Expertentagung: 27.-28. November 2008 / Evangelische Akademie Tutzing

Von Imam Benjamin Idriz

Sehr verehrte Damen und Herren,

Verehrtes Publikum,

erlauben Sie mir meine Ausführungen mit einer Wegweisung aus den Hadithen – der zweitwichtigsten Quelle für die islamische Tradition – zu beginnen. Hier wird folgende Begebenheit überliefert:

Als der Prophet Muhammed, einen seiner langjährigen Schüler und Gefährten Muaz Ibn Jabal von Medina aus in den Jemen schickte, fragte er ihn: „Wie wirst du urteilen in Sachen der Religion?“ Er antwortete: „Ich werde nach dem entscheiden, was im Buche Gottes steht.“ Der Prophet fragte ihn weiter: „Wenn es aber nicht im Buche Gottes steht?“ Muaz antwortete: „Dann nach dem Wege des Gesandten. Der Prophet fragte ihn: „Wenn es aber nicht im Wege des Gesandten Gottes steht?“ Er antwortete: „Dann bilde ich mir mein eigenes Urteil, den dort herrschenden Umständen entsprechend, versuche ich Lösungen zu finden.“ Daraufhin legte der Prophet seine Hand auf die Brust von Muaz und sagte: „Gepriesen sei Allah, der dem Boten des Gesandten Allahs, Erfolg beschieden hat.“ (Sunen, Ebu Davud, Hadith Nr. 3592)

Diese Handlung ist für Funktionsträger des Islams sehr bedeutsam, sie ist Richtschnur und Handreichung. Sie lässt für die gegenwärtigen Vertreter des Islams und für die tagtäglichen Botschafter der Moscheen, wie es Imame sind, eine offene und eindeutige Botschaft erkennen: Im Reiseproviant sind die Hauptquellen des Islams, Koran und Hadith eingepackt, mit der Vorgabe, diese mit Vernunft und Logik zu ergänzen. Das unmittelbare Umfeld und die Lebensrealität seien uns vors Auge geführt, damit wir dementsprechend neue Formulierungen bieten können, an den Ort und die Zeit gekoppelt.

Als ich 1987 meine theologische Ausbildung in Damaskus begann, war es üblich schon in der Vorbereitungsstufe eine Vielzahl von Hadithen auswendig zu lernen. Auch dieses Hadith war in meinem Gedächtnis fest verankert, noch bevor ich mich näher mit seinem Inhalt beschäftigt  hatte. Das änderte sich als ich 1995 nach Deutschland kam. Der Dialog zwischen dem Propheten und seinem Gefährten, die Botschaft die dieses Gespräch verkündet, beschäftigen mich nun seit über einem Jahrzehnt – jeden Tag aufs Neue.

Der Plan der ersten Generation (von Muslimen), die ab ca. 1960 anreisten, ein paar Jahre im Land zu arbeiten, also einmal Deutschland hin und zurück, ging nicht auf. Mit derselben Einstellung kamen und kommen heute auch Imame  nach Deutschland. Das merkwürdige dabei: Die einstigen Gastarbeiter denken nicht mehr an eine Rückkehr, die Imame schon. Weil es für sie keine andere Alternative gibt. Und weil das so ist, haben diese Imame immense Schwierigkeiten, sich mit Geist, Körper und Verstand in diesem Lande zu verorten.

Neben dem obligatorischen Wirken der Imame in den Moscheen, ist ihr Tätigkeitsfeld vor allem davon abhängig, wie die jeweiligen muslimischen Gemeinden organisiert sind. Das lässt sich daran messen, ob die Gebetsräume im Keller, in schwer erreichbaren Hinterhöfen, in “Ghetto”-artigen Vierteln, oder aber in einem repräsentativen Bau zum Ausdruck kommen. Ob eine Nation oder eine multiethnische Herkunft der Muslime dominant ist, ob eine Sprache oder eine Vielfalt von Sprachen, vor allem die Landessprache, gepflegt werden, ob es eine strikte Geschlechtertrennung gibt oder beide Geschlechter ihren Platz finden, oder ob der Moscheebetrieb einer Dachorganisation angebunden ist oder einen unabhängigen Status besitzt. All diese und sicherlich noch weitere Faktoren beeinflussen die Ausübung der Dienste eines Imames, in Verantwortung und Position, nicht nur was den religiösen Bereich anbelangt.

Innerhalb der muslimischen Gemeinschaft und damit vor allem in den Moscheen übernimmt der Imam eine Schlüsselrolle. Er ist nicht nur religiöser Führer. Auf den Gebieten der Religion, des Sozialen, der Kultur, der Wissenschaft, der Verwaltung und weiteren Feldern übernimmt er die Aufgaben einer multifunktionellen Figur.

Je nach dem ist er Ansprechpartner in sozialen Fragen, Gelehrter für religiöse Anliegen, Begleiter der feierlichen Zeremonien, Koordinator für gedeihliche Zusammenkünfte, Mediator in Schlichtungssituationen, Eheberater für Jung und Alt und der Zeremoniar bei der religiösen Eheschließung, derjenige der den Neugeborenen in das rechte Ohr den Azan – also den Gebetsruf – flüstert, Tröster für Menschen in schwierigen Lebenslagen, Sterbebegleiter von der rituellen Waschung bis zum Grab, aktives Mitglied im Vorstand der Moscheegemeinden… diese Auflistung könnte noch weiter ausgedehnt werden.

Sehr verehrte Damen und Herren,

Meine Wirkungsstätte ist seit 1995 die Islamische Gemeinde in Penzberg. Sie hat seit ihrer Gründung im Jahr 1993 eine heterogene Moscheestruktur. Unter dem Dach der Islamischen Gemeinde Penzberg vereinen sich Muslime aus mittlerweile 11 Herkunftsnationen. Sie steht, vielleicht sogar einzigartig in dieser Form, für eine Vielfalt der Ethnien, der Sprachen, der Kulturen und Traditionen, der Mentalitäten, der Geschlechter und der Meinungen und Gedanken. Diese Vielfalt, und damit die Unterschiede, in Harmonie auszubalancieren, ist nicht immer einfach. Doch vergessen wir nicht, dass das in dieser Gemeinde seit 15 Jahren in dieser Form praktiziert wird und damit der heutige Erfolg zusammenhängt. Die Mitglieder der Penzberger Moschee, darüber hinaus Muslime die diese Einrichtung regelmäßig besuchen und die multikulturelle Zusammensetzung des Vorstandes, tragen tragen zu dieser Rarität in der weiten und breiten Umgebung bei. Hier haben Menschen mit demselben Glauben eine Plattform gefunden, Menschen die aus einem konservativen, geschlossenen Lager kommen, genauso wie Menschen, die einer offenen, liberalen Haltung angehören, Menschen die zwischen den Stühlen sitzen, bereicherten unsere Debatte zunächst einmal innerhalb unserer eigenen Reihen. Die genannten Konstellationen haben letztendlich dazu beigetragen, das gegenseitige Tolerieren und Respektieren einerseits zu lehren und andererseits zu lernen und vor allem uns in punkto Gemeinsamkeit, genauer „im gemeinsamen Guten“, zu stärken. Wenn heute die Penzberger Moscheegemeinde als Beispiel gelungener Integration dasteht, dann hat sie dies vor allem dem jahrelangen inneren Prozesses der Annäherung der Kulturen, Traditionen und Bräuche ihrer Menschen zu verdanken.

Nahezu in jeder Form von Moschee spielen – ähnlich wie in Kirchengemeinden – vier Gruppen von Menschen eine besondere Rolle: Senioren, Frauen, Jugendliche und Kinder. So auch in Penzberg.

Eine kurze Erläuterung zu der Gruppe der Senioren: Diese Gruppe steht für die erste Generation von Muslimen in unserem Land und fungiert als wichtiger Baustein in den Moscheebetrieben. Einst haben sie zum Aufschwung dieses Landes viel beigetragen, nun fühlt sich diese Schicht alleine gelassen und vergessen. Für ihr Rentenalter, für Freizeit und soziale Aktivitäten, haben weder der Staat noch muslimische Organisationen vorgesorgt. Auch wenn in Penzberg junge Erwachsenen und erwerbstätige Männern und Frauen dominieren, gehören Frührentner, Rentner und erwerbslose Mitglieder ebenfalls zum Gemeindebild. Die freie Zeit in der Moschee zu verbringen ist der Vorzug meist Aller. Und meine Pflicht ist es, so weit es mir meine Zeit zulässt, mich mit ihnen zu unterhalten, gemeinsam eine Tasse Tee oder Kaffee zu trinken und dabei mit ihnen manchmal auch Fernsehsendungen zu verfolgen oder auch einfach den Parkplatz vor der Moschee vom Herbstlaub zu säubern. Falls außerhalb der Gemeinde eine Veranstaltung stattfindet, die ihren Interessen und Anliegen entspricht, mache ich sie darauf aufmerksam und wenn irgendwie möglich, begleite ich sie auch gerne dorthin. Im Hinblick darauf, dass es für diese Generation alleine schon wegen der sprachlichen Hürde nicht viel Alternativprogramme gibt, sind nicht nur Imame, sondern in erster Linie die betroffenen Familien zuweilen überfordert.

Zu der Gruppe der Frauen: Dass die muslimische Frau in islamischen Gesellschaften nur wenig bis gar nicht zur Geltung gekommen ist, ist offenkundig. Frühe patriarchalische Systeme verbannten die Frau aus der Gesellschafts. Die Folgen der Jahrhunderte andauernden Isolation, Ausgrenzung und Benachteiligung sind besonders heute in einer rasant wachsenden Welt in Form von sozialen Brennpunkten und des schlechten Images des islamischen Frauenbildes deutlich sichtbar. Meine Diplomarbeit widmete ich zum Ende meines Studiums in Damaskus dem Thema „Die Emanzipation der Frau im Islam“. Das war noch bevor ich erstmals nach Deutschland kam. In den ersten Jahren meines Aufenthaltes in Deutschland stellte sich ziemlich schnell heraus, dass die Situation der muslimischen Frau hier sich nicht sonderlich absetzte von der muslimischen Frau in der islamisch geprägten Welt. Das bedeutete für mich, meine Thesen, dargestellt in der 1994 niedergeschriebenen Diplomarbeit, nicht in der Theorie zu belassen, sondern sie in die Praxis umzusetzen. Es galt wie vielen Orts auch in Penzberg das Tabuthema unter dem Teppich hervorzukehren. Meine Ansprachen und Predigten behandelten das Thema anfänglich auf indirektem Weg, mit der Zeit in deutlichen und klaren Worten . Die Rolle der Frau, ihre Gleichberechtigung, ihre Rechte und Pflichten, ihre Rolle in der Gesellschaft waren nunmehr Themen, die offen zur Diskussion standen. Das reizte manche männliche Gemüter. Trotz harter Kritik und Verwarnungen habe ich nicht an Mut verloren, ebenfalls Kritik zu üben an dieser Fehlentwicklung. Ich ging sogar soweit, nur die Frauen der Gemeinde zu einem Vortrag einzuladen, mit dem Hintergedanken sie zu vernetzen und für sie ein Angebot zum gegenseitigen Austausch zu schaffen. Dies war nur möglich, indem mir die Frauen hinter einem Vorhang, der in unserer Vorgängerräumlichkeit als stolze Einrichtung präsentiert wurde, zuhören konnten. Das hieß also, weder sahen die Frauen mich, noch sah ich die Frauen. Nur unsere Stimmen kommunizierten, aber auch nur dann, wenn sich eine Frau überhaupt traute hinter dem Vorhang eine Frage zu stellen. Oder die Fragen kamen per Zettel mit Hilfe der mitgebrachten Kinder. Nach ein paar ähnlich ablaufenden Vorträgen, bat ich die Frauen, entweder die kommenden Sitzungen ohne Vorhang zu gestalten oder gar nicht mehr stattfinden zu lassen. An die erste Ansprache mit Frauen ohne Vorhang kann mich noch sehr gut erinnern, es hatten sich ein paar wenige getraut zu kommen, an die zweite erinnere ich mich sehr gerne zurück. Nahezu jede Frau in Penzberg war gekommen, wir gründeten einen Frauenbund, der bis heute aktiv das Gemeindeleben unterstützt.

Dies führe ich vor allem an, um die heutige Situation in Penzberg vergleichen zu können. Heute nehmen Frauen und Männer dieselben Eingänge zu ihren Gebetsräumen, es herrscht reger Kontakt zwischen Mann und Frau, es wird sich unterhalten und nach dem Rechten gefragt, gemeinsam nimmt man an Veranstaltungen teil, Aktivitäten werden zusammen geplant und auch so durchgeführt. Heute sind Frauen in Verantwortungs- und Führungspositionen. Von den vier Angestellten übernehmen drei Frauen die maßgebliche Gemeindearbeit. Die Stellvertreterin des Direktors ist eine Frau. Keiner tadelt diese Situation, keinem in der Gemeinde würde sich heute die Frage stellen: „Warum eine Frau?“. Das heißt aber noch lange nicht, dass wir dieses Kapitel abgeschlossen haben, nach wie vor wird das Thema angeschnitten, so dass jetzt meine Männergemeinde von mir schon zu Freitagspredigten das Thema wünscht, wie es denn mit Rechten für Männer im Islam aussieht und welche sie überhaupt haben!

Mit den Tabuthemen wird versucht, sanft und umgänglich zu begegnen. Gewalt in Familie und Ehe, Unterdrückung und Zwangsheiraten werden öffentlich wirksam verurteilt. Ganz ohne Zweifel gibt es noch viel zu tun, wir haben den Anfang geschafft und viele Tore aufbrechen können, und damit sind wir unserem Ziel auch viel näher gekommen.

Zum Punkt Jugend: Der Focus meiner Arbeit richtet sich vor allem auf junge Menschen. Denn je mehr wir die kommenden Generationen der Muslime in diesem Land auffangen, sie in der Akzeptanz ihrer neuen Heimat bestätigen, sie aus der Rolle des Gastes heraus befreien und zum Gastgeber befördern, desto mehr Chancen werden sich entwickeln für eine konstruktive und selbstbewusste muslimische Jugend. Die spürbar wachsende Gewaltbereitschaft, Diskriminierung, Rassismus, Intoleranz und gegenseitig zugewiesene Vorurteile sind beunruhigende Züge unserer heutigen Jugend. Als religiöser Funktionsträger sehe ich mich ebenfalls als einen verantwortlichen Wegweiser in der Jugendarbeit. Die Ausgangsfreiheit und das breit gefächerte Angebot von Aktivitäten für muslimische Jungen, ist nicht selbstverständlich für muslimische Mädchen. Deshalb sollten gerade die Moscheegemeinden ein Forum für das Kennenlernen und gemeinsames gestalterisches Arbeiten bieten. Um das Potenzial der Jugend in die Gesellschaft einfließen zu lassen, benötigt unsere Jugend das Gefühl der Zusammengehörigkeit, ein uneingeschränktes Vertrauen und ein gestärktes Selbstbewusstsein der jeweiligen Geschlechter. Diese Elemente sind heute bereits feste Bausteine der muslimischen Jugend in Penzberg. Noch vor einem Jahrzehnt war undenkbar, dass sich Jungen und Mädchen in einem gemeinsamen Raum versammeln, auch wenn dieser Raum eine Moschee ist – “dann erst recht nicht”, hätten die Eltern gesagt. Und auch heute noch, wenn von der Jugendarbeit in Islamischen Gemeinden gesprochen wird, können wir größtenteils davon ausgehen, dass diese Angebote dem männlichen Geschlecht vorbehalten sind.

Nach einer langen Phase von Überredungsgesprächen ist es uns in Penzberg vor einigen Jahren gelungen einen Jugendbund zu etablieren, der sich aus beiden Geschlechtern zusammensetzt. Nach dem Motto: Nicht das Geschlecht, das Wissen zählt, haben die Jugendlichen aus ihren Reihen ein junges Mädchen zu ihrer Vorsitzenden gewählt. Diese Jugend kommt einmal wöchentlich sonntags zusammen, tauscht sich aus und spricht über Gott und die Welt. Lädt, wie es in diesem Frühjahr der Fall war, nichtmuslimische Jugendliche in die Moschee um mit ihnen über ihren und deren Glauben zu sprechen. Über drei Tage hinweg arbeiteten Sie in Gruppen zu verschiedenen Themenstellungen, wie Eheverständnis in den jeweiligen Religionen oder Umweltschutz und Nachhaltigkeit oder Auftrag der Religionen zum Bildungserwerb. 60 Junge Menschen unterschiedlichen Glaubens, unterschiedlicher Herkunft, teilten sich den Gebetssaal als Schlafraum. Viele Interessante und fruchtbare Gespräche fanden teilweise bis in den frühen Morgen statt.

Und nun von der Jugend einen Schritt weiter zu den Kindern: Ausgenommen von einigen wenigen Pilotprojekten zum deutschsprachigen islamischen Religionsunterricht haben wir in Deutschland noch keinen flächendeckenden Unterricht in Islamkunde für Schüler muslimischen Glaubens. So werden die etwa derzeit 70 muslimischen Kinder unserer Gemeinde in Deutsch, Türkisch und Bosnisch in einem Wochenendbetrieb in unseren Räumlichkeiten unterrichtet. Da wir über einen freien Lehrplan verfügen, haben wir auch die Freiheit auf die direkte Sozialisation unserer Schüler in Penzberg und Umgebung einzugehen. Das bedeutet für die Lehrenden, einen realen Bezug zum Umfeld der Schüler herzustellen und vor allem den Unterricht auch pädagogisch wertvoll zu gestalten. Das Erlernen der Koranischen Schrift und spätere Auswendiglernen der nichtverstandenen Verse aus dem Koran, ist nicht vorrangiges Ziel unseres Unterrichtes, gleichwohl es zum Stundenplan gehört. Unsere Kinder sollen den Inhalt verstehen, sich mit den Versen auseinandersetzen, Fragen stellen lernen und vor allem auch kritisches Hinterfragen als erlaubt und gewünscht erleben. Zu den Unterrichtseinheiten gehört mehr als einfache Religionsvermittlung, denn jede Art von Bildung ist zugleich Dienst im Sinne der Religion. Und um dieses Verständnis zu vermitteln, enthält der Lehrplan genauso moralische Wertevorstellungen, Verhaltensregeln in der Gesellschaft, Landeskunde, Religionen der Welt und so weiter. Heute habe ich ihnen das bayerische Landeswappen mitgebracht, das einem Schüler im Unterricht wichtig war, als wir unser Land Bayern zum Thema hatten.

Die Klasseneinheiten werden sowohl von Jungen als auch von Mädchen besetzt. Mit diesen Jungen und Mädchen verbringen wir unterrichtsfreie Zeit bei Fahrten in ein Museum oder in einen Erlebnispark, besuchen gemeinsam Veranstaltungen in Penzberg oder helfen dem ein oder anderen bei der Suche nach einem sinnvollen Freizeitvergnügen, sei es in Sport, Musik oder Fremdsprachen.

Der schulische Erfolg unserer Kinder besitzt Vorrang. So haben wir in unserem Arbeitsteam eine Sozialpädagogin, die sich zu den Schwierigkeiten und Notlagen in schulischen Situationen einbringt, in regem Austausch mit Lehrern und Eltern steht und vor allem die Mütter mobilisiert, erst einmal Deutsch zu lernen, um später an den Elternabenden und Schulveranstaltungen persönlich teilzunehmen. Nicht selten wird das Thema Schule und Bildung ein Thema der Freitagspredigt.

Nun – meine sehr verehrten Damen und Herren,

es ist für viele von uns vielleicht immer noch nicht ganz klar, welche Aufgaben ein Imam in den Moscheen übernehmen kann. Sie werden verstehen, dass ich von meinem eigenen Umfeld ausgehe und werde Sie jetzt auf eine virtuelle Dienstreise eines Imams mitnehmen.

Die Leitung der 5-maligen Gebete in der Moschee bildet den Kernpunkt meiner Arbeit. Damit gibt es einen fest strukturierten Tagesablauf, nach dem sich alles drum herum dreht. 5-mal am Tag anwesend zu sein bedeutet vor und nach den Gebeten Menschen zu begegnen, Gespräche zu führen, Fragen zu beantworten.

Viele Fragen haben die gläubigen Frauen und Männer vor allem freitags. Während ich an anderen Wochentagen mit wenigen Gläubigen die Gebete in der Gemeinschaft verrichte, ist der Freitag der Höhepunkt, der Versammlungstag, wie wir Muslime ihn nennen. Zur Mittagszeit versammeln sich etwa 200 Männer und Frauen im Gebetssaal, um vor allem meiner Freitagspredigt zuzuhören. Ich halte meine Predigt den Gemeindesprachen entsprechend an manchen Tagen in bis zu fünf Sprachen. Nämlich Türkisch, Bosnisch, Albanisch, Arabisch und seit Anfang 2007 einmal im Monat ausschließlich in deutscher Sprache. In der Themenauswahl bin ich frei, bevorzuge aber auch aktuelle Geschehnisse und Anlässe, wie z.B. den Besuch der muslimischen Gelehrtendelegation beim Papst in Rom, die Sicherheitskonferenz in München, den Mord an der Türkin Hatun Sürücü, die Pisa-Studie, den Karikaturenstreit, die Klimakonferenz, den Islamgipfel, die Integration, über Nächstenliebe, Nachbarschaftshilfe, über das Gebet, das Fasten, die Almosenabgabe, die Pilgerfahrt, über die Güte und Barmherzigkeit Gottes.

Die Begleitung der 5 Säulen des Islams, zu der das Glaubensbekenntnis, das 5-malige Gebet am Tag, das Fasten im Monat Ramadan, die Almosenabgabe und die Pilgerfahrt nach Mekka gehören, zählen ebenso zu den Tätigkeitsfeldern.

Die zweite Säule, das Gebet hatte ich schon erwähnt. Zum Fastenmonat Ramadan: Dieser Monat ist der ehrwürdigste im islamischen Mondjahr. In diesem Monat füllen und überfüllen sich die Moscheen mit gläubigen Menschen, für mich bedeutet es den Geist dieser 30 Tage zu würdigen; für eine verbundene Gemeinschaft zu sorgen, aus dem Koran mindestens eine Stunde lang zu rezitieren, jeden Abend kurze Referate zu halten und gesonderte Gebete zu leiten, die nur dem Ramadan vorbehalten sind. Zum Ende des Ramadans ergibt sich für die Gläubigen eine günstige Zeit, die Almosenabgabe zu entrichten, diese wird unter meiner Obhut in der Gemeinde gesammelt. Dieses Jahr haben wir mit dem Geld einen Brunnen in Nordafrika gespendet.

Die letzte Säule des Islams ist die Pilgerreise nach Mekka. Diese durfte ich bislang siebenmal als Reisebegleiter organisieren und vor Ort durchführen.

Unserem Stundenplan für das Islamische Forum ist für Freitagabend zu entnehmen: Bosnische Zusammenkunft und für Samstagabend: Türkische Zusammenkunft. Diese beiden Abende sind wegen der Sprache nicht für alle zugänglich. Männer und Frauen treffen sich in lockerer Runde, nach einem Impulsreferat von mir, wird eine Diskussionsrunde gewünscht, Meinungen werden ausgetauscht und neue Einsichten gewonnen. Wenn sich irgendwie eine Möglichkeit ergibt, versuche ich zu diesen Gesprächen auch Referenten außerhalb unserer Gemeinde ausfindig zu machen und einzuladen. So war z.B. erst vor kurzem Dr. Enes Karic aus Sarajewo bei uns, der derzeit eine Gastprofessur an der LMU für Islamische und Jüdische Studien innehat, zu einem bosnischsprachigen Vortrag mit dem Thema „Hermeneutik des Korans in Deutschland“, zu dem 150 Interessierte kamen.

Vergangenen Sonntag versammelten sich ca. 60 geladene Gäste, um zunächst im Moscheetrakt Zeuge der religiösen Zeremonie der Eheschließung eines österreichisch-indonesischen Brautpaares zu sein. Diese Eheschließung läuft ähnlich wie in Kirchen ab. Meine Aufgabe ist es mich zu vergewissern, ob die Ehe von beiden Ehepartnern aus freiem Willen eingegangen wird und ob die Ehe bereits standesamtlich geschlossen wurde. Für diesen Akt führe ich stets ein Vorgespräch mit dem Mann und der Frau.

In letzter Zeit häufen sich die Anfragen sowohl von muslimischer als auch von nichtmuslimischer Seite zu Sterbebegleitung, Tod und Begräbnisritualen. Soweit es geht versuche ich einen im Sterben liegenden Menschen zu begleiten. Meistens werde ich angerufen, wenn der Tod schon eingetreten ist und die Familie wünscht, dass ein Imam Gebete für den Verstorbenen formuliert und aus dem Koran vorträgt. Da noch die überwiegende Zahl von Muslimen ihre letzte Ruhestätte in ihren Herkunftsländern testamentarisch verfügt, werden die Verstorbenen in diese Länder überführt. Das übernehmen in den meisten Fällen islamische Bestattungsinstitute in Deutschland, die den Toten und die Familie bis zur Beerdigung vor Ort begleiten. Das mag damit zusammenhängen, dass uns in Deutschland, ausgenommen in Großstädten, keine zugewiesenen muslimischen Friedhofsplätze zur Verfügung stehen. Dafür haben wir uns in Penzberg eingesetzt und erste Anfragen für eine muslimische Beisetzung direkt am städtischen Friedhof gibt es auch schon. Für die vorgeschriebene rituelle Waschung ist ebenfalls ein angemessener Raum in Planung.

Nichtmuslimische Verantwortliche in Hospizen, Altenheimen, in Krisenstäben oder Militäreinheiten holen sich Informationen für den Fall, dass sie muslimische Patienten haben, die im Sterben liegen, wie und in welcher Form man z.B. eine Todesnachricht überbringt, was beachtet werden muss, wenn todkranke Menschen gepflegt werden oder wenn Muslime keine Angehörige haben, an wen man sich hier wenden kann. Diesen Fragen werden wir uns in der Zukunft immer mehr stellen und auch dementsprechende Orientierung bieten müssen.

Mit einer Fülle von Fragestellungen kommen auch tagtäglich Besuchergruppen. Seit der Eröffnung unseres neuen Gebäudes im Jahr 2005, sind es etwa 15000 Menschen nicht muslimischen Glaubens gewesen.

Zwar führe ich nicht selbst durch die Räumlichkeiten, werde aber gebeten im Anschluss an die Führung ein paar Fragen zu beantworten.

Der Dialog ist meiner Gemeinde und mir persönlich ein Herzensanliegen, denn erst im Dialog wird uns die Vielfalt der Schöpfung Gottes, die er uns Vielfalt bereitet hat, entfaltet. Heute sprechen wir in Penzberg nicht mehr darüber, ob wir einen Dialog benötigen, wie dieser aussehen sollte oder auf welcher Ebene er sich abspielen sollte. Dialog das heißt bei uns in Penzberg: Freundschaft. Bürgerinnen und Bürger von Penzberg, die als selbstverständliches Glied der Gesellschaft wahrgenommen werden. So steht heute der Imam von Penzberg ganz selbstverständlich neben seinem katholischen und evangelischen Kollegen, wenn ein Kindergarten, eine Arztpraxis oder ein Autohaus eingeweiht werden. Den erweiterten Ökumenischen Kreisen, die sich in regelmäßigen Abständen entweder im christlichen Gemeindezentrum oder in der Moschee treffen, entspringen auch mal Ideen, wie z.B. letztes Jahr mein Vorschlag, eine gemeinsame Studienreise nach Bosnien und Herzegowina zu unternehmen. Mit einer vollen Busbesatzung waren wir Penzberger gemeinsam, samt Bürgermeister, eine ganze Woche lang unterwegs im „Europäischen Jerusalem“, wie Sarajewo auch genannt wird.

Dass meine beiden christlichen Kollegen jederzeit offen auf mich zu kommen können, genau wie ich offen auf sie zugehe, bereichert und befruchtet unseren Dialog und unsere Freundschaft.

Benjamin Idriz: Imam der Islamischen Gemeinde Penzberg