Islamische Theologie in Detuschland

Auf Einladung des Wissenschaftsrates (WR) und seinem Vorsitzenden Professor Dr. Peter Stohschneider, nimmt Imam Idriz (auch Vorsitzender des ZIE-M Projekts) an der Konferenz des WR über “Vielfalt der Religionen-Theologie im Plural” am 16./17.06. in Berlin teil.

Das Referat von Imam Idriz ist der Theologischen Ausbildung an nichtstaatlichen Hochschulen bzw. die Islamische Theologie in Deutschland; Voraussetzungen und Chancen gewidmet und schließt eine Diskussion mit Prof. Eva-Maria Faber von der Theologischen Hochschule Chur in der Schweiz und mit Prof. Stefan Schreiner von der Eberhard Karls Universität Tübingen an. Das Panel wird von Prof. Friedrich Wilhelm Graf von der LMU geführt.

Kongress des WissenschaftsratesKongress des Wissenschaftsrates in Kooperation mit dem Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft e.V. und der Stiftung Mercator GmbH

Vielfalt der Religionen – Theologie im Plural
Berlin, 16./17. Juni 2010

SLAMISCHE THEOLOGIE IN DEUTSCHLAND
Theologische Ausbildung an nichtstaatlichen Hochschulen
VORAUSSETZUNGEN UND CHANCEN

Von Imam Benjamin Idriz
Imam der islamischen Gemeinde Penzberg
Vorsitzender des Zentrums für Islam in Europa – München ZIE-M

Der Vorstoß des Wissenschaftsrates vom Januar dieses Jahres hat nicht nur die Aufmerksamkeit der deutschen Öffentlichkeit auf sich zu lenken vermocht, sondern auch die der islamischen Welt. Eine Meldung über die Entdeckung von Erdölreserven in Deutschland hätte vielleicht kein so großes Echo dort ausgelöst. Der Erfolg solcher akademischer  Zentren wird jedoch maßgeblich von einem Geist der Erneuerung abhängen, welcher von muslimischen Wissenschaftlern und Institutionen ausgehen muss.

Um nun zum eigentlichen Thema dieses Panels heranzuführen, erscheint es mir unerlässlich, grundsätzliche Voraussetzungen für einen solchen „Geist der Erneuerung“ zu klären. Die Wurzeln der islamischen Theologie

Der Prozess der Offenbarung des Korans, der auch die erste Entwicklungsphase der islamischen Theologie ist, berücksichtigte stark die sozialen Bedingungen, die in der arabischen Gesellschaft vorherrschten. Das heißt, die Offenbarung fiel nicht nur vom Himmel herab, sondern sie wuchs auch vom Boden hoch. Gott sprach zu den Arabern nicht nur in ihrer Sprache, sondern Gott bediente sich auch ihrer Kultur und Denkweise. Der erkenntnistheoretische Inhalt des Gotteswortes war ebenso göttlich wie menschlich. Neben dem Koran galt es auch das Wort des Propheten, die Sunna, zu achten. Diese Worte waren, soweit sie zur Verkündigung der Religion dienten, von universeller Gültigkeit, doch Muhammads Lösungen für die sozialen und politischen Fragen seiner Gesellschaft, also die Scharia, sind historisch bedingt.

Bald trat jedoch diese differenzierte Herangehensweise an die Grundlagen des Glaubens vor ein starres, unveränderliches, absolutes, überhistorisches oder ahistorisches Verständnis des Korans und der Sunna. Die Lehre von der Unveränderlichkeit dieser beiden Glaubensquellen wurde so zu einem Dogma, über das nicht mehr nachgedacht werden konnte: das Heilige und das Weltliche wurden nicht mehr unterscheidbar miteinander verwoben.

Die traditionellen islamischen Wissenschaften traten in einer Umgebung auf, deren Realität eine besondere Prägung aufwies. Dieses historische Umfeld war bestimmend für die Struktur, das Anliegen, die Methoden, die Ergebnisse und den Diskurs jeder einzelnen Glaubensdisziplin. So gesehen kann man nicht behaupten, dass diese Wissenschaften in ihrer althergebrachten Form zementiert und auf ewig unveränderlich seien. Im Gegenteil waren diese Wissenschaften zu der Zeit ihrer Entstehung bemüht, Lösungen zu entwickeln, indem sie die Offenbarung in Abhängigkeit vom kulturellen Charakter der Gegenwart neu formulierten. Heute haben wir andere Bedürfnisse und andere gesellschaftliche Strukturen; daher müssen sich auch der Gegenstand, die Fächer, Begriffe, Diskurse und Methoden dieser Wissenschaften weiterbewegen.
Eine dogmatische Theologie ist im 21. Jahrhundert nicht lebensfähig

Wenn in Europa und hier, in Deutschland eine islamische Theologie auf die Beine gestellt werden will, so muss die klassische Theologie zugunsten einer anthropologischen Theologie zurücktreten. Dies bedeutet den Übergang von einer gottzentrierten Kultur zu einer menschzentrierten. Obwohl der Koran die Offenbarung, also Gottes Wort, ist, handelt er im Grunde vom Menschen. Daher hat eine vom Koran abzuleitende Wissenschaft keine Theologie zu sein, die sich auf Gott konzentriert, sondern eher eine Anthropologie, die den Menschen zum Gegenstand zu machen hat. Im Zentrum dieser Wissenschaft würden dann die Menschenrechte stehen. Es muss darum gehen, eine Verbindung zwischen der Lehre und der aktuellen Wirklichkeit herzustellen, eine auf die Bedingungen unserer Zeit passende Antwort auf die Frage zu finden, was Gott gemeint hat, statt zu wiederholen, was Gott gesagt hat. Es geht darum, den Menschen in den Mittelpunkt zu stellen, da die Offenbarung kein Selbstgespräch war, sondern sich an den Menschen richtete.

Der Koran ist eher eine Quelle des Bewusstseins als des Wissens. Er gehört eher zur Ontologie als zur Epistemologie,  d.h., er ist eher eine Ansprache an den Menschen, der die Erkenntnis zu erlangen hat, als eine Quelle der Erkenntnis selbst.

Daher ist es unabdingbar, sich einer aktuellen Sprache zu bedienen, denn die Sprache gleicht mit ihrer Entwicklung dem Fortschreiten einer Zivilisation: durch die Erneuerung und Entwicklung der Begriffe erneuert sich auch der Gedanke. Nicht nur die Übersetzung und der Kommentar des Korans selbst müssen in einer Sprache neu verfasst werden, die der Mensch unserer Zeit versteht, sondern die gesamte theologische Disziplin muss sich dieser Sprache bedienen. Diese Sprache hat vernunftbetont, menschenzentriert und zeitgemäß zu sein.

Wenn wir eine islamische Theologie in Deutschland etablieren wollen, so müssen wir dies tun, indem wir uns vom Alten nicht völlig abkoppeln, sondern die Theologie mit neuen Methoden neu begründen. Diese neue Grundlage wird m.E. auf einer vierfachenNeubegründung der islamischen Theologie beruhen. Nur diese vier neuen Stützen können uns garantieren, die durch die Geschichte hindurch aufgrund des alten Bezugsrahmens entstandenen Fehler nicht zu wiederholen.

1. Das vertikale Verhältnis zwischen Gott und Mensch durch ein horizontales ersetzen

Als das erste Gebot des Korans, »Lies!« verkündet wurde, gab es noch keinen zu lesenden Text. So war damit eher gemeint: Versuche zu verstehen! – verstehen, was Gott sagen will, das Dasein, die Natur und alles, was die Menschheit betrifft. Das Wesen der im Koran behandelten Themen bildet der Mensch. Da Gott dem Menschen etwas von seiner eigenen Seele eingehaucht hat (Koran, 15/29) ist der Mensch dasjenige Wesen, das Gott am nächsten steht, das am wertvollsten ist. Der vorzüglichste Ort, Gott zu erkennen, ist das Gewissen des Menschen. Also besteht zwischen Gott und Mensch kein vertikales, sondern ein horizontales Verhältnis. Gott darf nicht als ein Wesen angesehen werden, das auf den Menschen von oben, aus höchster Höhe herabsieht, sondern als eines, das neben dem Menschen steht, in ihm und mit ihm zusammen ist. Wir brauchen also eine Theologie, die sich – im Gegensatz zum Streben der Mystiker zu Gott hin und der Atheisten von Gott weg – mit Gott zusammen bewegen muss. In diesem Sinne gilt es nicht, sich mit der Dogma des Korans zu beschäftigen, die ja ein Fingerzeig Gottes ist, sondern es gilt, sich in die gezeigte Richtung zu gehen, also zum Menschen, zum Leben und zur Natur.

Gott offenbart dem Menschen also keine fertigen Antworten, sondern er zeigt ihm Beispiele aus einer bestimmten gesellschaftlichen Wirklichkeit und verlangt von ihm, dass er daraus Schlüsse zieht und dadurch sein Bewusstsein schärft.

Für den Menschen ist Gott keine zu fürchtende Obrigkeit, sondern ein Freund, bei dem der Mensch Zuflucht vor seinen Ängsten sucht; für Gott ist der Mensch ein Partner, mit dem er die Welt aufbaut. Die Dankesschuld für die von Gott erhaltene Gabe der Vernunft und Geschicklichkeit entrichtet der Mensch mit dem Einsatz dieser Gaben beim Aufbau der Welt. Ein Religionsverständnis und ein Glaubensdiskurs können nicht über Epochen hinweg ihre Gültigkeit behalten, wenn sie von einer vernunftlosen und seelenlosen Theologie geformt sind, die mit dem Gang der Dinge nicht Schritt hält, den Menschen nicht in ihr Zentrum setzt, das Verhältnis zwischen Gott und Mensch auf die Furcht reduziert, Gott nicht als aktiv handelnden denkt, sondern seinen Text dogmatisiert und die Lösung jeglicher Fragen in dieses dogmatische Gottesverständnis einsperrt.

Alle Disziplinen der islamischen Wissenschaften müssen auf die Liebe fokussiert sein. Die Liebe muss auch das Verhältnis zwischen Gott und Mensch bestimmen und nicht die Furcht oder der Hass. Das heißt, die Liebe, Toleranz, Respekt und Gerechtigkeit müssen zum tragenden Element werden, in dem der Gelehrte die Verantwortung übernimmt, die Religion zu interpretieren und zu kommentieren.

2. Das vertikale Verhältnis zwischen Text und Vernunft durch ein horizontales ersetzen

Bevor Gott in historischer Reihenfolge die heiligen Texte offenbarte, hatte er bereits den Menschen und seine Vernunft erschaffen. In dieser Hinsicht geht die Vernunft dem Text voraus, denn sie ist schöpfungsgeschichtlich näher beim Menschen. Daher muss auch bei jeder Begründung die Vernunft als Bezugsrahmen den Vorrang haben. Der Mensch kann durch seine Vernunft erkennen, dass Gott existiert, und, was gut und böse, was nützlich und schädlich, was sauber und schmutzig ist. Für diese Erkenntnis braucht er nicht unbedingt einem Propheten zu folgen. Denn diese Erkenntnis steht jedem zu, der in Besitz eines reinen Gewissens und gesunden Verstandes ist.

In der islamischen Geschichte haben texttreue Dogmatiker die Vorherrschaft in der Theologie errungen. Sie verteufelten im Namen der Herrschaft des Textes die Realität und die Vernunft, sodass die islamische Kultur in eine Erstarrung geriet. Doch es ist ohne Vernunft nicht möglich, einen Text zu verstehen, geschweige denn, seinen tieferen Sinn zu ergründen. Daher muss die Vernunft in künftiger Arbeit an Texten den vorrangigen Platz bekommen, wenn es um die Quellen und Argumente geht. An zweiter Stelle kommt gleich die Überlegung, welchen Zweck und Ziel die Texte einmal hatten.

Nach der von Schatibi (1338) entwickelten Theorie der „Ziele der Scharia“ (maqasid-al scharia) ist es das Hauptziel des islamischen Rechts, folgende fünf Grundrechte zu schützen und zu erhalten: Glaube, Leben, Vermögen, Nachkommen und Vernunft. Hier handelt es sich im wesentlichen, modern ausgedrückt, um die Grundrechte und ‑Freiheiten der Menschen. Wir müssen die religiösen Texte im Einklang mit diesen fundamentalen Zielen interpretieren, um sie für unsere Gegenwart fruchtbar zu machen. Daher müssen Bestimmungen zur Zeugen­schaft der Frau, Regelung der Erbschaft und zu bestimmten Strafen (Handabschneiden bei Diebstahl, Bastonade bei Ehebruch usw.) im Sinne dieser Ziele und der Rechtsprechung revidiert werden. Texte, die solche Bestimmungen enthalten, sind nicht buchstabengetreu zu befolgen, sondern sie müssen im Hinblick auf ihre Zielsetzung und im Einklang mit der Natur des Menschen interpretiert werden. Denn dieScharia ist nicht dem menschlichen Gewissen übergeordnet, sondern beide ergänzen sich gegenseitig. Es darf keine religiöse Bestimmung geben, die das Gewissen nicht akzeptieren kann. Nach diesem Grundsatz wird ein Rechtsverständnis, das die o.g. fünf Grundziele der Scharia (Schutz von Glaube, Leben, Vermögen, Nachwuchs und Verstand) in den Mittelpunkt setzt, auch das Leben zu verteidigen wissen gegen Mord und Folter. Es wird außerdem genauso für die Grundrechte und -freiheiten des Menschen einstehen, wie es gegen den Raubbau von Naturressourcen vorgehen wird.

Ein Verständnis vom Glauben, das sich von der Vernunft und Erkenntnis entfernt, wird dagegen Fanatismus erzeugen und in Widerspruch mit den natürlichen Werten des Lebens geraten. Genau das ist heute der Fall, wenn der Islam mit dem Menschen und den Werten unseres Zeitalters in Widerspruch zu stehen scheint: Der Islam wurde maßgeblich entfernt von den Mechanismen der Vernunft, obwohl der Koran mit Nachdruck auf diese Fähigkeit des Menschen setzte, und der Glaube wurde im Namen der Religionslehre auf die Dogmen der Gelehrten festgelegt, die vor vielen Jahrhunderten gelebt haben. Um diesen Zustand zu einer Öffnung hin zu überwinden, müssen im islamischen Recht und in den anderen islamischen Disziplinen die Konstellation von Argument und Referenz reorganisiert und reformiert werden, dass die Vernunft (aql) und gleich daneben die Ziele (maqasid) denranghöchsten Platz erhalten, und der Text (Koran und Sunna) als Vermittlungsinstanz zwischen ihnen steht und nicht umgekehrt.

3. Das vertikale Verhältnis zwischen Diesseits und Jenseits durch ein horizontales ersetzen

Während der Koran dreimal soviel über die diesseitige Welt spricht als über die jenseitige, entwickelte sich in den muslimischen Gesellschaften eine Überbewertung alles Jenseitigen, sodass ein Weltverständnis und eine Lebensweise entstand, die mit der Realität des Menschen nicht harmonisieren. Diese welt-fremde, ja weltfeindliche Denkweise entfremdete den muslimischen Menschen der realen Welt. So verlor er aber sowohl die diesseitige als auch die jenseitige Welt, denn die Glückseligkeit im Jenseits ist nur zu erlangen, wenn man beim Aufbau des Diesseits tätig gewesen ist. Wer aber seine Welt eigenhändig zu einer Hölle verwandelt, behält seine Hölle auch im Jenseits.

Im Islam gilt der Grundsatz, dass „alles erlaubt ist, bis ein Verbot aufgestellt wird“. So ist das Feld des Erlaubten viel weiter als des Verbotenen – mit anderen Worten: Freiheit ist die Regel, Verbot die Ausnahme. Doch die weltfeindliche Auffassung des Islams machte in ihrem Eifer ums Jenseits den Koran gleichsam zu einem Katalog der Verbote und Tabus. Der Grund für das Ausbleiben einer harmonischen Vermittlung zwischen Diesseits und Jenseits liegt darin, dass dieses Verhältnis als ein vertikales ausgestaltet worden ist. Dieses Oben-Unten-Verhältnis von Jenseits und Diesseits hat einen Typus von Frömmigkeit geschaffen, die keine Vermittlung zwischen beiden Bezugspunkten kennt, sondern in einem Zustand des Ungleichgewichts verharrt. Unter der stetigen Furcht vor dem Jüngsten Tag schuf diese Frömmigkeit eine Geistlichkeit, die den Grundsätzen des Islams entgegengesetzt ist, und die im Koran besonders stark hervorgehobenen der Menschheit dienlichen Taten (amel-i salih) auf die Einhaltung der Riten beschränkt.

Doch es handelt sich bei solchen Taten um jegliche Handlungen, die für die Menschen und die Umwelt vorteilhaft sind, und die alle Bereiche des Lebens umfassen. In dieser Hinsicht ist die Entwicklung eines technischen Mittels genauso wichtig wie das Verrichten des fünfmaligen Stundengebets, die Hilfe bei Schulaufgaben genauso gut wie das Lesen im Koran, die Unterstützung bei der Errichtung einer Schule, eines Krankenhauses oder einer Sozialstation genauso heilversprechend wie  die Unterstützung beim Moscheebau. Und es ist genauso schön und tugendhaft, die Stimme gegen jedwede Unterdrückung zu erheben, wie das Singen des Gebetsrufes in einer kunstvollen Art und in moderater Lautstärke schön sein kann.

Für eine gesunde, schöne, sichere und glückliche Welt braucht man genauso viel Zuwendung wie für das Jenseits, selbst wenn sie nur vorübergehend da ist. Dies geschieht nur durch eine horizontale Verbindung zwischen beiden Welten, in der sie eine Ergänzung und Fortsetzung füreinander darstellen.

4. Das vertikale Verhältnis zwischen Religion und Staat durch ein horizontales ersetzen

Die Muslime regierten ihre Staaten im Laufe der Geschichte nach zwei verschiedenen politischen Modellen. Bei den Sunniten stand die Religion unter der Führung und Kontrolle durch den Staat, bei den Schiiten hingegen stand der Staat unter der Führung und Kontrolle der Religion. Beiden Modellen ist ein vertikales Verhältnis zwischen dem Staat und der Religion gemeinsam. Gemeinsam ist beiden Modellen der Zwang und die Manipulation, denen der Glaube ausgesetzt ist. Und beide Modelle haben jeweils eine Klasse von Geistlichen hervorgebracht, die im Islam nicht vorgesehen war. Die Geistlichen verfassten politische Schriften, um den Fortbestand ihrer Systeme zu sichern, und stellten darin die Themen ums Kalifat und Imamat in den Vordergrund, um gleichzeitig die ebenso politischen Themen wie Gerechtigkeit, Beratung mit dem Volk und Befähigung zur Führung eher auszublenden.

Das System der Einmischung der Religion in den Staat bzw. des Staates in die Religion führte zur Entstehung und Zementierung von Monarchien und Despotien teilweise bis in unsere Tage hinein. Der Zwang zum Beten, zum Tragen von Tschador für Frauen, die Einmischung in die Lebensweise der Staatsbürger, die Unterdrückung der politischen Opposition und andere theokratische Praktiken haben nicht nur in der eigenen Bevölkerung Angst aufkommen lassen, sondern auch unter den Bürgern nichtmuslimischer Länder.

Was heute zu tun ist, besteht darin, die überkommenen Staatsmodelle wie das Kalifat und Imamat in der Geschichte zu begraben und die wesentlich islamischen Werte wie Gerechtigkeit, Recht, Freiheit, gemeinsame Beratung und Kompetenz so neu zu interpretieren, dass sie ein institutionelles Gewicht erlangen (Demokratie). Aus den Koranversen »Es gibt keinen Zwang im Glauben« (Koran, 2/256) und »Herrsche mit Gerechtigkeit! das ist der Gottesfurcht näher« (Koran, 6/8) sind die Prinzipien der Freiheit und Gerechtigkeit abzuleiten. Daher kann der fundamentale soziopolitische Wert des Islams definiert werden als Freiheit und Gerechtigkeit. Die Zweckbestimmung des Staates ist die Verteidigung und Bewahrung dieses Wertes.

Wo die Gerechtigkeit hergestellt ist, dort wird der Islam wirksam. In der islamischen Rechtsliteratur ist folgender Grundsatz überliefert: »Gott hilft dem gerechten Staat, selbst wenn dieser ein Staat von Nicht-Muslimen ist; und er lässt einen ungerechten Staat nicht fortbestehen, selbst wenn dieser ein muslimischer Staat ist. Eine gerechte und ungläubige Welt wird fortbestehen, eine Welt der Unterdrückung aber nicht, auch wenn sie muslimisch wäre.« Daher darf die Errichtung eines Glaubensstaates oder sog. Gottesstaat nicht zum Ziel gemacht werden; das Ziel ist vielmehr, eine Ordnung zu schaffen, deren Hauptanliegen die Wahrung der Freiheit und Menschenrechte sein wird. Dies kann weder mit der Kontrolle des Staates durch die Religion verwirklicht werden, noch durch die Kontrolle der Religion durch den Staat. Die Alternative dieser Kontrollsysteme ist eine nicht vertikal, sondern horizontal angelegte Zusammenarbeit zwischen Religion und Staat, in der diese Instanzen einander mit Respekt behandeln, ohne in die Angelegenheiten der anderen einzugreifen.Das nennen wir in unserem Land: Freiheitlich-demokratische Grundordnung und Rechtsstaat.

Die Praxis der islamischen Theologie

Und damit sind wir nun auch beim eigentlichen Gegenstand angelangt, der Errichtung einer Islamischen Theologie und der Ausbildung von Imamen in Deutschland. Aus dem Gesagten folgt, dass es Muslime selbst sein müssen, die diese Veränderungen in ihrem Bewusstsein vornehmen, sie leben und weitergeben. Den erfolgversprechendsten Rahmen dafür können zunächst „grass-root“-Initiativen schaffen, die genau dies leisten: das eigene Bewusstsein entwickeln, es zugleich leben und es weitergeben. Als eine solche Initiative versteht sich das Projekt „Zentrum für Islam in Europa – München“ (ZIE-M), das ich zusammen mit Interessierten aus Bayern initiiert habe. Das Projekt erfährt bereits parteiübergreifend ein beeindruckendes Maß an Unterstützung, weil viele gesellschaftliche Gruppen und zumindest fast alle Behörden das Potential für einen Islam mit europäischem Gesicht in dem hier dargestellten Sinn verstanden haben. Das ZIE-M versteht sich eben nicht als ein weiteres Moscheebauprojekt; es strebt in erster Linie die Verwirklichung eines auf das Hier – Deutschland – und Jetzt – im 21. Jahrhundert – abgestimmten Miteinanders von Muslimen und Mehrheitsgesellschaft an. Konkret sind dazu fünf Bausteine vorgesehen: ein soziales und kulturelles Zentrum zur Integration, eine repräsentative Moschee, eine öffentliche Bibliothek über Islam und interreligiösen Dialog, ein städtisches Museum und – natürlich als ein zentrales Element – eine Islamische Akademie zur Aus- und Fortbildung von Imamen und ReligionspädagogInnen.

Von wesentlicher Bedeutung ist dabei zum einen, dass dem Selbstverständnis der Einrichtung entsprechend die Ausbildung von den ehemaligen Herkunftsländern der Muslime abgekoppelt und losgelöst stattfinden soll. Eine grundsätzliche Problematik besteht ja darin, dass die etablierten Verbände zumindest teilweise eine entsprechende Orientierung ausdrücklich vertreten.

Gleichzeitig kann an einer Einrichtung wie ZIE-M die theoretische Ausbildung von Anfang an von der Praxis begleitet werden. Sie findet im „richtigen Leben“, im tatsächlichen, tagtäglichen Umfeld einer lebendigen, islamischen Gemeinde statt, mit allen Chancen und Herausforderungen, die sich daraus ergeben. Hier begegnen die Studierenden nicht nur den Büchern, sondern den Menschen mit ihren Fragen und Problemen, die eben im Mittelpunkt ihrer Ausbildung stehen müssen.

Hieran möchte ich auch den bleibenden Vorzug dieses Modells festmachen. Denn ich möchte ja nicht etwa gegen eine Etablierung Islamischer Theologie an den Universität argumentieren – eine Ausbildung von Imamen und ReligionspädagogInnen eingeschlossen. Ganz in Gegenteil. Nur: wir sollten damit nicht so lange warten, bis solche Einrichtungen an den wenigen Universitäten, die dafür ausgewählt werden, aufgebaut sind. Das wird, allein schon was die Etablierung des geeigneten Lehrpersonals betrifft, selbst bei günstiger Entwicklung nicht in wenigen Jahren abgeschlossen sein. Wir müssen anfangen! Der Bedarf ist enorm, und Zeit wurde schon viel zu viel verloren. Die Grundsteine selbst für die höchsten Bauwerke werden immer unten gelegt. Wir hoffen alle, dass es einmal eine etablierte Islamische Theologie mit Ausbildung an den staatlichen Hochschulen geben wird, ein Modell, mit dem ich aus Bosnien-Herzegowina selbst gut vertraut bin und das dort sehr erfolgreich funktioniert. Aber das Land kann sich auf eine sehr lange und reiche Tradition stützen, die uns hier fehlt. Stattdessen haben wir hier Jahrzehnte lange Fehlentwicklungen und Versäumnisse. Also bedürfen und verdienen entsprechende Initiativen von unten der entschlossenen Unterstützung gerade auch der Behörden.

Längerfristig ist dann eine Kooperation der universitären Einrichtungen mit Projekten wie dem ZIE-M vorstellbar, denn dort, und nur dort, an der Basis, an den „grass-roots“, wird der akademische Prozess seine Bodenhaftung finden. Die – das dürfen wir bei unserer Diskussion nie vergessen – wird letztendlich entscheiden über den Erfolg all dessen, was wir hier planen.