Beruf: Vorbeter, staatlich geprüft

Imam Idriz: „Auf lange Sicht wird es keine erfolgreiche Imamausbildung in Deutschland geben ohne die Anerkennung einer Vereinigung als Körperschaft des öffentlichen Rechts“

staatlich geprüfter VorbeterRund 2500 Imame sind derzeit in Deutschland tätig. Hier Imam Benjamin Idriz in der Penzberger Moschee

Integration Der Islam sucht seinen Platz in Deutschland. Helfen könnte ein Projekt in Tübingen. Die Universität will Religionslehrer und Imame ausbilden. Ein Besuch auf schwierigem Terrain

VON MATTHIAS ZIMMERMANN

Tübingen Es sieht fast so aus, als sei den Tübingern die Revolution egal. Die Fachwerkhäuser sind gepflegt wie immer, die Menschen, die gerade in die Mittagspause gehen, grüßen in den engen Gassen entspannt nach rechts und links, und von Protestplakaten oder gar Mahnwachen und ausliegenden Unterschriftenlisten, wie sie zum Beispiel fast jedes Moscheebauvorhaben in Deutschland begleiten, ist weit und breit nichts zu sehen. Dabei hat das Projekt, an dem an der traditionsreichen Eberhard Karls Universität gearbeitet wird, weitaus größere Bedeutung für das Zusammenleben von Muslimen und Nichtmuslimen in Deutschland als der Bau einer einzelnen Moschee. Hier sollen ab Herbst Lehrer für islamischen Religionsunterricht ausgebildet werden. Und noch mehr: Die Absolventen des geplanten Zentrums für islamische Studien könnten, mit entsprechender Zusatzausbildung, bald auch als Imame in deutschen Moscheen predigen. Eine deutsche Universität als Ausbildungseinrichtung für Imame!

Flächendeckender islamischer Religionsunterricht als ordentliches Lehrfach an deutschen Schulen! Undenkbar bis vor Kurzem. Und der Weg dahin ist noch immer weit. Aber am Fundament dieses neuen Verhältnisses von Islam und Staat wird nun hier in der schwäbischen Provinz gearbeitet – nicht in Berlin, Köln oder Hamburg. Vielleicht ist es ja ein gutes Omen, dass sie die großen Theologen in Tübingen kennen. Philipp Melanchthon etwa, der im 16. Jahrhundert an der Universität lehrte. Oder Joseph Ratzinger und Hans Küng, deren Wege sich in den 1960er Jahren unter dem Hölderlinturm kreuzten. Und vielleicht spricht man bald von einem großen islamischen Theologen, der in Tübingen wirkt.

„Religionslehrer wachsen nun einmal nicht auf Bäumen, die muss man ausbilden.“
Stefan Schreiner, Religionswissenschaftler

Auf also zu einem, der sich von Anfang an starkgemacht hat für die Idee, den Islam an die deutschen Universitäten zu holen. Er heißt Stefan Schreiner und ist Professor für Religionswissenschaft und Judaistik. Der Weg zu ihm führt heraus aus der mittelalterlichen Altstadt, vorbei am braunen Sandsteingebäude des Rektorats, in einen großen, etwas in die Jahre gekommenen Bau aus der Gründerzeit. Dort sitzt Schreiner an diesem trüben Freitagnachmittag hinter einem penibel aufgeräumten Schreibtisch und holt weit aus: „Wir erleben überall eine Neugewichtung der Religion, nicht nur unter Muslimen.“ Die Religion sei in unserer säkularisierten Gesellschaft mitnichten auf dem Rückzug, sie manifestiere sich nur nicht mehr unbedingt in den traditionellen Strukturen. Und dazu gehöre auch, dass man sich heute anders mit dem Islam beschäftige als noch vor wenigen Jahren. Schreiner sagt das so: „Sie müssen sich das vorstellen wie Wasser in verbundenen Röhren. Wenn Sie auf der einen Seite den Kolben nach unten drücken, steigt der Wasserspiegel auf der anderen nach oben. Alles beeinflusst sich gegenseitig.“

Aber warum erst jetzt? Die Muslime leben schließlich schon seit Jahrzehnten in Deutschland. Die Antwort auf diese Frage hat wohl, stark verkürzt, sehr viel mit einem Versagen von Politik zu tun. Wider besseres Wissen ging man davon aus, dass die als Gastarbeiter nach Deutschland gerufenen Menschen irgendwann wieder in ihre Herkunftsländer zurückkehren werden; eine Haltung, die im Übrigen nach Kräften von den Herkunftsländern unterstützt wurde – und noch wird. Sie hat sicher auch zu tun mit dem Realitätsschock vom 11. September 2001. Erst danach interessierte man sich plötzlich für Schulklassen, in denen Kinder ohne Migrationshintergrund Exoten sind. Oder Stadtviertel, in denen die Straßenschilder den eindeutigsten Hinweis darauf geben, in welchem Land man sich gerade befindet.

Über all das kann man mit Schreiner lange diskutieren. Aber auch darüber, dass die Politik seitdem ihre Verantwortung erkannt hat und mit den Muslimen redet – etwa in der Deutschen Islamkonferenz wie gestern wieder, etwa über die flächendeckende Einführung islamischen Religionsunterrichts, um nur ein Beispiel zu nennen. Rund 2000 Lehrer würden nach Einschätzung von Experten gebraucht, wenn auf einmal alle muslimischen Eltern ihre Kinder dorthin schicken wollten. Schreiner spricht gar von 3000 Stellen. Eine Zahl von vielen an diesem Nachmittag. Aber eine mit entscheidender Bedeutung. Denn, so Schreiner: „Religionslehrer wachsen nun einmal nicht auf Bäumen, die muss man ausbilden.“ Ortswechsel.

„Es wird keine erfolgreiche Imamausbildung geben ohne Anerkennung einer Vereinigung als Körperschaft des öffentlichen Rechts.“
Benjamin Idriz, Imam in Penzberg

Ein Vortragsraum der Volkshochschule Augsburg. Benjamin Idriz ist gekommen, um über sein Buch „Grüß Gott Herr Imam“ zu reden. Idriz ist eine der spannendsten Figuren des Islam in Deutschland. Der 39-jährige Imam der 2005 eröffneten Moschee in Penzberg bei Weilheim ist gebildet und eloquent und betont bei jeder Gelegenheit die Offenheit, Modernität und Grundgesetztreue seiner Gemeinde. Er gilt bis in weite Teile der CSU hinein als Vorzeigemuslim. Dennoch werden er und der Verein Islamische Gemeinde Penzberg vom Verfassungsschutz beobachtet– aus Angst, hinter seinen wohlklingenden Worten verstecke sich in Wahrheit doch ein Fundamentalist. Im jüngst veröffentlichten Verfassungsschutzbericht steht aber auch, dass Idriz sich in vielen Veröffentlichungen für einen mit dem Grundgesetz zu vereinbarenden Islam einsetzt und es keine neuen Erkenntnisse gibt über eventuell verfassungswidrige Aktivitäten. Rund 30 Menschen sind gekommen, um Idriz zu hören. Mit schwarzem Anzug und Krawatte sieht er nicht aus wie ein Geistlicher, eher wie ein Manager. In seinem Vortrag, den er fast jede Woche irgendwo hält, spricht auch er sich dafür  aus, schnell Strukturen für eine Imamausbildung in Deutschland zu schaffen. Aber nicht allein an einer Universität, sondern am besten in Verbindung mit einem von ihm geplanten und mit Geld aus einem Golfstaat finanzierten „Zentrum für Islam in Europa – München“.

Aus der Nähe, nach Vortrag und Diskussion, kann man die Ringe unter Idriz’ Augen sehen. Dennoch nimmt er sich noch Zeit – so lange, bis irgendwann der Hausmeister kommt, um abzuschließen. Imam Idriz war auch schon in Tübingen. Er weiß um die Rivalitäten zwischen den großen islamischen Verbänden, denen sein Verein nicht angehören will. Und er hat entschieden, lieber sein eigenes Projekt voranzutreiben. „Auf lange Sicht wird es keine erfolgreiche Imamausbildung in Deutschland geben ohne die Anerkennung einer Vereinigung als Körperschaft des öffentlichen Rechts“, sagt er und lässt keinen Zweifel daran, wen er als ersten Kandidaten für diese Anerkennung sieht. Doch damit ist das Gespräch wieder in jener Sackgasse angekommen, aus der bisher niemand einen Ausweg fand. Denn diesen Status, der zum Beispiel der evangelischen und katholischen Kirche das Recht verleiht, Religionsunterricht an öffentlichen Schulen anzubieten, hat der Islam nicht. Es gibt keine Institution, die für „die Muslime“ sprechen könnte. Was es gibt, sind eine Reihe von Dachverbänden, die aber von der Teilmenge der organisierten Muslime immer nur einen Teil vertreten, deren Verfassungstreue in Zweifel steht oder die stark unter dem Einfluss eines anderen Landes stehen. Und selbst denen, die wie Idriz alle Forderungen in Bezug auf Grundgesetztreue und Offenheit nachkommen, traut man – das ist das Dilemma der Politik – eigentlich nicht über den Weg. Wer soll dann in Tübingen die Lehrpläne der islamischen Studien bestimmen? Wer die Professoren berufen? Wer soll hier überhaupt studieren? Und warum sollten die Moscheegemeinden die Absolventen akzeptieren?

Zurück nach Tübingen also, diesmal ins Rektorat, erster Stock, linker Gang. Dort sitzt Rektor Bernd Engler, groß, drahtig und viel beschäftigt, und ist redlich bemüht zu erklären, warum der Ringschluss an seiner Universität trotz aller Widerstände gelingen wird. Ein Beirat soll den Ausweg aus der ewigen Blockade weisen, den Islam gegenüber der Universität repräsentieren und bei der Ausgestaltung des Zentrums mitreden. Eigentlich hätte das Gremium schon vor Weihnachten präsentiert werden sollen. Das soll nun in den kommenden Tagen nachgeholt werden. „Klärungsbedarf“, wie Engler es ausdrückt, gibt es offenbar unter anderem bei der Frage, wie viele Frauen im Beirat sitzen sollen. Aber Engler kann auch nicht verneinen, dass die Zeit zur Klärung der vielen offenen Fragen langsam knapp wird, soll der geplante Start zum Wintersemester nicht in Gefahr geraten. „Natürlich kann es Komplikationen geben. Aber deswegen in Schockstarre zu verfallen, wäre auch nicht richtig“, sagt Engler. Abgesehen davon, dass ein Scheitern für alle Beteiligten sehr peinlich wäre, gibt es aber noch einen anderen Grund für seine Zuversicht: Die Kinder und Enkel der Gastarbeitergeneration sind hier aufgewachsen.

Wer sie erreichen will, muss Deutsch sprechen – auch in der Moschee. Das fordert die Politik. Und das wollen nun auch die Vertreter des organisierten Islam. Oder, wie Stefan Schreiner es ausdrückt: „Wenn dieses Experiment scheitern sollte, bedeutet dies, dass es auf lange Zeit nicht wiederholt werden kann. Und das möchte niemand.“

Quelle: Augsburger Allgemeine, 30. März 2011, Die Dritte Seite


Der Islam auf dem Weg in die Bildungslandschaft

●  Ausgangslage An mehreren Hochschulen in Deutschland gibt es bereits einzelne Professuren für Islamische Religionslehre. Außerdem laufen in mehreren Bundesländern Schulversuche. Aber als ordentliches Lehrfach hat bisher noch kein Bundesland den Unterricht eingeführt.

●  Expertenrat Ende Januar 2010 hat der Wissenschaftsrat empfohlen, islamischen Religionsunterricht als ordentliches Unterrichtsfach an staatlichen Schulen einzuführen. Um den Bedarf an entsprechendem Lehrpersonal zu decken, sollten zwei bis drei Standorte für theologisch orientierte Islamische Studien geschaffen werden. Derzeit werden an deutschen Schulen rund 700 000 muslimische Kinder unterrichtet. Das heißt, für die flächendeckende Einführung islamischen Religionsunterrichts würden rund 2000 Pädagogen benötigt.

●  Aktueller Stand In einem ersten Gutachterverfahren konnten sich Tübingen und Münster/Osnabrück als Standorte für die Einrichtung Islamischer Studien durchsetzen. Vor wenigen Wochen bekamen auch die Universitäten in Frankfurt am Main und Erlangen den Zuschlag für ähnliche Projekte. Das Bundesforschungsministerium fördert die Universitäten für die nächsten fünf Jahre mit jeweils bis zu vier Millionen Euro.

●  Imame Rund 2500 Imame sind aktuell in Deutschland tätig, die meisten davon aus der Türkei. Die türkische Religionsbehörde schickt jährlich rund 800 nach Deutschland. Sie dürfen aber nur für einige Jahre bleiben und absolvieren vor ihrer Entsendung nur einen kurzen Deutschkurs. Auch die Mehrzahl der anderen Moscheegemeinden ist bislang, wegen eines mangelnden Ausbildungsangebots, auf Import-Imame angewiesen. (maz-) (Quelle: Wissenschaftsrat)