Minarett-Verbot in der Schweiz und unsere Moschee

Das moderne Minarett der Penzberger Moschee

Das moderne Minarett der Penzberger Moschee

Deutschland, deine Minarette

…Das ist nirgendwo deutlicher zu sehen als im oberbayerischen Penzberg. Die vom Augsburger Alen Jasarevic entworfene Moschee hat weder eine Kuppel noch einen spitzen Turm. Glas und Sichtbeton sind die wichtigsten Gestaltungselemente, die Formensprache der Baukörper ist der klassischen Moderne entlehnt. Einzig in der Dekoration greift der bosnischstämmige Architekt auf traditionelle Elemente zurück, die er neu interpretiert.

“Ohne die Nachbar zu stören”

Das ist ganz besonders beim Minarett der Fall, das aus dünnen Stahlplatten zusammengefügt ist. Jasarevic nahm die ursprüngliche Bedeutung des Worts „Minarett“ ernst: Leuchtturm im wörtlichen und übertragenen Sinn soll es nämlich sein.

Das Penzberger Minarett leuchtet von innen: In die Stahlplatten ist der Ruf des Muezzins in arabischer Kalligrafie geschnitzt. Die Gemeinde hatte von vornherein auf den Gebetsruf verzichtet. „So ruft das Minarett nicht fünf Mal am Tag zum Gebet, sondern rund um die Uhr, ohne die Nachbarn zu stören“, schreibt Jasarevic in „Moscheen in Deutschland“, dem Standardwerk von Bärbel Beinhauer-Köhler und Claus Leggewie.

Die Penzberger Moschee ist einerseits Ausdruck des Modernitäts- und Integrationswillens einer Gemeinde: Die Vorstandsmitglieder des Moscheevereins sind per Satzung verpflichtet, Deutsch in Wort und Schrift zu beherrschen, die Freitagspredigt wird auf Deutsch gehalten, schon allein weil die Umgangssprache der Gemeindemitglieder Deutsch ist; die Vizepräsidentin ist eine Frau, es gibt gute Beziehungen zur katholischen und auch zur jüdischen Gemeinde.

Andererseits hat der Bau seinerseits die Integration gefördert. Der Moscheeverein besuchte zusammen mit dem Architekten moderne Kirchen, um sich anregen zu lassen, der Entwurf wurde mit allen Stadtratsfraktionen, dem Bürgermeister, dem Stadtbaumeister und schließlich mit den Bürgern selbst diskutiert. Mit dem Bau beauftragt wurden ortsansässige Firmen.

„Moschee wertet Penzbergs Stadtbild auf“, lautete die Überschrift des „Penzberger Tagblatts“, nachdem die islamische Gemeinde ihre Pläne vorgestellt hatte. Das kann man beileibe nicht von jedem Discount-, Elektro- oder Heimwerkermarkt sagen. Wie es scheint, lebt der Geist Preußens also noch – jedenfalls in Oberbayern.

Mehr: http://nachrichten.aol.de/nachrichten-politik/deutschland-deine-minarette/artikel/20091205061752611363829

Christen müssen selbstbewusster werden

Die “Ankunft in der Stadt” ist auch das große – und viele verschreckende – Thema des Moscheenbaus. Was damit wirklich gemeint ist, verdeutlicht die neue Moschee in Penzberg in Oberbayern, ein Gebäude in kühlen, modernen Formen, mit künstlerisch verfremdetem – und gar nicht “auftrumpfendem” – Minarett und mit Glaswänden, die von außen Einblick gewähren. Architekt Alen Jasarevic will mit dieser stilistischen Haltung vor allem eins erreichen: “Ängste abbauen”. Das, was vielerorts bis heute nicht gelungen und auch gar nicht angestrebt worden ist, in Penzberg scheint es sich auf fast ideale Weise einzustellen; denn auch wenn sich der Architekt bei aller Sachlichkeit an Dingen orientiert hat, “die schon vor uns da waren: Cordoba, Istanbul, Süditalien”, bescheinigt ihm die lokale Presse heute fast überschwänglich: “Die Moschee wertet unser Stadtbild auf.”

Auch der Imam der Penzberger Gemeinde, Benjamin Indriz, räumt der “Ankunft in der deutschen Gesellschaft” einen zentralen Platz für den Bau von Gotteshäusern ein. Bei einer Diskussion des Werkbundes Bayern rühmte er in fließendem Deutsch die neue Moschee als “Ort des Glaubens und Friedens”. Die Menschen seien angehalten, ihn “in Respekt zu würdigen und als unantastbar zu betrachten”, was überhaupt nicht bedeute, dass die Moschee nicht allen Menschen ohne Unterschied von Rasse, Geschlecht, politischer Einstellung und Ideologie offenstehe. Seine Aufgabe sieht der geistliche Führer darin, die Abschottung zu überwinden, die Gläubigen “beim deutschen Spracherwerb zu unterstützen, sie sukzessive heranzuführen an die gemeinsame Landessprache”.

Will man die Einlösung dieser Sinngebung des Bauwerks an öffentlichen Reaktionen messen, hat die Penzberger Moschee alle Erwartungen übertroffen. Von Widerständen, Argwohn oder Eifersucht gegenüber dieser “Ankunft” des Islam in der deutschen Gesellschaft ist hier schon lange nichts mehr zu spüren. In der Moschee fühlt sich der Besucher behutsam und verständnisvoll empfangen. Dass sich damit auch ein Moment von “Mission” verbindet, wird sich kaum leugnen lassen. Doch ihr mangelt es an jedem Beigeschmack von Aggressivität. Auch wenn dem Eintretenden nichts als die Architektur nahegebracht würde, könnte er die unausweichlich damit verbundene Heranführung an die Glaubenssätze des Islam nicht anders denn als freundlichen Service empfinden.

Ein solch einladender Empfang wird den Besuchern christlicher Kirchen heute nur noch selten zuteil. Wenn etwa die Dortmunder Kirchenhistorikerin Barbara Welzel eine Schulklasse mit 16 Kindern aus 13 Ländern durch eine Kirche führt, sieht sie sich in die Pflicht genommen, peinlich darauf zu achten, “als Lehrer nicht bis zum Bekenntnisunterricht zu gehen”. Das christliche Gotteshaus sei für die Schüler nur wichtig zur “Teilhabe an der Überlieferung der eigenen Stadt”.

Mehr: http://www.welt.de/die-welt/kultur/article5387210/Christen-muessen-selbstbewusster-werden.html


Mein Lieblings-Minarett

Gestern habe ich in dem Thread über die Schweizer Volksbefragung zum Minarettverbot geschrieben, ich sei kein “Minarettbefürworter”. Damit war gemeint: Wer für das Recht auf Moscheebau mit Minarett eintritt, muss nicht zugleich für jedes Minarett in jedem städtebaulichen Kontext sein. Es ist legitim, gegen konkrete Bauvorhaben zu argumentieren und auch zu mobilisieren, wenn man dafür andere Gründe hat als den Generalverdacht gegen “den Islam”. Moscheebauvorhaben müssen sich in den städtebaulichen Kontext einfügen.

Nun bin ich aber Befürworter eines ganz bestimmten Minaretts und der dazugehörigen Moschee. Es steht im bayrischen Voralpenraum, in Penzberg.

Und siehe da: Die oberbayrischen Alteingesessenen sind mittlerweile regelrecht stolz auf “ihre Moschee”. Das Minarett besteht vollständig aus stilisierten Schriftzügen. Das Moscheegebäude hat auch keine osmanische Kuppel.

Es wurde gestaltet von dem jungen bosnischstämmigen Architekten Alen Jasarovic, der mit seinem Moschee-Design auch ein Zeichen für eine genuin europäisch-muslimische Baukultur geben will, die sich nicht sklavisch an einem traditionellen osmanischen oder maurischen Stil orientiert.

Das Gebäude ist sehr licht und hell. Es öffnet sich auch bausprachlich der Umgebung.

Die Gemeinde hat das Bauprojekt sehr stark mit der Bevölkerung debattiert. Es gab zwar einige Vorbehalte, aber kaum Proteste. Man kennt sich von der Arbeit und aus der Nachbarschaft.

Merkwürdig: In Penzberg ist eine größere Offenheit für die islamische Gemeinde spürbar, als etwa in Köln. Die Penzberger Muslime haben selber einen grossen Anteil daran, weil sie  Offenheit für ihre Umgebung zeigen – schon in der Architektur.

Mehr: http://blog.zeit.de/joerglau/2009/12/01/mein-lieblings-minarett_3253


Minarett-Streit tobt auch in Deutschland

…Die Zuspitzung all dieser Konflikte hat dabei im Kern oft dasselbe Muster: Bürger fühlen sich – durchaus zu Recht – spät und spärlich informiert, und die lokale Empörung und Angst vor der Entstehung exterritorialer Propagandazentren mit Turm bietet dann die Steilvorlage für eine breite Missstimmung, die in ihrem Ausmaß oft an einen Kulturkampf erinnert. In Penzberg war das anders. «Die islamische Gemeinde hier hat immer sehr sensibel auf das Umfeld reagiert«, sagt Architekt Jasarevic. Nicht nur die Bürger, sondern auch die Vertreter der katholischen und evangelischen Kirche wurden schon im Vorfeld laufend über das Bauprojekt informiert. 

Transparenz ist wichtig

Zudem gilt die Gemeinde dort als offen, die Vorstandsmitglieder sprechen alle gut Deutsch, auch die Freitagspredigt wird auf Deutsch gehalten. Auf diese Art von Transparenz wurde auch in Duisburg erfolgreich gesetzt, wo Ende 2008 die bislang größte Moschee Deutschlands eröffnet wurde, ohne dass es in der dreieinhalbjährigen Bauzeit des Gotteshauses mit mehreren Kuppeln und einem 34 Meter hohen Minarett zu nennenswerten Protesten gekommen wäre. «Das ist der einzige Weg: miteinander zu reden und nicht übereinander«, sagt Jasarevic. Nur so ließen sich auch Kompromisse bei der Architektur finden, und nur dann engagierten sich wie in Penzberg «nicht nur die Neinsager, sondern auch die Jasager«. 
Auch wenn er selber kein Anhänger von Hagia-Sophia-Nachbauten ist, kann er das Minarett-Verbot in der Schweiz als Architekt nicht nachvollziehen. «Kommt dann als Nächstes ein generelles Kuppelverbot? Wo hört das denn auf?«

 
Mehr: http://www.nn-online.de/artikel.asp?art=1132284&kat=3&man=3