Moscheebau in Deutschland

Moscheen in DeutschlandIm Herbst 2005 wurde im bayerischen Penzberg das “Islamische Forum”, eine Moschee, eröffnet. Alen Jasarevic, der Architekt dieses Baus, schildert die Entstehungsgeschichte, die Debatten, die Vorbehalte und schließlich den breiten Konsens in der Stadt über den Moschee-Bau. Dass derlei Prozesse nicht immer so friedlich und konziliant über die Bühne gehen, zeigt das Beispiel Kölns. Hier agitiert eine Initiative namens “Pro Köln” gegen den Bau einer (recht überdimensionierten) Moschee im Stadtteil Ehrenfeld. Schon im 19. Jahrhundert entstanden in Deutschland einige islamische Sakralbauten, Preußens König Friedrich Wilhelm IV. ließ sich gar in Potsdam ein Pumpwerk in Form einer Moschee hinstellen. Doch heute bergen derlei Projekte Zündstoff, zumal wenn das gestiegene Selbstbewusstsein von Muslimen kulturelle Grenzen überschreitet – indem eine Moschee etwa den Namen “Eroberer” oder “Glaubenskrieger” tragen soll. Die Autoren schildern die Geschichte der Moscheen in Deutschland wie im Orient. Der Politikwissenschaftler Claus Leggewie beleuchtet die Konflikte um den Bau von Moscheen. Er gibt gar einige Handlungsempfehlungen (“Der bessere Weg zur Moschee”) und rät unter anderem, Moscheen in Deutschland in korrekter Übersetzung einen deutschen Namen zu geben. Kurzum: Ein guter, kenntnisreicher Überblick.


Das Innere nach außen

Moschee im oberbayerischen Penzberg ist Modell für moderne islamische Architektur

Moschee im oberbayerischen Penzberg ist Modell für moderne islamische Architektur

Foto: epd-bild  Architekt Alen Jasarevic, Sohn bosnischer Eltern, der 1973 in der Bundesrepublik geboren wurde, hat einen Traum: »dass sich ein neuer eigenständiger mitteleuropäischer Moscheestil entwickelt«.

Alen Jasarevic zeichnet einen Halbkreis und legt seinen Bleistift daneben. Augenblicklich ist jedem klar: Das ist eine Moschee. Doch ein Moscheebau verlangt überhaupt keine Kuppel und auch kein Minarett, erklärt der Augsburger Architekt. Der Gebetsraum müsse nach Mekka ausgerichtet sein, nur das schreibe der Koran vor: »Wir müssen beim Moscheebau unterscheiden, was Tradition und was Religion ist.« Der Sohn bosnischer Eltern, der 1973 in der Bundesrepublik geboren wurde, hat einen Traum: »Ich möchte mit daran arbeiten, dass sich ein neuer eigenständiger mitteleuropäischer Moscheestil entwickelt.«

Mitstreiter für eine neue islamische Architektur sucht Jasarevic in der zweiten Generation der muslimischen Gemeinden. Im oberbayerischen Penzberg hat er solche Leute gefunden. Seit 2005 schmückt den Ort mit seinen 16000 Einwohnern eines der raren Exemplare moderner Moscheebaukunst, entworfen von Jasarevic. Inspirationen aus Spanien, Messina und Indien, wie Bögen und Ornamente, hat er in den Bau integriert. Der Gebetsraum ist in warmes blaues Licht getaucht, dem die Recyclingglas-Front Richtung Mekka farbige getupfte Effekte verleiht. Abends bietet diese Seite der Moschee dem Betrachter von außen einen funkelnden, spektakulären Anblick.

Weil in Penzberg früher Erz abgebaut wurde, hat Planer Jasarevic das Minarett aus durchbrochenem Stahl gebaut, das auch nachts von innen beleuchtet wird. »Die Moschee kehrt ihr Inneres nach außen«, sagt der Architekt. Der gesamte Quaderbau, der zu einem Drittel die Moschee und im restlichen Teil ein Begegnungszentrum beheimatet, ist mit regional typischen Steinen verkleidet.

»Wir wollten eine Neuinterpretation der islamischen Architektur«, sagt der junge Imam der muslimischen Gemeinde in Penzberg, Benjamin Idriz (36). Und die Vizepräsidentin der Gemeinde, Religionspädagogin Gönül Yerli (33), ergänzt: »Wir Muslime sind flexibel, der Islam ist ein Lebensweg, der offen ist.« Sie betont: »Wer baut, möchte bleiben. Wir sind auf der Suche nach einer neuen Identität.«

Die islamische Gemeinde in Penzberg mit ihren etwa 600 Mitgliedern hat sich keinem islamischen Dachverband angeschlossen. Das Grundstück für ihr Gebäude bezahlten die Gemeindemitglieder aus eigener Tasche. Der drei Millionen Euro teure Bau ist ein Geschenk von Scheich Sultan bin Muhammed al Qasimi aus dem Emirat Sharjah.

Bei einem Besuch in Penzberg ist kein böses Wort gegen die Moschee zu hören. Das Bildungskolleg Weilheim mietet hier Räume und veranstaltet Integrationskurse für ausländische Frauen. Eine Berufsberatung für Jugendliche ist mittwochs zu Gast. Die Multimedia-Bibliothek bietet 6000 Titel, die alle Penzberger entleihen können. Bis jetzt haben etwa 20000 Menschen bei Veranstaltungen und Führungen das Islamische Forum gesehen.

Bernd Schiefer, evangelischer Kirchenvorsteher in Penzberg und Mitglied der Landessynode, hat für die große Akzeptanz der Moschee mehrere Erklärung. Zum einen sei Penzberg als Arbeiterstadt schon lange an Multikultur gewöhnt. Außerdem habe zwischen den christlichen Kirchen und den Muslimen in Penzberg immer ein gutes Verhältnis geherrscht. Die Muslime konnten viele Veranstaltungen in katholischen Räumen abhalten. Dem katholischen Pfarrer Josef Kirchensteiner ist der christlich-islamische Dialog äußerst wichtig. Vor fünf Jahren machte sich ein Reisebus mit ihm, dem evangelischen Pfarrer-Ehepaar, Bürgermeister Hans Mummert (SPD), Imam Idriz und anderen auf eine Reise nach Sarajewo. Dort informierten sich die Penzberger über den europäischen Islam und den Moscheebau.

Architekt Jasarevic hält dieses offene Vorgehen für grundlegend. Von Anfang an habe die islamische Gemeinde Penzberg alle Ideen mit der Stadtgesellschaft besprochen und sie auf das Islamische Forum »neugierig gemacht«. Die Lokalzeitung habe den Plänen positiv gegenübergestanden, was ein großer Vorteil gewesen sei, meint Gönül Yerli.

An Orten, wo es laute Proteste gegen geplante Moscheen gebe, habe man oft eine rechtzeitige Information versäumt, glaubt Jasarevic. Er rät Muslimen, vor dem Kauf eines Grundstücks mit der Stadtverwaltung zu sprechen. Unmut haben nach seiner Einschätzung auch Moscheevorhaben hervorgerufen, bei denen die Gemeinde einen türkischen Architekten beauftragte, der ohne Bezug zur Umgebung und ohne Rücksprache mit den Bewohnern eine traditionelle Moschee aus dem Boden stampfte. »Die islamische Architektur hat immer sensibel auf ihre Umgebung reagiert«, urteilt Jasarevic, »sei es in China oder in Afrika oder in Bayern.«

Jutta Olschewski

Quelle: http://www.sonntagsblatt-bayern.de/news/aktuell/2009_32_25_01.htm