Wegweiser für eine gelungene Integration der Muslime

e mehr Muslime es gibt, die Gemeinsamkeiten mit diesem skizzenhaften Modell aufweisen, desto weniger Ängste und Vorurteile werden in der Gesellschaft sein, und desto mehr wird das gegenseitige Vertrauen wachsen. Wenn uns mit allen konstruktiven Mitgliedern der Gesellschaft ein Schulterschluss gelingt und wir unsere religiöse Identität mit der unseres Landes zu einer Synthese führen, so erreichen wir den Zustand, den wir Integration nennen. Ich sehe denjenigen muslimischen Menschen als einen in die Gesellschaft integrierten ­Mu­slimen an, der diese Integration unter Wahrung seiner Identität ­erreicht. Wenn das gelingt, brauchen wir weder auf der einen Seite eine »Assimilation« zu fürchten noch auf der anderen »Parallelgesellschaften« als Symptome einer gescheiterten Integration.

 Je mehr Muslime es gibt, die Gemeinsamkeiten mit diesem skizzenhaften Modell aufweisen, desto weniger Ängste und Vorurteile werden in der Gesellschaft sein, und desto mehr wird das gegenseitige Vertrauen wachsen.
Wenn uns mit allen konstruktiven Mitgliedern der Gesellschaft ein Schulterschluss gelingt und wir unsere religiöse Identität mit der unseres Landes zu einer Synthese führen, so erreichen wir den Zustand, den wir Integration nennen. Ich sehe denjenigen muslimischen Menschen als einen in die Gesellschaft integrierten ­Mu­slimen an, der diese Integration unter Wahrung seiner Identität ­erreicht. Wenn das gelingt, brauchen wir weder auf der einen Seite eine »Assimilation« zu fürchten noch auf der anderen »Parallelgesellschaften« als Symptome einer gescheiterten Integration.

 

 


 

Von Imam Benjamin Idriz

Ein Muslim oder eine Muslimin, der oder die den Islam von der Perspektive Muhammads aus wahrnimmt, annimmt und praktiziert, wird sich sowohl in eine morgenländische als auch eine abendländische Gesellschaft integrieren können. Er oder sie ist als Mitglied der Gesellschaft eine Persönlichkeit, deren Ziel es ist, in Frieden und Harmonie mit den anderen Mitbürgern der Gesellschaft zusammenzuleben. Diese Persönlichkeit können wir folgendermaßen porträtieren:

Das Porträt der idealen muslimischen Persönlichkeit in Bezug auf Integration

1.
Sie kümmert sich um die Bildung ihrer Kinder vom Kindergarten an in allen Stufen der Schullaufbahn, sie bemüht sich insbesondere um ihre sprachliche Entwicklung und nimmt Kontakt mit den Lehrern und der Schulleitung auf; sie arbeitet mit diesen zusammen und nimmt an Elternsprechtagen regelmäßig teil; sie bringt sich in den Familienbeirat ein; sie sorgt bei ihren Kindern für ein gesundes Selbstbewusstsein, für Bildung und Berufsausbildung; sie fördert die künstlerischen Neigungen ­ihrer Kinder; sie nimmt sich reichlich Zeit, um mit ihnen zu spielen und zu lernen; sie wendet in keiner Weise Gewalt gegen sie an, sondern fördert ihr Selbstvertrauen; sie zieht sie in einer freien, unkomplizierten und transparenten Atmosphäre mit Liebe groß, wobei sie ihnen rät, Freundschaften mit Kindern aus unterschiedlichen Volks- und Glaubenskreisen zu schließen, indem sie sie in universellen moralischen Werten unterrichtet …

2.
Sie hält den ersten Befehl des Korans, »Lies!«, hoch als Weisung bei allen Aufgaben, Gedanken, Zielen und Träumen. Sie bemüht sich intensiv in allen Stufen der Schulbildung von der Grund- bis zur Hochschule und zeichnet sich in diesem Prozess durch ihren guten Charakter, ihr Interesse am Lesen, Schreiben und Forschen aus; sie schließt Freundschaften mit gebildeten Menschen und orientiert sich am Erfolg ihrer Bildung …

3.
Sie legt Wert auf Hochschulbildung oder Berufsausbildung, verbringt ihre Freizeit mit Aktivitäten, die nützlich für ihre körperliche und geistige Entwicklung sind, wobei sie sich von allen Verhaltensweisen fernhält, die für ihren Glauben, Verstand und Körper schädlich sind; sie fängt mit schlechten Gewohnheiten erst gar nicht an, verabscheut Gewalt und Fanatismus und hält Abstand zu allem, was mit Straftaten zu tun hat …

4.
Sie interessiert sich für Politik und Gesellschaft, ist mit den politischen Verhältnissen des Ortes und des Staates, in dem sie lebt, vertraut und kennt die maßgeblichen Mandatsträger entweder persönlich oder dem Namen nach. Sie informiert sich über ­politische Entscheidungsträger wie den/die Bundespräsidenten/in, den/die Bundeskanzler/in, die Minister dieses Landes und auch anderer Länder; sie nimmt an den Problemen des Landes teil, verfolgt die Medien in der Landessprache, beteiligt sich zusammen mit ihrer Familie an den öffentlichen Veranstaltungen der staatlichen und zivilgesellschaftlichen Institutionen; sie nimmt ihr aktives und passives Wahlrecht in Anspruch und unterstützt bei internationalen Begegnungen das Sportteam des Landes, in dem sie lebt …

5.
Sie kennt bezüglich des Landes, in dem sie lebt, die Sprache, Kultur, Verfassung, Gesetze, Staatsstruktur, Werte, Mentalität, Nationalhymne, Geschichte, Identität, Traditionen, bedeutende historische Persönlichkeiten und all die Besonderheiten, die diesem Land seinen spezifischen Charakter verleihen; sie macht sie sich zu eigen und zeigt Respekt davor …

6.
Sie misst ihrer Körperpflege und ihrer Kleidung große Bedeutung bei und vermeidet ein Aussehen, das die Toleranz anderer überbeanspruchen würde; mit ihrer sauberen, eleganten, ästhetisch angenehmen, einfachen, modernen Kleidung in gut zusammenpassenden Farben strebt sie eine Harmonie mit der Jahreszeit, dem Zeitalter und der geografischen Region an, in der sie lebt …

7.
Sie ist fleißig und aufrichtig, sie verdient ihren Lebensunterhalt im Schweiße ihres Angesichts; sie ist ihrer Beschäftigung treu, führt ihre Arbeit in hoher Qualität aus; sie nimmt nicht unnötig Sozialhilfe in Anspruch und vermeidet es, auf Kosten der ­Arbeitslosenhilfe zu leben; sie verlässt nicht unerlaubt ihren ­Arbeitsplatz, um zu beten, sondern sie verrichtet ihre Arbeit zu dieser Stunde, als ob sie ihr Gebet wäre; sie wird ihren Arbeit­geber und die Finanzbehörden des Staates nicht betrügen; sie unterhält gute Beziehungen mit ihren Arbeitskollegen …

8.
Sie schafft nach Möglichkeit Arbeitsplätze, die dem wirtschaft­lichen Wohl des Landes dienen, sie lässt ihre Beschäftigten nicht schwarzarbeiten; sie schließt für sie alle erforderlichen Versicherungen ab und zahlt ihnen rechtzeitig den Lohn; sie führt ihre Steuern regelmäßig ab; sie unterstützt als Sponsor gemeinnützige Initiativen …

9.
Sie besucht – um der Isolation vorzubeugen und um mit der Bevölkerung des Landes in Kontakt zu kommen – zusammen mit ihrer Familie über Einkaufszentren hinaus auch solche öffent­lichen Plätze wie Cafés, Restaurants, Festivals, Kinos, Bibliotheken, Theater, Kunstausstellungen, Museen und alle sonstigen Räume, wo politische, soziale und kulturelle Veranstaltungen stattfinden, und sie tritt dort in Kommunikation mit der Bevölkerung des Landes, in dem sie lebt …

10.
Sie missbilligt auf allen ihr zur Verfügung stehenden Plattformen Fälle von Menschenrechtsverletzungen, Gewalt, Diskriminierung, Rassismus, Angriffen gegen jegliche Religion, von Hass und Polarisierung der Gesellschaft; sie verteidigt vor allem die Rechte der Frauen und die Menschenrechte sowie die Freiheit der Rede, des Denkens und des Lebens; sie engagiert sich mit aller Kraft für die Eindämmung der Umweltverschmutzung; sie bringt sich nicht nur in religiösen Gemeinschaften aktiv ein, sondern auch in zivilgesellschaftlichen Organisationen mit kulturellen, humanitären, erzieherischen und sozialen Zielen …

11.
Sie verfolgt das Tagesgeschehen in dem Gebiet, in dem sie wohnt, bleibt durch das Lesen von Veröffentlichungen und ­Bekanntmachungen über die Entwicklungen auf dem Laufenden, besucht Informationsveranstaltungen, versucht die ihr als wichtig erscheinenden neuen Bücher zu beschaffen, meldet sich als Benutzer bei der Stadtbücherei an und nimmt sich unbedingt Zeit zum Lesen …

12.
Sie verfolgt die in- und ausländische Presse, liest regelmäßig ­Bücher, Zeitungen und Zeitschriften, abonniert mindestens eine deutschsprachige Zeitung oder Zeitschrift, um die Entwicklungen im Land und in der Welt zu verfolgen, baut ihre Allgemeinbildung aus, sie sucht den Kontakt mit Intellektuellen und übt Gedankenaustausch; sie macht Bildungsreisen mit verschiedenen anderen Interessenten, sie nimmt an Symposien, ­Seminaren und Vorträgen über aktuelle und wissenschaftliche Themen teil …

13.
Sie meldet sich bei einer Moscheegemeinde ihres Aufenthalts­ortes als Mitglied an, ohne sich von Gruppenzwängen beeinflussen zu lassen, nach Möglichkeit verrichtet sie ihre Tagesgebete und insbesondere ihre Freitags- und Festtagsgebete in der ­Moschee, sie unterstützt die Entwicklung und Integration dieser Gemeinde, indem sie sich an ihren Aktivitäten beteiligt; sie bringt dabei ihre Vorschläge ein, hält sich mit ihrer Kritik über die Fehler und Mängel nicht zurück; sie sorgt dafür, dass Frauen und Kinder an den Aktivitäten der Moscheegemeinschaft aktiv teilnehmen …

14.
Sie richtet ihre Aufmerksamkeit auf die gemeinsamen Werte in verschiedenen Religionen und Kulturen und bemüht sich darum, diese zu entwickeln; sie achtet die Unterschiede als Reichtum der Menschheit; sie interessiert sich für die Besonderheiten der anderen Kulturen, Religionen und Völker und achtet deren Werte; sie übernimmt eine Brückenfunktion bei der interkul­turellen Kommunikation, tritt anderen Denk- und Glaubensrichtungen mit unbegrenzter Toleranz entgegen, ohne sich überlegen zu fühlen, und verteidigt die Bürgerrechte aller Menschen …

15.
Sie misst neben ihrem guten Charakter auch der Sauberkeit große Bedeutung bei: der Reinlichkeit ihrer Umgebung, Wohnung, Arbeits- und Aufenthaltsstätte, ihrer täglichen Körperpflege, ihrer Kleidung, die darüber hinaus gebügelt, modern und elegant ist, und allen Details der Sauberkeit, Pflege, Gestaltung und Ästhetik …

16.
Sie pflegt enge Beziehungen zu ihren Nachbarn; sie teilt mit ­ihnen, soweit es im üblichen Rahmen bleibt, Essen und Trinken, begeht die religiösen und nationalen Feste, tauscht mit ihnen Geschenke aus, indem sie mit ihnen eine gute Freundschaft pflegt, bietet ihre Hilfe an und vermeidet Verhaltensweisen, die ihre Nachbarn irritieren könnten …

17.
Sie versucht, ihre Nachbarn in keiner Weise zu stören; daher achtet sie darauf, den Müll sachgerecht zu trennen und die ­Sammelstellen sauber zu halten, sie achtet auf die Zimmerlautstärke beim Hören von Rundfunk und Musik in ihrer Wohnung, vermeidet Besuche in späten Nachtstunden und empfängt in diesen Stunden auch keinen Besuch, wenn es nicht notwendig ist; sie achtet auf die sachgemäße Benutzung der Briefkästen, Parkplätze …

18.
Sie wird, wenn sie sich politisch engagieren möchte, Mitglied in einer demokratischen Partei, deren Ziele sie für richtig hält, und nimmt aktiv an den Veranstaltungen dieser Partei teil; sie ist bereit, auf allen Ebenen vom Kommunal- bis zum Bundesparlament zu kandidieren, um der Bevölkerung besser dienen zu können; sie setzt sich im Sinne der Verfassung des Landes ein, um die Rechte der Bürger zu wahren; sie setzt es sich zum Ziel, die Harmonie, den Frieden und den Wohlstand in der Gesellschaft voranzubringen; sie instrumentalisiert nicht ihren Glauben für die Politik, sondern steht im Dienst aller und arbeitet daran, dass sich das Land auf jedem Gebiet weiterent­wickelt und vor Gefahren geschützt bleibt …

19.
Als Künstler, Handwerker, Akademiker, Journalist, Schriftsteller, Politiker, Arzt, Sportler und in welchem Beruf auch immer leistet sie jeweils in ihrem eigenen Fach durch ihre gesammelte Erfahrung einen Beitrag für den weiteren Fortschritt des Landes, für die kulturelle, soziale und wissenschaftliche Integration und für die interkulturelle Verständigung …

20.
Sie unterzieht ihr Religionsverständnis einer Prüfung durch ihre Vernunft und hält dadurch Abstand von extremen Haltungen.

Bei dieser Aufzählung von Merkmalen handelt es sich lediglich um Beispiele. Je mehr Muslime es gibt, die Gemeinsamkeiten mit diesem skizzenhaften Modell aufweisen, desto weniger Ängste und Vorurteile werden in der Gesellschaft sein, und desto mehr wird das gegenseitige Vertrauen wachsen.

Wenn uns mit allen konstruktiven Mitgliedern der Gesellschaft ein Schulterschluss gelingt und wir unsere religiöse Identität mit der unseres Landes zu einer Synthese führen, so erreichen wir den Zustand, den wir Integration nennen. Ich sehe denjenigen muslimischen Menschen als einen in die Gesellschaft integrierten ­Mu­slimen an, der diese Integration unter Wahrung seiner Identität ­erreicht. Wenn das gelingt, brauchen wir weder auf der einen Seite eine »Assimilation« zu fürchten noch auf der anderen »Parallelgesellschaften« als Symptome einer gescheiterten Integration.

Quelle: Benjamin Idriz: “Grüß Gott, Herr Imam! Eine Religion ist angekommen”, Diedrichs-Verlag München 2010, ISBN-13: 978-3424350425