Bibelarbeit

Herz mit Hand

“Scharia entsetzlich entstellt”: Penzberger Imam beim evangelischen Kirchentag

Bei einer Bibelarbeit mit dem bayerischen evangelischen Landesbischof Johannes Friedrich am Freitag auf dem evangelischen Kirchentag in Dresden machte der Penzberger Imam Idriz seine Forderung am Begriff der „Scharia“ fest. Der Begriff werde von einigen Muslimen „leider entsetzlich entstellt“, weil sie Gegenwart und Zukunft mit ihrem jahrhundertealten Islam-Verständnis verschütteten.

Idriz kritisierte auch die öffentliche Debatte über den Islam, „die sich überhaupt nicht darum bemüht, zu verstehen, was der Begriff eigentlich bedeutet“. Das gehe so weit, dass der alleinige Gebrauch des Wortes genüge, um als „nicht integrierbarer Fundamentalist“ abgestempelt zu werden. „Ich erlebe das persönlich sehr heftig“, sagte der Imam. Idriz’ Penzberger Gemeinde wird vom Verfassungsschutz beobachtet. Er bat darum, eigene Assoziationen beim Wort „Scharia“ zu mittelalterlichen Rechtsvorstellungen bis hin zu Körperstrafen mit der tröstenden und hoffnungsfrohen Botschaft Gottes zu ersetzen.

Niemand könne fordern, den Wortlaut des Korans zu verändern, sagte er beim evangelischen Kirchentag. Aber auch wenn die Muslime glaubten, dass die Offenbarung des Korans das unmittelbare Wort Gottes sei, so müssten sie verstehen, dass es nicht nur darauf ankomme, was Gott im Koran gesagt, sondern darauf, was er damit gemeint habe. „Wie würde Gott heute zu uns sprechen, wie würde er das alles in der Sprache unserer Zeit und unserer Kultur ausdrücken?“, fragte Idriz. Um das zu verstehen, dürfe man sich nicht auf jahrhundertealte Texte zurückziehen, sondern man müsse auf sein Herz hören, „in mein Innerstes hinein – denn dort finde ich Gott“.

Idriz betonte in Dresden die friedliche Ausrichtung des Islam. Muhammed habe die Menschen in seiner Abschiedspredigt nochmals eindringlich davor gewarnt, „in religiösen Dingen die Grenzen zu überschreiten“, also zu übertreiben, in Radikalismus und Extremismus zu verfallen, das normale Maß, den gesunden Menschenverstand, also das Herz außer Acht zu lassen. epd
Quelle: http://www.merkur-online.de/lokales/penzberg/scharia-entsetzlich-entstellt-penzberger-imam-beim-evangelischen-kirchentag-1269940.html

Bibelarbeit: Wortlaut des Textes – Von Imam Benjamin Idriz

Imam-Benjamin-Idriz

Mose: Rolle und Bedeutung im Koran

Der Koran – nach dem Glauben der Muslime die letzte Offenbarung Gottes an die Menschen – enthält keine neuen Inhalte, die alles Frühere ersetzen oder gar für ungültig erklären würden.

Vielmehr vollendet und bestätigt der Koran die Schriften des Alten und des Neuen Testaments, und, in unserer Sicht, korrigiert er sie auch in manchen Punkten.

Insgesamt sind es aber die Übereinstimmungen, das Judentum-, Christentum- und Islam- Verbindende und Gemeinsame, das bei weitem überwiegt – von der Schöpfung der Welt mit Adam und Eva angefangen über die großen Gestalten der Heilsgeschichte, Noah, Abraham und seine Söhne Ismael und Isaak, Jakob als Stammvater der Israeliten und Josef, der von seinen Brüdern nach Ägypten verkauft wurde, die Könige David und Salomo, bis hin zu Zacharias und Johannes dem Täufer, Maria und ihrem Sohn Jesus mit seiner Botschaft der Liebe und des Friedens.

Die Gestalt des Mose ist besonders gut geeignet, die weit reichenden Gemeinsamkeiten zu illustrieren. Eigentlich ist alles, was Ihnen über Mose aus den Büchern der Tora bekannt ist, auch den Muslimen aus dem Koran vertraut. Wie kein anderer Prophet wird Mose mehrfach im Koran erwähnt, genau 131 Mal, während Muhammed 4 Mal namentliche Erwähnung findet. Angefangen mit seiner Rettung als Säugling im Binsenkörbchen auf dem Nil. Die Frau des Pharao, ihren Namen kennt die islamische Tradition als Âsiya, rettet das Kind, indem sie sich gegen den ausdrücklichen Willen ihres Mannes durchsetzt.

Mose ist und bleibt für Muslime ein hoch geachteter Prophet und eine wichtige Gestalt für die Beziehung Gottes zu den Menschen; dabei waren und sind sich Muslime immer der besonders zentralen Bedeutung bewusst, die Mose im Selbstverständnis des jüdischen Volkes spielt.

Eine der Ehefrauen des Propheten Muhammad, sie hieß Safiya, war jüdischen Ursprungs. Als sie deswegen von anderen angefeindet wurde, riet er ihr, ihre Herkunft als besondere Auszeichnung zu verteidigen mit den Worten: „Wie sollt ihr besser sein als ich? Ist doch mein Mann Muhammad, mein Vater Aaron und mein Onkel Mose.“

Mose – Mûsa in der arabischen Sprache des Korans – wurde zum Propheten berufen und war, gemeinsam mit seinem Bruder Aaron (Harûn) dazu bestimmt, sein Volk, die Söhne und Töchter Israels, vor der Unterdrückung durch den Pharao zu retten. Besonders die Sure 28 erzählt vieles davon; sie hat die Bezeichnung „Al Qasas -die Geschichte“, gemeint ist: die Geschichte von Mose und seinem Volk.

Den Auftrag Gottes an Mose fasst Sure 14 Vers 5 zusammen: „Führe dein Volk aus den Tiefen der Finsternis ins Licht, und erinnere sie an die Tage Gottes!“.

Aus einem Feuer in der Wüste, der Koran nennt den Ort des Geschehens „das geheiligte Tal“, wird er von Gott angesprochen: „Ich habe dich auserwählt, höre auf das, was dir offenbart wird. Wahrlich Ich – Ich allein – bin Gott, es gibt keine Gottheit außer Mir“ (20:12-14). Dem Vorbild des Mose folgend, das Ihnen von dieser Stelle her vertraut ist, dass er nämlich vor dem brennenden Dornbusch die Schuhe ablegte, ist in der islamischen Tradition wie Sie wissen, die Sitte bis heute weit verbreitet, vor dem Gebet die Schuhe auszuziehen.

Nach den Konfrontationen mit Pharao, und nach dem Wunder des Durchzugs durch das geteilte Meer, wandert das Volk durch die Wüste und Mose erhält dort Gottes Offenbarung. Der Koran nennt sie die tawra, die Tora. Als deren Quintessenz gewissermaßen kennen Juden und Christen die „Zehn Gebote“. Muslime können sich dem ohne Einschränkung anschließen, wenn man einmal vom Sabbat-Gebot absieht, das ja auch die Christen nach ihrem Verständnis adaptiert haben. Ansonsten sind alle Gebote, dem Wortlaut oder zumindest dem Inhalt nach, auch im Koran enthalten, nicht in einem Stück, sondern wiederholt und verteilt über viele Suren.

Ähnlich wie es in der Tora der Fall ist, enthält auch der Koran teilweise Handlungsanweisungen und Richtlinien, die für die Konstitutierung der Gemeinschaft der Gläubigen für deren Zusammenleben und Beziehungen zur Umwelt grundlegend sind. Oft reflektieren diese Vorschriften jene der Tora. Und so wie Gott sich zur Zeit des Mose für seine Offenbarung der Sprache und Kultur der Israeliten jener Epoche bediente, so tat er es später mit der Sprache und Kultur der Araber zur Zeit des Propheten Muhammad. Das Motiv aber, das sich als roter Faden durch alle Offenbarungen hindurch zieht, ist die alles menschliche Maß übersteigende Barmherzigkeit Gottes! Nach der Verfehlung der Israeliten mit dem Goldenen Kalb, wirft, wie in der Bibel, Mose die Gesetzestafeln hin, besinnt sich aber und betet: „Herr, vergib mir und meinem Bruder und nimm uns in Deine Gnade auf: denn Du bist der Barmherzigste der Barmherzigen.“ (7:151). In der Niederschrift der Tafeln, so heißt es weiter, ist „Rechtleitung und Barmherzigkeit für alle, die Ehrfurcht vor ihrem Erhalter haben.“ (7:154).

Das Verhältnis Gott und Mensch aus koranischer Sicht

Zu den Stereotypen, die über den Islam kursieren, und manchmal auch ganz gezielt verbreitet werden, gehört der Vorwurf, Gott – „Allah“ ist nur die wunderbar wohlklingende arabische Vokabel für Gott – stünde dem Menschen in unüberbrückbarer Distanz gegenüber. Dem widerspricht ja schon der Glaube an die Offenbarung selbst, denn indem Gott sich den Menschen offenbart, überbrückt Er, nach Seinem Willen, was uns von Ihm trennt. Gleichwohl lehnt der Islam, wie Sie ja sicherlich wissen, eine Menschwerdung Gottes ab. Hier liegt ein zentraler Unterschied zwischen den Religionen, den wir, meine ich, stehen lassen und gegenseitig respektieren dürfen und sollen.

Jesus ist laut Koran nicht Sohn Gottes und erst recht nicht eins mit Gott, sondern ein Mensch, der als Prophet einen besonderen Draht zu Gott hatte und Ihm in besonderer Weise nahe stand, ein ganz wichtiges Vorbild für alle Menschen.

Der Koran kann Jesus sogar „Wort Gottes“ (4:171) nennen, weil er die Botschaft Gottes durch sein Leben und Lehren in besonderer Weise verkörpert hat. Aber wir Muslime können nicht von einem „fleischgewordenen Wort Gottes“ sprechen. Für uns ist das Wort Gottes einzig und allein in der Schrift präsent, im Koran. Wenn wir uns in Sein unmittelbares Wort vertiefen, bei der Koranlektüre also, begegnen wir Gott. Manche Theologen und Religionswissenschaftler haben deshalb schon die Koranrezitation aus muslimischer Sicht mit dem christlichen Verständnis der Abendmahlsfeier verglichen, weil die Gläubigen dabei jeweils ganz besonders unmittelbar die Gegenwart Gottes spüren.

Was wir im Koran lesen, stellt uns Gott eben nicht als eine unendlich ferne, unnahbare oder gar unheimliche Größe dar, sondern – davon sprach ich schon – in allererster Linie als Quelle der Barmherzigkeit, oder mit einer noch deutlicheren Vokabel übertragen: der Liebe. Die Liebe, die Barmherzigkeit Gottes ist tatsächlich das mit weitem Abstand am häufigsten gebrauchte Attribut Gottes, und eine der häufigsten Vokabeln überhaupt im Koran – eine Tatsache, die so manche Außenansichten über den Koran leider gerne vollkommen überspringen.

Allerdings räume ich freilich auch ein, dass auch manche meiner muslimischen Glaubensbrüder und –schwestern nicht gerade immer diesen Aspekt vorleben, nicht nach außen und auch nach innen nicht.

Natürlich ist Gott unfassbar und erhaben und nichts auf der Welt kann mit Ihm auf eine Stufe gestellt werden. Aber wenn sich dieser Gott mit seiner Barmherzigkeit und Liebe dem Menschen immer wieder zuwendet, wie könnte Er ihm dann ferne sein? Das formuliert der Koran sehr einprägsam und in aller Deutlichkeit: „Wir sind dem Menschen näher als seine Halsschlagader“ (50:16).

Gottes Anliegen ist es also, eine Beziehung zu Seinem Geschöpf, dem Menschen, zu knüpfen. Wie für jede gelingende Beziehung braucht es dafür eine tragfähige Grundlage. Und die liefert uns Gott durch Seine Offenbarung, die Er als Leitfaden den Menschen immer wieder mitgegeben hat. Gott schließt, auch nach koranischer Auffassung, immer wieder Seinen Bund mit den Menschen: mit Adam und Eva, mit Noah, mit Abraham, mit Mose und seinem Volk. Sure 2 Vers 40 heißt es z.B.: „Ihr Kinder Israels, gedenkt der Gnade, die Ich euch geschenkt habe. Erfüllt die Verpflichtung Mir gegenüber, Ich erfülle Meine euch gegenüber“.

Für diese „Verpflichtungen“, für die Bestimmungen, die jeweils zu dem Bund gehören, hat die islamische Tradition das Wort „Scharia“ geprägt – ein Begriff, der leider entsetzlich entstellt wird, von einigen Muslimen in manchen Ländern, die mit einem in früheren Jahrhunderten stehengebliebenen Islam-Verständnis die Gegenwart und Zukunft unter heute völlig ungeeigneten Vorstellungen verschütten, aber auch in der öffentlichen Diskussion, die sich überhaupt nicht darum bemüht zuerst einmal zu verstehen, was der Begriff eigentlich bedeutet. Das geht so weit, dass der bloße Gebrauch des Wortes alleine schon genügt, um als absolut nicht integrierbarer Fundamentalist abgestempelt zu werden.

Ich selbst erlebe das persönlich sehr heftig. Ich habe deshalb mit mir gerungen, ob es sinnvoll ist, hier überhaupt auf Scharia einzugehen, denn natürlich ist hier nicht die Gelegenheit, das in der notwendigen Ausführlichkeit zu tun. Aber ich bitte Sie, wenn Sie dieses Wort hören, Ihre Assoziationen zu schrecklichen, mittelalterlichen Rechtsvorstellungen bis hin zu Köperstrafen einfach einmal zu ersetzen mit der tröstenden und hoffnungsfrohen Botschaft, dass Gott immer wieder zu Seinem Bund mit den Menschen steht und wir das Gleiche tun sollten.

Die Bestimmungen des Bundes durch Mose sind in der Tora sehr detailliert niedergelegt. Dort ist sehr oft von Körper- und Todesstrafe die Rede, und auch von Gegenwehr gegen Feinde. Dennoch sind wir uns sicher einig, dass das, was Gott den Israeliten zu jener Zeit anempfohlen hat, heute in ganz anderer Weise, und keineswegs eins zu eins dem Buchstaben nach, in unsere Kultur und Zeit übertragen werden muss.

Mit dem Bund, den Gott durch Muhammad geschlossen hat, ist es nicht anders. Niemand kann fordern, den Wortlaut der Tora zu verändern, und beim Koran ist es genauso. Aber auch wenn wir Muslime glauben, dass die Offenbarung des Korans das unmittelbare und ewige Wort Gottes ist, so dürfen und müssen wir verstehen, dass es nicht nur darauf ankommt, was Gott im Koran gesagt hat, sondern vor allem auch darauf, was Er damit gemeint hat. Wie würde Gott heute zu uns sprechen, wie würde Er das alles in der Sprache unserer Zeit und unserer Kultur ausdrücken? Um das zu verstehen, darf ich mich nicht auf die Buchstaben Jahrhunderte alter Gesetzestexte zurückziehen, sondern muss auf meine Halsschlagader hören, auf mein Herz, in mein Innerstes hinein – denn dort finde ich Gott.

Das Verhältnis Mensch und Gott aus koranischer Sicht

In der Erzählung von Mose, wie auch verschiedentlich an anderen Stellen, verwendet der Koran das Wort „Herz“: Nachdem sich Moses Mutter von ihrem Kind getrennt hatte, um es zu retten, da „wuchs in ihrem Herzen eine schmerzende Leere“. (28:10) Ihr Leben, ihr ganzes Sein, heißt das doch wohl, war sinnlos geworden. Aber Gott, so heißt es weiter, „stärkte ihr Herz, sodass sie zu den Glaubenden gehörte.“ Die Bezogenheit auf Gott ist es, die in scheinbar aussichtsloser Leere wieder Inhalt und Kraft vermittelt.

Das Herz, so hat es der Herr Landesbischof eben beschrieben, kann ein Bild für das Verstehen und Denken des Menschen sein. Ein ganz wichtiges Anliegen Gottes ist es offenbar, den Menschen immer wieder und wieder zum Nachdenken über Seine Offenbarung zu ermuntern, aufzufordern. An beinahe unzähligen Stellen stehen im Koran Formulierungen wie „denkt nach!“, „versteht ihr denn nicht?!“, „schaut hin!“. Noch bevor Gott im Koran zum Menschen „Glaub!“ gesagt hat, sagte Er „Lies!“ – d.h. mache dich kundig, lerne, sieh hin und dann wirst du verstehen.

Bevor Gott in historischer Reihenfolge die heiligen Texte offenbarte, hatte Er bereits den Menschen und seine Vernunft erschaffen. Der Mensch kann durch seine Vernunft erkennen, dass Gott existiert und was gut und böse, was nützlich und schädlich, was sauber und schmutzig ist. Diese Erkenntnis steht jedem zu, der in Besitz eines reinen Gewissens und gesunden Verstandes ist. Es gilt, dem Propheten dorthin zu folgen, wo der Mensch Schwierigkeiten mit dem vernunftmäßigen Begreifen hat: wenn es um den Inhalt des Glaubens oder um die Fragen des Jenseits geht. Ein Verständnis des Glaubens, das sich von der Vernunft und Erkenntnis entfernt, wird dagegen Fanatismus hervorbringen und in Widerspruch mit den natürlichen Werten des Lebens geraten.

Das Wesen der im Koran behandelten Themen bildet der Mensch. Da Gott dem Menschen etwas von Seiner eigenen Seele eingehaucht hat (15:29), ist der Mensch dasjenige Wesen, das Gott am nächsten steht, das am wertvollsten ist. Der vorzüglichste Ort, Gott zu erkennen, ist das Gewissen des Menschen. Also besteht zwischen Gott und Mensch kein vertikales, sondern ein horizontales Verhältnis. Gott – trotz Seiner absoluten Mächtigkeit – darf nicht als ein Wesen angesehen werden, das auf den Menschen von oben, aus höchster Höhe herabsieht, sondern als eines, das neben dem Menschen steht, in ihm und mit ihm zusammen ist. „Wenn meine Diener dich nach Mir fragen – siehe, Ich bin nahe. Ich erhöre den Ruf dessen, der ruft, wann immer er zu Mir ruft“ (2:186).

Die hierarchische Betrachtung Gottes als oben stehendes Wesen führte dazu, dass der dadurch entstandene Abstand zwischen Gott und dem Menschen von verschiedenen Klassen aufgefüllt wurde. Ein derart entrückter Gott löst bei den Gläubigen Furcht und Zurückhaltung aus, bei den Atheisten hingegen die Verleugnung Gottes. Wir brauchen ein neues Verständnis, das Gott in die Welt und die Welt in Gott aufnimmt. Anstelle einer Lehre, die sich auf Gott konzentriert, brauchen wir in der Theologie eher eine Anthropologie, die den Menschen zum Gegenstand macht.  Da der Ansprechpartner des Korans der Mensch ist, erzählt dieses Buch mit Beispielen aus einer bestimmten Zeit von einem bestimmten Ort über den gemeinsamen Aufbau der Welt durch Gott und den Menschen.

Gott offenbart dem Menschen also keine fertigen Antworten, sondern er zeigt ihm Beispiele aus einer bestimmten gesellschaftlichen Wirklichkeit und verlangt von ihm, dass er daraus Schlüsse zieht und dadurch sein Bewusstsein schärft. So will Gott den eingeschlafenen Geist der Menschheit erwecken und die Seite in ihm beleben, die nach Güte und Gerechtigkeit sucht.

Für den Menschen ist Gott kein zu fürchtender Herrscher, sondern ein Freund, bei dem der Mensch Zuflucht vor seinen Ängsten sucht; für Gott ist der Mensch ein Geschöpf, mit dem er die Welt aufbaut.

Als Dank für die von Gott geschenkten Gaben der Vernunft und der Talente errichtet der Mensch mit deren Hilfe die Welt. Ein Religionsverständnis und ein Glaubensdiskurs können nicht über Epochen hinweg ihre Gültigkeit behalten, wenn sie von einer vernunftlosen und seelenlosen Theologie geformt sind, die mit dem Lauf der Dinge nicht Schritt hält, die den Menschen nicht ins Zentrum setzt, das Verhältnis zwischen Gott und Mensch auf die Furcht reduziert, Gott nicht als aktiv Handelnden denkt, sondern seinen Text dogmatisiert und die Lösung jeglicher Fragen in dieses dogmatische Gottesverständnis einsperrt.

Alle Disziplinen der Theologie müssen auf Liebe fokussiert sein. Die Liebe bestimmt auch das Verhältnis zwischen Gott und Mensch und nicht die Furcht oder der Hass. Das heißt, Liebe, Toleranz, Respekt und Gerechtigkeit müssen zum tragenden Element werden, in dem der Gelehrte die Verantwortung übernimmt, die Religion zu interpretieren und zu kommentieren.

Wo es um Gott und Mensch geht, steht alles auf dem Spiel

Wir haben gehört, dass der biblische Text den wir besprochen haben, so etwas wie das Vermächtnis des Propheten Mose an sein Volk darstellt, gesprochen kurz vor seinem Tod. Mich erinnert das an einen wichtigen Text, den jede Muslima und jeder Muslim kennt (oder kennen sollte): die so genannte „Abschiedspredigt“, die der Prophet Muhammad kurz vor seinem Tod in Mekka gehalten hat. Darin erinnert er die Menschen daran, dass Gott unter ihnen keinerlei Rangordnung kennt, nicht nach Mann oder Frau, nicht nach Weiß oder Schwarz, nicht nach Araber oder Israelit oder welcher Ethnie auch immer.

Der Prophet warnte die Menschen in seiner Abschiedspredigt noch einmal eindringlich davor, „in religiösen Dingen die Grenzen zu überschreiten“, also zu übertreiben, in Radikalismus und Extremismus zu verfallen, das normale Maß, den gesunden Menschenverstand, also das Herz des Menschen, außer Acht zu lassen.

Und der Prophet wählte aus dem gesamten Koran einen einzigen Vers aus, um ihn in seiner Abschiedspredigt noch einmal zu zitieren: „Ihr Menschen! Wir haben euch aus Mann und Frau erschaffen und haben euch zu Völkern und Stämmen werden lassen, damit ihr euch kennenlernt.“ (49:13). Das Lernen übereinander und voneinander, der Austausch, der Dialog, dass wir nicht nebeneinander her leben, sondern aufeinander zugehen und uns verständigen – das ist ein Gebot Gottes, nicht weniger wie es ein Gebot der Vernunft und des Herzens sein sollte.

Deshalb freut es mich sehr, dass so ein Austausch wie hier im Rahmen dieses beeindruckenden Kirchentags möglich war. Ich danke Ihnen, lieber Herr Friedrich, den Veranstaltern, Frau Godel, und Ihnen allen für Ihre Teilnahme sehr herzlich.