>>Die Frauen haben den gleichen Wert wie die Männer<<

Die Frauen haben den gleichen Wert wie die Männer. Nur die Würdigen würdigen Frauen und nur die Nichtswürdigen erniedrigen sie« Gottes Prophet Muhammed (s).

Der Anlass dieses Artikels ist der Weltfrauentag

»Die Frauen haben den gleichen Wert wie die Männer. Nur die Würdigen würdigen Frauen und nur die  Nichtswürdigen erniedrigen sie« Gottes Prophet Muhammed (s).

Die europäische Muslime müssen beim Kampf gegen die frauenfeindlichen Diskurse eine Vorreiterrolle übernehmen

Von Imam Benjamin Idriz

Die erste Generation der Muslime und allen voran der Prophet Muhammad haben sich vorbildlich verhalten, wenn es darum ging, die Liebe und Respekt zu ihren Frauen offen zu bekennen und zur Sprache zu bringen. Sie waren nicht scheu, Liebe und Respekt zu zeigen, die sie als etwas Angenehmes, Schönes und Heiliges erlebten. Muhammad, der seine Empfindsamkeit nicht verbarg, sagte es in aller Öffentlichkeit: »Ich liebe die Frauen, ich trage gern Düfte auf, und das tägliche Beten ist mein Augapfel«. Es steht leider in den etwas verstaubteren Seiten der Überlieferung der Sunna geschrieben, dass Muhammad zusammen mit seinen Frauen zu den Veranstaltungen in der Stadt ging, an den kulturellen Ereignissen teilnahm, mit ­ihnen zusammen Sport machte, ihnen bei der Hausarbeit half, mit ihnen scherzte und spielte. Die islamische Kultur kennt ihn so daher kaum.

Diese offene Art Muhammads, seine Liebe zu seinen Frauen zu zeigen, wurde in den Epochen des Rückschritts und der Verbreitung des Konservativismus zunehmend als eine Schande empfunden. Das neue, geschmacklose und grobe Verständnis von Religiosität führte zu vielen Abarten des Glaubens. Was heilig war, wurde zu etwas Beschämendem, der Machismus galt nunmehr als Tugend, und die Liebe verlor ihre Romantik und wurde zum Krampf. Doch es ist keine Schande, zu lieben und die Liebe offen zu zeigen. Was eher beschämend ist, ist der Machismus und der Streit in der Familie. Doch nicht wenige »fromme« Muslime halten es für verwerflich, sich der Liebe zur eigenen Frau zu bekennen.

Die Diskussion um die Rechte der Frauen haben nicht nur im Westen, sondern in den letzten Jahren auch im Osten – stark zugenommen. Diese Thematik greift bereits der Koran schon im 7. Jahrhundert auf. Die 58. Sure des Korans hat den Titel »mudschadala« (Diskussion), oder »mudschadila« (Diskutantin). Der Offenbarungsanlass dieser Sure war eine Diskussion, die eine Frau zu Lebzeiten Muhammads entfachte. Indem sie eine Angelegenheit, die unter Frauen zu klären war, publik machte, konnte sie diese zu ihren Gunsten entscheiden. Das heißt: Je mehr Mitspracherechte Frauen in der Gesellschaft erhalten und je offener Männer mit ihnen über gesellschaftliche Themen diskutieren, desto schneller können Vorurteile und Missverständnisse beseitigt werden und desto eher erreicht man Gerechtigkeit und Gleichberechtigung.

Eines der umstrittensten Themen – heute und insbesondere in der Gesellschaft, in der wir leben – ist die Stellung der Frau in den muslimischen Gesellschaften. Und das ist gut so, denn wir sind davon überzeugt, dass Analog zu einer gleichberechtigteren Stellung der Frau auch die Integration Fortschritte machen wird.

Leider ist in der Literatur, im Diskurs, im Denken und im Tun der Muslime nicht wenig »Frauenfeindlichkeit« zu finden, und es wird eine langwierige und mutige Arbeit nötig sein, um sie davon zu reinigen. Dieser Versuch wird in den letzten Jahren aufs Intensivste unternommen, die einige grundlegende Fehler beseitigen wollen. Wenn wir uns z.B. Länder wie Marokko oder die Türkei vor Augen führen.

Und wenn wir die heute umstrittene Stellung der Frau aus dem Blickwinkel des Korans und des Propheten sowie der Vernunft betrachten, erhalten wir ein ganz anderes Bild als das, was gemeinhin für eine islamische Einstellung gehalten wird.

Nach dem Koran steht weder Adam noch Eva am Anfang der Schöpfung der Menschheit, sondern die gemeinsame Substanz, aus der beide hervorgegangen sind. Es ist diese Substanz, aus dem Gott, wie es im Koranvers deutlich heißt, »viele Männer und Frauen entstehen und sich vermehren ließ« (Koran: 4/1). Demnach steht im Koran kein »patriarchalisches« Prinzip am Anfang der Schöpfung der Menschen. Davon ausgehend können wir sagen, dass die Wurzel der Geschlechter in ihrer Gleichheit liegt, vergleichbar mit einem Zwillingspaar, einem Mädchen und einem Jungen, die aus dem Schoß einer Mutter hervorgeht. Dazu setzt das Heilige Buch weit vorne an und betont in seiner Schöpfungsgeschichte eindeutig, dass die Frau und der Mann aus einem einzigen Atemzug erschaffen sind: »Und zu Seinen Zeichen gehört, dass Er euch aus euren Seelen Partner schuf, damit ihr bei ihnen Ruhe findet, und Er Liebe und Zuneigung zwischen euch schuf. Für Menschen, die nachdenken, liegen darin Zeichen.« (Koran: 30/20–22).

Der Koran will gerade verhindern, dass sich die Trennungen zwischen den Menschen aufgrund der Sprache, Religion, Rasse, Hautfarbe und des Geschlechts noch weiter verschärfen, und er will den Menschen ihre Gleichheit zum Zeitpunkt der Schöpfung vor Augen führen.

Die Unausgewogenheit und Ungleichheit in der Gesellschaft ist nicht durch die Religion, sondern durch die »Männer« entstanden. Gott hat Propheten auf die Erde gesandt, um diese Ungleichheit zu beheben und die Gleichheit in der Entstehung des Menschengeschlechts wiederherzustellen. Diese Propheten haben versucht, die Menschen wieder auf die Linie der Gleichheit einzuschwören. In diesem Zusammenhang spieltMuhammads Wort eine entscheidende Rolle: »Die Frauen haben den gleichen Wert wie die Männer. Nur die Würdigen würdigen Frauen und nur die  Nichtswürdigen erniedrigen sie« Zu ­Lebzeiten des Propheten nahmen die Frauen an den täglichen Stundengebeten teil, ebenso am Freitags- und Festtagsgebet, sie benutzten denselben Eingang zur Moschee wie die Männer und sie waren aktiv an allen Veranstaltungen der Moschee beteiligt. Die Integration der Muslime in Deutschland kann nur gelingen, wenn der Weg für die muslimische Frau geebnet ist, in der muslimischen Gemeinschaft eine aktive Rolle zu übernehmen. Es ist eine mit dem Islam unvereinbare, doch oft dem Islam zugeschriebene Vorstellung, dass Frauen nicht führen könnten. Um dies zu widerlegen, sollten sich Frauen aktiv daran begeben, Führungspositionen in der Gesellschaft zu übernehmen.

Da sich diese vom Koran geforderte Gleichheit in der Lebens­praxis der Muslime nicht niederschlagen konnte, entstand ein frauenfeindlicher »Glaubensdiskurs«, der nicht nur das soziale, sondern auch religiöse Leben der Muslime negativ beeinflusst hat. Typische Beispiele dafür sind der Ausschluss der Frauen vom Freitags- und Festgebet, ihre Benachteiligung bei der Erbverteilung oder die Rechtspraxis, nach der die Zeugenaussage eines Mannes doppelt so viel zählt wie die einer Frau.

Diese Behandlung der Frau stützt sich auf haltlose, angeblich religiöse Schriften, die in Widerspruch mit dem Geist der Logik und des Islam stehen und nur dazu dienen, die Frau zu erniedrigen, zu unterdrücken und von der Gesellschaft zu isolieren. Es ist unmöglich, diese fehlgeleitete Sichtweise, die Frauen zu Menschen zweiter Klasse degradiert, mit dem Islam zu vereinbaren. Mit Bezug auf den Koranvers »Und die gläubigen Männer und Frauen sind untereinander Freunde« (Koran: 9/71) revolutionierte Muhammad die Rechte der Frauen. Mit seinen Prinzipien »Die Frauen sind die Geschwister der Männer« und »Frau und Mann sind wie die zwei Hälften eines Apfels« betonte er die Gleichheit der Geschlechter und untermauerte damit die islamische Einstellung zu dieser Gleichheit unmissverständlich. Mann und Frau sind vor Gott absolut gleichwertig. Frauen sind in ihrem Handeln und Wirken ebenso mündig wie Männer. Frauen haben das Recht am gesellschaftlichen Diskurs teilzuhaben, das Recht zu Lernen und zu Lehren, das Recht auf finanzielle und soziale Unabhängigkeit, das Recht zu wählen und gewählt zu werden, das Recht auf Selbstbestimmung. Alle überlieferten Sprüche und Taten, die diesem Prinzip widersprechen, sind später, im Zeitalter des Niedergangs der Muslime entstanden; doch sie sind leider von anhaltender Wirkung bis in unsere Tage.

Wir gelangen zu dem Ergebnis, dass das große Hindernis beim richtigen Verstehen und Erleben des Islam in den Traditionen und Lebensweisen begründet ist, die die Muslime aus ihren Herkunftsländern mitgebracht haben, und dies gilt ganz besonders für die Behandlung der Frau. Die europäischen Muslime übernehmen – wie in vielen anderen Streitthemen – auch beim Kampf gegen die frauenfeindlichen Diskurse und Bräuche eine Vorreiterrolle. So wie es zur Zeit des Propheten Muhammad der Fall war, müssen solche Themen nach dem Vorbild der Sure “die Debatte” heute und morgen objektiv und öffentlich in den Gemeinden diskutiert werden.