Was ist der “Islam im europäischen Kontext”?

Der Islam im Europäischen Kontext

Der »Euro-­Islam« bedeutet für Europa und für den Islam eine gegenseitige Öffnung, gegenseitige Akzeptanz, Toleranz und Achtung, Integration und Harmonie ihrer Werte, Abbau von Konkurrenzdenken, sodass Spannungen und Konflikte erst gar nicht mehr entstehen können. Der »Euro-Islam« möchte eine Brücke schlagen zwischen dem europäischen Denken und dem muslimischen Dasein. Stolz möchte ein Muslim sein, auf seine europäischen genauso wie auf seine religiösen Werte, die er in ausgewogener Weise miteinander vereinbart, die er gleichermaßen schätzt und schützt. Der »Euro-Islam« möchte den in Jahrhunderten wechselseitig angehäuften Vorurteilen und dem Misstrauen zwischen West und Ost ein Ende setzen.

Von Imam Benjamin Idriz

Wie in jeder anderen geografischen Region der Welt ist es auch in Europa unvermeidlich, dass die hier entwickelten Werte wie Demokratie, technischer Fortschritt, pluralistische Gesellschaft das Islamverständnis der europäischen Muslime zwangsläufig beeinflusst hat. Es mag einigen heute noch seltsam erscheinen, aber dieses Verständnis des Islam spiegelt sich sowohl in der Persönlichkeit, der Kleidung, den Bräuchen wider wie auch in der Weltsicht, dem Denken und der Art und Weise, wie Probleme analysiert werden. So wird die Realität, die wir »Euro-Islam« nennen, zunehmend klare Konturen bekommen. Ob man dies anerkennt oder leugnet, ob man Bedenken dagegen hat oder nicht, fest steht, dass diese Entwicklung sich weiter fortsetzen wird.

Ein unter europäischen Bedingungen gewachsenes Islamverständnis würde nicht etwa die Auflösung des Glaubens in westliche Werte bedeuten, sondern es würde in der europäischen Atmosphäre der garantierten Religionsfreiheit die Glaubens- und Moralgrundsätze des Islam bewahren und dabei ein Verständnis der ­Religiosität hervorbringen, das mit den modernen europäischen Werten vereinbar ist. Und dies verdient die Bezeichnung »Euro-­Islam«. Deutlicher gesagt, drückt sich in der Verwendung des Begriffs »Euro-Islam« die Annahme aus, dass der Islam in seiner ultrakonservativen Form mit seinen Bestimmungen der Scharia in den westlichen Gesellschaften nicht praktizierbar ist. Der »Euro-Islam« jedoch kann mit seinen moralisch-ethischen Werten einen positiven Beitrag zu den demokratischen Werten des Westens leisten. Er stützt sich also auf die Überzeugung, dass sich der Islam und der Westen gegenseitig befruchten können. So führt er die Idee des Sultans Mehmet II. fort, dass ein Muslim in Europa leben und die religiös-ethnischen Rechte der Andersgläubigen im Namen des ­Islam beschützen kann.

Der »Euro-Islam« beinhaltet, dass man sich von Verhaltensweisen zurückhält, die andere provozieren und beängstigen könnten; dies schließt z.B. die Überzeugung mit ein, dass das Tragen von allzu fremder Kleidung wie einem schwarzen Tschador oder beduinischen Männerroben zu unterlassen ist, weil dies auf die derzeit ohnehin verunsicherte Gesellschaft in der EU nicht gerade vertrauensbildend wirkt.

Der »Euro-Islam« teilt die Überzeugung, dass die Bestimmungen des Islam an die kulturelle, soziale und politische Situation ­Europas anzupassen sind und die Interpretation des Glaubens diesem Rahmen Rechnung zu tragen hat.

Das Religionsverständnis der Muslime ist in der Regel nicht so sehr durch die Religion selbst geformt als durch althergebrachte Bräuche, Reden traditionalistischer Geistlicher und Ideen, die mittlerweile veraltet sind. Je mehr die Zahl muslimischer Wissenschaftler europäischer Herkunft ansteigt, desto leichter wird sich in Europa ein Islamverständnis herauskristallisieren, das von veraltetem unislamischem Brauchtum und pseudoreligiösem Aberglauben befreit ist und somit dem Wesen des Islam näher liegt. Die Muslime sollten ihr Religionsverständnis neu hinterfragen, die Quelltexte des Glaubens aus der Perspektive der »universellen Werte« betrachten, die Vernunft und kritische Herangehensweise auf allen Gebieten in den Vordergrund stellen, ihre zeitlich überdauerten, räumlich zu weit hergeholten Ansichten über Bord werfen und mit neuen Methoden zu neuen Interpretationen gelangen, ohne sich vom historischen Erbe ganz zu entfernen. Daher brauchen die europäischen Muslime theologische Fakultäten und sonstige wissenschaftliche ­Institutionen, in denen ihre Imame und Religionslehrer ausgebildet werden können. Durch die mithilfe dieser Universitäten ausgebildeten Akademiker-Imame und Religionslehrer könnte der »Euro-Islam« in der Gesellschaft Fuß fassen. Deutschland und Europa könnten den Muslimen günstige Bedingungen bieten, einen neuen Prozess der islamischen Aufklärung einzuleiten.

Der »Euro-Islam« ist ein Ausweg aus der Verstrickung in regionale Bräuche, die mit dem Glauben nichts zu tun haben und die im Gegensatz zu Vernunft und Wissenschaft stehen. Er ist ein Übergang von einer ländlichen Religiosität zu einer städtischen, von ­einer Religiosität der Nachahmung zu einer der Rationalität, vom Islam der Auswanderer zum Islam der Sesshaften. Der »Euro-­Islam« könnte eine Lösung bieten gegen die derzeitige Ausweg­losigkeit, die durch die Ideologisierung und Politisierung der Re­ligion, durch das Einfrieren des Denkens, das Festfahren der Auffassungen entstanden ist.

Andererseits könnte der »Euro-Islam« eine Brücke schlagen zwischen den Kategorien  »Wir« (Juden und Christen) und »die Anderen« (Muslime). Der »Euro-Islam« ist der mittlere Weg zwischen dem einen Extrem, das den Islam aus der europäischen Kultur ausschließen will und in ihm generell eine Gefahr sieht, und dem anderen Extrem, das Europa als Feindesland darstellt, das vom Weg abgekommen und nur noch durch den Islam zu retten ist. Denn der »Euro-Islam« will weder Europa islamisieren noch den Islam europäisieren. Der »Euro-Islam« ist das Gelingen einer Islam-Praxis nach europäischen Normen. Er ist eine doppelte Wertschätzung: von Europa und dem Islam; eine doppelte Liebe und die Fähigkeit, beide Größen in Einklang miteinander zu bringen; er ist das Kunststück, die Existenz beider zu bewahren und stolz auf beide zu sein. Der »Euro-Islam« kommt für Europa einer Hilfestellung gleich, damit die EU – in Bezug auf die in Europa lebenden Muslime und auf die islamische Welt – eine bessere Politik ent­wickeln kann, um jahrhundertelang gewachsenes Misstrauen und Vorurteile zu beseitigen. Der »Euro-Islam« könnte zum idealen Modell für neue Generationen werden, die in Europa eine interkulturelle Kommunikation anstreben, die den Islam und die Modernität versöhnt sehen wollen, die ihren Job nach weltweit gültigen Maßstäben verrichten, keine Konkurrenz und keinen Wettbewerb scheuen, einen positiven Beitrag leisten, sich immer fragen, wie sie der Menschheit helfen können, die Andersartige nicht zum Feind machen und die eine kulturelle Dimension der Religion entwickeln wollen.

Dass sich der »Euro-Islam« mittlerweile von der Theorie in die Praxis umzusetzen beginnt, kündigt sich z.B. durch folgende Anzeichen an: Es wird in einigen Gemeinden verlangt, die Predigten in europäischen Sprachen zu halten (z.B. in Deutsch); beim Bau neuer Moscheen wird nicht mehr der Orient kopiert, sondern man orientiert sich an moderner, europäischer Architektur; es entstehen unabhängige, demokratische islamische Organisationen ohne Lenkung von außen; Muslime nehmen eine europäische Identität an; junge Muslime, die in einer modernen und multikulturellen Gesellschaft aufgewachsen sind, entwickeln neue Formen religiösen Denkens und religiöser Praxis; und dies gilt teilweise sogar für ältere Muslime der ersten oder zweiten Generation, die ihre Sozialisation bereits in einer nichteuropäischen, traditionellen Gesellschaft abgeschlossen haben. Der »Euro-Islam« bedeutet, sich beim Gebet nach Mekka und bei der Politik nach Brüssel bzw. Berlin zu richten: mit der Seele dort, mit Leib und Verstand aber hier zu sein. Der »Euro-Islam« setzt sich dafür ein, eine offizielle Stelle zu schaffen, die die Muslime Europas in Brüssel bzw. Berlin organisatorisch vertreten, und fordert Europa bzw. Deutschland dazu auf, bei der Gründung einer solchen Institution mit Vertretungsanspruch mitzuwirken und die Religion der Muslime auf institutioneller Basis anzuerkennen.

Wenn wir heute folgende Definition des »Euro-Islam« liefern können, so verdanken wir dies positiven Entwicklungen wie der Initiative des Bundesinnenministeriums zur »Deutschen Islamkonferenz« (DIK) sowie der öffentlichen Thematisierung des »Euro-­Islam« bei der von Alois Glück, dem damaligen Präsidenten des Bayerischen Landtags, initiierten Vortragsreihe im Plenarsaal des Landtags mit dem Titel Jahrhundert der Religionen. Der »Euro-­Islam« bedeutet schließlich für Europa und für den Islam eine gegenseitige Öffnung, gegenseitige Akzeptanz und Achtung, Integration und Harmonie ihrer Werte, Abbau von Konkurrenzdenken, sodass Spannungen und Konflikte erst gar nicht mehr entstehen können.

Der Islam in Europa ist kein neues Phänomen. Er lebt im Balkan seit sechs Jahrhunderten, was nicht zu einer »Islamisierung« Europas geführt hat. Denn der Wunsch der Muslime ist nicht eine Islamisierung Europas, sondern die Anwendung der Konvention zum Schutze der Menschenrechte und Grundfreiheiten sowie der Verfassung des jeweiligen Landes auf alle Bürger Europas in gleicher Weise. Die europäischen Muslime hegen einen einzigen Wunsch: dass das Recht auf Leben und Freiheit aller so anerkannt wird, dass sich der Holocaust gegen die Juden, der Völkermord gegen die Muslime von Bosnien und im Kosovo und Terrorakte auch in Bezug auf irgendein anderes Volk nie wiederholen können. Das ist alles.

Nun, wie kann sich ein realer »Euro-Islam« durchsetzen? Des Rätsels Lösung liegt darin, eine aktive Beteiligung der Muslime in diesem Prozess zu bewirken und Europa dafür zu gewinnen, die Glaubensgemeinschaft des Islam anzuerkennen und ihre Institutionalisierung auf den Weg zu bringen. Dass dies gelingen kann, haben das EU-Land Slowenien und Kroatien bereits vorgemacht.

Für die Realisierung eines Europa-kompatiblen Islam bedarf es des Zusammenwirkens zahlreicher Kräfte, Institutionen und etablierter Einrichtungen, die vor allem die Debatten in der Anfangsphase lenken müssten, um hier Fehlentwicklungen gegenzusteuern. Die zentrale Aufgabe wäre, sich auf die neu auftauchenden Fragen der heranwachsenden muslimischen Generation zu konzentrieren und neue, zeitgemäße Ansätze zu entwickeln. Ebenso wichtig ist es, für die Verankerung eines wissenschaftlich fundierten und aufgeklärten Islamverständnisses zu sorgen, wie der Identitätsbildung ­eines europäischen Muslims zur Seite zu stehen, der sich in erster Linie Europa verbunden sieht. Vor allem aber benötigen Muslime einen Perspektivenwechsel, der die religiösen Texte als »universelle Werte« zugänglich macht. Der es erlaubt, den Verstand einzusetzen, Kritik zu üben, neue moderate Methoden zu entwickeln und impulsgebende Interpretationen zu wagen, ohne dabei das kulturelle Erbe völlig zu vernachlässigen. Europa bietet den Muslimen dieses Potenzial, Deutschland bietet es ihnen.

Der »Euro-Islam« möchte eine Brücke schlagen zwischen dem europäischen Denken und dem muslimischen Dasein. Stolz möchte ein Muslim sein, auf seine europäischen genauso wie auf seine religiösen Werte, die er in ausgewogener Weise miteinander vereinbart, die er gleichermaßen schätzt und schützt. Der »Euro-Islam« möchte den in Jahrhunderten wechselseitig angehäuften Vorurteilen und dem Misstrauen zwischen West und Ost ein Ende setzen.

Quelle: Benjamin Idriz: “Grüß Gott, Herr Imam! Eine Religion ist angekommen”, Diedrichs-Verlag München 2010, ISBN-13: 978-3424350425