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ZIEM DAS KONZEPT

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Bürgermeister Monatzeder lädt Vertreter von Verbänden und Politik zur Diskussion

Von Monika Maier-Albang

Der Imam der afghanischen Gemeinde, Sidigula Fadai, meldet sich als einer der letzten zu Wort und erzählt, wie er vor zwanzig Jahren begonnen hat, beim Freitagsgebet in deutsch zu predigen. Damals, sagt Fadai, hätten die Zuhörer zunächst gelacht. Weil es ihnen so merkwürdig erschien, vertraute religiöse Begriffe in der Sprache ihrer neuen Heimat zu hören. Nun sitzt Fadai im großen Sitzungssaal des Rathauses und traut seinen Ohren nicht. Da wirbt im Münchner Rathaus ein junger Imam mit Unterstützung der Stadt für ein Zentrum, in dem islamische Seelsorger in deutscher Sprache ausgebildet werden sollen. Hätte ihm vor zwei Jahrzehnten jemand so etwas prophezeit, vermutlich hätte Fadai den Überbringer der Botschaft ausgelacht.

Benjamin Idriz, Imam in Penzberg, durfte also am Dienstagabend das Projekt "Ziem" im Rathaus vorstellen. Das "Zentrum für Islam in München" ist bislang wenig mehr als eine Vision. Das Konzept dazu hatte Idriz vor zwei Jahren gemeinsam mit rund 40 Mitstreitern - zumeist Münchner Muslime aus verschiedenen Herkunftsländern - erarbeitet. Die Initiatoren verstehen ihr Vorhaben als "ein aufrichtiges Angebot von Muslimen, die sich der Integration verpflichtet fühlen". Münchens dritter Bürgermeister Hep Monatzeder unterstützt das Projekt. Ziem, so argumentiert er, könne "eine Lücke im Angebot der Stadt" füllen. Deshalb hatte Monatzeder Vertreter von Parteien, Ministerien, Kirchen und muslimischen Verbänden zur Diskussion geladen, um "ein Schrittchen weiterzukommen". Rund 50 Interessierte kamen, darunter, das lässt aufhorchen, ein Abgesandter aus der Grundsatzabteilung des Innenministeriums. Dieses Amt hegte bislang Vorbehalte gegen Idriz und den Vorstand der Penzberger Gemeinde.

Das Zentrum soll nach dem Wunsch der Initiatoren mehrere Bausteine haben: ein islamisches Museum, eine öffentliche islamische Bibliothek, eine Moschee und ein Gemeindezentrum. Das Herzstück aber ist eine Akademie, an der angehende muslimische Seelsorger eine fundierte theologische Ausbildung erhalten sollen. Bislang holen die Moscheegemeinden - in Ermangelung einer Ausbildungsstätte im deutschsprachigen Raum - ihre Imame aus den Herkunftsländern. Eine Ausbildung hierzulande brächte nur Vorteile, sagt Monatzeder. Man bekäme Seelsorger, die mit der Gesellschaft, in der sie arbeiten, vertraut sind, die leichter Zugang finden zu städtischen Ansprechpartnern, zu christlichen Seelsorgern, zu Schulen. Das Zentrum, hofft Monatzeder, würde dazu beitragen, dass "Muslime endlich gleichberechtigt am sozialen Leben teilhaben." Und diesen Wunsch teilen Politiker parteiübergreifend. Margarete Bause, Fraktionschefin der Landtagsgrünen, steht hinter dem Vorhaben. Der vormalige Bundestagsabgeordnete Hildebrecht Braun (FDP) spricht von einer "großartigen Chance". Und der Münchner CSU-Fraktionschef Josef Schmid sagt, er unterstütze das Projekt "voll und ganz". Die Initiatoren würden "in klarer Abgrenzung zum fundamentalistischen Islamismus offensiv für unsere Verfassung und unsere Grundwerte werben. Das schafft in mir Vertrauen".

Idriz Ansatz ist tatsächlich revolutionär und, aus Sicht mancher Muslime, deshalb auch unerhört. Es stellt die Muslime vor die Herausforderung, international zu denken und nicht länger in Landsmannschaften. Es soll den innerislamischen Dialog fördern und zugleich interreligiös ausgerichtet sein. Die Ausbildung der Seelsorger soll andocken an das staatliche Hochschulsystem. In der Moschee, die den Initiatoren vorschwebt, sollen Frauen und Männer gemeinsam in einem Raum sitzen - ohne räumliche Trennung in Oben und Unten. Vor Gott, sagt Idriz, seien Männer und Frau gleich.

Aber wie wollen die das alles schaffen? Ist das Konzept nicht überladen? Fragen, die sich am Dienstag mancher Teilnehmer stellte. Für die Imam-Ausbildung, wird angeregt, bräuchte es zunächst eine klarere Zielsetzung, welcher Abschluss angestrebt werden soll: Bachelor, Master, Diplom? Der Generalkonsul der Niederlande, Lionel Veer, erzählte, dass in seiner Heimat der Verwirklichung einer Bachelor-Ausbildung für Imame ein über Jahre währendes Ringen voranging. Die größte Hürde sei dabei die Akzeptanz innerhalb der muslimischen Gemeinschaft gewesen, weil Verbände ihre Ausbildungs-Hoheit bedroht sahen. "Was," fragt Veer, "wenn die Imame ausgebildet sind und dann keine Stelle finden?" Nicht geklärt ist bislang auch die Frage der Finanzierung des Zentrums. Die Initiatoren hoffen auf Spenden, vor allem von Muslimen. Dann könne man "auf ausländische Quellen verzichten", sagt Idriz. Der Emir von Sharja, Mohammed Al-Qasimi, stünde allerdings weiterhin als Geldgeber bereit - unter der Voraussetzung, dass dies erklärter politischer Wille in München und Bayern ist.

Am Ende meldet sich noch einer zu Wort. Mirsad Niksic gibt seit Schuljahresbeginn islamischen Religionsunterricht an der Grundschule am Pfanzeltplatz in Altperlach. Bei seinen Schülern, erzählt er, verspüre er einen "großen Wissensdurst", aber wenig Wissen. In den Koranschulen, die die Kinder teilweise besuchen, wird zwar fleißig auswendig gelernt, aber offenbar wenig nachgefragt. Niksic hat inzwischen "Fragezeiten" in den Unterricht eingebaut. Und was er da zu hören bekommt, mag man fast nicht für möglich halten. " Wird Allah mir vergeben, wenn ich mit einem christlichen Jungen ins Kino gehe?" "Ist die Bibel vom Teufel gemacht?" "Dürfen Muslime Schweinefleisch essen?" "Müssen Muslime beten?" Solche Fragen richten Viertklässler an ihren Lehrer. Vor diesem Hintergrund hält Niksic es für zweitrangig, ob ein Imam seine Ausbildung mit einem Bachelor oder mit einem Master beschließt, "solange er erklären kann, dass Mädchen nicht dazu da sind, zuhause das Essen zu richten".

www.sueddeutsche.de/454388/754/2765364/Islamisches-Zentrum-gewinnt-Konturen.html


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Vorstellung ZIEM

Rathaus München, 17.02.2009

Imam Benjamin Idriz


Meine sehr verehrten Damen und Herren,

Erlauben Sie mir bereits zu Beginn meiner Ausführungen, denjenigen Menschen meinen Dank auszusprechen, die sich in unserer Landeshauptstadt und darüber hinaus, für gegenseitiges Verstehen,

für Vertrauensaufbau zwischen Nicht-Muslimen und Muslimen einsetzen. Dank an dieser Stelle besonders Herrn Bürgermeister Monatzeder und allen anderen, die ich zum Teil auch hier im Raum sehe, die es uns ermöglicht haben heute hier zu sein.

Denn es geschieht nicht alle Tage in unserem Land, dass Muslime in das Rathaus geladen werden, um ihre Vorschläge und Zukunftsvisionen für ein multikulturelles Miteinander der Menschen in Bayern vorzustellen. 

ZIEM, das ist die Abkürzung für das “Zentrum für Islam in Europa – München”. Es ist eine Initiative, die die bisherige muslimische Vergangenheit in diesem Lande herausfordern will, sich der Lebensrealität im Kontext der Gegenwart im Hier und Jetzt zu stellen.   

„Das Leben besteht aus zwei Teilen: der Vergangenheit - einem Traum; der Zukunft - einem Wunsch", so ein Zitat aus dem Morgenland.

Der Traum, den viele Muslime in dieses Land mitgebracht hatten, ist ausgeträumt. Für unsere Zukunft sollten aber diese Träume weiter berücksichtigt werden, damit wir unsere Wünsche für unsere gemeinsame Zukunft deuten, aber auch aus diesen Träumen Lehren ziehen können.

Dennoch beruht die Vision vom ZIEM, das in Bayern und sogar in Deutschland innovative Ansätze bietet, nicht auf einem Traum. So versteht sich das Projekt vom ZIEM als ein aufrichtiges Angebot von Muslimen, die sich dem Gemeinwohl unserer Gesellschaft in Deutschland verpflichtet sehen.   

In Teilen wurde und wird es bereits in der Praxis in Penzberg positiv erlebt und konstruktiv gelebt. Motiviert und ermutigt von dem Modell „Penzberg“ fanden sich Anfang 2007 etwa 40 Münchner Muslime, aus sieben unterschiedlichen Herkunftsländern, zusammen, um ähnliche Angebote in München ins Leben zu rufen. Vordergründige Aufgabe dieses Teams war es zunächst einmal, eine Analyse der Ausgangssituation vorzunehmen, bevor dann ein Standpunkt formuliert wurde und schließlich die Intention unseres heutigen Konzeptes entwickelt werden konnte.

Der Konzeptentwurf wurde dann den Verantwortlichen in der Politik und im öffentlichen Leben zum Diskurs angeboten. Zahlreiche Reaktionen, die von ernsthaftem Interesse und großer Zustimmung zeugten, erreichten uns, von der Landes- und Kommunalebene angefangen, über hochrangige religiöse Würdenträger und Persönlichkeiten.

Gleichzeitig wuchs auch das Interesse der Muslime in und um München, die mittlerweile auf das Projekt aufmerksam wurden. Ein überwältigendes Feedback, das uns aus den unterschiedlichsten Richtungen erreichte, war: Ihr Projekt ist eine Antwort auf unsere Fragen und Erwartungen. Dies gab uns erneut Elan und Mut weiterhin an unserem Projekt zu arbeiten.

Sehr verehrte Damen und Herren,

nun ist es mir eine große Ehre und Freude, als Ideengeber des Projektes, vor diesem Forum die Philosophie unserer Vision vorzustellen und mit ihnen zu teilen.  Unsere Vision wird in Fachkreisen bereits viel diskutiert. Mit Bezug auf das Konzept vom ZIEM ist von einer progressiven und innovativen Ansatzweise die Rede.

Innovativ deshalb, weil dieses Konzept sich in einem Punkt von eingespielten muslimischen Strukturen unterscheidet: Es ist vollkommen abgekoppelt von Einflussnahmen durch die einstigen Herkunftsländer.

Progressiv deshalb, weil es spezifisch auf das Hier und Heute und auf den heutigen, in Deutschland heimischen Muslim eingeht, und auf unser aller gemeinsame Zukunft hin ausgerichtet ist.

In einer Zeit, in der die Integration der Muslime in aller Munde zum Thema geworden ist, können wir nicht einfach unsere Augen verschließen und der Verantwortung entfliehen.

Zur Integration gehören immer mindestens zwei Parteien: eine grundsätzlich offene Aufnahmegesellschaft und die gleichermaßen kooperativen Migranten. ZIEM gehört zum letztgenannten Bereich und möchte mit seiner Initiative auf allen erforderlichen Ebenen den Prozess der Integration unterstützen und beschleunigen.

ZIEM möchte die Erfordernisse und Belange der muslimischen Bevölkerung auf einer breitflächigen Plattform angehen, zu der etwa ein kontextbezogenes Religionsverständnis gehört, ein innerislamischer Dialog, interreligiöser Dialog, kulturelle Austauschforen, soziale Integration, Bildung auf breiter Ebene, Erziehung zum Werteverständnis in einer Demokratie, zu umweltbewusstem Verhalten, usw..

Den Reichtum seines Spekturms sieht das ZIEM in der Vielfalt seiner unterschiedlichen muslimischen Prägungen, die drei elementare Faktoren zusammenschweißen:

Zum einen ihre Religion, der Islam, der fernab von traditionellen, nationalen, politischen, ideologischen und räumlichen Einflüssen steht und eine gemäßigte und zeitgemäße islamische Lebenshaltung verwirklichen muss. 
Zum anderen das Land, ihr Deutschland, das Land, das sie kennen und schätzen, dessen Grundgesetz und gesellschaftlichen Werte sie sich zueigen machen, sich aktiv in der Gesellschaft einbringen,

und zum dritten das zentrale Element der Sprache, die deutsche Sprache, die Voraussetzung für das Gemeinsame, die für uns alle als verbindende Kommunikation in diesem unseren Land selbstverständlich sein muss.     

Geschätzte Damen und Herren,

bevor ich weiter mit meinen Ausführungen zum ZIEM fortfahre, ist es mir an dieser Stelle ein Bedürfnis, einige Grundgedanken zu skizzieren, damit die Intention und die Grundlage dieses Projektes noch deutlicher werden.

Seit einigen Jahren spüren wir eine weltweit steigende Tendenz der Menschen hin zur „Religion“. Dass auch hier zu Lande mit dem Islam andere Religionen mehr in unser Bewusstsein rücken und wir uns damit auseinandersetzen, ist ein deutliches Zeichen für den wichtigen Platz, den Religion und Glaube auch in Zukunft einnehmen werden. Das darf keineswegs bedeuten, dass der Glaube im Widerspruch zu freier Meinungsbildung, gesellschaftlichem Fortschritt, Integration und Modernisierung steht. Im Gegenteil, der Gläubige hat erst dann seinen Auftrag verstanden, wenn er seine Glaubenspraxis den Begebenheiten der Zeit und des Ortes entsprechend versteht und umsetzt. 

Die heranwachsende junge Generation der Muslime ist sehnsüchtig auf der Suche nach einer sichtbaren Adresse, die ihnen ihre Identität als Muslime, in ihrem Land, in ihrer Zeit bestätigt. Das ZIEM möchte über diesen Graben eine Brücke schlagen und sieht sich selber, wie soeben erwähnt, als Angebot einer in Deutschland verorteten Religionsgemeinschaft.  

Heute stehen Muslime in Deutschland vor gesellschaftlichen und kulturellen Herausforderungen, die sie eigentlich veranlassen müssten, die eigenen Werte und ihr Selbstverständnis neu zu überdenken.

Wir Musliminnen und Muslime in Deutschland sind also verpflichtet zu einem ernsthaften Prozess der geistlichen Umstrukturierung.

Wir bedürfen einer Bestimmung unseres Verhältnisses zur Welt und zu der Gesellschaft, für die wir uns entschieden haben und mit der wir uns identifizieren.

Und hierfür sind klare und deutliche Bekenntnisse zum Grundgesetz, zur Gleichberechtigung von Mann und Frau, die Wahrung der universellen Werte, zentrale Anliegen unserer Arbeit. 

Wir bekennen uns zum deutschen Grundgesetz und zur bayerischen Verfassung, genauso wie es keine Zweifel geben darf in Hinsicht auf die Gleichberechtigung von Mann und Frau. 

Ein wesentliches Kriterium für die Verbesserung der Sozialisation der Frau und für ihre gleichberechtigte Aufnahme auch in die hiesige Gesellschaft ist ihre Einbindung in unterschiedlichste Bereiche des öffentlichen Lebens. 

Daher bin ich überzeugt: Das aktive und sichtbare Mitwirken der muslimischen Frau, zunächst verstärkt innerhalb der islamischen Community und weiter getragen in die hiesige Struktur, wird ausschlaggebend sein für die Entwicklung unserer gemeinsamen, zukünftigen Gesellschaft.

Hier setzt ZIEM dezidiert einen seiner Schwerpunkte und möchte den auf Frauenfragen zentrierten Tabuthemen mit Lösungsvorschlägen und durchdachten Arbeitsprogrammen entgegentreten. Deshalb ist die Gleichberechtigung von Mann und Frau sowohl in der Satzung von ZIEM, als auch in der späteren Besetzung des Arbeitsteams mit Männern und Frauen ausdrücklich und nachdrücklich verankert.

Alleine mit der Integration der muslimischen Frau in die alltägliche Gesellschaftsordnung werden Wege für ein kollektives Verständnis des existenziellen Miteinanders gebahnt. 

Zu einer globalen Weltgemeinschaft gehören globale menschliche Werte und zu diesen zählen wir die Gerechtigkeit, den Respekt vor dem eigenen und dem anderen Leben, Aufrichtigkeit und die Freiheit jedes Einzelnen.

Die Goldene Regel der Weltreligionen „Was ich mir für mich nicht wünsche, wünsche ich mir auch für den anderen nicht“, ist auch ein islamisches Gebot. Dem Menschen als Mensch zu begegnen und unseren Planeten als große Familie zu sehen, Wissenschaft und Glaube, Vernunft und Seele zu versöhnen! Den „geistigen Osten“ und den „rationalen Westen“ nun endlich zu vereinen, denn für uns stellen sie die zwei Seiten ein und derselben Medaille dar.

Die heutigen universellen Werte lassen sich zum größten Teil aus einer Jahrtausende alten göttlichen Botschaft ableiten. Die Zehn Gebote sind sowohl jüdisch-christliches, als auch islamisches Mindestmaß, in dem Beziehungsdreieck Gott, Mensch und Umwelt, die ein festes Band und eine starke Gemeinsamkeit der Gemeinschaften unterstreichen.

Nutzen wir unsere uralten Gemeinsamkeiten und hinterlassen ein humanes, gerechtes und friedliches Erbe an unsere Nachkommenschaft. Diese verschollenen Werte göttlichen Ursprungs gehören erklärt und verbreitet in alle Schichten unserer Kulturen.

Uns Europäern sollte daran liegen, unsere gemeinsamen Anliegen und unsere Gemeinsamkeiten hervorzuheben, unsere Unterschiede als Ressource und als Reichtum wahrnehmen und auch Kompromisse in Erwägung zu ziehen.   

Dass es zum Frieden und damit zum Dialog keine Alternative geben kann, gehört zu unserem islamischen Selbstverständnis. Genauso wie die Wahrung der Sicherheit und der Ordnung des Landes, in dem wir leben, hierzu zählen. Individuelle und gesellschaftliche Ursachen von Rassismus, Antisemitismus, Islamophobie und jegliche Art von Xenophobie, werden nur dann erfolgreich besiegt, wenn wir zusammen und mit gemeinsamem Interesse daran arbeiten. Auch darauf zielt das Projekt vom ZIEM ab.

Wenn es uns gelingen sollte, diese Fundamente zu festigen, brauchen wir weder auf der einen Seite eine Assimilation zu befürchten, noch auf der anderen Seite eine Parallelgesellschaft als Zeichen einer misslungenen Integration. 

Geschätztes Publikum,

„Europa muss seine eigenen islamischen Intellektuellen hervorbringen“, diese Kernaussage war vergangene Woche (10.02.2009)  in der türkischen Tageszeitung Sabah Schlagzeile. Sie kommt von dem Theologieprofessor Dr. Mehmet Emin Köktaş, der 2005 mit zwei weiteren Kollegen den Studiengang für Islamische Religionswissenschaft an der Universität Frankfurt aufgebaut hat. Prof. Köktaş verlangt von den in Deutschland lebenden Muslimen keine große Hoffnung an das Herkunftsland zu verlieren.

Das einstige Herkunftsland könne nur unterstützen, helfen müssten sich die Muslime selbst. Es dürfe nicht sein, dass immer mehr Vereine gegründet werden, die sich als Ableger von Organisationen aus dem Ausland verorten. Es ginge auch nicht darum, die breite Masse der Muslime in Deutschland zu vertreten. „Wir haben unsere Religion kulturell, nicht akademisch nach Deutschland mitgebracht“, und weiter „Wenn sie nicht intellektuell existieren, nützt die zahlenmäßige Überlegenheit nichts, sie sind in diesem Land einfach nicht da“ wird zitiert.

Wie Balsam auf die Seele wirkt das bei mir, auch im Hinblick auf die Vorbereitungen für die heutige Vorstellung unseres Projektes. Die Islamische Religionswissenschaft an der Uni Frankfurt bildet keine Imame und damit Theologen aus. Die Forderung nach einer Imamausbildung in Deutschland gehört zwar seit Jahren zu den zahlreichen bundesweiten Debatten, aber bislang wurde eine solch essentielle Aufgabe nicht wirklich aufgegriffen. 

Dass das ZIEM dabei einen Stein ins Rollen gebracht hat - zumindest was das Land Bayern betrifft - ist kein Geheimnis. 

Und damit bin ich bei einem konkreten Punkt vom ZIEM angelangt.

Sie sehen auf unserer Präsentation fünf Bausteine unseres Projektes, von denen ich zwei, nämlich zunächst zur Akademie und dann zur Moschee unsere Vorstellungen teilen möchte.

Zu den anderen Punkten wird ihnen Frau Yerli im Anschluss meiner Ausführungen, ebenfalls Eckdaten und Informationen liefern. 

Meine Damen und Herren, 

in dem Maß, in dem die Rolle der Moscheen in der hiesigen Gesellschaft vielschichtiger geworden ist, ist auch das Aufgabenfeld der Imame gewachsen. Moscheen sind von einfachen Gebetshäusern zum funktionalen Mittelpunkt migrantenspezifischer Aufgaben geworden.
Tatsache ist, dass in Deutschland zur Zeit weder staatliche noch von islamischen Organisationen getragene, anerkannte Ausbildungsstätten für Imame bestehen.
Der Bedarf von ca. 2500 Moscheegemeinden in Deutschland, in Bayern etwa 350, wird meist durch den Rückgriff auf Imame aus den Herkunftsländern gedeckt.
Imame aus dem Ausland verfügen kaum über ausreichende Sprach- und Kulturkompetenz und sind deshalb der Integration der Muslime in die deutsche Gesellschaft ebenso wenig förderlich, wie sie den Anforderungen der Gemeinden und ihrer Mitglieder vor allem in der zweiten und dritten Generation nicht gerecht werden.
Die Ausbildung der Imame ist und muss ein Kernanliegen, in erster Linie der Muslime in unserem Land selbst, sein. Die Initiative zur Imam-Ausbildung auf deutschem Boden muss zunächst von uns Muslimen kommen.

Unser vordringliches Anliegen sollte deshalb die Schaffung von theologischen Ausbildungseinrichtungen für Männer und Frauen sein, für Imame und andere Multiplikatoren wie Religionspädagoginnen und Religionspädagogen, Seelsorgerinnen und Seelsorger und den funktionalen Gemeindevorstehern. 

Eine Imamausbildung im Inland würde nicht nur eine wünschenswerte Dynamik in die Entwicklung einer Theologie des Islams in Europa bringen, sondern auch gleichzeitig auf das religiöse Leben der Muslime reagieren, insbesondere der heranwachsenden Generation, ihre Religion in den europäischen Kontext einbinden, und dem Bedürfnis der Mehrheitsgesellschaft nach Aufklärung und Integration durch kundige Muslime entgegenkommen.
Langfristig soll ein in Deutschland einheitlicher, kulturell unabhängiger Lehrplan für einheitliche Standards auf hohem wissenschaftlichem Niveau sorgen. 

Der Lehrplan wird dem bayerischen Bildungssystem angepasst, die Kooperation mit den zuständigen Ministerien und mit islamischen Einrichtungen bildet die Grundvoraussetzung für einen harmonischen Abschluss dieser bisher innovativen Form von Imamausbildung.

Getragen von fundiertem Verständnis für historisches und modernes Islamdenken, begleitet von wissenschaftlichen Programmen und einem facettenreichen Studienprogramm soll der Lehrplan grundsätzlich Fächer für die theologische Ausbildung in deutscher Sprache umfassen.

Ziel ist die Erlangung eines einheitlichen Fachwissens auf der Basis der muslimischen Quellen und empirischer Pädagogik. Eine essentielle Grundvoraussetzung für einen gleichberechtigten Dialog ist der begleitende theologisch-fachwissenschaftliche, praktische und spirituelle Ansatz der Ausbildung.
Von in Deutschland in deutscher Sprache ausgebildeten Imamen profitieren die Gemeinden dadurch, dass die Voraussetzungen für die Entwicklung eines Islam im europäischen Kontext geschaffen werden.

Dieser Baustein vom ZIEM wird den längsten Atem beanspruchen, und in diesem Bewusstsein möchten wir zunächst einmal unser offenes Angebot an die Experten, an die Politik und an die Wissenschaft richten, ein einheitliches Konzept zu entwickeln. Eine Imamausbildung ist ähnlich einer theologischen Ausbildung, wie wir sie hier zu Lande kennen. Sie beginnt mit der gängigen Grundausbildung und führt über die weiterführenden Schulen zum universitären Abschluss. Letztendliches Ziel unserer Intention ist es, die islamische Theologie an das deutsche Hochschulsystem anzubinden.

Bis zur Verwirklichung dieses Zieles möchte das ZIEM zielstrebig das Vertrauen zu Muslimen, zur Politik und zur Gesellschaft aufbauen und auch unter Beweis stellen. Indem wir uns vorstellen, den bereits tätigen Imamen und Seelsorgerinnen und Seelsorgern, sowie wichtigen Multiplikatoren in den muslimischen Einrichtungen, eine Art von Weiter- und Fortbildungsprogramm anzubieten.

Sehr geehrte Damen und Herren,

das Zentrum für Islam in Europa-München steht für eine religiöse Einrichtung, die im räumlichen Gefüge von einem Gemeindezentrum, einem Museum, einer Bibliothek und einer Akademie, mit einer Moschee verkörpert wird. Moscheen sind wie Synagogen und Kirchen, Orte der Andacht und des näher Kommens zu Gott. Moscheen sind aber ebenso auch Orte der Versammlung, und damit der Begegnung und des Austausches und das Sprachrohr von neuen Botschaften. Deshalb werden sie weiterhin eine zentrale Bedeutung einnehmen in der Eingliederung der muslimischen Religionsgemeinschaft in unserem Lande.

Moscheen charakterisieren offene und willkommene Orte, für Menschen ohne Unterschied ihres Geschlechtes, ihrer Herkunft, ihrer Sprache, ihrer Weltanschauung.

Moscheen können und dürfen nicht unter der Hypothek eines politischen Systems, einer Ideologie oder eines Einzelnen stehen. Eine Bewertungsskala nach Frau oder Mann, mit oder ohne Kopftuch, sehr religiös oder weniger religiös, steht nicht zur Debatte. Daraus ergibt sich für diese „Münchner Moschee“ zum einen: Freiheit und Unabhängigkeit von traditionellen, geographisch, politisch und ideologisch gebundenem Religionsverständnis, und von einer organisatorisch abhängigen Moscheestruktur, und zum anderen: die Aufgabe, einen Diskurs zu eröffnen, der möglichst wissenschaftlich fundiert, einen universellen Kontext berücksichtigt und gleichzeitig der Zeit und dem Ort verpflichtet, neu auftauchende Fragen einbezieht.

Weiter gilt es, die Bewusstseinsstärkung der Muslime für das Land zu fördern, in dem sie leben und womöglich auch sterben werden, deren Staatsbürgerschaft sie besitzen, häufig immer noch ohne ausreichende Kenntnisse über ihre Pflichten und Rechte. Und zuletzt bedeutet das, den deutschen Spracherwerb zu unterstützen, den noch mehrsprachig organisierten Moscheealltag sukzessive heranzuführen an die gemeinsame Landessprache.

In der Moschee vom ZIEM werden die Freitagspredigten grundsätzlich in Deutsch gehalten, daneben aber auch die jeweiligen Herkunftssprachen wie Türkisch, Arabisch, Bosnisch, ihren Platz bekommen.

Eine Kulturstadt mit Weltruf wie München, die jährlich auch von vielen Hunderttausenden Touristen aus muslimischen Ländern besucht wird, von muslimischen Diplomaten und Politikern, und sei es auch nur zur jährlichen Sicherheitskonferenz in München, benötigt eine repräsentative „internationale“ Moschee, wie sie vom ZIEM vorgesehen ist. In moderner, zeitloser Architektur, in der Frauen und Männer in ein und demselben Raum ihren Platz für ihre Gebete finden.  

Und zum Schluss, verehrte Damen und Herren,    

für die Zukunft, und als eine mögliche Alternative, wünschen sich Muslime in München ein repräsentatives, modernes, unabhängiges Begegnungszentrum, in welchem sich sowohl Muslime mit unterschiedlichem Migrationshintergrund als auch die Mehrheitsgesellschaft offen begegnen und gemeinsam an verschiedenen Themen der Gesellschaft arbeiten.

ZIEM soll so eine interkulturelle Begegnungsstätte werden, ein Ort wo sich unterschiedliche Generationen von Muslimen aller Nationen treffen und einander kennen lernen. Alt und jung, Frauen und Männer, muslimisch oder nichtmuslimisch, traditionell oder liberal, deutsch, türkisch, bosnisch, arabisch, albanisch oder persisch – jeder und jede findet die entsprechenden Angebote und trägt somit zur positiven Gestaltung des Zusammenlebens in München bei. 

Die Interaktion unter den Religionsgemeinschaften in Europa, sowie die Beziehungen zwischen dem Westen und dem Islam sind, meine Damen und Herrn, keine Neuerscheinung unserer Zeit. 

Die historische Interaktion beginnt bereits im 9. Jahrhundert unter dem Kalifen Harun Al-Raschid und dem Fränkischen Reich unter Karl dem Großen, als in Bagdad das Baytul Hikmah, das „Haus der Weisheit“  gegründet und erstmals griechische Philosophie übersetzt wurde ins Arabische.

Im 12. Jahrhundert bekam die Philosophie von Ibn Rushd, hier zu Lande bekannt als Averrhoes, erst mit den Gedanken des Aristoteles den Geist, den dann schließlich der katholische Theologe und Philosoph Thomas von Aquin aufgriff.   

In diesen Interaktionen liegt unsere Vergangenheit, formiert sich unsere Gegenwart und wird sich unsere Zukunft zeigen. Das kulturelle Erbe des jüdisch-christlich-muslimischen Europas drängt uns mehr denn je, angesichts beunruhigend vieler verschlossener Herzen an einem passenden Schlüssel zu feilen.

Wer weiß, vielleicht ist dieser Schlüssel hier in Europa zu finden, und warum eigentlich nicht in München!?

Das Projekt ZIEM hat anspruchsvolle, aber durchaus optimistische und ich behaupte: nicht unrealistische Züge.
Optimistisch deshalb, weil es jenseits der Differenzen, derer wir uns bewusst sein müssen, um eine Reihe von Werten geht, die uns gemeinsam sind und uns zusammenführen.

Mein Traum ist es, mit Ihrer Hilfe in München ein Modellprojekt zu verwirklichen, welches Leuchtturmfunktion für das ganze Land hätte und nicht nur die bereits vorhandene Toleranz, sondern auch den Zukunftsglauben der Menschen in Bayern im In- und Ausland deutlich demonstriert. 

Wir wissen nicht, wie die Zukunft mit uns umgehen mag. Aber je positiver wir sie uns vorstellen und je mehr Weichen in die richtige Richtung wir heute stellen, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich unsere Träume und manchmal auch Visionen erfüllen werden.

Diese Entwicklung zu unterstützen und zu begleiten, ohne damit politischen Missbrauch und Manipulation zu verbinden, ist nun die große Aufgabe aller Menschen und vor allem der Multiplikatoren in den verantwortlichen Ebenen.

Bayern bietet den Muslimen dieses Potential.

Das sage ich deshalb, weil ich Muslim bin, weil ich mit Herzblut Bürger von Europa bin und weil ich an meiner Zukunft und an der Zukunft meiner Kinder mitbauen und mitgestalten möchte, vor allem aber,

weil es mir bewusst ist, dass es meine Generation von Muslimen in Europa sein wird, die entweder dem Islam zu einer friedlichen und gedeihlichen Koexistenz verhelfen oder letztlich doch den Thesen von Huntington zuarbeiten werden – was wir uns alle nicht wünschen.

In diesem Sinne setze ich auf die Zusammenarbeit und Partnerschaft der bayerischen Staatsregierung, der Landeshauptstadt München, aller demokratischen Parteien und Einrichtungen, der Religionsgemeinschaften, der Medien, um mit Ihrer Unterstützung dieses anspruchsvolle Vorhaben in München, mit Leuchtturmfunktion über unsere Landesgrenzen hinaus, ins Leben zu rufen.  

Dafür, und für Ihre Aufmerksamkeit: Vielen Dank.