in der Weihnachtspost, die ich bekam – mehr als 1000 meist sehr geschmackvolle Weihnachtskarten – waren auch drei Briefe, die mich sehr beeindruckt haben. Diese Weihnachtsgrüße kamen vom Islamischen Zentrum Hamburg, von der Islamischen Gemeinschaft Milli Gürus und von der Islamischen Gemeinde in Penzberg. Aus dem letzten Brief möchte ich zitieren: Er ist überschrieben mit: „20. Dezember Islamisches Opferfest und 25. Dezember (!) Christliches Weihnachtsfest 2007“.
„Fast zeitgleich mit dem christlichen Weihnachtsfest feiern weltweit Muslime am 20. Dezember das Islamische Opferfest. Sie gedenken dabei an die Bereitschaft Abrahams seinen Sohn Ismail zu opfern. Im Gedenken an diese Opferbereitschaft Schächten Muslime und teilen das Fleisch mit Armen und Bedürftigen. Am 25. Dezember feiern Christen das Weihnachtsfest — die Geburt Jesu. Jesus wird im Koran als einer der fünf bedeutendsten Propheten geehrt. In der Begegnung von Christen und Muslimen wird häufig von Unterschieden gesprochen, Gemeinsamkeiten werden kaum benannt. Religiöse Feiertage sollten willkommene Gelegenheiten sein, den Dialog zu beleben und zu intensivieren. In diesem Sinne wünschen wir Muslimen und Christen gesegnete und besinnliche Festtage und alles Gute im kommenden Jahr! Mögen sie Ihnen, Ihrer Familie und der gesamten Menschheit Frieden, Humanes, Glück und Erfolg bringen. Penzberg, 17. Dezember 2007 Im Namen der Islamischen Gemeinde Penzberg Imam Benjamin Idriz Vorsitzender Bayram Yerli“...
Benjamin Idriz gilt als Verfechter eines europäischen Reformislams. In München möchte der Imam ein Zentrum für Islam in Europa errichten. Doch das bayerische Innenministerium beschuldigt ihn, Verbindungen zu Islamisten zu unterhalten. Unterstützung erhielt Idriz nun von Opposition und Kirchen.
Seit Monaten beschäftigen die Pläne zur Errichtung eines Zentrums für Islam in Europa (ZIE) Politik und Medien der bayerischen Landeshauptstadt. Begonnen hatte der Streit, als Benjamin Idriz, der Imam einer kleinen Gemeinde im bayerischen Penzberg, Entscheidungsträgern in Stadt und Land das Konzept des geplanten Zentrums in der Münchener Innenstadt zusandte. Aufsehen erregte allerdings nicht das Papier, in dem der bosnische Imam detailliert seine Vision eines reformierten, modernen Islams darlegte und seine Ideen einer Begegnungsstätte umriss, für die er als Vorbild das im vergangenen Jahr in München eröffnete Jüdische Zentrum nannte. Aufsehen verursachten vielmehr die vom bayerischen Innenministerium prompt erhobenen Vorwürfe.
Obwohl Benjamin Idriz über Penzberg hinaus für seine Bemühungen um Integration bekannt ist, warf der zuständige Staatssekretär Georg Schmid (CSU) ihm Verbindungen zur islamistischen Gemeinschaft Milli Görüs vor. Nicht nur sei der Vereinsvorsitzende Bayram Yerli dort Mitglied, sondern auch die Frauengruppe der Gemeinde werde auf der Homepage der türkischen Bewegung geführt. Vor allem aber habe der Verfassungsschutz ein internes Konzept entdeckt, in dem von der Verbreitung eines "reinen Islams" und dem "erzwungenen Zusammenleben mit der Mehrheitsgesellschaft" die Rede sei. Umgehend stellte Schmid die Integrationsabsichten des Zentrums infrage.
Ungeprüfte Vorfwürfe
Bereits wenige Tage später jedoch stellte sich heraus, dass das fragliche Papier nicht aus Penzberg stammt, sondern von einem muslimischen Religionspädagogen aus Wien, den Idriz um eine Stellungnahme gebeten hatte. Zudem versicherte Yerli, im vergangenen Jahr aus Milli Görüs ausgetreten zu sein. Seine Frau, die die Frauengruppe leitet, sagte ihrerseits, dass ihre Gruppe niemals zur Bewegung gehört habe. Eine schriftliche Erklärung von Milli Görüs hat dies mittlerweile bestätigt. Daher bleibt vor allem die Frage, wie ungeprüfte Vorwürfe vorschnell an die Öffentlichkeit gelangen konnten.
Auf die Kritik der Opposition von SPD und Grünen reagierte das Innenministerium zu Anfang abweisend. "Wir in Bayern warnen lieber vorher, als wenn es zu spät ist", erklärte der Pressesprecher Michael Ziegler auf Anfrage. "Die Initiatoren haben selbst intensiv für ihr Projekt geworben. Da wollten wir unsere Vorbehalte nicht verschweigen." Im Islam gebe es totalitäre Bestrebungen, die es für rechtens hielten, sich zu verstellen, wenn es der Sache dient, sagte Ziegler. Natürlich gelte dies nicht für alle Muslime, aber "einige sprechen mit gespaltener Zunge". Inzwischen bemüht sich Jürgen Heike, der im Oktober Georg Schmid als Staatssekretär abgelöst hat, die Wogen zu glätten.
Vorbildliches Konzept
In einer Landtagsanhörung Mitte November gab sich Heike gesprächsbereit, rechtfertigte aber zugleich das Vorgehen seines Vorgängers. Die SPD beharrt daher auf einer Klärung des Vorfalls. Ebenso wie die Grünen befürchtet sie, dass der Islamismusverdacht dem Imam und seinem Projekt noch lange anhaften könnte. Ein solcher Verdacht ist zumindest aus dem vorliegenden Konzept nicht zu begründen. Es sieht neben einem Gebetsraum, einem Gemeindehaus und einem Museum auch Raum für Deutschkurse und eine Imamausbildung vor - auf Deutsch, so wie seit Jahren von der Politik gefordert.
Benjamin Idriz ist sich durchaus bewusst, dass seine Pläne sehr ehrgeizig sind - zumal sie bislang von keinem der großen islamischen Verbände unterstützt werden. Laut eigenen Angaben wird das Projekt lediglich von einem Kreis von Privatpersonen aus München getragen, die mit den bisherigen Moscheen unzufrieden sind. Ob dies reicht, ist ungewiss. Selbst Idriz ist angesichts des Streits, der schon vor dem eigentlichen Planungsbeginn entbrannt ist, vorsichtig geworden. Besonders besorgt ist er um die Finanzierung seines Zentrums.
Zwar hat Sultan bin Mohammed al-Qasimi, der Herrscher des kleinen Emirats Scharjah, versprochen, das Projekt zu unterstützen. "Seine Bedingung ist aber, dass das Zentrum von der Politik gewollt ist", erklärt Idriz. Nun hat zumindest die evangelische Landeskirche Bayern ihre Unterstützung erklärt. Sie bedauere den bisherigen Verlauf der Debatte, sagte ihr Islambeauftragter Rainer Oechslen und äußerte die Hoffnung, dass sich der Ton in Zukunft ändern werde.
20. November 2007 Es ist mehr als eine beliebige Wortmeldung, wenn Alois Glück, der Vorsitzender der Grundsatzkommission der CSU ist, in einem Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung für eine verstärkte Öffnung zum Islam plädiert. Der bayerische Landtagspräsident gehört nicht zu den Laut- und Vielsprechern in der CSU. Doch sein Wort hat Gewicht in seiner Partei.
Glück, der im Januar 68 Jahre alt wird, hat einflussreiche Ämter – darunter den Vorsitz der CSU-Landtagsfraktion, den er von 1988 bis 2003 innehatte – immer zu einem Zeitpunkt aufgegeben, in dem das Bedauern über den Rückzug nicht auf seinen engsten Freundeskreis beschränkt war.
Durch diese eher selten praktizierte Kunst des rechtzeitigen Abschieds ist seine innerparteiliche Autorität nicht geschmälert worden, im Gegenteil. Nach den Worten Glücks darf die notwendige Wachsamkeit und Entschiedenheit gegen Islamisten und andere radikale Kräfte nicht zu einem Klima eines allgemeinen Misstrauens gegenüber Muslimen in der Bundesrepublik führen. Wenn Muslime die deutsche Politik und Gesellschaft nur abwehrend erlebten, drohe eine Konfrontation und Polarisierung, warnt Glück.
Differenzierende Sichtweise auf den Islam
Er hält es für „schicksalhaft“, ob der Islam in Europa eine Entwicklung nimmt, die sich unter dem Schlagwort „Euro-Islam“ zusammenfassen lässt. Glück versteht darunter eine Form des Islams, in der die grundlegenden Werte der europäischen Verfassungen nicht nur geduldet, sondern aktiv bejaht werden.
Als Beispiele nennt der CSU-Politiker die Trennung von Kirche und Staat, die Religionsfreiheit und die Gleichberechtigung von Mann und Frau. „Wir müssen versuchen, uns mit konstruktiven Kräften im Islam zu verbünden, die mit uns einen gemeinsamen Weg finden wollen“, sagt Glück. Dazu gehöre die Bereitschaft zu einer differenzierenden Sichtweise auf den Islam.
Aufmerksam verfolgt Glück den Plan, in München ein „Zentrum für Islam in Europa“ zu errichten. Als Initiator tritt Benjamin Idriz auf, der Imam einer kleinen islamischen Gemeinde in der oberbayerischen Stadt Penzberg. In den vergangenen Monaten hatte es Irritationen gegeben über Hinweise, dass zumindest in der Vergangenheit personelle Verbindungen zwischen der Penzberger Gemeinde und der „Islamischen Gemeinschaft Milli Görüs“ bestanden hätten, die vom Verfassungsschutz beobachtet wird. Im Innenausschuss des Landtags ist kürzlich erörtert worden, dass die Verantwortlichen der Penzberger Gemeinde bemüht seien, nachzuweisen, dass diese Verbindungen nicht mehr bestünden.
„Absolute Transparenz“ bei den Planungen
Bei dem „Zentrum für Islam in Europa“ handelt es sich um ein ehrgeiziges Vorhaben; auf einer Fläche von rund achttausend Quadratmetern sollen ein Gemeindehaus, eine Akademie für Imame, ein Museum und ein Gebetsraum entstehen. Glück hält die Zielsetzung des Zentrums für sehr bedenkenswert. Er teilt die Einschätzung, dass es nicht der Integration dient, dass gegenwärtig Imame nach Deutschland kommen, die aus anderen Kulturen stammen und das Land nach einigen Jahren wieder verlassen.
Allerdings hält Glück bei dem Münchner Vorhaben noch viele Fragen für ungeklärt, etwa die Akzeptanz einer solchen Akademie für Imame bei den in Deutschland lebenden Muslimen. Bei den Planungen sei „absolute Transparenz“ notwendig, fordert Glück. Er betrachtet es auch als einen falschen Weg, gleich ein Großprojekt auf den Weg bringen zu wollen; ein solches Zentrum müsse organisatorisch und inhaltlich wachsen.
Islam, der die europäischen Werte bejaht
Als maßgeblicher finanzieller Unterstützer ist der Emir von Sharjah im Gespräch, das zu den Vereinigten Arabischen Emiraten gehört. Der Emir, zweifach promoviert an englischen Universitäten, ist dem Austausch mit dem Westen aufgeschlossen; er ist schon der Geldgeber für den architektonisch anspruchsvollen Neubau des Gemeindezentrums der Penzberger Muslime gewesen, bei dem religiöse Traditionen in eine moderne Formensprache übersetzt worden sind.
Glück hat mit dem Emir vor kurzem während eines Besuches in den Vereinigten Emiraten in einem längeren Gespräch auch das geplante Münchner „Zentrum für Islam in Europa“ erörtert. Dabei habe der Emir hervorgehoben, dass er das Vorhaben nur fördern wolle, wenn es von den deutschen Instanzen unterstützt werde.
Glücks Feststellung, ein solches Zentrum müsse für einen Islam stehen, der die europäischen Werte bejahe, habe der Emir beigepflichtet. Glück ist bei seinem Besuch in Sharjah auch mit Vertretern christlicher Kirchen zusammengetroffen, die ihm bestätigt hätten, dass im Emirat die freie Ausübung ihrer Religion gewährleistet sei.
Glück wird im nächsten Jahr nicht mehr für den Landtag kandidieren. Es könnte zu einem der spannendsten Teile seiner politischen Biographie werden, wenn es ihm gelingt, die CSU als eine Partei zu profilieren, in der gerade wegen des „C“ ein aufgeklärter Euro-Islam seinen Platz hat und in der sich auch Muslime heimisch fühlen.
29.11.2007 Resumée einer Vorlesung über den "wahren Euro-Islam"
Von Rudolf Reshad Steinmetz, München
iz) Voll besetzt war der Vortragssaal der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU), als der Rais-ul-Ulama und Großmufti von Bosnien-Herzegowina, Dr. Mustafa Ceric, eine der führenden muslimischen Autoritäten Europas, seine Thesen über den "Islam in Europa: Integration und Identität" vortrug. Eingeladen hatten ihn mehrere Institutionen, darunter der Lehrstuhl für Religionspädagogik der LMU. Der erst kürzlich mit dem Theodor-Heuss-Preis ausgezeichnete Großmufti präsentierte bei dieser Gelegenheit auch seine "Deklaration europäischer Muslime", die anschließend von einem ambitioniert besetzten Podium hinterfragt wurde. Wen wundert es, dass bei diesem durchaus bedeutsamen Ereignis die etablierte Mainstream-Presse einmal mehr durch Abwesenheit glänzte. Kurz gesagt, erteilte Ceric dem Publikum aus Fachgelehrten, interessierter Öffentlichkeit sowie Vertretern christlicher und islamischer Gemeinden eine Lektion in Sachen Dialog auf hohem Niveau.
Dabei enthielt er sich jeglicher Projektion oder Provokation und verankerte stattdessen seine Thesen und Argumente im rationalen Diskurs der abendländischen Philosophie. Obendrein geizte er nicht mit bosniakischem Humor, was seine durchaus beabsichtigte Anschlussfähigkeit deutlich steigerte. Strategisch verfolgt Dr. Ceric ein langfristiges Ziel, nämlich im Zuge eines umfassenden Reframings des öffentlichen Diskurses dem Islam in Europa einen ihm gebührenden, gesellschaftlichen Platz zu verschaffen - Stichwort Institutionalisierung - und dabei nationalstaatliche, fundamentalistische, qualitative wie auch argumentative Engführungen nachhaltig zu überwinden. Dies alles mit enger Konsultation der internationalen, islamischen Gemeinschaft - natürlich auch der arabischen Seite.
Eröffnet wurde die Münchner Veranstaltung vom renommierten Alttestamentler Manfred Görg, dessen Gesellschaft "Freunde Abrahams" Mitveranstalter waren. Fast beschwörend rief Görg dazu auf, endlich zur Kenntnis zu nehmen, dass der Islam längst ein faktischer Teil des Abendlandes und deshalb eine konstruktive und brüderliche Nachbarschaft unumgänglich sei. Als zweiter Laudator trat Dr. Rupert Neudeck ans Podium, der als Chef des von Christen und Muslimen gegründeten Friedenscorps "Grünhelme" Wiederaufbauprojekte in allen Kriegsgebieten dieser Welt als praktischen Religionsdialog betreibt. "Warum wollten Christen die bosnischen Muslime bestialisch vernichten?", konfrontierte Neudeck die Hörer mit einer Frage, die ihn seit seinen traumatischen Erlebnissen im Krieg in Bosnien umtreibt, und die ihn immer noch ratlos macht. Ebenso die religiöse Gleichgültigkeit der angeblich aufgeklärten Abendländer, denen dabei sämtliche Werte abhanden gingen. Dem Islam - in Persona des ihm freundschaftlich verbundenen Großmuftis - zeigte sich Neudeck daher äußert dankbar, dass er die existenzielle Bedeutung von Religion wieder zu einem unumgänglichen Thema gemacht habe.
Auf dem von den Abrahams-Freunden moderierten Podium flankierten den bosnischen Ehrengast Prof. Pater Dr. Lothar Bily von der Philosophisch-theologischen Hochschule Benediktbeuern, Dr. Rainer Oechslen als Beauftragter der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern für interreligiösen Dialog und Islamfragen sowie Prof. Dr. Mathias Rohe, Rechts- und Islamwissenschaftler von der Uni Erlangen, und schließlich auch Dr. Rupert Neudeck. Wie es scheint, hat der bosnische Mufti in München Mitstreiter für seine Sache gefunden. Nicht zuletzt bei den Veranstaltern selbst, zu denen auch die Evangelische Stadtakademie in Persona ihrer couragierten Leiterin Jutta Höcht-Stöhr gehört, sowie Pax Christi und auch die Islamische Gemeinde Penzberg mit ihrem Imam Benjamin Idriz, die eine Sonderrolle spielt, auf die hier kurz eingegangen wird.
Penzbergs Rolle ist stark geprägt vom Emir von Sharjah (VAE), einem Ehrendoktor der Universität Tübingen und Sponsor von zwei wegweisenden Moscheebauten in Europa: dem neuen Gebetshaus in Granada, und eben dem in Penzberg - beides architektonische Glanzlichter. Sachwalter des Emirs - wie auch des Großmuftis - ist der aus Mazedonien stammende Imam Benjamin Idriz. Das Misstrauen der bayerischen Staatsregierung wird durch einige Auffälligkeiten geschürt. So predigt Imam Idriz in fehlerfreiem Deutsch und pflegt engste Kontakte mit Kirchengemeinden. Sodann nutzt er emsig jede Gelegenheit zum Dialog, was auch Einladungen an die bayerische Staatsregierungen mit einschließt. Außerdem warb er in München für den repräsentativen Bau einer islamischen Akademie zur Ausbildung deutscher Imame und zur wissenschaftlich-kulturellen Pflege der Dialog-Kultur, was der Emir gleichfalls bezahlen würde - ja würde, wenn man doch nur einen Bauplatz hätte, wo es doch alles in der Stadt zu furchtbar eng zugebaut ist. Erschwerend hinzu kommt, dass - im Gegensatz zu den Wahabiten in Saudi-Arabien, der Heimat Bin Ladens - der arabische Emir nicht nur offen und generös ist, sondern auch ziemlich fromm, und obendrein (bislang jedenfalls) keinerlei Bedingungen stellte, sondern Idriz und Dr. Ceric voll vertraut.
Der Großmufti von Bosnien-Herzegowina trug dem Auditorium seine Thesen zum Islam in Europa in geschliffenem Englisch vor. Unter Berufung auf David Émile Durkheim (1858-1917), Sohn eines Rabbiners in Épinal (Lothringen) und Begründer einer streng rationalen Soziologie, entwickelte der Rais seine Beweisführung, wonach nämlich ein aufgeklärtes Abendland ohne transzendenten Bezug letzlich ein Ding der Unmöglichkeit sei und im politischen Chaos und in der ökologische Katastrophe enden müsse. Damit kam Ceric zum selben Schluss wie der einer deutschsprachigen, jüdischen Familie in Prag entstammende bedeutende Staatsrechtler Hans Kelsen, der in einem grandiosen Vortrag über die Naturrechtslehre erklärt, wonach sich alle Gesetze entweder auf Gott beziehen müssen oder schnurstraks in die Barberei führen. Man könnte aber noch einen früheren Bezug wählen, nämlich den zu Platon, der ja im denkerischen Aufstieg zu dem Uranfänglichen nichts anderes ausdrückt als die Himmelfahrt, das heißt die mystische Entwerdung seines spirituellen Lehrers Parmenides - ganz ähnlich dem sich auf Avicenna berufenden Meister Eckhart.
Emphatisch pries Ceric die Seele Europas und Sarajevo als das Jerusalem des Westens. Er ist sich in diesem Punkt vollkommen einig Prinz Otto von Habsburg, Chef des Hauses Habsburg-Lothringen. Beide Honoratioren wollen sich - einvernehmlich mit der Paneuropäischen Union sowie dem Wiener Erzbischof Kardinal Christoph Schönborn - mit allen Kräften dafür einsetzen, dass Europa zu einem spirituellen Segen für die Welt wird. Denn Europa sei in Gefahr, ein dunkles Zentrum des Relativismus zu werden, zu einer Diktatur, die alles gleichschalten will, bis hin zur Tötung des ungeborenen, des alten und behinderten Lebens. Offensichtlich hat das topfitte Geburtstagskind aus den sieben Türkenkriegen der Habsburger tiefere Einsichten gewonnen, als die viele der amtierenden Politker, Religionsführer und Historiker. Doch spätestens an dieser Stelle kratzt man sich am Kopf und fragt sich, was denn im Kampf für ein geistiges Europa speziell Bosnien beitragen könnte, diese geschundene Seele Europas, die immer mehr in Korruption, politisch gewollten Lügen, mafiösen Strukturen und wirtschaftlichem Elend zu versinken scheint? Oder hat der Rais gar etwas übersehen in seinem strategischen Feldzug für die islamische Restutition in der agnostischen, bürokratischen und zunehmend undemokratischen Europäischen Union?
Bei dieser Frage hilft ein Blick in die Geschichte. Wer das historische Museum in Sarajevo besucht, vor dessen Toren die monumentalen Särge der Bogomilen wie steinerne Wächter in die Erde gewuchtet sind, bekommt von der couragierten Direktorin so manch interessante Details zu hören. Zum Beispiel mit welch teuflischer Energie seinerzeit die Serben versuchten, dieses Institut durch gezielten Beschuss zu vernichten, so wie die berühmte Bibliothek, bei der es ihnen auf Anhieb gelang. Das erinnert einen sofort an die Plünderung des Museums in Bagdad. Das Historische Museum überlebte ziemlich unversehrt und bewahrte einen beträchtlichen Teil des kulturellen Gedächtnisses von Bosnien-Herzegowina. Es wurde vom östereichisch-habsburgischen Thronfolger Franz Ferdinand dafür großzügig gebaut. Als der Thronanwärter mitsamt seiner schwangeren Frau, der Herzogin von Hohenberg, am 28. Juni 1914 in ihrem Auto an der Brücke vor der berühmten Bibliothek von Sarajevo erschossen wurden, war er auf dem Wege, dieses Institut zu eröffnen. Die angeblicher Tat des Studenten Gavrilo Princip (Hintermänner blieben geschützt) löste den 1. Weltkrieg aus, aber das ahnte diese Welt in den letzten Junitagen 1914 noch nicht. In der scharfsinnigen Version des Wiener Großschriftstellers Karl Kraus gibt es in dessen Opus Maximus "Die letzten Tage der Menschheit" eine ganz andere Version. Nämlich die der gezielten Beseitigung eines Unbequemen Reformers, der zwischen den Balkanvölkern einen gerechten Ausgleich institutionalisieren wollte, während die kaiserliche Armee nach Blut lechzte und um jeden Preis einen militärischen Schlag herbeiführen wollte: "Serbien muss sterbien!" [zeitgenössischer Slogan während des 1. Weltkriegs]
So ist es auf dem Balkan, so ist es im Irak, so ist es in Palästina: Aus Opfern werden schlimmere Täter, die dann wieder zu noch schlimmeren Opfern werden. Und so ist es auch auf dem Balkan. Weil das Dayton-Abkommen kaum mehr war als ein schlechter Waffenstillstand mit abgelaufenem Zerfallsdatum, gibt es jetzt - stimuliert durch den Mini-Mafia-Staat Kosovo - eine neue Bosnien-Krise, die den Großmufti gezwungen hatte, seine Münchner Visite zu kürzen und wichtige Termine beim Erzbischof und der Staatsregierung abzusagen. Der tiefere Grund dieser neuen Bosnien-Krise liegt im mangelnden Ausgleich zwischen Tätern und Opfern - ein mühsames Geschäft, das die deutsche Bundeswehr im Rahmen ihres zivilen Wiederaufbauprogramms CIMIC vorbildhaft geleistet hatte, bis sie dann seitens NATO und USA massiv eingeschränkt wurde.
Dieses böse Spiel nannte ein berühmter US-Statege namens Zbigniew Brzezinski "The Grand Chessboard" - so auch der Titel seines 1997 erschienenen Buches, nichts weniger als ein Plot des "war on terror" genannten Kriegs gegen Afghanistan, den Irak - und als Auftakt - gegen Bosnien. Es wäre naiv, Brzezinski (Jahrgang 1928) nach seinem Abgang als Jimmy Carters Sicherheitsberater für einen abgehalfterten Professor zu halten, der nicht weiter ernst zu nehmen ist - vielmehr ist er als einer der Masterminds und Mitgründer des Rockefeller-Thinktanks, des "Council on Foreign Relations" (CFR) und der "Trilateral Commission" ein Vordenker der Globalisierung und des militärisch abgesicherten Raubs von Rohstoffen.
Und niemand wusste um diese - Politik genannten - korrupten Mechanismen besser Bescheid als die weisen Sultane des Osmanischen Reiches, dessen engster Verbündeter zuletzt das Deutsche Kaiserreich war. Sultan Mehmet Fatih (Regierungszeit 1351-1481) eroberte Konstantinopel, brachte so das römische Reich zu Ende, und eroberte 1464 in einem Blitzkrieg Bosnien. Seine Geheimwaffen waren Disziplin und ein hoher Respekt vor dem Christentum. So verfasste er eine Stiftungsurkunde, in welcher er verfügte, dass jeden der Fluch Gottes treffen sollte, der frevelnde Hand an die Hagia Sophia legen würde. Dieser generöse Respekt wirkte bis in den Bosnien-Krieg (ab 1991 bis zum unseligen Dayton-Abkommen), als inmitten blutigster Kämpfe dem Franziskaner-Kloster in der von Kroaten eingekesselten, bosnischen Enklave Foijnica kein Haar gekrümmt wurde, weil es - besiegelt durch den für immer überlassenen Mantel von Sultan Fatih - unter dessen persönlichen Schutz gestellt ist. Sultan Sulaiman der Gesetzgeber (Regierungszeit 1520-1566) erkannte 1529 nach der erfolglosen Eroberung Wiens, dass es für eine militärische Unterwerfung des Abendlandes keine Erlaubnis gebe. Einer Sage nach stellte er deshalb am Fluss Raab eine Säule auf, auf welcher er vermerkte, dass bis an das Ende aller Zeiten die Grenzen des Osmanischen Reiches an dieser Stele enden sollten. Der spätere Großwesir Amudschasade Hussein, welcher der vierte aus der albanischen Familie der Köprülu war, die seit einem halben Jahrhundert über schwache Sultane hinweg das Reich regierten, ignorierte diesen Befehl. Wen wundert es, im September 1683 musste sich das osmanische Heer unter Kara Mustafa nach der zweiten, Belagerung Wiens geschlagen geben, und im Frieden von Karlowitz 1699 wurde die habsburgische Hegemonie über große Teile des Balkans besiegelt. Sowohl Sulaiman als auch Mehmet kannten die spirituellen Gesetze. Sie wussten, daß Dhikr (Anrufung Gottes - in der Ostkirche auf dem Berg Athos als Hesyschasmus oder Herzensgebet praktiziert) zur rechten Zeit am rechten Platz in der richtigen Art und Weise mehr erreichen kann, als Armeen oder Diplomaten. So kam 100 Jahre vor der Eroberung durch Fatih zu Fuß von Bukhara der Sufi-Schaikh Hussein Baba nach Bosnien, um dort auf einem Berg - auf dem im ganzen Krieg kein einziger Schuss gefallen ist - zu beten und zu meditieren. Seine Nachfahren, die Familie des Scheich Hajji Mehlic Baba, gibt es noch heute in Bosnien und kämpft gegen die fortschreitende Amnesie.
An dieser Stelle lohnt es sich, an die Pressekonferenz des Großmuftis zu erinnern, in welcher er den bedeutenden Gelehrten Abu Hamid Muhammad Al-Ghazali als Zeuge dafür anrief, dass man Gott mit dem Verstand begreifen müsse, und dass in diesem Sinne gerade die bosnischen Muslime ein einzigartiges Beispiel seien für ein rationales Verhältnis zur Religion. Das mag schon so sein, aber gerade Al-Ghazali beschreibt in seinem autobiographischen, wissenschaftstheoretisch wichtigen Buch "Al-Munqidh min ad-dalal" (Der Erretter aus dem Irrtum - deutsche Übersetzung 1988 bei Meiner, Hamburg), wie er in seiner Analyse der Wissensproduktion und der Erkenntniskraft aller(!) Forschungsrichtungen schließlich dort ankam, und auch als hochangesehener Gelehrter seine geistige Heimat fand, wo auch Schaikh Hussein Baba sein Herkommen hatte.
Kommen wir zu einem vorläufigen Resümee: Großmufti Mustafa Ceric will den Islam in Zentraleuropa verankern. Mentalitätsmäßig ist der Rais den weisen Sultanen recht nahe. Zum Schluss seines akademischen Tages formulierte der bosnische Rais, wie er sich die neue Hochzeit zwischen "Ex Oriente Lux" und dem "Abendland des Luxus" vorstellt: als eine Synthese zwischen Arbeit und Gebet.