Imam Benjamin Idriz, Penzberg, Ramadanfest 09.09.2010
Verehrte Muslime,
Wir danken Gott, dass er uns erneut ermöglicht hat, das Ramadanfest zu erleben. Im Ramadan haben wir versucht, das Wohlgefallen Gottes zu gewinnen. Wir haben gefastet, den Koran gelesen, die Zakât und die Fitr-Abgabe entrichtet und andere Spenden gegeben sowie an den Tarawih-Gebeten teilgenommen.
Das Fasten hat uns gelehrt, geduldig und fromm zu sein. Die Zakat zu zahlen und Spenden zu geben, hat unsere Großzügigkeit gefördert und unsere Geschwisterlichkeit gestärkt.
Aufgrund der Leiden und Schmerzen in Pakistan blicken wir diesen Festtagen mit traurigen Herzen dorthin. Wir bitten, dass Gott die Menschheit vor solchen Katastrophen schützt.
Wir haben im Ramadan eine der Grundlagen des Islams gelebt, indem wir einen Monat lang jeden Tag gefastet haben. Da der Ramadan auch der Monat des Korans ist, haben wir oft in ihm gelesen oder haben seiner Rezitation gelauscht. So haben wir versucht, uns der Botschaft des Islams erneut bewusst zu werden und unsere Gottesdienste, unser Denken und Handeln demgemäß auszurichten. So sind wir uns auch unserer Verantwortung wieder bewusst geworden und haben uns bemüht, unseren Glauben durch Gottesdienste, durch die Verschönerung des Charakters und durch gute Taten zu stärken. Auch wenn der Ramadan in die Sommerferienzeit gefallen ist, haben wir mit der ganzen Familie die Moscheen aufgesucht. Bei den Iftar-Essen sind wir mit Freunden und Verwandten zusammengekommen und haben jeden Abend eine familiäre Atmosphäre erleben dürfen. Unsere Moscheen sind lebendiger geworden. Das Fasten ist uns ein guter Erzieher gewesen.
Es ist wichtig, dass wir die guten Eigenschaften, die wir erlangt haben, auch nach dem Fastenmonat fortsetzen. Denn unser Prophet sagte, dass bei Allah jene Gottesdienste am liebsten sind, die fortwährend verrichtet werden, auch wenn es nicht viel ist.
Falls wir in diesen Tagen unser Fasten einhalten konnten, die Tage und Nächte wahrgenommen und mit Gottesdiensten verbracht haben, unseren finanziellen Verpflichtungen nachgegangen sind, können wir uns glücklich schätzen!
Wer gefastet hat, hat Grund heute zu feiern.
Verehrte Muslime,
Nun sind die Tage der Freude da. Tage in denen wir unserem Schöpfer danken, den Ramadan erlebt zu haben, in denen wir Ihn bitten, unsere Gebete und Taten anzunehmen. Tage an denen wir uns mit unseren Familien, unseren Freunden und Bekannten freuen, über die Gnade Gottes, die er uns zuteil hat werden lassen. Der Prophet Muhammad, Friede sei mit ihm, hat gesagt: "...Dem Fastenden stehen zwei Freuden bevor. Wenn er sein Fasten bricht, ist er voller Freude; und wenn er seinem Herrn (am Tage des Jüngsten Gerichts) begegnet, freut er sich über das von ihm geleistete Fasten!" So lasst uns alle gemeinsam fröhlich sein.
Dies ist das Fest der Freude, des Glücks, der Solidarität und Freundschaft. An diesem Tag teilen die Muslime ihre Freude.
Festtage geben uns einen Einblick in eine bessere Gesellschaft. Deshalb sind sie unter anderem dazu da, Frieden unter den Menschen zu stiften und etwaige Streitigkeiten beizulegen. Menschen dürfen nicht verurteilt und ausgeschlossen werden, weil sie eine andere Weltanschauung haben oder einem anderen sozialen Milieu angehören. In diesem Sinne stellen wir uns gegen den in jüngster Zeit erneut aufgeflammten Rassismus und die Diskriminierung von Muslimen. Dergleichenmuss zurückgewiesen werden, egal von wem es kommt und gegen wen es sich richtet.
Verehrte Muslime,
Leider ist es in den vergangenen Wochen zu erneuten medienwirksamen rassistischen Äußerungen gegenüber Muslimen gekommen. Wir Muslime, als eine Gemeinschaft, die sich um ein harmonisches Zusammenleben bemüht, werden uns davon nicht beirren lassen. Dennoch sind wir besorgt. Die Debatte um die Integration der Muslime wird in der Zukunft noch heftiger geführt werden. Deshalb erlauben Sie mir, über die Integration aus islamischer Sicht etwas zu sagen:
Die Integration aus Islamischer Sicht ist der Weg der Mitte, den der Koran fordert und fördert. Die muslimische Gemeinschaft zeichnet sich ohnehin durch ihre Vorliebe für diesen mittleren Weg aus (Koran: 2/143). Dessen Gegenteil und gefährlichen Gegenpole heißen Assimilation auf der einen und Isolation auf der anderen Seite. Im Laufe der Geschichte haben einige Muslime zwar von Zeit zu Zeit den mittleren, gemäßigten Weg (Integration) verlassen und sind in Extreme geraten, aber es gab zu jeder Zeit und in jedem Land auch viele Anhänger der moderaten Richtung. Und die sind immer in der Mehrheit gewesen. Der Islam verlangt von den Gläubigen den Weg der Integration zu gehen und sich weder in Isolation noch in Assimilation zu verirren. Zwischen diesen beiden Polen stellt die Integration eine ausgewogene, aber deshalb auch schwierige Lösung dar: viel leichter ist es, davor zu kapitulieren und sich abzuschotten oder zu assimilieren. Wer den schwierigen, aber richtigen Weg wählt, verdient das Lob des Propheten: »Der Muslim, der sich in die Gemeinschaft einfügt und integriert und so die Beschwernisse auf sich nimmt, die von Menschen kommen könnten, ist besser als der, der solche Beschwernisse meidet.«(Tirmidhi). Die Integration ist ein ausgewogenes, ein langwieriges Unternehmen. Wer sich nicht in die Assimilation oder Isolation begibt, sondern den Weg der Ausgeglichenheit dazwischen geht, gelangt zum Schluss zum Heil.
Liebe Muslime,
Lassen Sie sich von islamfeindlichen Aktivitäten, wie der Koran-Verbrennungsshow in den USA oder der Ehrung des dänischen Karikaturisten nicht provozieren. Je mehr Andere die Muslime beleidigen, desto mehr werden Muslime sich ihrer religiösen Werte bewusst. Der Bayerischer Innenminister hat geplante Koran-Verbrennung scharf verurteilt. Wir schätzen dies sehr hoch. Muslime sollen nach vorne schauen, in dem sie sich mehr für Toleranz, Aufrichtigkeit, Freiheit, Frieden, Sicherheit, Bildung, Moral und Respekt gegenüber allen Religionen einsetzen und sich nicht immer mit Reaktionen auf die Fehler und Provokationen der anderen aufhalten. Unsere Aufgabe ist es, nur Gutes zu tun und vernünftig zu handeln.
Liebe Brüder und Schwestern,
Das Fundament unserer Religion ist Frieden, Barmherzigkeit, Liebe und Moral. Muslim ist der, der dem moralischen Beispiel des Propheten und der moralischen Rechtleitung des Korans folgt. Muslim ist derjenige, der in seinem Haus ein gutes Familienmitglied, gegenüber seinen Nachbarn ein guter Nachbar, in seiner Arbeit vertrauenswürdig und aufrichtig, in der Schule erfolgreich und vorbildlich ist. „Muslim ist derjenige, vor dessen Hand und vor dessen Zunge die anderen sicher sind“ (Muhammed s.). Der Muslim bereitet sich dadurch gut auf seine Reise ins Jenseits vor.
Ihr jungen Leute, liebe Kindern,
Ihr liegt uns am Herzen. Ihr seid unsere Zukunft. Seid auf der Hut, wir leben in einer Zeit mit vielen Gefahren, die euch in ihre Gewalt nehmen und euch von eurer Menschlichkeit entfernen. Es sind Gefahren, die euch von Allah versagt wurden und global auch als Gefahren anerkannt sind, wie Gewalt, Kriminalität, Drogen, Alkohol und Glücksspiel. Entfernt euch davon unbedingt.
Bemüht euch ganz besonders darum, eine gute Ausbildung zu erhalten. Das Leben hier ist sehr schnell vorüber, nutzt deswegen eure Zeit auf das Beste. Lest dafür sehr viel. Seid nützlich euch selbst und den Mitmenschen.
Verehrte Geschwister,
Festtage sind ebenfalls eine Gelegenheit zum Kennenlernen und zur Gemeinschaft mit unseren Mitmenschen. Aus diesem Grund sollten wir Eltern, unsere Verwandten und Nachbarn besuchen und zum Ramadanfest beglückwünschen. Ferner sollten wir vor allem unsere Kinder beschenken. Besonders kranke und einsame Menschen sollten an diesen Tagen nicht vergessen werden. Schenkt euren Kindern und Geschwistern, allen Menschen in eurer Umgebung, ein Lächeln. Beschenkt euch gegenseitig und lasst alle eure Freunde, Bekannte und Nachbarn an eurer Freude teilhaben.
Möge uns Gott noch viele solcher Tage erleben lassen!
Ihr Menschen, wer immer und wo immer ihr seid, gedenkt, dass Gott uns alle in derselben Art und Weise geschaffen hat, damit wir gemeinsam aufrichtig beten:
Oh Gott, Lehre uns, dass Toleranz der höchste Grad von Stärke, und das Bedürfnis nach Rache das erste Zeichen von Schwäche ist!
Oh Gott, Wenn wir gegen Menschen sündigen, dann gib uns die Kraft zur Entschuldigung! Und wenn Menschen gegen uns sündigen, dann gib uns die Kraft zu verzeihen!
Oh Gott, Wenn wir Dich vergessen, vergiss Du uns nicht!
Barmherziger Gott, auch wenn wir Ungerechtigkeit und Hass erfahren sollten, führe uns auf dem Weg der Vernunft und der Versöhnung! Gib denjenigen keine Chance, die die Saat ihres Hasses verbreiten wollen! Lass nie wieder Menschen die Erfahrung des Holocaust, des Genozids von Srebrenica oder des 11. September erleiden! Niemanden, nirgendwo! Lass uns auch hier weiterhin in Frieden und Sicherheit leben, beschütze unser Land vor Rassismus und Gewalt! Wie dein großer Prophet Abraham betete: „Herr, mache diesen Ort zu einer Stätte der Sicherheit und des Friedens!“ (Koran 14:35)
Amin!
In diesem Sinne möchten wir unsere Geschwister hier in der Moschee, ihre Familien und Verwandte zum Ramadanfest beglückwünschen.