Freitagspredigt am 28. Juni 2010
Prediger: Imam Benjamin Idriz
Thema: Muhammeds Erbe: Ein integrativer Islam

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Liebe Geschwister,

Muhammed hat im 7. Jahrhundert in Mekka und später in Medina als Gesandter Gottes gewirkt, in einem gewissenslosen Umfeld, in dem blutige Schlachten zwischen verfeindeten Stämmen stattfanden, unerwünschte Mädchen nach der Geburt bei lebendigem Leibe begraben, Frauen wie Waren auf Märkten verkauft wurden und die Unterdrückung der Schwächeren durch Stärkere als Naturgesetz galt. Und es begann mit Muhammed nicht nur dort, sondern auch in der ganzen Welt eine neue Ära: als er auf dem Berg Hira in Mekka meditierte, stieg der Erzengel Gabriel zu ihm herab und überbrachte ihm von Gott den Befehl »Lies!« (Koran, 96/1). Es war eine mutige Stimme nötig, die sich im Namen der lebendig begrabenen Mädchen für das Recht aufs Leben erheben und fragen sollte: »Für welche Schuld wurden diese Kinder gemordet?« (Koran, 81/9). Eine Stimme, die sich gegen die unmenschliche Unterdrückung der Sklaven erheben und sagen sollte: »Lasst sie frei!« (Koran, 90/13). Zu einer Zeit, da die anders denkenden und kulturell anders gearteten Menschen mit Vorurteilen behandelt wurden, tat eine Stimme not, die sagte: »Verachtet die Andersartigen nicht, denkt nicht böse über die anderen!« (Ähnlich im Koran, 49/11-13) also eine Stimme, die die Vorurteile bekämpfen sollte.

Eine Botschaft sollte verkündet werden, um all das wiederzubeleben, was Abraham, Moses und Jesus der Menschheit an Gutem hinterlassen haben: »Ich bin gekommen, die moralischen Werte zu vollenden.« (Buchari) In der damaligen Welt war eine Stimme der Liebe zur Freiheit bitter nötig. Eine vereinende Stimme der Brüderlichkeit und der Versöhnung in einer Welt der Feindschaft und Gewalt, die sagen sollte: »Vereinzelt euch nicht, sondern vereinigt euch durch gemeinsame Gottes Werte!« (Koran, 3/103).

Seine Botschaft dauerte bis zu seinem Tod 23 Jahre später in Medina an. Mit seiner Botschaft beginnt Muhammed die gute Ader im Gewissen des Menschen wiederzubeleben, die für die Freiheit, Güte, Moral und Gerechtigkeit schlägt. Dies ist eine Bewegung, um das Wesen des Glaubens weiter zu erhalten, das bereits die Propheten Noah, Abraham, Moses und Jesus verkündet hatten, um die verstaubten Werte der Menschheit wiederzubeleben und die ewigen universellen Werte des Gewissens dem Geist der Zeit und des Ortes entsprechend neu zu interpretieren.

Liebe Gemeinde,

Wir können den Islam, den Muhammed im Laufe seines 23 jährigen Wirkens als Prophet im Lichte der Offenbarung proklamiert hat, folgendermaßen zusammenfassen:

Es gibt nur einen Gott. Derjenige, der an ihn glaubt, kann diesen Glauben durch die Erfüllung der Aufgaben wie Beten und Fasten, Almosengeben und Pilgerschaft und durch gute Taten beweisen, die dem Wohl der Gemeinschaft dienen.  Der Mensch ist das würdigste Geschöpf Gottes. Daher sind seine Vernunft, Freiheit und Würde, sein Glaube und sein Leben unantastbar. Für ein würdevolles Leben des Menschen auf Erden, für die Herstellung der Gerechtigkeit und Gleichheit muss sich jedermann bemühen. Was den Menschen eine Überlegenheit vor Gott verschafft, sind nicht sein Geschlecht, seine Rasse, sein Volk, seine Region oder seine Gedanken, sondern es sind seine Gotteserkenntnis, sein Wissen, Charakter und Fleiß. Kein Mensch darf sich über die anderen stellen. Die Frau und der Mann sind, was ihre Aufgaben und ihre Verantwortung Gott gegenüber betrifft sowie ihre Belohnung dafür, gleichgestellt; sie sind wie Geschwister füreinander. Die Sicherheit der Menschen darf nicht eingeschränkt werden. Der Mensch muss das, was er sich wünscht, auch für die anderen Wünschen, und das, das er für sich meidet, auch von den anderen fernhalten. Die Sauberkeit ist die Grundlage des Glaubens; das Herz muss von schlechten Gefühlen, die Gedanken von Vorurteilen, Körper, Kleidung und die Umwelt müssen von jeglicher Verschmutzung freigehalten werden. Alle Propheten müssen ohne Unterschied geachtet werden. Die Kirchen, Synagogen, Moscheen und Klöster dürfen nicht angegriffen werden. Jeder Mensch ist für sich selbst verantwortlich; niemand kann die Schuld oder Belohnung eines anderen übernehmen. Eine Gott gegenüber begangene Sünde kann nur von Gott vergeben werden; ein Mensch darf einen anderen nicht verurteilen. Alle Menschen sind auf Erden vor dem Recht gleich. Die Vergehen der Menschen gegenüber anderen Menschen müssen geahndet werden, damit Anarchie nicht um sich greifen. Die Gerechtigkeit und der Friede sind die Grundlage des Vermögens und das gemeinsame Maß aller Menschen. Der Frieden ist heilig, der Krieg ist zu verabscheuen. In jeder Hinsicht wie auch in Glaubensangelegenheiten ist Maß zu halten, Übertreibung zu meiden. Die Religion darf nicht missbraucht werden. Über den Glauben irgendeines Menschen darf nicht geurteilt werden. Der Glaube ist ein privates Gefühl, das zwischen dem Menschen und Gott zu bleiben hat, und diese Intimität muss gewährleistet werden. Im Glauben ist kein Platz für Zwang. Man soll sich allen Essens, Trinkens und Genusses enthalten, das zur Verderbnis des Verstandes, der Gesundheit und der Seele führen kann. In der Familie, im Handel und sonstigen gesellschaftlichen Beziehungen sind Vertrauen, Gegenseitigkeit, Vertragstreue und Worthalten die Regel; jeglicher Betrug und jegliches Übervorteilen ist verboten.  Der beste Mensch ist, der gut zu seinem Ehepartner ist. Alle Schwierigkeiten und jegliche Konflikte sind nicht mit Gewalt, sondern mit Geduld, Dialog und Weisheit zu überwinden. Arbeiten ist Dienst an Gott. Wer arbeitet, verdient etwas, und wer etwas verdient, ist verpflichtet, dem etwas von seinem Verdienst abzugeben, der nichts hat. Die Machtlosen und Minderheiten zu unterdrücken, ist Grausamkeit, und Grausamkeit endet im Verfall. Die Kinder sind zu lieben, die Alten zu achten, die Beziehungen zwischen Verwandten, Freunden und Nachbarn zu wahren, das Wissen der Gelehrten wertzuschätzen. Wissen zu erwerben, und sich zu bilden sind für alle, ob Frau oder Mann, eine unerlässliche Glaubenspflicht. Gott verlangt vom Menschen nachdrücklich, seine Vernunft anzuwenden und Dinge zu hinterfragen.

Ich scheide und hinterlasse euch das Buch Gottes; ihr müsst an ihm festhalten und eure Vernunft einzusetzen wissen. Denkt an den Tod und verhaltet euch in dem Bewusstsein, dass ihr am Jüngsten Tag durch eine Prüfung gehen werdet. Ihr dürft nach meinem Tod nicht einander abschlachten, kein Blut vergießen, nicht in Extreme verfallen, keine Geheimniskrämerei betreiben, nicht neidisch aufeinander sein, sondern Liebe, Frieden und gegenseitige Achtung verbreiten. O, Diener Gottes (Muslime und Nichtmuslime), seid Brüder!

Wenn wir das Leben Muhammeds in der Perspektive des Korans ohne Vorurteile untersuchen, ergibt sich die obige Zusammenfassung des Islams. Das ist die Quintessenz aus den Inhalten, die Muhammed im Laufe seines 23 jährigen Wirkens als Prophet am meisten hervorgehoben hat.