Freitagspredigt, 10.07.2009

Penzberger Moschee

Thema: Für welches Verbrechen wurdest du getötet? (Koran: 81/9)




Von Imam Benjamin Idriz


Liebe Brüder und Schwestern,

„Die Präsenz des Islams in Europa ist ebenso natürlich wie die Präsenz des Judentums und des Christentums.

Keiner der Gesandten Gottes ist europäischen Ursprungs. Daher hat niemand einen Anspruch auf Vorrang seines Glaubens im Land Europa. Alle drei Abrahamischen Traditionen – Judentum, Christentum und Islam – gehören zu Europa, und damit hat Europa das Recht – nein, die Verpflichtung – sie als die eigenen zu behandeln.

Der Islam ist über zwei hauptsächliche Wege nach Europa gelangt: über das Tor der Iberischen Halbinsel im 8. Jahrhundert und über das Tor des Balkan im 14. Jahrhundert.

Acht Jahrhunderte islamischer Präsenz in Andalusien, Spanien, haben eine einzigartige Tradition religiöser und kultureller Toleranz, ebenso wie akademischer Freiheit geschaffen, die Europa maßgeblich vorangebracht hat auf dem Weg zu Humanismus und Renaissance.

Unglücklicherweise hat der Gedanke der Toleranz aus Andalusien in der europäischen Geschichte nicht überlebt. Durch die Gnade Allahs hat der Islam auf der Balkanhalbinsel überlebt, trotz der Bedrängnisse, denen die Muslime im letzten Jahrhundert ausgesetzt waren und von denen die schwerste der Völkermord im Juli 1995 in der bosnischen Stadt Srebrenica darstellt, die damals eine Schutzzone der Vereinten Nationen auf Grundlage einer Resolution des UN-Sicherheitsrates war.




Während mehrtägiger Massaker wurden über 8.000 muslimische Männer und Jungen, die in diesem Gebiet Sicherheit unter dem Schutz der Schutztruppe der Vereinten Nationen gesucht hatten, summarisch exekutiert von serbischen Truppen unter dem Kommando von General Mladić und von paramilitärischen Einheiten, einschließlich serbischer irregulärer Polizeieinheiten, die von Serbien aus in bosnisches Gebiet eingedrungen waren.

Annähernd 25.000 Frauen, Kinder und ältere Menschen wurden gewaltsam deportiert, sodass dieses Ereignis zum größten Kriegsverbrechen wurde, das in Europa seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs stattgefunden hat.

Das Europäische Parlament hat es deshalb für angebracht erachtet, mit der Einsetzung des 11. Juli als Gedenktag in geeigneter Weise den Opfern des Völkermords von Srebrenica Achtung zu bezeugen.

So hat das Europäische Parlament mit dem Mehrheitsvotum seiner 565 Abgeordneten die Resolution vom 15. Januar 2009 zu Srebrenica angenommen, in der es aller Opfer der Gräuel gedenkt und ihnen Achtung erweist; den Familien der Opfer, von denen viele ohne endgültige Gewissheit über das Schicksal ihrer Angehörigen leben müssen, sein Mitgefühl ausspricht und seine Solidarität mit ihnen bekundet; anerkennt, dass dieser fortdauernde Schmerz noch dadurch vergrößert wird, dass die für diese Taten Verantwortlichen bislang nicht der Rechtsprechung über­antwortet wurden.

Das Europäische Parlament fordert auch den Rat und die Kommission auf, des Jahrestags des Völkermords von Srebrenica-Potočari in angemessener Weise zu gedenken, indem sie die Anerkennung des 11. Juli als Tag des Gedenkens an den Völkermord von Srebrenica in der gesamten EU durch das Parlament  unterstützen, und alle Länder des westlichen Balkans dazu aufzurufen, dasselbe zu tun. Auch in Deutschland wird Morgen Offiziell eine Gedenkveranstaltung für Srebrenica vor dem Deutschen Bundestag stattfinden.

Die Opfer von Srebrenica wissen, dass sich die Vergangenheit nicht ändern lässt, aber sie wissen auch die Anerkennung ihres Schmerzes durch die EU zu schätzen als ein gutes Zeichen, dass Völkermord in der Zukunft an niemandem mehr wiederholt werden wird.

Und genau darum möchten wir alle Menschen guten Willens bitten, in unser Gebet Morgen (11. Juli 09) Mittag in Srebrenica/Potočari einzustimmen, dort wo die Überreste von 534 unschuldiger muslimischer Männer und Jungen begraben werden.

Liebe Gemeinde,

weit von Srebrenica aber nahe von Uns, in unserem Land, Deutschland, mitten in den Verhandlungen am Landgericht Dresden, am 1. Juli hat der Angeklagte Russlanddeutsche Alex eine Zeugin, die ägyptische Apothekerin Marwa, schwangere Mutter, mit seinem Messer getötet. Alex hat die getötete Frau als „Islamistin, Terroristin und Schlampe“! bezeichnet, weil die Kopftuchtragende Frau ihn vergangenes Jahr bat, die Kinderschaukel auf einem Dresdener Kinderspielplatz für ihren Sohn frei zu machen. Seit dem Terroranschlag am 11. September 2001, sind Muslime öfter von rassistischen Agitationen betroffen. Die junge ausgebildete und integrierte Ägypterin ist offensichtlich das erste Opfer einer islamfeindlichen Atmosphäre in unserem Land. Die Fremdenfeindlichkeit und der Hass gegen Muslime kommen hier nicht etwa vom Rand, sondern aus der Mitte der Gesellschaft. Die Verantwortlichen nahmen diese Warnungen jedoch kaum wahr.
Von dieser Tragödie bleiben viele unbeantwortete Fragen. Auf eine Frage allerdings ist eine Antwort womöglich heute schon möglich: Warum ist der Tod einer Kopftuchträgerin, die nicht Opfer eines „Ehrenmords“ wurde, eine Woche lang nur eine kurze Meldung in den Medien und für die politischen Institutionen kein Grund, auch nur zu zucken?

Und erst eine Woche darauf verurteilte die Bundesregierung die tödliche Messerattacke als "abscheuliche Tat".

Der Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland, Stephan Kramer, spricht von einem fremdenfeindlichen Klima im Land und warnt vor „Islamophobie“. Er drückte Solidarität mit den muslimischen Mitbürgern aus. Ihm gilt unser Dank.

Wir appellieren an das Gute und die Gerechten in unserem Land, dass jeder an seinem Platz für die Liebe unter den Menschen und die Achtung vor der Glaubensüberzeugung jedes Einzelnen werben möge. Marwas Tod hat uns in Angst und Schrecken versetzt. „Die Politik muss endlich die Islamphobie in unserem Land ernst nehmen“ vorderte der KRM.

Die Aufklärung darüber, was in Dresden geschehen ist, und der Einsatz für friedliches Zusammenleben aller Religionen muss fortgesetzt werden. Islamfeindliche Angriffe, Diskriminierung und die Kriminalisierung des Islams und der Muslime darf in unserem Land nicht hingenommen werden. Hass, aus welchen Gründen auch immer, darf keinen Platz mehr in der Gesellschaft haben.

Wir trauern um die getötete Schwester Marwa. Wir machen Du’a (Bittgebet) für ihr Kind, ihren Ehemann und ihre Familie.

Das morgige Gebet für Srebrenica`s Opfer, das Gebet für die uigurischen Opfer in China, das Gebet für die Schwester Marwa und das Gebet für alle Opfer, unabhängig von ihren Rassen und Religionen und aus welchen Gründen und Motiven sie ums leben gekommen sind , drückt unsere Hoffnung aus, dass unsere Zukunft besser sein wird als unsere Vergangenheit, und dass unsere Kinder keine Angst vor Völkermord, Hass und Terror haben müssen.

Ihr Menschen, wer immer und wo immer ihr seid, gedenkt, dass Gott uns alle in derselben Art und Weise geschaffen hat, damit wir gemeinsam aufrichtig beten:

Oh Gott,

Lehre uns, dass Toleranz

der höchste Grad von Stärke,

und das Bedürfnis nach Rache

das erste Zeichen von Schwäche ist!

Oh Gott,

Wenn wir gegen Menschen sündigen,

dann gib uns die Kraft zur Entschuldigung!

Und wenn Menschen gegen uns sündigen,

dann gib uns die Kraft zu verzeihen!

Oh Gott,

Wenn wir Dich vergessen,

vergiss Du uns nicht!

Oh Gott,

Möge aus Trauer Hoffnung werden!

Möge aus Rache Gerechtigkeit werden!

Mögen aus den Tränen der Mütter Gebete werden!

Dass Srebrenica und der Dresdener Fall nie mehr geschieht! Niemandem, nirgendwo!

Amin!