Freitagspredigt

Penzberger Moschee: 01.05.2009

Thema: Rassismus


Von Imam Benjamin Idriz

Liebe Geschwister,

Die Agentur der Europäischen Union für Grundrechte (FRA) veröffentlichte vergangene Woche die Ergebnisse der ersten Umfrage unter Einwanderern und ethnischen Minderheiten über Diskriminierung und rassistische Verbrechen. Offenbar wurde, dass Diskriminierung, Nötigung und rassistisch motivierte Gewalt weitaus verbreiteter seien, als es in offiziellen Statistiken veröffentlicht worden sei.

Die Ergebnisse legen den Schluss nahe, dass unter ethnischen Minderheiten und Einwanderern ein Gefühl der Resignation vorherrscht. Sie haben anscheinend abnehmendes Vertrauen in die Mechanismen des Opferschutzes. Die Agentur forderte die EU-Regierungen auf, die Situation zu verbessern, indem diese die Berichterstattung und Aufzeichnung von Diskriminierung und rassistischen Verbrechen verbessern und Anti-Diskriminierungsgesetze voll zur Anwendung bringen sollten. 55 Prozent der Befragten nannten Diskriminierung in Europa ein großes Problem, 37 Prozent gaben an, selbst Opfer von Diskriminierung geworden zu sein. Zwölf Prozent wurden wegen ihrer Herkunft nach eigener Aussage sogar angegriffen oder belästigt. Zugleich erklärten 80 Prozent der persönlich von Rassismus Betroffenen, sie hätten den Vorfall nicht gemeldet.

Der Agenturdirektor Morten Kjaerum sagte: „Die Erhebung legt offen, wie groß die 'Dunkelziffer' der rassistischen Verbrechen und Diskriminierung in der EU wirklich ist. Die Verbrecher straffrei ausgehen, die Opfer keine Gerechtigkeit erhalten und Politiker nicht in der Lage sind, entsprechende Gegenmaßnahmen zu ergreifen“.

Am stärksten diskriminiert fühlen sich demnach Afrikaner in Italien und Frankreich sowie Roma in Ungarn, Tschechien und der Slowakei. In Deutschland gaben 52 Prozent der Türken an, sie fühlten sich diskriminiert, von den Bürgern Ex-Jugoslawiens waren es 46 Prozent.


Liebe Gemeinde,

diese erschreckenden Ergebnisse zeigen uns wie wichtig ist den Rassismus weiter noch zu bekämpfen. Der Rassismus hat der Menschheit nur Leid zugefügt. Man braucht sich nicht zu wundern, dass Menschen, die ohne jeden Glauben, Gnade und Toleranz erzogen worden sind, unverantwortlich handeln und aggressiv sind.

Rassisten haben, egal die Nicht-Muslime oder Muslime sind, immer den Anspruch erhoben, dass das eigene Volk das Bessere, das Überlegene, das Wertvollere ist. Mit dieser Einstellung haben sie die Rechte anderer Völker ignoriert und übergangen. Diese rassistische Behauptung war immer der Ausgangspunkt für all die Kriege, Massaker und ethnische Säuberungen. Maßstab der Bewertung aller Menschen ist nicht ihre Abstammung, ihre Zugehörigkeit zu einem Volk oder einer Rasse, sondern das Werk eines Menschen, das ihn zu einem besseren oder schlechteren Menschen macht. Wertvoll macht den Menschen lediglich seine Nähe zu Gott, die Stärke seines Glaubens und seine gute Moral.

Gott hat die Menschen in unterschiedliche Völker und ethnische Wurzeln getrennt, damit sie sich kennen lernen und in Frieden und Brüderlichkeit miteinander leben. Eine biologische Überlegenheit einer Rasse oder Volksgruppe gibt es nicht. Demnach ist es offensichtlich, dass Menschen, die nach dem Islam leben, keinen Hass wegen unterschiedlicher Hautfarbe, unterschiedlicher Rasse oder unterschiedlicher Volkszugehörigkeit mehr erdulden müssen.

Alle sind bestimmt, zu sterben. Demzufolge hat niemand das Recht gegen einen anderen Menschen die Behauptung der Überlegenheit aufzustellen. Schließlich werden all diese unsinnigen Behauptungen mit dem Tod obsolet. In der Sure Al-Muminun wird folgendes berichtet:

Und wenn in die Posaune gestoßen wird, dann wird an diesem Tage unter ihnen keine Verwandtschaft mehr gelten, und sie werden nicht mehr nach einander fragen. (Koran, 23:101)

Wie in diesen Vers angekündigt, werden Rasse, Hautfarbe und ethnische Herkunft im Angesicht des Todes im Jenseits keine Bedeutung mehr haben. Dort zählt nur, wie nahe wir zu Gott stehen und ob wir den Segen Gottes verdient oder nicht verdient haben. An diesem Tag wird niemand mehr nach der Herkunft oder Rasse des Anderen fragen. Der Mensch, der sich heute wegen seiner Rasse überlegen fühlt, wird an jenem Tag begreifen, wie hilflos und bedürftig er ist, ungeachtet seiner Herkunft.

Die Geschichte zeigt uns, dass rassistischer Fanatismus eine Krankheit der intoleranten Gesellschaften ist. In solchen Gesellschaften herrschten schon immer Kämpfe, die auf der Behauptung der Überlegenheit einer Rasse, einer Glaube oder eines Volkes beruhten.
Jemand, der sich mit dem Islam identifiziert, kann keine Sympathie zu rassistischen Gedanken und Methoden empfinden.

Die Moral des Islam kennt keine Wut. Rassisten haben ein überaus empfindliches Nervenkostüm, deswegen können sie leicht aufgehetzt werden, sehr leicht in Zorn geraten und sich zur Gewalt wenden. Ein solches Verhalten widerspricht dem Quran vollständig. Im Quran werden Muslime als vernünftige, gemäßigte und ruhige Menschen beschrieben, die sich beherrschen, wenn sie in Zorn geraten.

Lieber Geschwister,

Die Tatsache, dass alle Menschen von einem Wesen stammen, verpflichtet uns Muslime, in jedem Menschen einen Bruder oder eine Schwester zu sehen, weil wir alle von diesem gemeinsamen Vater und dieser gemeinsamen Mutter abstammen. Dieses wichtige Thema war auch Inhalt der beiden wichtigsten Reden des Propheten Muhammed bei der Eröffnung von Mekka und in der Rede bei seiner einzigen Pilgerfahrt: „Weder wird der Araber vor dem Nichtaraber, noch der Weiße vor dem Schwarzen bevorzugt, es sei denn durch seine Tat“.

Es ist bemerkenswert, dass derjenige, der den ersten Gebetsruf im Islam ausrief, ein Schwarzafrikaner war, nämlich der freigekaufte Sklave Bilal. Ihm wurde einige Jahre später die Ehre zuteil, bei der Eröffnung Mekkas vom Dach der Kaaba noch einmal den Ezaan auszurufen. Um alle Privilegien aufgrund der Abstammung und der Hautfarbe außer Kraft zu setzen, schreibt der Prophet Muhammad vor: ”Ihr sollt (eurem Oberhaupt) gehorchen und Folge leisten, auch wenn es sich um einen dunkelhäutigen Sklaven handeln sollte.”

Auch eine Abstufung und Diskriminierung aufgrund des Geschlechts lehnt der Islam ab.

Verehrte Muslime,

Die Muslime in Europa sind ein Teil der europäischen Realität, und ihre Religion, der Islam, ist in Europa als zweitgrößte Religion heimisch geworden.

Das neue Europa darf sich dem guten Geist der Religionen nicht verschließen. Die neue Seele Europas muss eine weltoffene, multireligiöse und multikulturelle Seele sein.

Mit dem geistigen Inhalt Europas beschäftigen sich die Muslime intensiv.

Die innereuropäischen sozialen und politischen Konflikte der heutigen Zeit sind eine Herausforderung für die gesamte europäische Gesellschaft. Jede Religion für sich und alle Religionsgemeinschaften zusammen sind durch verdeckte und offenkundige rassistische Entwicklungen, moralischen Verfall breiter Schichten und zunehmende Kriminalität und Gewaltbereitschaft besonders der jungen Generationen überfordert.

Materialismus, Wirtschaftskrise, Verfall der Religiosität und Egoismus machen es den Institutionen aller Religionsgemeinschaften nicht gerade leicht, eine leitende Funktion in der Gesellschaft zu übernehmen. Trotzdem ist dies alles kein Grund zur Resignation. Durch Aktivierung des Guten, das bei jedem zu finden ist, und Motivierung des Einzelnen, sich für Recht und Gerechtigkeit und gegen Rassismus und Gewalt einzusetzen, können die Religionen wieder eine entscheidende Rolle in der Gesellschaft spielen.

Das Prinzip der Gleichbehandlung wird oft auf individueller und institutioneller Ebene missachtet, und damit die Marginalisierung oder Radikalisierung einzelner Muslime bzw. muslimischer Gruppierungen in Kauf genommen.

Der Sozialfriede in Europa kann nicht erreicht werden, wenn man gleichzeitig die Probleme einer solch großen Minderheit ignoriert. Durch den ernsten Willen zur partnerschaftlichen Zusammenarbeit auf der Basis der gegenseitigen Achtung und des Vertrauens kann man aus diesen friedfertigen muslimischen Mitbürgern Freunde und Partner gewinnen. Vor allem durch die Einbeziehung der Muslime in den demokratischen Prozeß kann ihnen das Gefühl der Zugehörigkeit vermittelt und ihre Abschottung verhindert werden.

Auf islamischer Seite müssen die Muslime sich als zuverlässige Partner nicht nur in Sachen Antirassismus sondern in allen Belangen der hiesigen Gesellschaft beweisen. Die Treue zum eigenen Glauben verpflichtet die Muslime auch dazu, sich deutlich von jeder Verletzung der Menschenrechte, Rassismus oder Missachtung von Recht und Gerechtigkeit in den islamischen Ländern bzw. innerhalb muslimischer Gesellschaft zu distanzieren.

Die Begegnung zwischen Europa und dem Islam ist durch die Geschichte vorbelastet. Vorurteile existieren auf beiden Seiten und führen sehr leicht zu Missachtung und Misshandlung. Dieses müssen wir alle gemeinsam überwinden.

Ausgehend von den islamischen Grundsätzen wird jeder wahrer Muslim in Europa ein Helfer und Mitstreiter bei jeder Aktion zur Überwindung von Rassismus, Fremdenhass und Gewalt sein.