Penzberg - 03.09.2010: Die Islamische Gemeinde Penzberg (IGP) lud Persönlichkeiten aus Politik, Religionsgemeinschaften, Diplomaten, Kulturelles und Öffentliches Leben zu einem Iftar-Essen in Penzberg ein. An dem Iftar-Treffen nahmen rund 100 Persönlichkeiten, unter anderem der Landrat des Landkreises Weilheim-Schongau, der Generalkonsul der USA in München und Vertreter der Medien teil.
In seiner Rede sprach der Vorsitzende Herr Yerli über Ramadan, Hilfe für Pakistan, Sarrazins Äußerungen und die Vorwürfe des Verfassungschutzes.
Die Rede von Vorsitzender der IGP Bayram Yerli
„Für den Gläubigen ist die Zeit des Iftars eine Freude“ – so beschreibt der Prophet jeden einzelnen Tag des Monats Ramadan, der heuer 29 davon zählt und am 10. August begann.
Heute ist es eine besondere Freude, denn wir teilen, nein eigentlich müsste hier gesagt werden: wir vervielfachen diese Freude, meine sehr verehrten Damen und Herren, mit ihrer Anwesenheit. Dafür, dass Sie auch dieses Jahr, trotz Terminüberschneidungen und trotz Ferienzeit in Bayern, zahlreich unserer Einladung gefolgt sind, danken wir Ihnen, und dass Sie herzlich willkommen sind, haben wir Sie hoffentlich schon spüren lassen.
Mittlerweile ist der Ramadan weltweit zu einem gesellschaftlichen Großereignis geworden. Ob es am Segen des Monats liegt, dass Medien darüber ausführliche Berichte bringen, ja sogar Privatsender auf die Idee kommen, die Uhrzeit des Fastenbrechens einzublenden und politische Parteien selber zum Iftar einladen? Auf jeden Fall rückt der Ramadan jedes Jahr bewusster ins Geschehen. Ramadan ist, oberflächlich betrachtet, jene Zeit, in der wir Muslime, bekanntlich von Morgendämmerung bis Sonnenuntergang, auf jegliche menschliche, weltliche Genüsse verzichten und dazu gehört das Essen und das Trinken. Doch es ist nicht nur der bewusste Verzicht auf die essentielle Überlebenskraft des Menschen. Es geht vielmehr um die Folgeerscheinungen, nämlich so zu Fasten, dass alle Sinne angesprochen werden. Mit den Augen schärfer zu sehen, mit den Ohren besser zu Hören, mit der Zunge sorgsamer umzugehen, mit dem Herzen die Nächstenliebe zu finden, die uns vielleicht in der letzten Zeit abhanden gekommen ist. Dem Körper wird etwas entzogen, um den Geist zu stärken, damit beide wieder zur Harmonie finden.
Muslime fasten auch deshalb, um sich in jene Lage zu versetzen, was es tatsächlich heißen kann, kein frisches Trinkwasser und keinen Bissen Brot zu haben. Für uns Menschen in den Wohlstandsgesellschaften, die wir doch auf eine globale moderne Weltordnung so stolz sind, bleibt es kaum vorstellbar, aber es ist bittere Realität, dass tagtäglich tausende von Menschen aus Mangel an Nahrung ihr Leben hingeben müssen, in unserem modernen Zeitalter des 21. Jahrhunderts. Leider ganz aktuell erinnern uns akut die Bilder aus Pakistan daran. Die Spendenbereitschaft der muslimischen Welt wird von der OIC (Organisation der Islamischen Konferenz) mit einer Milliarde Dollar beziffert. Wenn nicht in diesen Tagen, wann soll dann noch geteilt werden.
Verehrte Gäste,
Pakistan scheint fast schon wieder vergessen zu sein, denn es geht ein neuer Ruck durch die Republik. Eine Ansprache zu halten ohne Thilo Sarrazin zu erwähnen – das wäre ja gar keine Rede, oder ist sein Buch gar nicht der Rede wert? Auf jeden Fall ist die Nation gespalten; während die einen empört sind, schreiben die anderen fleißig Leserbriefe, und bestärken Herrn Sarrazin und Co.
Wir können nur sagen: Herr Sarrazin, wir werden ihr Buch „Deutschland schafft sich ab. Wie wir unser Land aufs Spiel setzen“ nicht kaufen und lesen, denn wir haben uns schon für ein anderes Werk entschieden, für eine Aufgabe, die ihrem Buchtitel verdammt ähnelt und bereits schon von vielen Akteuren in unserer Gesellschaft umgesetzt wird: „Deutschland rauft sich auf – wie wir unser Land im Spiel gewinnen.“
Unser aller Deutschland ist nicht gefährdet durch die Pluralität auch mit Muslimen, sie ist gefährdet, wenn wir diese Pluralität alleine lassen und die Muslime in eine Ecke drängen und ihnen ein bestimmtes Kleid überstreifen. Dabei bedeutet Pluralität Gegenseitigkeit: Ein aufeinander Zugehen, von dem anderen lernen, voneinander zu profitieren, das als Bereicherung erfahren und nicht als Selbstaufgabe, sodass jede Partei selbstbestärkt hervorgeht. So verstehen wir auch unsere Arbeit hier in Penzberg, die wir seit Jahren mit dem öffentlich-gesellschaftlichen Umfeld respektvoll teilen dürfen. Zu dem großen Unterstützerkreis gehört auch Landrat Herr Dr. Friedrich Zeller, dem ich bei dieser Gelegenheit meinen Dank aussprechen möchte und heute Abend besonders willkommen heiße.
Verehrte Damen und Herren,
nun spannen wir einen Bogen über den nordatlantischen Ozean und sind in den USA. Auch dort sind Menschen gespalten, ob sie einem Moscheebauprojekt in der Nähe des Ground Zero zustimmen, oder dringend gegen dieses Vorhaben agieren sollten. Es wird sicherlich nicht einfach sein, diese Menschen davon zu überzeugen, dass die Verantwortlichen des 11. September 2001 nicht Muslime sondern Terroristen waren. Der Unterschied ist, dass Muslime friedlich Häuser bauen, Terroristen Häuser grausam zerstören. Die Letztgenannten gehören nicht zu uns, hätte der Prophet Muhammed gesagt.
Verehrter Herr Generalkonsul vom US-Konsulat in München, Herr Conrad Tribbel, wir wissen, dass Sie zu denjenigen gehören, die sehr wohl unterscheiden können. Wir freuen uns sehr, Sie heute Abend zusammen mit ihrer Frau begrüßen zu dürfen, nachdem wir gestern Abend bei Ihnen zu Gast sein durften und das köstliche Iftar-Essen und die angenehme Atmosphäre genießen konnten.
So, meine Damen und Herren, stellen wir uns Dialog vor. Mal sind wir Gäste bei Ihnen, mal sind Sie Gäste bei uns, und wir sprechen und diskutieren über Gott und die Welt und jeder trägt ein wenig dazu bei, dass wir die Weltordnung noch einigermaßen in den Wogen halten. Für den ernsthaften Dialog vor Ort sind wir ihnen allen unendlich dankbar. Zahlreiche Multiplikatorinnen und Multiplikatoren sind heute mit am Tisch vereint, von den beiden Kirchen, von den Schulen, von der Polizei, von der Penzberger Tafel, vom Integrationskreis, einfach von denjenigen Menschen die unsere Stadt haben so wertvoll werden lassen. Dazu gehört selbstverständlich auch unsere Stadtspitze, samt Bürgermeister Hans Mummert, der zur Stunde sein „O‘zapft“-Amt bestritten haben dürfte, denn zeitgleich beginnt heute Abend auch das Penzberger Volkfest. Ich darf Ihnen aber seine herzlichen Grüße ausrichten und sämtliche Bedenken nehmen, dass Herr Bürgermeister sein Fehlen vielleicht aus denselben Gründen wie der Verfassungsschutz entschuldigt hätte. Dem ist nicht so.
Und leider komme ich nicht drum herum, das ewig leidige Thema, Verfassungsschutz – Vorwürfe – Islamische Gemeinde, anzusprechen. Ständig werden uns erneute nicht nachweisbare Kontakte zu extremistischen Einrichtungen vorgeworfen. Erstaunlich ist, dass alle anderen, bis in die Staatsebene hinein, zu denselben Organisationen nachweisbare und offenkundige Kontakte haben dürfen, die Penzberger Gemeinde aber nicht. Nun wird unser Imam auch noch der Lüge bezichtigt, er hätte die Kontakte abgestritten und somit die Öffentlichkeit getäuscht. Die Wahrheit ist, dass wir nie zu diesen Kontakten befragt wurden, dementsprechend kann es auch nicht sein, dass wir diese bestritten hätten. Nun denn, immerhin dürfen wir in 10 Tagen, nachdem wir uns drei Jahre lang um einen solchen Termin bemüht haben, auf ein persönliches Gespräch mit Herrn Innenminister Herrmann hoffen. Drücken Sie bitte mit die Daumen für einen konstruktiven Verlauf, der den Streit endlich beiseite legen wird, an dem uns weiß Gott nichts gelegen ist.
Uns ist aber sehr wohl daran gelegen, als Bürger muslimischen Glaubens nicht irgendeinen Islam, sondern einen Islam zu prägen, der im Hier und Jetzt angekommen ist. Dazu gehören auf beiden Seiten Kompromisse, dazu gehört Kooperation, dazu gehören Partnerinnen und Partner, die sich nicht im Wettstreit versuchen, das jeweils Eigene durchzusetzen, sondern den anderen Respekt und Achtung entgegenbringen. Dazu soll auch das Projekt unseres Imam Herrn Idriz, das Vorhaben ZIE-M in München, beitragen, das zwar nicht von unserer Gemeinde ausgeht, das wir aber voll und ganz unterstützen.
Liebe Gäste,
meine Redezeit habe ich schon längst überschritten und ich hätte auch schon längst den Hauptgang ankündigen sollen. Doch möchte ich als Vorsitzender einer religiösen Gemeinde auch die Vertreter der Religionsgemeinschaften begrüßen. Unter uns sind heute Dr. Rainer Oechslen, der den evangelisch-lutherischen Landesbischof Herrn Dr. Friedrichvertritt und der Beauftragte für Islamfragen seiner Kirche in Bayern ist. Bitte richten Sie Herrn Landesbischof unsere herzlichen Grüße und unseren besten Dank für seine Unterstützung aus.
Des Weiteren dürfen wir Herrn Dr. Andreas Renz, den Beauftragten der Katholischen Kirche für interreligiösen Dialog begrüßen, und begrüßen möchte ich auch den Vorsitzenden der Liberalen Jüdischen Gemeinde in München Herrn Thomas Dahmen und seine Gattin.
Und natürlich möchten wir auch den Generalkonsul von Mazedonien Herrn Vasko Grkov willkommen heißen, der in wenigen Minuten zu uns stoßen sollte.
Sie und Sie alle sind uns gleich herzlich willkommen.
Auf Ihrem Hauptspeisenteller werden Sie das Gericht Imam Bayildi vorfinden, d.h. aus dem Türkischen übersetzt „den Imam hat es umgehauen“. Bis heute ist nicht geklärt, warum es den Imam umgehauen hat, wir gehen davon aus, dass es der vorzügliche Geschmack war.