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Imam Benjamin Idriz: Über eine Lesung im Medienforum des Bistums Essen und eine andere Lesart des Korans: „Es ist eine Herausforderung, die religiösen Zeichen der Zeit zu deuten.“
Frage: Herr Imam Idriz, Sie haben jetzt im Medienforum des Bistums Essen aus Ihrem Buch „Grüß Gott, Herr Imam! Eine Religion ist angekommen“ gelesen. Wie war es? Imam Benjamin Idriz: Alleine das Medienforum des Bistums Essen bietet eine sehr einladende Atmosphäre. Daneben wurde ich ja auch von spirituellen Klängen von Frau Partowi (eine persisch-deutsche Altistin, Anm.) begleitet und damit stand der Interaktion mit dem Publikum nichts mehr im Wege. Ich habe es sehr genossen. Bedanken möchte ich mich vor allem für die große Gastfreundschaft, mit der ich empfangen wurde. Frage: Welche inhaltliche Passag war Ihnen für die Lesung wichtig? Idriz: Die Offenbarung. Einfach deshalb, um im gegenwärtigen Diskurs zu betonen, dass die Botschaft Gottes einen universellen Charakter besitzt. Sicherlich ist es eine große Herausforderung, diese in die heutige Zeit, in unser Europa zu übersetzen. Sie ist aber real vorhanden. Das heißt: Wie sollten wir Muslime diese Botschaft verstehen und in unseren Alltag umsetzen? Das ist die existenzielle Frage, welche auf Antwort wartet. Beispiele sind die Stellung der Frau oder die Kompatibilität des Islams mit der Demokratie. Frage: Sie stammen aus Mazedonien und sind geprägt von einem Milieu, das schon zu k.u.k.-Zeiten den Kontakt und den Austausch mit der europäischen Kultur und Zivilisation gesucht hat. Wie schlägt sich das in Ihrer Arbeit in der Penzberger Moscheegemeinde nieder? Idriz: In der Tat bin ich in einem Vielvölkerstaat groß geworden, mit unterschiedlichen Sprachen, mit unterschiedlichen Ideologien und ziemlich früh habe ich auch andere Länder kennengelernt. Nun bin ich seit fast zwei Jahrzehnten Imam einer ebenso vielfältigen Moscheegemeinde. Es ist eine Herausforderung, auch die religiösen Zeichen der Zeit zu deuten, nicht nur für mich als seelsorglichen Begleiter, sondern auch für meine Gemeindemitglieder. Und das ist der Punkt, der uns zusammenbringt. Frage: In Ihrem Buch unterscheiden Sie zwei Formen des Islams, den wahren und den nach dem Tod des Propheten verfälschten. Was bedeutet diese historisch-kritische Lesart konkret – zum Beispiel für die Scharia oder die Rolle der Frau? Idriz: Die prophetischen Lösungen für die nicht-religiösen, also für die sozialen und politischen Fragen der Gesellschaft, sind historisch bedingt. Wir müssen die religiösen Texte und Bestimmungen wie zur Zeugenschaft der Frau, zur Regelung der Erbschaft und zu bestimmten Strafen im Einklang mit universellen Werten, wie Menschenwürde, Gerechtigkeit und Freiheit interpretieren, um sie für unsere Gegenwart fruchtbar zu machen. Die Scharia ist ein Rechtsinstrument, welches jederzeit veränderbar ist und nicht dem menschlichen Gewissen übergeordnet wird. Frage: Sie versuchen ferner zu zeigen, dass nach Ihrem Verständnis der Koran nicht nur nicht im Widerspruch zum demokratischen Rechtsstaat steht, sondern umgekehrt die koranische Offenbarung geradezu Argumente für diese Staatsform liefert. Wie das? Idriz: Die Grundwerte der Staatsführung im Islam sind Gerechtigkeit, Freiheit, Pluralität, die Beratung mit dem Volk, die Befähigung der Regierenden und das Wohl der Menschen. Alle diese Begriffe sind im islamischen Diskurs verankert, also viel älter als die westlichen Demokratien. Und damit ist die islamische Lehre ohne Frage demokratietauglich. Frage: „Grüß Gott, Herr Imam“: Entspricht der Titel Ihres Buches tatsächlich alltäglich erlebter Gemeinschaft und Vertrautheit mit den Bürgern und anderen Religionsvertretern Ihres Stadtteils? Idriz: Bei uns in Bayern grüßt man sich nicht anders. Warum nicht auch einen Imam! Gemeinschaft ist, wenn gegenseitiges Vertrauen in persönlichen Erfahrungen und Begegnungen über Jahre hinweg aufgebaut worden sind. Das ist in meiner Stadt der Fall. Uns verbindet mittlerweile eine tiefe Freundschaft. Wir sind an einem Punk angelangt, wo Probleme offen und ehrlich ausgesprochen werden können. Wir erleben Gemeinschaft tagtäglich, denn wir sind ein fester Teil dieser Gemeinschaft. Übrigens sagen wir in Bayern auch „Vergelt’s Gott“! Interview: Martin Schirmers Quelle:
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