Bettina Schwarzer: Meine erste Frage bezieht sich ganz allgemein auf Religion: Was glauben Sie, welche Stellung hat Religion, gleich ob es die christliche oder islamische Religion ist, heute für die Menschen in Bayern?

Benjamin Idriz: Also wie ich überall beobachte, ist Religion in der Welt überhaupt ein wichtiger Faktor, sei es für Wirtschaft, für Frieden, für Politik, für Integration, für soziales Leben. Religion wird in Zukunft auch noch eine größere Rolle spielen. Und weil wir auch über Bayern reden: Bayern ist im Vergleich mit anderen Bundesländern, ein stärker von Religion geprägtes Land; daher meine ich, dass in Bayern Religion auch eine gewisse Rolle spielt, spielen wird.

 
Schwarzer: Wie stehen Sie dazu, dass die christliche Religion in Bayern verfassungsrechtlich verankert ist, zum Beispiel im Erziehungsgesetz, in dem es heißt, dass der Unterricht in Bayern an den Grundsätzen der christlichen Bekenntnisse orientiert sein soll?

Idriz: Es ist selbstverständlich, dass wir auch, als Muslime, als muslimische Bürger in Bayern, das akzeptieren müssen, dass wir in einem christlich geprägten Land leben. Das hat mit der Geschichte zu tun. Seit hunderten Jahren ist Bayern ein christliches Land und der Islam ist im Vergleich mit dem Christentum ein neues Phänomen in Bayern. Religionsfreiheit ist natürlich für alle Menschen gemeint, egal ob sie Christen, Juden oder Muslime oder was auch immer sind. Aber in der Tat ist es so, dass das Christentum eine gewisse Autorität in diesem Land hat und der Islam ist nicht gleichermaßen akzeptiert, weder in Bayern noch in anderen Bundesländern; als Religionsgemeinschaft ist er noch nicht anerkannt. Und die Muslime verlangen jetzt von der Politik, vom Staat, dass ihre Religion, also der Islam, auch eine staatliche Anerkennung vom Staat bekommen soll, analog zu den christlichen Kirchen und auch analog zu den jüdischen Gemeinden. Aber wie gesagt, die Muslime und der Islam sind ein neues Phänomen in Deutschland und das ist ein Prozess. Weil die Verfassung, das Grundgesetz, Religionsfreiheit in unserem Land garantiert, wird mit der Zeit auch der Islam als ein Teil der Gesellschaft, als ein Teil unseres Lebens hier, akzeptiert werden. Und der Islam wird hoffentlich auch einmal staatlich anerkannt. Das zu schaffen ist im Interesse unseres ganzen Landes hier; es ist nationales Interesse, gesellschaftliches Interesse, würde ich sagen, dass der Islam hier auch anerkannt werden soll. Dann werden wir selbstverständlich mit der Anerkennung des Islam als Religionsgemeinschaft auch Religionsunterricht und andere Rechte bekommen, aber das ist ein Prozess und das wird ein bisschen dauern.

 
Schwarzer: Aber woran, glauben Sie, liegt es, dass es noch nicht soweit ist, obwohl schon seit mehreren Jahrzehnten Muslime in Deutschland leben? Woran liegt es, dass dieser Prozess solange dauert?

Idriz: Weil es auf beiden Seiten kein ernsthaftes Interesse an einer Institutionalisierung des Islams in Deutschland gibt. Auf muslimischer Seite sind wir immer noch nicht in der Lage eine strukturierte gemeinsame Religionsgemeinschaft zu gründen, wo die unterschiedlichen Strömungen, unterschiedlichen Ethnien, unterschiedlichen Moscheegemeinden sich zusammenfinden und eine gemeinsame Organisation, eine gemeinsame Religionsgemeinschaft gründen. Die Religionsgemeinden, die muslimischen Moscheegemeinden, sind bisher entweder ethnisch oder auch ideologisch geprägt. Das hat mit dem Hintergrund der muslimischen Bevölkerung zu tun. Die meisten Muslime stammen ursprünglich aus der Türkei, aus dem Balkan, auch aus arabischen Ländern. Und die Muslime sind hier nicht nur mit ihren Körpern, sondern auch mit Gedanken und Seelen, die hier aber noch nicht angekommen sind. Ihre Körper sind da, aber ihre Seelen, ihre Gedanken sind woanders. Aber als viele Muslime seit Anfang der 1960er Jahre nach Deutschland kamen, haben sie auch ihre Gedanken hierher mitgebracht und dementsprechend sind die verschiedenen Strömungen auch hier organisiert. So darf es aber nicht weitergehen. Denn genau das ist ja schon das erste Hindernis, warum wir noch nicht eine anerkannte Religionsgemeinschaft geworden sind. Die Muslime sollen sich einen. Auf der anderen Seite fehlt auch ein politischer Wille hier. Die Politik muss uns helfen. Und das ist auch Aufgabe der Politik uns zu helfen. Das bedeutet nicht sich in unsere Sache einzumischen. Aber wir haben hier in Bayern, als Beispiel, einen Integrationsbeauftragten, eine Stelle oder eine Person, die zuständig ist, eine Brücke zu schlagen zwischen Muslime und dem Staat. Diese Person muss in Zukunft viel mehr daran arbeiten, die Interessen der Muslime und die Interessen des Staates auf beiden Seiten zusammenzubringen. Ein Beispiel aus Österreich: Warum ist der Islam dort eine staatlich anerkannte Religion, obwohl die Muslime auch ähnlich wie in Deutschland organisiert sind? Weil die Politik einen Ansprechpartner brauchte: Wer ist verantwortlich für Religionsunterricht, wer ist für Erziehung der Religionslehrer und für verschiedene Sachen. Aber die Muslime konnten sich nicht einigen. Dann hat die Politik indirekt die Initiative ergriffen, weil die Politik einen Ansprechpartner brauchte. Und dann haben die Muslime das gemacht. Und jetzt sind sie glücklich. Die beiden Seiten sind jetzt glücklich. Das fehlt in Deutschland. Das fehlt in Bayern. Also wie gesagt, warum haben wir hier noch nicht diese Position, die Christen und Juden haben: weil wir uns erstens nicht einig sind, auf der anderen Seite weil die Politik immer noch nicht ihren Willen manifestiert hat. Aber in Zukunft muss die Politik sich mehr mit uns beschäftigen und die Muslime müssen mehr Interesse für Integration zeigen.


Schwarzer: Und wie schätzen Sie die Akzeptanz in der bayrischen Gesellschaft ein?

Idriz: Vielleicht würden andere muslimische Persönlichkeiten anders antworten, aber ich persönlich, und wir als Gemeinde hier in Penzberg, wir genießen eine hohe Anerkennung und hohe Akzeptanz in der breiten Bevölkerung. Wir genießen hier auch eine gewisse Autorität, weil wir von Anfang an ein starkes Interesse an Integration gezeigt haben und nicht nur Theorien darüber entwickelt haben, sondern auch in der Praxis ganz deutlich gezeigt haben, dass wir ein Teil dieser Gesellschaft sind. Wenn wir das auch sagen, nicht Teilgesellschaft, sondern wir sind die Gesellschaft, nicht ein polarisierter, ein parallelgesellschaftlicher Teil, sondern wir sind in der Gesellschaft. Wir machen mit, sodass die Islamische Gemeinde Penzberg hier vor Ort eine Anerkennung genießt wie die katholische Kirche, wie die evangelische Kirche. Und auch der Imam ist hier anerkannt wie ein Priester, wie ein Pfarrer. Im Vergleich zu anderen Städten in Bayern ist die Situation hier in Penzberg eine Ausnahme, auch in Deutschland. Wir haben erfolgreich versucht, diese Polarisierung, diese Parallelgesellschaft hier zu verhindern und ein gelungenes gesellschaftliches Zusammenleben zu schaffen. Jeder Muslim soll sich hier wohl fühlen. Jeder Bürger soll sich hier als geehrter Bürger fühlen. Daher ist der Islam hier insgesamt herzlich willkommen, in Bayern.

Die Religionsgemeinschaften, die beiden Kirchen und die jüdischen Gemeinden, und auch die Politik zeigen durchaus Interesse an einer gelungen Integration. Sie brauchen jetzt einen Ansprechpartner und die brauchen, auf muslimischer Seite, den Willen zur Integration. Inwieweit sind die Muslime bereit, sich einzumischen bzw. sich zu integrieren? Dazu können wir hier verschiedene Meinungen hören. Aber auf der anderen Seite ist eine Art von Angst und eine Phobie vor dem Islam in der Gesellschaft verbreitet, weil wir in unserer Gesellschaft, insbesondere auch hier in Bayern, auch solche extremistische Strömungen und Gruppierungen haben, die jegliche Art von Islam hier verhindern wollen. „Islam ist eine Gefahr für unsere Gesellschaft“, dieses Motto soll überall verbreitet werden. Die arbeiten mit allen Mittel, damit die Gesellschaft Angst vor Muslimen bekommt. Und das ist sehr gefährlich. Die Politik sollte sehr wachsam sein und jegliche Art von Extremismus, also auch solche Strömungen, bekämpfen. Egal woher das kommt. Von Muslimen, von Christen, von anderen Seiten. Extremismus ist eine gemeinsame Gefahr für unser Land. Der Islam ist insgesamt und die Muslime sind insgesamt, auch in Bayern, auch in Deutschland, auch in Europa nicht so herzlich aufgenommen, weil politisch in der Welt vieles schief gelaufen ist, von beiden Seiten. Und alles, was in anderen Ländern passiert, wird auch hier thematisiert. Ich als Bürger des Landes hier, ich als Muslim, der sich in Deutschland wohl fühlt, muss nicht immer die Interessen anderer Muslime in anderen Ländern hier verteidigen. Alles was in Saudi- Arabien, in Nigeria, in Somalia, in Afghanistan oder im Irak passiert, muss ich nicht verantworten. Und die Medien spielen eine große Rolle hier. Wenn die Bevölkerung Nachrichten schaut, was heute in Somalia passiert ist, bekommt sie den Eindruck, dass das auch in Deutschland passieren kann. Das ist falsch. Und wir versuchen das mit unserer Arbeit hier zu verhindern, weil uns das alles in die Irre führt, in eine Polarisierung und in einen Konflikt. Das ist eine Gefahr. Ihre Frage war, ob der Islam eine Anerkennung hier bekommt – wenn wir vernünftig arbeiten, wenn wir kooperationsbereit sind, wenn wir dialogfähig sind, wird mit der Zeit der Islam auch eine gewisse Anerkennung genießen.


Schwarzer: Um nun auf ganz aktuelle Debatten zu sprechen zu kommen, warum, glauben Sie, obwohl die Menschen in ganz Europa über viele Jahrzehnte viel Erfahrung mit muslimischen Mitbürgern haben und die Muslime auch in vielen Gemeinden integriert sind, warum herrschen über die verschiedensten Lager der Gesellschaft hinweg so vehemente Debatten über, zum Beispiel, ein Burka-Verbot? Woran liegt das, dass islamische Symbole – Minarette, Kopftücher oder die Burka, ganz aktuell – so auf Widerstand stoßen, auch in Bayern?

Idriz: Weil die Gesellschaft Angst vor dem Islam bekommen hat. Und es wird auch versucht, das zu schüren: 95, 96 Prozent der Bevölkerung soll vor vier Prozent Angst haben. Das ist unakzeptabel. Niemand fragt, ob die Minderheit, die vier Prozent – vier Prozent der Bevölkerung in Deutschland sind Muslime – ob diese Minderheit von vier Prozent vor der Mehrheit Angst hat. Niemand fragt uns das. Weil ich unter den Muslimen bin, weiß ich, wie groß die Angst der Muslime ist! Aber niemand sonst nimmt das zur Kenntnis. Dieses Kleidungsstück, Kopftuch oder Burka, wird so instrumentalisiert, ist so geprägt, als ob fast jede Frau eine Burka trägt, obwohl ich in Deutschland noch nicht eine Frau mit Burka gesehen habe; abgesehen von Touristinnen aus den Golfländern beispielsweise, die hier zwei, drei Wochen bleiben, Millionen an Geld hier lassen und dann wieder zurückgehen. Aber eine Frau, die in Deutschland hier lebt, trägt keine Burka. Wenn es hier solche Fälle gibt, sind das innerhalb der muslimischen Gemeinde vielleicht 0,1 Promille. Insgesamt von 80 Millionen sind das vielleicht 10, 20 Frauen. Sollen wir über 20 Frauen jetzt debattieren und das als ein gesamtgesellschaftliches Problem, eine große Herausforderung sehen? Kann es nicht sein, das solche Debatten von anderen, eigentlichen Problemen ablenken sollen? Wird durch Burkas und durch Minarette unser Land jetzt islamisiert? Sicher nicht. In Europa ist der Islam schon seit 600 Jahren kontinuierlich präsent, in den Balkanländern. Ist Europa islamisiert? Seit 600 Jahren ist weder Europa islamisiert, noch ist der Islam europäisiert. Also, warum haben wir Muslime Angst, dass die Christen unseren Glauben überfremden werden? Das sind Verschwörungstheorien bei den Muslimen: Alle sind schlimm, alle sind schlecht, die wollen uns nicht, die mögen uns nicht, die wollen uns vertreiben. Solche Gedanken sind verbreitet bei Muslimen. Auf der anderen Seite sind es Gedanken wie: Muslime sind aggressiv, die wollen hier nur Moscheen bauen, die wollen hier mit Kopftüchern leben, die wollen uns islamisieren. Weder das eine noch das andere ist richtig. Das reale Bild ist das nicht. Das reale Bild ist ein völlig anderes. Und daher – Ihre Frage zu islamischen Symbolen: Es muss eine Aufklärungsarbeit stattfinden. Dass ein Minarett, zum Beispiel, keine Bedrohung für eine Gesellschaft ist, wenn dieses Minarett mit einem religiösen Hintergrund gebaut ist. Ein Minarett ist kein Machtsymbol. Es ist ein Kultursymbol. Ein Minarett ist ein religiöses Symbol. Und ich als Muslim, wenn ich weiß, dass meine Nachbarn sich von meinem Minarett gestört fühlen, dann sollte ich mein Minarett nicht bauen. Ich kann auch mit einer Moschee ohne Minarett leben und eine Moschee kann auch ohne Minarett gebaut werden. Aber ich muss auch auf der anderen Seite dazu beitragen, dass sich mein Nachbar mit meinem Minarett wohl fühlen kann. Diese Angst abzubauen, ist eine große Aufgabe und  wird durch Aufklärung von muslimischer Seite erbracht. Das ist unsere Aufgabe hier, die Ängste ernst zu nehmen und abzubauen, nicht zu ignorieren. Diese Ängste bestehen. Die Medien und die Politik versuchen leider oft zu provozieren und auch zu instrumentalisieren und versuchen mit allen Mitteln Angst zu schüren. Aber das ist falsch. Wir alle, jeder hier, ist gefordert, diese Irrtümer zu korrigieren und Missstände zu beseitigen.

 
Schwarzer: Und warum, glauben Sie dann, wenn wir gerade bei den Minaretten waren, wird so ein islamisches Kulturelement abgelehnt, aber andere Elemente werden nicht nur toleriert, sondern sogar aufgenommen, sei es Musik, Speisen und vieles mehr?

Idriz: Sehr schön, ja. Ja, ich weiß es nicht warum. Warum stört ein Minarett und ein Döner stört nicht. Es ist sogar, wenn ich es richtig gehört habe, von Deutschen dieser Spruch entwickelt worden: „Döner macht schöner“. Warum ist Döner, ist eine arabische Tanzmusik hier keine Gefahr, sondern nur ein Minarett – es ist doch genauso Kunst wie z.B. Musik! Schauen Sie, als wir hier ein Minarett gebaut haben, ganz bewusst, hier in Penzberg, haben wir überlegt, wie wir ein Minarett bauen können, mit dem wir als Muslime unsere Kultur auch repräsentieren können. Und da haben wir ein Minarett gebaut, auf das jetzt alle stolz sind. Auch wenn andere Muslime sagen: „Was ist das für ein Minarett?“. Dann sage ich: „Lieber so ein Minarett, als ein Minarett wie eine Rakete zu machen.“ Und wenn diese Raketenmodell-Minarette keine Akzeptanz in unserer Gesellschaft finden, dann müssen wir das nicht machen. Dann lassen wir das. Wir müssen immer kompromissfähig sein und die Minarette, als Beispiel, sind nicht überall in der islamischen Welt von gleicher Gestalt. Die Minarette, zum Beispiel, in Marokko, in Tunesien, Algerien sind völlig anders als in Ägypten, in Syrien. In Saudi-Arabien, in den Golfländern sind die Minarette anders als in der Türkei. Schauen Sie, eine Moschee in China ist etwas völlig anderes. Sie können kaum erkennen, dass das eine Moschee ist. Also ist der Islam flexibel und wir können je nachdem, wo wir leben, in welcher Zeit wir leben, auch interpretieren. Und die Muslime sollten auch flexibel sein, ihre Religion hier in Deutschland auch anders zu interpretieren. Und mit solchen Interpretationen des Islam können wir Ängste abbauen. Aber auf der anderen Seite ist die Religionsfreiheit, die wir in unserem Grundgesetz haben, von der Gesellschaft insgesamt noch nicht verinnerlicht. Ja, wenn ich ein Christ bin, wenn ich meine Kirche bauen darf, dann darf auch ein Muslim das machen, darf auch ein Jude seine Synagoge bauen. Das garantiert mir die Glaubensfreiheit. Weder eine Kirche, noch eine Synagoge, noch eine Moschee kann eine Gefahr sein. Auch diese häufig gehörten Argumente – „Warum ist es in islamischen Ländern nicht erlaubt Kirchen zu bauen“ – stimmen ja nicht. Wenn ein islamisches Land nicht in der Lage ist zu erlauben, eine Kirche zu bauen, ist das eine Schwäche dieses Landes. Sollen wir uns dann ausgerechnet so ein Land als Vorbild nehmen, anstatt stolz auf unser Grundgesetz zu sein, unsere Pluralität, unsere Toleranz zu zeigen! Diese Kultur der Toleranz ist notwendig in unserer Gesellschaft. Und wir Muslime sollten und müssen einen Beitrag leisten, damit wir in Zukunft eine tolerante Gesellschaft haben.


Schwarzer: Und wenn wir jetzt auf die Religionsfreiheit, die Sie gerade auch angesprochen haben, zurückkommen: Welche Bedeutung hat heutzutage, in Zeiten von Migration und Globalisierung, für Sie die Religionsfreiheit?

Idriz: Es ist ein sehr zentraler Punkt, nicht nur im Grundgesetz, sondern auch in unserem Leben. Ich kann alles geben. Wenn jemand von mir etwas verlangt, werde ich alles geben, außer meiner Freiheit. Freiheit kann ich nicht verschenken. Ich werde kämpfen um meine Freiheit. Freiheit ist das Schönste, was einen Menschen bekleiden kann. Es ist Schmuck für den Menschen. Und diese Religionsfreiheit gibt mir das. Und Religionsfreiheit darf nicht beschränkt werden. Weder die Politik, noch die Religion kann das beeinflussen. Und daher ist eine Trennung von Staat und Religion notwendig. Weil vielleicht die Politik auch Interesse haben kann, diese Religionsfreiheit zu beschränken, oder auch die Religion könnte ein Interesse haben, die Religionsfreiheit zu beschränken. Daher müssen in einem neutralen Rechtsstaat Religion und Politik getrennt voneinander sein. Und, Gott sei Dank ist in Deutschland diese Religionsfreiheit immer noch stark und wir haben wunderbare Richter hier, die zu diesen Artikeln des Grundgesetzes aufrufen. Es ist aber vor allem auch die Aufgabe der Bevölkerung diese Religionsfreiheit zu verinnerlichen.


Schwarzer: Ist für Sie Religionsfreiheit in Bayern gegeben, wenn Innenminister Herrmann fordert, dass im Staatsdienst die Burka, auch wenn sie, wie Sie vorhin gesagt haben, nur von ganz wenigen Frauen getragen wird, wie es gerade aktuelle Debatte ist, verboten wird? Geht das mit der Religionsfreiheit einher?

Idriz: Je nachdem wie wir Burka interpretieren. Wenn Burka eine religiöse Pflicht ist, dann kann kein Politiker verlangen, die Burka zu verbieten, weil es eine religiöse Pflicht ist. Daher müssen wir erst eine Definition von Burka machen. Was ist Burka? Ist es ein religiöses Symbol, ist es eine religiöse Pflicht, oder nicht? Nach meinem Islamverständnis als Theologe ist Burka weder eine religiöse Pflicht, noch ein religiöses Symbol. Burka ist etwas, das gegen die Menschlichkeit, die individuelle Persönlichkeit, gerichtet ist. Der Islam verlangt keine totale Verschleierung.


Bettina Schwarzer: Und wie ist es mit dem Kopftuch?

Idriz: Kopftuch ist etwas anderes. Aber wir reden jetzt von der Burka. Ich bin gegen die Burka und der Islam ist auch gegen die Burka. Und es gibt keine Stelle im Koran, noch im prophetischen Leben; die höchste Instanz in der Religion ist der Koran und der Prophet Mohammed. Weder der Koran, noch der Prophet Mohammed haben von Frauen eine totale Verschleierung verlangt. Daher ist die Burka völlig irrational, unislamisch und hat nichts mit dem Islam zu tun, sondern das hat mit Traditionen bestimmter Länder zu tun, aber nicht mit dem Islam. Weil, schauen Sie, diejenigen die die Burka tragen, sind auch in der islamischen Welt nicht mehr als zehn Prozent. Wir haben als das größte muslimische Land in der Welt Indonesien. Dort gibt es zweihundert Millionen Muslime. Dann gehen wir weiter Malaysia und andere asiatische Länder. Fünfzig Millionen Muslime in Europa und in Russland. Und weiter in die Türkei. Im Nahen Osten, Syrien, Libanon. Die Burka ist selten, ist ein Ausnahmefall. Alleine das ist ein Zeichen, dass es gar nichts mit dem Islam zu tun hat. Dass der Islam das nicht von den Frauen verlangt, sonst würden alle Frauen das tragen. Mein Verständnis von Islam sagt, dass Burka nicht islamisch ist und daher hat das nichts mit der Religionsfreiheit zu tun. Und wenn ein Minister das verlangt, gebe ich ihm Recht. Ich gebe ihm Recht, wenn er das in bestimmten Bereichen verbietet.


Schwarzer: Im Staatsdienst?

Idriz: Das ist völlig akzeptabel.

 
Schwarzer: Und in der Öffentlichkeit? Wenn ein Politiker, wie zum Beispiel Frau Koch-Mehrin, für ganz Deutschland ein Burka-Verbot einfordert, wie es zum Beispiel in Belgien oder Frankreich, die Parlamente zumindest, schon einmal beschlossen haben?

Idriz: Also, wenn eine Frau, auch wenn das aus meiner Sicht nicht stimmt, davon überzeugt ist, dass es ihre islamische Pflicht wäre oder das einfach aus ihrer eigenen religiösen Überzeugung so glaubt, dann wäre das ein Eingriff in die Religionsfreiheit. Daher ist das im wirklichen Leben sehr schwer zu verbieten, aber im Staatsdienst ist es wohl ganz normal. Ich kann mir nicht vorstellen, dass in einem Ministerium oder in der Stadt München, zum Beispiel, in einem Referat, einem Sozialreferat, einem Planungsreferat eine Frau mit Burka arbeitet – das kann sich doch kein Mensch vorstellen. Nur: Wenn es keine einzige Frau in Bayern gibt, die Burka trägt und in einer staatlichen Behörde arbeitet, warum thematisiert man dann etwas, das es überhaupt nicht gibt. Das ist doch Ironie. Stellen Sie sich vor, in Bayern wird ein Volksentscheid, ein Referendum über ein Rauchverbot gemacht und im Land gibt es keine einzige Zigarette. Das ist komisch, nicht? Steckt da nicht doch eine ganz andere Absicht dahinter? Aber wenn ein solches Gesetz kommt, es im staatlichen Dienst zu verbieten, dann würde der Islam das akzeptieren.

 
Schwarzer: Abschließend noch zwei, drei kurze Fragen: Wenn wir die Religionsfreiheit anschauen, dann verbinde ich mit ihr zum einen die freie  Religionsausübung und die freie Entscheidung zur Religion, gleichzeitig aber die Neutralität des Staates und auch die Gleichheit zwischen den Religionen. Und jetzt frag ich mich, wenn der bayrische Staat gesetzlich verankert, dass Kruzifixe oder Kreuze in bayrischen Klassenzimmern hängen sollen, aber einer muslimischen Lehrerin verboten wird, ein Kopftuch im Unterricht zu tragen, wird hier die Gleichheit, die die Religionsfreiheit eigentlich mit sich bringt, durch den bayrischen Staat gewährleistet?

Idriz: Ein Kreuz ist ein religiöses Symbol und dieses religiöse Symbol stört die Muslime nicht. Ich habe noch nie von einem muslimischen Kind, zum Beispiel von meinem Sohn, der seit Jahren zur Schule geht, eine Klage gehört. Habe ich nie gehört. Das stört nicht. Und es ist auch gut, wenn ein religiöses Symbol gepflegt wird. Aber eine diskriminierende Art von Religionsfreiheit, ist nicht Religionsfreiheit. Ein christliches Symbol wird akzeptiert, aber ein muslimisches Symbol wird nicht akzeptiert. Das ist eine Doppelmoral, die nicht mit der Religionsfreiheit vereinbar ist. Ein Kopftuch, nicht Burka, sondern Kopftuch ist auch kein religiöses Symbol und schon gar kein politisches Symbol. Es wird leider so interpretiert, auch von Seiten der Politiker, weil hinter den Politikern oft Beamte stehen, die leider mit vielen Vorurteilen aufgewachsen sind und Vorurteile gegen den Islam haben. Schauen Sie, wenn ein Minister ein Kopftuch in Schulen von Lehrerinnen verbietet, sagt er nicht, dass das Kopftuch ein religiöses Symbol ist. Das kann er nicht sagen, weil das gegen das Grundgesetz wäre. Er sagt, es sei ein politisches Symbol. Politische Symbole dürfen in der Schule nicht präsent sein. Gibt es ein CSU- oder SPD Logo in der Schule? Nein, gibt es nicht, weil es ein politisches Symbol ist. Und dann wird aber ein Kopftuch mit einem solchen politischen Symbol verglichen. Das ist doch falsch. Ich schreibe jetzt gerade an einem Buch und schreibe dabei auch über das Kopftuch. Ich interpretiere das Kopftuch völlig anders, auch als es bei den Muslimen allgemein verstanden wird. Ich sage kurzum, dass das Kopftuch kein politisches Symbol ist, dass es auch kein religiöses Symbol ist, denn wenn der Islam verlangt ein solches religiöses Symbol zu tragen, sollte er auch von Männern verlangen so etwas zu tragen. Dann müsste ich auch ein Kopftuch tragen. Wenn es im Islam Gleichberechtigung gibt, wie wir oft mit Stolz auf den Islam sagen. Ich sage, das Kopftuch ist weder ein religiöses Symbol noch ein politisches Symbol. Es kann kein politisches Symbol sein. Kopftuch ist etwas anderes. Es ist ein langes Thema über das ich geschrieben habe. Das Buch wird im Oktober veröffentlicht. Aber, viele Frauen sind davon überzeugt, dass das Kopftuch ein Teil ihrer Kleidung ist. Nicht das Kopftuch selbst ist religiöse Pflicht Aber die Religion verlangt von den Menschen, der Islam verlangt von Männern und Frauen gleichermaßen, sich zu bekleiden. Jeder Mensch soll bekleidet sein. Und es gibt diejenigen die ein Minimum davon und diejenigen, die ein Maximum für richtig halten. Und eine Frau ist eben mit einem Maximum bekleidet, mit Kopftuch. Mehr zu verlangen, wäre extrem. Deswegen sage ich, Burka ist extrem. Aber, wenn eine Frau, die ein Kopftuch trägt, davon überzeugt ist, dass das ein Teil ihrer Kleidung ist, dann darf man ihr das doch nicht verbieten. Da muss es mehr Aufklärung geben. Wenn die Politik von muslimischen Lehrerinnen verlangt, kein Kopftuch zu tragen, ist das genauso, zu verlangen keinen Rock zu tragen. Ich kann nicht mit Shorts in die Schule gehen. Ich muss die Beine bekleiden. Und Kopftuch ist ein Teil der Kleidung für diejenigen Frauen, die das so sehen. Das ist dann, nach meinem Verständnis, durchaus ein Angriff auf die Religionsfreiheit, so etwas zu erzwingen. Auch unter dem Vorwand, es sei ein politisches Symbol, ist das falsch. Aber letztendlich, leben wir, Gott sei Dank, in einer Demokratie. Und ein Minister oder ein Politiker kann so etwas nicht von sich aus verbieten. Es gibt ein Parlament hier und die Abgeordneten können ihre unterschiedliche Meinung dazu äußern und abstimmen. Und wenn die Mehrheit sagt, wir verbieten das Kopftuch, dann würde ich als Bürger, auch wenn ich es für falsch halte, dann würde ich das respektieren. Wenn eine Frau dann eine Lehrerin wäre, dann müsste sie sich eben entscheiden, ob sie als Lehrerin an der Schule bleiben wollte – dann müsste sie das Kopftuch weglassen, weil sie jedenfalls die Gesetze respektieren muss.


Bettina Schwarzer: Als abschließende Frage: Wie sehen Sie allgemein die Stellung der Religionsfreiheit in Bayern? Sie haben vorhin kurz gesagt, Sie halten die Religionsfreiheit in Deutschland für stark. Wie würden sie dies nun abschließend für Bayern bewerten?

Idriz: Es gab bisher noch keine schwere Herausforderung für die Muslime hier, sich mit den staatlichen Behörden über Religionsfreiheit auseinanderzusetzen. Daher ist es sehr schwer zu bewerten, inwieweit Religionsfreiheit hier stark ist oder nicht. Vielleicht wird es einmal eine Gelegenheit geben, darüber zu sprechen, aber jetzt, insgesamt, meine ich, dass es mit der Religionsfreiheit in Bayern gut bestellt ist.


Bettina Schwarzer: Vielen Dank!

Idriz: Bitte!


Interview im Rahmen der Diplomarbeit im Fach Soziologie

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Lamya Kaddor: "Diese Typen haben den Koran nie aufgeschlagen"


Manchmal möchte Lamya Kaddor ihren Schülern am liebsten nur Sechsen geben. Aber dann sagt die Islamkundelehrerin sich: Zum Glück bin ich nicht im Ghetto aufgewachsen. Ein Interview.

Frau Kaddor, Sie sind gläubige Muslima, haben Islamwissenschaften studiert, unterrichten Islamkunde. Hier bei Ihnen in Duisburg wurde vergangenes Jahr die größte Moschee Deutschlands eingeweiht. Darüber haben Sie sich sicher sehr gefreut.

Kaddor: Na ja, ich gehe eigentlich nie in eine Moschee.

Bitte?

Kaddor: Mir passt vieles nicht, was da gepredigt wird – etwa, wenn es um die Rollenverteilung zwischen Mann und Frau geht. Fast immer spielt die Politik hinein: In der einen Moschee wird gegen Israel gewettert, in der anderen kriegen Sie die türkische Staatspolitik serviert. Auch die Art des Predigens, dieses ständige Ermahnen, gefällt mir nicht.

Sie gelten als Vordenkerin der liberalen Muslime in Deutschland. Viele Menschen bezweifeln, dass es das überhaupt gibt: liberale Muslime.

Kaddor: Und ob es die gibt! Leute wie ich sind die Mehrheit. Wir sind hier aufgewachsen, haben eine Ausbildung gemacht oder studiert. Wir leben hier gut, und wir identifizieren uns mit diesem Staat. Nur glauben wir eben an den Islam.

Ihre Erfahrungen als Lehrerin an einer Hauptschule im Problemviertel Lohberg sind nicht dazu angetan, das Image des Islam zu verbessern. Ihre muslimischen Schüler haben schlechte Noten, hängen einem altertümlichen Ehrbegriff an, sind oft gewalttätig.

Kaddor: Diese Probleme haben nichts mit der Religion, sondern mit der sozialen Herkunft zu tun. Sie betreffen auch viele der deutschstämmigen Jugendlichen. Meine muslimischen Schüler sind auch gar nicht religiös, sie behaupten das nur, um sich abzugrenzen. Die meisten sind Deutschtürken: In Deutschland werden sie nicht als Deutsche, in der Türkei nicht als Türken akzeptiert. Also bleibt die Religion als Identitätsfaktor. Im Islam ist es einfach, dazuzugehören. Sie müssen keine besonderen Vorleistungen erbringen, um die Religion für sich anzunehmen. Trotzdem wissen meine Schüler so gut wie nichts darüber.

Sie schreiben, einige Ihrer Schüler seien entsetzt gewesen, dass Sie kein Kopftuch tragen.

Kaddor: Ja, für viele der Mädchen gehört das Kopftuch einfach dazu, wie bei anderen die offenen, langen blonden Haare – es geht dabei nicht um religiösen Zwang oder ein politisches Symbol. Keine Einzige konnte mir bislang erklären, warum sie es trägt. Sie sagen: Das steht im Koran. Dann frage ich: Wo denn? Antwort: Das weiß doch jeder, dass das da drin steht! Ich selbst halte das Kopftuch hier im Deutschland des 21. Jahrhunderts einfach für unzeitgemäß. Im 7. Jahrhundert, als Mohammed den Koran empfangen hat, war man ohne das Tuch angreifbar, fast vogelfrei. Diese Schutzfunktion braucht es in der heutigen Gesellschaft nicht mehr, da mich Recht und Gesetz schützen. Ob ich meine Haare zeige oder nicht, ist völlig egal. Ich habe natürlich nichts dagegen, dass jemand Kopftuch trägt, aber ich finde, man sollte wissen, warum.

Sie wollen, dass sich Ihre Schüler kritischer mit der Religion auseinandersetzen?

Kaddor: Genau, kritisch im Sinne von Hinterfragen. Ich frage sie auch: Gibt es Gott? Da sagen die: Um Himmels Willen, so was darf man nicht fragen! Aber sie lassen sich dann doch darauf ein. Umgekehrt nehme ich sie ernst mit ihren Problemen. Wenn ein Junge sagt: Meine Freundin ist schwanger, was soll ich machen? Oder: Mein Vater will eine zweite Frau heiraten, was soll ich tun?

Und was sagen Sie dann?

Kaddor: Wenn man den Koran traditionell auslegt, dann ist die Vielehe zumindest religiös gesehen möglich. Ich erkläre ihnen aber auch, dass ich das nicht gut finde, dass das viel Leid und Verletzungen für die Frauen wie für die Männer bedeutet.

Erwarten die Jungs an Ihrer Schule wirklich, dass ihre künftige Frau als Jungfrau in die Ehe geht?

Kaddor: Teilweise schon, weil sonst die Familienehre beschmutzt ist. Sich selbst nehmen sie aber aus. Bei all dem berufen sie sich auf den Koran – dabei müssen, wenn man dem Koran folgt, beide Geschlechter keusch in die Ehe gehen. Ich mache das konfrontativ im Unterricht: Ich nehme mir jemanden heraus, von dem ich weiß, er hat eine Freundin. Dann erzählt der, wie lange sie schon zusammen sind. Ich frage: Dürfte das deine Schwester auch? Antwort: Nein, wer soll sie denn heiraten, wenn sie keine Jungfrau ist? – Ach, du würdest keine Frau heiraten, die keine Jungfrau mehr ist? – Nö. – Und warum bist du keine Jungfrau mehr?

Wie reagieren dann die Mädchen?

Kaddor: Die freuen sich. Sie wissen ja, dass die meisten männlichen Klassenkameraden Freundinnen haben. Die Mädchen haben auch Freunde, aber im Geheimen. Deshalb sagen sie nichts. Was die Mädchen am meisten ärgert, sind die Jungs, die hinter ihnen herschnüffeln. Eine Schülerin war mit ihrem Freund mal in Oberhausen und wurde dort von einem aus Duisburg gesehen. Der hat das sofort weitergetragen.

Warum begehren die Jugendlichen nicht gegen diese überkommenen Traditionen auf?

Kaddor: Weil sie gar nicht in der Lage sind, zu hinterfragen. Ihnen fehlt es an Bildung.

Oder trauen sie es sich nicht, weil es in den Familien sehr autoritär zugeht?

Kaddor: Bei den meisten gibt es gar keine Autorität. Die Mutter ist überfordert, der Vater ist abwesend, weil er arbeitet oder in einer Teestube rumsitzt. Bei meinen deutschstämmigen Schülern sieht es zuhause nicht besser aus. Die Jugendlichen können sich dann auch nicht anders wehren als durch schreien und schlagen. Morgens sind viele schon so aggressiv aufgeladen, dass man ihnen am liebsten lauter Sechsen geben würde. Die Ehrgeizigen werden gemobbt oder leben in ihrer eigenen Welt. Kaum einer meiner Schüler hat jemals von seinem Vater gesagt bekommen: Ich habe dich lieb. Zuwendung bekommen sie höchstens von der Mutter. Ich habe sie mal gefragt: Findet ihr das nicht komisch? Das ist denen auch aufgefallen, dass das komisch ist.

Warum haben Sie selbst sich so anders entwickelt als viele Ihrer Schüler?

Kaddor: Ich bin in Ahlen in Westfalen aufgewachsen, zunächst in einer Bergmannssiedlung. Als ich acht Jahre alt war, sind wir in einen Stadtteil gezogen, wo es eine gute Schule gab. Das war mein Glück, so bin ich nicht in einem Ghetto aufgewachsen wie viele meiner Schüler. Alle um sie herum sind so wie sie. Keiner ist klüger, ehrgeiziger. Alle leben in den Tag hinein. Meine Eltern kommen aus Syrien, aus dem städtischen Umfeld. Sie sind auch schulisch ungebildet. Aber Disziplin, sich bilden – das war ein großer Wert bei uns. Ich wurde immer gefragt, wie die Klausur gelaufen ist, meine Mutter war hinterher, dass ich Hausaufgaben mache, auch wenn sie inhaltlich nichts verstanden hat. Und doch habe auch ich oft das Gefühl, nicht dazuzugehören. Seit dem 11. September 2001 wird man als Muslim sehr anders angesehen.

Wie äußert sich das?

Kaddor: Vor dem 11. September hat sich niemand darum geschert, dass ich im Zug manchmal arabische Texte lese. Heute gucken die Leute komisch.

Passiert Ihnen so was auch unter Kollegen?

Kaddor: An meinem ersten Tag als Islamlehrerin sagte die Kollegin, die mich der Klasse vorstellte: Achtet mal darauf, wie gut die Frau Kaddor Deutsch spricht! Das saß. Da fühlte ich mich wie eine Ausländerin, obwohl ich nie eine gewesen bin.

Wie reagieren Ihre Schüler auf solche Situationen, in denen sie als Ausländer behandelt werden?

Kaddor: Mit Rückzug. Oder sie sagen: Scheiß Deutsche, scheiß Nazis! Wenn Sie einen pubertierenden 17-Jährigen vor sich haben, türkischer Herkunft, aus sozial schwachem Milieu, ungebildet, Bodybuilder, kahl rasiert – was glauben Sie, wie der reagiert? Da kriegt der andere eins drauf.

Was kann denn, zum Beispiel von Seiten der Politik, getan werden, damit mehr muslimische Kinder so aufwachsen wie Sie – mit Disziplin und Bildung?

Kaddor: Es müssen mehr Kampagnen mit Vorbildern gestartet werden. Jugendliche müssen verstehen, dass Bildung sehr wichtig für Ihre Zukunft ist und dass es eben Sinn macht, zur Schule zu gehen und eine vernünftige Berufsausbildung zu absolvieren.

Die Islamkritikerin Necla Kelek macht den Islam dafür verantwortlich, dass in türkischen Familien vieles schief läuft. In „Die verlorenen Söhne“ schreibt sie, dass im Koran das Recht auf Rache verbrieft sei. In Sure 17, Vers 33 steht: „Und tötet niemand, den zu töten Gott verboten hat, außer wenn ihr dazu berechtigt seid! Wenn einer zu Unrecht getötet wird, geben wir seinem nächsten Verwandten Vollmacht zur Rache.“

Kaddor: Auge um Auge, Zahn um Zahn. Das steht auch im Alten Testament. Der Koran ist ein Zeugnis des 7. Jahrhunderts. Er spricht zu seiner Zeit. Damals war Rache an der Tagesordnung. Zu sagen, deshalb wird auch heute gemordet, ist schon theologisch falsch. Die Typen, die heute ihre Schwestern wegen der Familienehre umbringen, haben sicher nicht Sure 17 gelesen. Diese Typen haben den Koran nie aufgeschlagen.

Kelek behauptet, der Islam habe sich nicht weiterentwickelt. Er lasse sich nicht verändern.

Kaddor: Wo steht das? Im Koran nicht. Der appelliert: Setzt euren Verstand ein. Der Koran ist ja auch kein einheitliches Buch, sondern sehr schwer verständlich und widersprüchlich. Deshalb muss er in jeder Epoche neu interpretiert werden. Frau Kelek ist Soziologin, ihre Stärke liegt darin, die Probleme, die Wertvorstellungen einiger Muslime zu beschreiben. Sie sie ist keine Islamwissenschaftlerin, keine Theologin. Ihr Rückschluss, dass die Religion an allem schuld sei, ist Quatsch.

Sie sagen doch selbst, dass es keine Moschee gibt, in der Sie sich zu Hause fühlen.

Kaddor: Stimmt. Denn das traditionelle Denken ist institutionell sehr weit verbreitet. Man muss aber Traditionen, wie gesagt, vom Islam trennen.

Warum gibt es so viele Fundamentalisten im Islam?

Kaddor: Unter anderem hat das mit dem Einfluss der ultrakonservativen Wahhabiten zu tun. Die leben mehrheitlich in Saudi-Arabien und vertreten ein Textverständnis, das den Koran sehr wortgetreu auslegt und versucht, das Weltbild aus dem 7. Jahrhundert in die heutige Zeit zu übertragen – inklusive Steinigung, Harem und Vielehe. Dass diese Richtung von so großer Bedeutung ist, liegt am Geld, von dem haben die Saudis dank des Erdöls genug. So haben sie Schulbücher für die Muslime in Bosnien finanziert, in denen die Grundlagen ihres Weltbilds vermittelt werden. Sie vertreiben auch weltweit Koranübersetzungen.

Bleibt die Frage, warum so viele Muslime für diesen Radikalismus empfänglich sind.

Kaddor: Wenn sie es sein sollten, dann weil sie zum Beispiel die Erfahrung machen, dass sie keinen Job finden, wenn sie ein Kopftuch tragen – selbst wenn sie studiert haben. Dann sagt einer: Das liegt daran, dass die Deutschen böse sind, und es ist toll, dass du zu deinem Kopftuch stehst. Da finden sie endlich einmal Bestätigung. Fundamentalisten nutzen den wunden Punkt bei den Leuten aus.

Als Vorbild, wie die Mehrheit mit der muslimischen Minderheit umgehen sollte, nennen Sie ausgerechnet die USA.

Kaddor: Ich will Amerika nicht rosarot malen. Bezeichnend ist, dass die Leute dort sagen: We are Muslim-Americans, egal wo sie ursprünglich herkamen. Hier behauptet dagegen noch kaum jemand voller Stolz: Ich bin deutscher Muslim. Und das hat natürlich damit zu tun, dass in den USA jeder Ami ist, der sich zu den Werten des Landes bekennt und halbwegs die Sprache sprechen kann. Das ist in Deutschland längst nicht so. Zudem sind die amerikanischen Muslime gebildeter, die meisten kamen als Studenten ins Land.

Umgekehrt plädieren Sie auch dafür, dass sich die Muslime stärker anpassen. Moscheen in Europa etwa sollten nicht mehr so orientalisch aussehen. Das ist überraschend, wenn man sich Ihre Wohnung ansieht: Hier stehen Palmen, Wasserpfeifen und ein geschnitztes Kamel, an der Wand hängen eine arabische Kalligrafie und Bilder von Damaskus.

Kaddor: Ich versuche, das Westliche und das Orientalische zu verbinden. Klar – ich finde den Orient toll! Aber die Küche oder mein Fernseher sind eben nicht orientalisch. Bei den Moscheen müsste es genau so sein. Die brauchen vielleicht nicht mehrere Kuppeln, sondern nur ein schmales Minarett, eben moderne Architektur.

Die Moschee im bayerischen Penzberg gefällt Ihnen besonders gut?

Kaddor: Ja, dort finden Sie zum Beispiel auf den Eingangstüren eine arabische Kalligrafie – und genauso groß daneben die deutsche Übersetzung.

Sie wollen einen Verein der liberalen Muslime gründen. Warum?

Kaddor: Um der schweigenden Mehrheit eine Stimme zu geben. Leuten, die ein normales Leben leben, die gläubig sind, deren Leben sich aber eben nicht nur um die Religion dreht. Alle anderen muslimischen Verbände verkörpern so etwas wie eine konservative Partei. Wir wollen eher progressiv sein – unter anderem, um den Konservativen die Lehrpläne für den Islamunterricht nicht allein zu überlassen.

Warum schweigt die Mehrheit denn überhaupt – zum Beispiel zum islamistischen Terror?

Kaddor: Viele befinden sich in einem Dilemma: Wieso muss ich mich, der ich mir nichts habe zu Schulden kommen lassen, ständig für Terroristen rechtfertigen? Zumal ein großer Teil der Opfer des Terrors Muslime sind. Die konservativen Verbände sagen dazu wirklich zu wenig. Und alle anderen, die liberaleren Stimmen, sind Einzelpersonen.

Haben Sie schon viele Rückmeldungen zu Ihrer Initiative erhalten?

Kaddor: Ja, viele wollen mitmachen und bedanken sich bei mir, weil ich ihnen aus der Seele gesprochen hätte – auch viele Frauen, ob mit oder ohne Kopftuch. Bei Facebook habe ich jetzt zahlreiche „Freunde“ und Fans, die ich größtenteils gar nicht kenne.

Für radikale Muslime müssen Sie dagegen eine ungeheure Provokation sein.

Kaddor: Manche Fundis schreiben mir, dass ich den Islam verwässern und falsch darstellen würde. Islamhasser wiederum glauben, ich sei die Schlimmste von allen: Ich würde mich nur als Liberale tarnen und wollte eigentlich missionieren …

Jetzt meldet sich Ihr Mobiltelefon – natürlich mit einem orientalischen Klingelton …

Kaddor: Wenn ich das öffentlich sage, bekomme ich wahrscheinlich Ärger mit den Arabern, aber egal! Das ist das Lied „Du bist mein Leben“ von Umm Kulthum, der ägyptischen Maria Callas – aber gesungen von einem israelischen Popstar.

Lamya Kaddor, 32, arbeitet als islamische Religionspädagogin an einer Hauptschule; sie hat einen Koran für Kinder und Erwachsene veröffentlicht. Vor kurzem erschien ihr Buch "Muslimisch - weiblich - deutsch!" bei CH. Beck. Sie lebt mit ihrem Mann und einer kleinen Tochter in Duisburg. Das Gespräch führten Claudia Keller und Björn Rosen.

Quelle: http://www.tagesspiegel.de/weltspiegel/diese-typen-haben-den-koran-nie-aufgeschlagen/1802764.html


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"Es ist nicht so, dass wir alle unterdrückt wären"

In einem Buch sprechen türkische Frauen offen darüber, wie sie ihre Sexualität leben - ganz individuell, mit und ohne Kopftuch.

Zwangsverheiratung, Unterdrückung und sogenannte Ehrenmorde: Das sind die Themen, mit denen türkische Frauen oft in Verbindung gebracht werden. Die Wissenschaftlerin Hülya Adak und drei Kolleginnen wollten es genauer wissen. Innerhalb von sechs Jahren haben sie 50 türkische Frauen in Deutschland und der Türkei zu ihrer Sexualität befragt. Offen haben die Frauen Einblicke in ihr Intimleben gewährt. Sie berichten, was Sexualität für sie bedeutet und wie sie sie leben. Eine Auswahl der Geschichten haben die Wissenschaftlerinnen nun in ihrem Buch "So ist es, meine Schöne" veröffentlicht (Orlanda Verlag). Die SZ sprach mit Hülya Adak, Juniorprofessorin für Sozialwissenschaften an der privaten Sabanci-Universität in Istanbul.


Süddeutsche Zeitung:
Hülya Adak, in Ihrem Buch kommen 32 türkische Frauen zu Wort. Welche Geschichte hat Sie besonders berührt?
Hülya Adak:
Es fällt mir schwer, mich für eine Geschichte zu entscheiden. Denn hinter jeder Erzählung verbirgt sich eine andere Lebenserfahrung. Die eine tragisch, die andere eher positiv. Aber wenn Sie ein Beispiel haben wollen, dann fällt mir zuerst die Geschichte von Sinem ein.

SZ:
Der Fall eines Transvestiten, der Jahre braucht, um zu seiner Sexualität zu stehen.
Adak:
Wegen ihrer sexuellen Orientierung hat Sinem, die heute als Frau lebt, physische und sexuelle Gewalt erfahren. Die Diskriminierung und Ausgrenzung begann schon in der Familie: Als Junge war Sinem der Verachtung und den Schlägen seiner Brüder ausgesetzt. Sie haben ihn in der Wohnung angekettet, tagelang hat er nichts zu essen bekommen. Ein anderer Bruder verhalf ihm zur Flucht und hat ihm so wohl das Leben gerettet. Letztlich hat er es nicht mehr ausgehalten, im Körper eines Mannes gefangen zu sein. Sinem kleidet und empfindet sich heute als Frau, einen Weg zurück in ein bürgerliches Leben gab es nicht. Sie lebt von der Prostitution.
 
SZ:
Das ist eine sehr grausame Geschichte.
Adak:
Ja, das stimmt. In den Geschichten geht es aber nicht nur um Gewalt. Innere Zerrissenheit, unterdrückte Sexualität, gleichgeschlechtliche Liebe spielen ebenso eine Rolle.

SZ:
Sie bestreiten mit Ihren Geschichten auch Lesungen. Wie sind die Reaktionen im Publikum?
Adak:
Sehr positiv. Das sehen wir an den hitzigen Diskussionen und auch an den Kommentaren und Einträgen in den Büchern, die wir am Ende jedes Abends herumreichen. Manchmal gibt es sehr emotionale Momente. Dann fließen sogar Tränen. Insgesamt tut es den Frauen gut, zu erfahren, dass es andere Frauen gibt, die die gleichen Probleme haben wie sie selbst. In der einen oder anderen Geschichte findet sich jede wieder. Bei unseren Lesungen haben sie die Möglichkeit, sehr offen über Themen zu sprechen, über die bislang geschwiegen wurde.

SZ:
Sitzen auch Männer im Publikum? A
dak:
Die Lesungen sind gemischt. Es kommen Frauen und Männer. Die Geschichten werden von Gästen aus dem Publikum vorgelesen - da kommt es durchaus auch vor, dass mal ein Mann an der Reihe ist. Indem sie die Geschichten vortragen und sich in die Rolle der Frauen versetzen, beginnen sie, Empathie zu empfinden. Zum Beispiel hat einmal ein Mann die Geschichte einer älteren Frau gelesen, die ihre Erfahrungen mit der Menopause schildert. Anschließend sagte er: "Jetzt weiß ich, was Menopause ist. Als sich meine Frau in der Menopause befand, konnte ich das gar nicht nachvollziehen."

SZ: Sie haben auch mit türkischen Frauen in Deutschland gesprochen. Leben Frauen in Deutschland und in der Türkei ihre Sexualität unterschiedlich?
Adak:
Vielleicht werden Sie es nicht glauben, doch es gibt kaum Unterschiede. Die Probleme sind meist sehr ähnlich.

SZ:
Die deutschen Medien berichten viel über sogenannte Ehrenmorde und Zwangsverheiratungen von türkischen Frauen. Wie repräsentativ ist das?
Adak:
Ich denke, dass diese Wahrnehmung nicht repräsentativ ist - und daher nicht richtig. In dem Buch gibt es einige Beispiele, die genau diese Vorurteile widerlegen. Aber natürlich werden Sie auch Biographien finden, in denen es um den Begriff der Ehre, um Jungfräulichkeit vor der Ehe und Zwangsverheiratung geht. Frauen, die so etwas erfahren, sind allerdings in der Minderheit. Ich verstehe unser Buch also auch als einen Versuch, das Klischee der türkischstämmigen Frau in den deutschen Medien in Frage zu stellen.

SZ:
Sie plädieren für ein differenzierteres Bild der türkischen Frau.
Adak:
Es ist ja nicht so, dass wir alle unterdrückt wären. Die Leser werden feststellen, dass es die türkische Frau nicht gibt, sondern dass unterschiedliche Frauen ihre Sexualität unterschiedlich leben - wie die deutschen Frauen auch. Die einseitige Berichterstattung empfinde ich als eine Art Ausgrenzungsmechanismus. Wenn in den Medien vor allem unterdrückte Türkinnen und Kurdinnen vorkommen, dann macht man sie damit zu Fremden.

SZ:
Können Sie ein Beispiel nennen?
Adak:
Im Buch erzählt eine junge Frau, die das Kopftuch trägt, über den Zwiespalt, in dem sie sich befindet. Zum einen möchte sie das Kopftuch tragen und das Leben einer Gläubigen führen. Auf der anderen Seite würde sie nicht auf Sex mit ihrem Freund verzichten wollen. Das ist ihre eigene Entscheidung.

SZ:
Sie setzt sich in diesem einen Punkt also über das religiöse Gebot hinweg.
Adak:
Ich finde, das Beispiel zeigt, dass Religion und Sexualität nicht im Widerspruch stehen müssen. Für diese Frau schließt das eine das andere nicht aus. In einer anderen Geschichte wiederum erzählen zwei verschleierte junge Frauen, dass sie ineinander verliebt sind - ohne sexuelle Zuneigung. Auch das ist möglich. Sie sehen, es ist ganz individuell, wie Sexualität definiert und gelebt wird - unabhängig von sozialer, religiöser oder ethnischer Herkunft.

SZ:
Sind junge Türkinnen in Deutschland nicht in einem besonders großen Konflikt? Sie wachsen oft noch in einer traditionell geprägten Familie auf, aber eben auch in einem sehr liberalen Land.
Adak:
Nach außen hin scheint es vielleicht so. Doch eigentlich leben sie alles in einem - Moderne und Tradition. Ihre Beziehungen draußen sind andere als in den Familien. Wir haben bewusst auch türkische Frauen in Deutschland befragt und herausgefunden: Das Leben in deutschen und in türkischen Großstädten unterscheidet sich nicht sehr. Wenn eine Frau aus dem konservativen Istanbuler Stadtteil Sultanbey in den moderneren Stadtteil Beyoglu fährt, dann bewegt sie sich von einer Welt in eine andere. Auf einmal findet sie sich in einem sehr liberalen und modernen Umfeld wieder - sie selbst ist vielleicht verschleiert, während neben ihr Frauen in Miniröcken herumlaufen. Dieser Konflikt ist nicht Deutschland-spezifisch. Diesen Kulturschock erleben die Frauen auch in den türkischen Metropolen.

SZ:
Es gibt immer wieder Diskussionen darüber, dass türkische Eltern ihre Töchter nicht zum Sport-, Schwimm- und Sexualkundeunterricht schicken wollen...
Adak:
Hier eine Lösung zu finden, das ist sicher nicht einfach. Man müsste die Eltern von der Notwendigkeit eines solchen Unterrichts überzeugen. Doch noch schwieriger und verwirrender ist die Situation für die Mädchen selbst. Auf der einen Seite wollen sie mit ihren Klassenkameraden schwimmen gehen, auf der anderen Seite erfahren sie zu Hause diesen Druck. Die meisten wehren sich nicht dagegen, weil das ihrer Erziehung widerspricht.

SZ:
Gibt es Sexualkunde-Unterricht in der Türkei?
Adak:
In der Türkei ist es nicht üblich, dass Kinder bereits im Grundschulalter in Sexualkunde unterrichtet werden, an einigen Gymnasien gibt es das dagegen schon. Ansonsten wird Sexualkunde im Rahmen des Lehramtstudiums an einigen Universitäten angeboten. Die Eltern klären ihre Kinder auch nicht auf. Sie sprechen nicht offen über diese Themen. Insofern gibt es unter Jugendlichen eine große Wissenslücke. Sie kennen weder Verhütungsmöglichkeiten noch Geschlechtskrankheiten. Das ist ein großes Defizit in unserem Bildungssystem.

SZ:
Wie sind Sie selbst aufgeklärt worden?
Adak:
Mit meinen Eltern habe ich nicht offen über Sexualität sprechen können. Erst auf dem Gymnasium wurde ich aufgeklärt. Das war allerdings das amerikanischen Robert-Gymnasium in Istanbul. Dort wird Sexualkunde als Teil des Biologieunterrichtes gelehrt.

Interview: Hayal Düz

Quelle: http://www.sueddeutsche.de/leben/210/491575/text/


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Bundesinnenminister Schäuble 

"Wir ertragen uns"


Sein langfristiges Ziel: die Gleichstellung des Islam inDeutschland. Innenminister Wolfgang Schäuble über den Dialog mit den Muslimen,die Ängste der Deutschen und den islamistischen Verband Milli Görüs 



taz:
Herr Schäuble, Ihr Ministerium hat zur Feier des60-jährigen Geburtstags des Grundgesetzes keine Vertreter der Muslimeeingeladen. Aber Sie sagen: Der Islam ist Teil Deutschlands. Passt daszusammen?
Wolfgang Schäuble:
Ganz klar, dass es keine Einladung gab, war einbedauerlicher Fehler. Ich habe direkt nach dem Staatsakt am 22. Mai bei meinenLeuten nachgefragt, warum wir das nicht gemacht haben.

Und warum?
Wir haben nicht dran gedacht.
Peinlich.
Ja, Integration ist eben ein Lernprozess, auch in meinerBehörde. Wenn das nächste Mal ein vergleichbares Ereignis stattfindet, werdenwir auch Repräsentanten der Muslime einladen - neben Vertretern der Kirchen,der Griechisch-Orthodoxen und der jüdischen Gemeinde.

Haben die Deutschen nach wie vor Angst vor dem Islam?

Nein, das glaube ich nicht. Laut einer Allensbach-Umfrage aus dem Jahr 2006 halten 80Prozent der BürgerInnen Muslime für fanatisch, 60 Prozent sagen, der Islam undDemokratie vertragen sich nicht. Zunächst ist mein Vertrauen in Umfragen sehr begrenzt. Undich glaube, gerade in den vergangenen Jahren hat unsere Gesellschaft vieldazugelernt. Vorurteile haben abgenommen, der Widerstand gegen Moscheebautenzum Beispiel auch.

Ein Moscheebau in Köln hat für heftige Proteste gesorgt.
Das liegt schon gut zwei Jahre zurück. Am Ende war es fastnur noch der Publizist Ralph Giordano, der dagegen war. Und als vor ein paarWochen fundamentalistische Islamgegner in der Stadt mit einem Kongressmobilmachen wollten, hatten sie keine Chance, weil sich ihnen ein breitesBürgerbündnis entgegenstellte.

In dieser Woche laden Sie wieder zur Islamkonferenz undsetzen sich mit Vertretern der Muslime an einen Tisch. Was hat Sie dabeibislang am meisten überrascht?
Ich war überrascht, wie schnell wir bei all dem Streit eineAtmosphäre geschaffen haben, in der die Arbeit Freude macht. Es herrscht dasGefühl, wir packen zusammen etwas an. Anfangs hatte ich befürchtet, das gehtkeine zehn Minuten gut. Wie soll der Islamratsvorsitzende Ali Kizilkaya mit derFrauenrechtlerin Seyran Ates in einem Raum sitzen? Aber es geht, wir ertragenuns.

Ist das schon ein Erfolg? Sich zu ertragen?

Bevor man sich schlägt, ist das ein Erfolg.

Wenn das die Messlatte ist …

Im Ernst: Die Konferenzteilnehmer streiten miteinander, siepflegen eine demokratische Diskussionskultur. Das allein ist ein Riesenerfolg.Denn damit haben auch die Muslime in Deutschland die Pluralität des Islamanerkannt. Und auch bei den Vertretern des deutschen Staates, die in derKonferenz sitzen, ist etwas passiert.

Gut und schön. Aber welche Projekte hat die Islamkonferenzbeschlossen?

Wir sind zum Beispiel ein gutes Stück bei dem Zielvorangekommen, islamischen Kindern Religionsunterricht an Schulen anzubieten.Indem wir gemeinsam ein genaueres Verständnis darüber entwickelt haben, dassman Religionsunterricht nur partnerschaftlich einführen kann. Dazu braucht es -so will es das Grundgesetz - Organisationen, die die Voraussetzungen für eineReligionsgemeinschaft erfüllen.

Von einem islamischen Religionsunterricht, der demkatholischen und evangelischen gleichgestellt ist, sind die Länder weitentfernt. Hier ist die Konferenz gescheitert.

Nein, dieser Prozess braucht seine Zeit. In vielenBundesländern gibt es inzwischen Modellversuche, islamischen Kindern etwas überihre Religion beizubringen, etwa mit dem Fach Islamkunde. Die Islamkonferenzhat auch vielmehr die Voraussetzungen dafür definiert, islamischenReligionsunterricht einzuführen, wenn ihn die Muslime wollen - und dann bleibtdie Frage, ob muslimische Organisationen diese Voraussetzungen erfüllen wollen.So sind etwa bestehende Vereine wie der Islamrat zwar ein religiöser Verein,aber eben keine religiöse Gemeinschaft im Sinne des Grundgesetzes. Die brauchtes jedoch für Religionsunterricht.

Die konservativen islamischen Verbände hofften, im Zuge derKonferenz als Religionsgemeinschaft anerkannt zu werden. Dieser Hoffnung habenSie eine Absage erteilt. Entwickeln sich die Organisationen in diese Richtung?

Ich glaube, die Anerkennung wird von den Moscheegemeindenausgehen, denn da findet die Glaubensausübung statt. Ditib könnte sich in dieRichtung einer Religionsgemeinschaft entwickeln. Über den Reformbedarf beiDitib haben wir auch bereits mit der türkischen Religionsbehörde gesprochen.

Ditib ist von der Türkei abhängig. Der Vorsitzende istBeamter des türkischen Staates.

Ja, aber Ditib-Vertreter lösen sich ein Stück weit, siewerden selbstständiger. Das geht voran.

Das Problem ist doch, dass der Islam schlicht nicht in dasdeutsche Religionsverfassungsrecht passt, weil das an den christlichen Kirchenausgerichtet ist.

Nein, wir gehen davon aus, dass dasReligionsverfassungsrecht ausreichend offen für auch nichtchristlicheReligionsgemeinschaften ist. Vor allem, weil es in erster Linie um Organisationsfragengeht.

Hat die Islamkonferenz auch etwas Konkretes erreicht?
Es gibt keine neuen Gesetze und Verordnungen, wenn Sie dasmeinen. Alle muslimischen Vertreter haben sich ohne jeden Vorbehalt zur Ordnungdes Grundgesetzes bekannt. Und zwar nicht so, dass man es sagt, aber letztlichnicht meint. Was das konkret zum Beispiel für den Sport- und Schwimmunterrichtheißt, wollen wir am Donnerstag beschließen.

Und wie immer, wenn es konkret wird, ist keine Einigung inSicht. Die einen wollen Elterngespräche mit dem Ziel, die Abmeldung der Töchtervom Unterricht zu verhindern, die anderen pochen auf dieses Recht.

Warten Sie ab. In vielen Bereichen haben wir nach vielStreit eine Einigung erreicht.

Kommt von den Debatten in der Islamkonferenz eigentlichirgendetwas in den muslimischen Communitys an?

Natürlich sind solche Diskussionen vor allem erst einmalDiskussionen zwischen Eliten. Aber wir erwarten schon von den muslimischenMitgliedern der Islamkonferenz, dass sie die Inhalte in ihre Communitys tragen.Meine Äußerung, dass der Islam Teil Deutschlands ist, die ist angekommen. Dasmerke ich an den Reaktionen der Menschen. Die haben mitgekriegt, dass wir unsbemühen.

Herr Schäuble, die Münchener Staatsanwaltschaft ermitteltgegen den Generalsekretär der islamistischen Organisation Milli Görüs, OguzÜcüncü, und den Präsidenten der Islamischen Gemeinschaft in Deutschland (IGD),Ibrahim El-Zayat, wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung. Ücüncü ist imSicherheitsgesprächskreis der Islamkonferenz, El-Zayat, der vielerorts dieStrippen zieht, zumindest über seinen Dachverband vertreten. Diskreditiert dasdie Islamkonferenz?

Nein, denn wir haben Herrn Ücüncü gebeten, nicht mehr an demGesprächskreis Sicherheit teilzunehmen, und dem ist auch entsprochen worden.Zudem gilt immer die Unschuldsvermutung. Milli Görüs selbst ist nicht Mitgliedin der Islamkonferenz.

Aber Milli Görüs dominiert den Islamrat - und der ist in derIslamkonferenz vertreten.
Milli Görüs wird weiter vom Verfassungsschutz beobachtet.Das heißt aber nicht, dass wir nicht mit ihnen sprechen. Die Gutwilligen wollenwir ja gewinnen.

Warum wollen Sie die Islamkonferenz in der nächstenLegislaturperiode fortsetzen?

Weil die Probleme noch nicht gelöst sind. Oder haben Sie denEindruck, dass die Lösung von religionsrechtlichen Fragen und die Verbesserungder gesellschaftlichen Integration so weit vorangeschritten sind, dass derDialogprozess bereits am Ende wäre?

Was ist Ihr langfristiges Ziel?
Mein Ziel ist eine gewisse Gleichstellung des Islam, alsoeine ähnliche Form der staatlichen Kooperation mit den Muslimen in Deutschlandwie mit anderen Religionsgemeinschaften. Unter Berücksichtigung der Tatsache,dass dieses Land von der christlichen Religion und Kultur geprägt ist. Das istkein Gegensatz. Und wenn Muslime und Mehrheitsgesellschaft empfinden würden,dass es keinen Unterschied macht, welche Religion jemand hat, wäre vielgewonnen.

Quelle: http://www.taz.de/1/politik/deutschland/artikel/1/wir-ertragen-uns/

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„Das bereichert unser Zusammenleben“

Bundeskanzlerin Angela Merkel über Muslime

KNA: Innenminister Schäuble hat mit der Islamkonferenz einen Schritt zur politischen und gesellschaftlichen Integration der Muslime in Deutschland gemacht. Wie stellen Sie sich diesen Prozess auf lange Sicht vor? Wird es irgendwann in Deutschland muslimische Feiertage als staatliche Feiertage geben? Werden wir eines Tages einen muslimischen Bundeskanzler haben?

Merkel: Unser Grundgesetz garantiert die Religionsfreiheit, es gibt also keine Beschränkungen. Mir ist es wichtig, dass wir dies auch in der gelebten Realität umsetzen. Wir haben in den zurückliegenden vier Jahren zwei Dinge gemacht. Zum einen haben wir mit Staatsministerin Maria Böhmer das Thema Integration als eine zentrale Aufgabe hier ins Kanzleramt geholt. Hier müssen wir in den kommenden Jahren weitere Schritte gehen für ein gutes Zusammenleben im Alltag. Das Zweite ist der Dialog mit den Muslimen, den Wolfgang Schäuble als der für Kirchen und Religionsgemeinschaften zuständige Minister führt.

Langfristig streben wir an, dass wir mit den Muslimen in staatlich besser geordnete Beziehungen kommen. Das ist mit dem Islam nicht immer einfach wegen der verschiedenen theologischen Schulen und Nationalitäten und weil es keine zentrale Ansprechstelle gibt. Das ist sicherlich ein längerer Prozess sowohl zwischen Staat und Muslimen als auch zwischen den unterschiedlichen Richtungen der Muslime untereinander. Aber aus meiner Sicht ist es ein sehr wichtiger Prozess. Und auch der Dialog zwischen den Kirchen und den islamischen Vertretern in Deutschland sollte weitergehen, der auch nicht immer ganz einfach ist und der trotzdem mit aller Ernsthaftigkeit geführt werden muss.

KNA: Aber Sie sehen das bisher Erreichte in der Islamkonferenz als Erfolg an?

Merkel: Ja, ich sehe das als einen deutlichen Schritt nach vorne an, auch wenn wir noch einen langen Weg vor uns haben. So haben das im Übrigen auch die Teilnehmer der Islamkonferenz gesehen.

KNA: Und die islamischen Feiertage?

Merkel: Also das sehe ich ehrlich gesagt nicht. Was ich für die nächsten Jahre sehr wichtig finde, ist, dass wir zunehmend mehr voneinander wissen. Noch vor gar nicht so langer Zeit wusste kaum ein Nichtmuslim etwas über den Ramadan, heute ist das schon ganz anders. Und je mehr muslimische Beschäftigte in den Betrieben oder auch in der Verwaltung oder in der Polizei und in den Ministerien sind¸ umso breiter wird dieses Wissen. Das bereichert unser Zusammenleben.

Das Interview führte KNA-Chefredakteur Ludwig Ring-Eifel.

Mehr über diese Inteview mit der Bundeskanzlerin http://www.domradio.de/aktuell/artikel_56254.html



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Interview mit Tariq Ramadan:

"Es gibt kein islamisches System, nur islamische Prinzipien"

Im Gespräch mit Claudia Mende wendet sich der muslimische Gelehrte und Reformdenker Tariq Ramadan gegen autoritäre Herrschaftsstrukturen im Islam und wirbt für ein modernes Glaubensverständnis auf der Grundlage einer Trennung von Staat und Kirche.

In Ihrem neuen Buch "Radikale Reform" schreiben Sie, Frauen sollten in den Moscheen und in theologischen Debatten präsenter sein als bisher. Sollten sie auch das Freitagsgebet leiten?

Tariq Ramadan: Wir sollten sehr vorsichtig sein, eine Diskussion über eine Funktion zu eröffnen, die im Islam keine wirkliche Autorität besitzt. Jeder kann das Gebet anleiten, man braucht keine Autorität, die etwa der eines Priesters entspricht. Im Islam ist es wichtiger für eine Frau, ein so genannter faqih zu sein, ein Jurist, ein Richter, eine islamische Gelehrte. In dieser Funktion bedeutet Autorität tatsächlich etwas. Doch abgesehen davon braucht man keine tieferen Kenntnisse des Islams, um das Gebet anzuleiten. Es reicht, den Koran auswendig zu können.

Aber die Frage besitzt doch hohen symbolischen Wert…

Ramadan: Das glaube ich nicht. Ich finde es besser, wenn ein Mann das Gebet anleitet, sobald Männer und Frauen zusammen beten, so wie es auch der vorherrschenden Gelehrtenmeinung entspricht. Das ist meine Position in dieser Auseinandersetzung. Mir sagt auch die Position des ägyptischen Muftis zu, der im Einzelfall keine Bedenken hat, wenn eine bestimmte Moschee sich für eine weibliche Vorbeterin entscheidet. Aber ich würde die Kontroverse über dieses Thema nicht forcieren, weil es heute wichtigere Themen gibt, wie zum Beispiel Bildung und Autorität in der Rechtsprechung sowie gesellschaftliche Verantwortung.

Zu den Rechtsangelegenheiten gehört zum Beispiel die Frage nach dem Erbrecht von Frauen. Traditionell erben Frauen nur halb soviel wie Männer. Was halten Sie davon?

Ramadan: Es gibt Verse im Koran, die ausdrücklich besagen, dass wenn es eine direkte Erbfolge gibt, Frauen die Hälfte des männlichen Anteils erhalten. Diese Regelung hat mit dem islamischen Ideal von Familie zu tun, wonach alle Muslime streben sollten – ein Ideal, das auf Stabilität und Gerechtigkeit in der Familie ausgerichtet ist. Die Realität sieht in den Familien heute jedoch oftmals ganz anders aus. Es gibt viele allein erziehende Frauen. Wir können die Koranverse nicht tilgen, aber wenn man sie mit dem Ideal der Gerechtigkeit verbinden will, dann ist es heute eine kollektive Aufgabe, solche Frauen zu entschädigen und ihre finanzielle Selbständigkeit zu unterstützen.

Das sollte deshalb geschehen, um das Ideal der Gerechtigkeit nicht aufzugeben, anstatt die Verse wortwörtlich auszulegen, um scheinbar dem Islam treu zu bleiben, de facto aber Ungerechtigkeit zu schaffen.

Sehen Sie die neue Auslegung solcher Verse als eine Aufgabe des europäischen Islam an?

Ramadan: In meinem Buch geht es nicht um europäische islamische Theologie. Es enthält keine europäische Theologie, sondern richtet sich an alle Muslime in der Welt von heute.

Aber Sie sind doch ein europäischer Denker?

Ramadan: In meinem Buch geht es nicht um Europa. Ich habe mit Gelehrten in Nordafrika, in Asien, in Malaysia gesprochen, weil wir uns an die Welt von heute wenden müssen. Wir brauchen nicht zu denken, unsere europäischen Erfahrungen hätten nichts mit dem Leben von Muslimen in der Türkei oder in Pakistan zu tun. Das stimmt nicht. Einige konkrete Fragestellungen müssen wir in unserer Gesellschaft lösen, aber darüber hinaus brauchen wir eine Methodologie für die Welt von heute. Wir müssen die Gelehrten des Textes und die Gelehrten des Kontextes zusammen bringen, um uns den Herausforderungen im Westen genauso wie in Marokko oder woanders zu stellen.

Welche Rolle kann die Scharia dann noch spielen?

Ramadan: Die Scharia ist für mich mehr, als das, was die fuqaha, d.h. die islamischen Rechtsgelehrten und Juristen nur als islamisches Gesetz definiert haben. Die Scharia weist den Weg zur Glaubwürdigkeit ("faithfulness"). Wir müssen die Gesetze im Lichte dieses Weges sehen. Die Scharia gibt die Vision vor, nach der wir streben wollen. Wenn beispielsweise ein deutsches Gesetz regelt, dass Männer und Frauen vor dem Gesetz gleich sind oder gleichen Lohn für gleiche Arbeit beziehen sollen, dann ist das ist das insofern Scharia für mich, da ich diese Gleichheit vor dem Gesetz will. Daher habe ich ein Problem mit jenen Gelehrten, die den Koran wortwörtlich verstehen und meinen, die Scharia und das säkulare Rechtssystem seien zwei gegensätzliche Systeme. Ich finde das vollkommen falsch. Auf unserem Weg zur Glaubwürdigkeit beleuchten wir das Erbrecht, die Gerechtigkeit, soziale Fragen und die Wissenschaften. Es gibt Gesetze von Nicht-Muslimen, die in ihrem Geist islamischer sind als Gesetze in islamischen Ländern. Ich ziehe Gesetze vor, die im Westen erdacht wurden.

Heißt das, Sie verstehen die Scharia mehr als moralische Richtschnur?

Ramadan: Sie gibt eine ethische Vision vor. Islamische Ethik bedeutet, dass Sie bestimmte Werte umsetzen wollen. Genau das haben wir auch in der Gesetzgebung europäischer Staaten. In Europa haben wir eine Verfassung, eine Vision und Gesetze, die diese Vision umsetzen sollen. Im Islam ist es genauso. Viele dieser ethischen Errungenschaften sind im Islam und im Westen gleich. Deshalb halte ich es für falsch, sie gegenüber zu stellen.

Aber es gibt doch Normen, die überhaupt nicht zusammen passen?

Ramadan: Man erzählt mir immer von gegensätzlichen Punkten, aber es gibt keine. Es gibt eine öffentliche und eine private Sphäre. Sie können in Ihrem Privatbereich tun, was Sie wollen. Nehmen Sie das Beispiel Homosexualität: Das islamische Konzept der Familie sieht traditionell nur eine Gemeinschaft von Mann und Frau vor. Manche Gelehrte verurteilen Homosexualität sehr streng, wie auch in Christentum und Judentum, sogar der Dalai Lama verurteilt sie. Das ist jedoch nicht der Punkt. Der Punkt ist, dass der Islam dieses Ideal aufstellt und ich es auch als Ideal propagieren will. Soll ich die Homosexuellen etwa verurteilen und im Namen der Scharia ächten? Nein, im Gegenteil. Die sexuelle Orientierung ist Privatsache. Im öffentlichen Bereich will ich doch das erreichen, was meinen Werten entspricht. Wir respektieren uns gegenseitig, selbst wenn wir nicht einer Meinung sind, was unser jeweiliges Verhalten betrifft.

Sieht der Islam ein bestimmtes politisches System vor?

Ramadan: Es gibt kein islamisches System, nur islamische Prinzipien. Wie in Christentum, Judentum und Buddhismus gibt es im Islam auch Werte für das Leben, für Gemeinschaft und Gesellschaft und danach kann man auch ein System finden. Ich benutze das Konzept des islamischen Staates nicht, aber wir müssen Prinzipien wie Bürgerrechte, das allgemeine Wahlrecht – im Sinne von Mehrheitsentscheidung – Rechtssicherheit, Rechenschaftspflicht und die Trennung der Gewalten fördern. In unseren Ursprungsländern wie zum Beispiel in Ägypten und anderen Diktaturen gibt es Politiker, die auf Lebenszeit gewählt sind und sich gegenüber den Bürgern nicht rechtfertigen müssen.

Wie verhält es sich mit der Trennung von Staat und Kirche?

Ramadan: Die religiöse Gewalt darf den Menschen nichts auferlegen, was sie mit ihrem eigenen Gewissen ausmachen. Aber der Begriff säkulare Gesellschaft ist im islamischen Kontext anders aufgeladen als im Westen. Säkularisierung meint im Westen, dass die katholische Kirche vom Staat unterschieden wurde, um einen Weg zur Religionsfreiheit zu ebnen. Das halte ich für einen wichtigen Prozess. In der islamischen Welt steht Säkularisierung in einem anderen Zusammenhang. Ihre Geschichte ist jünger und mit Kolonisierung und Diktatur verbunden. Alle muslimischen Führer, die mit diesem Konzept arbeiteten, waren keine Demokraten. Deshalb ist das Wort Säkularisierung als etwas Fremdes aufgeladen und suggeriert Kolonialismus. Wir müssen ein Konzept finden, das die Prinzipien voran bringt, ohne gleich Ablehnung zu provozieren, weil die Begriffe vorbelastet sind.

Heißt das, Sie akzeptieren die Trennung von Staat und Kirche?

Ramadan: Ich akzeptiere sie nicht nur, diese Trennung war im Islam von Anfang an angelegt. Muslimische Gelehrte haben die Bereiche von Bekenntnis einerseits und sozialen Angelegenheiten auf der anderen Seite unterschieden.

Aber islamische Staaten kennen diese Trennung nicht.

Ramadan: Bei ihnen handelt es sich nicht um islamische Staaten sondern um Dynastien oder im Fall Irans um Länder mit einer religiösen Autorität, die alle gesellschaftlichen Prozesse kontrolliert. Ich bin gegen solche Strukturen. Beide Ebenen müssen klar voneinander getrennt sein.

Sollte die letzte Entscheidungsgewalt beim Volk liegen?

Ramadan: Die Menschen sollen politische Entscheidungen selbst fällen. Das Problem ist, wie wir die Normen und das Rechtsgefüge organisieren. Ich rufe die Muslime dazu auf, mehr Kreativität zu entwickeln, damit wir ein gesellschaftliches System finden, das islamische Prinzipien respektiert, aber weder den Westen imitiert noch das, was derzeit in muslimischen Ländern passiert. Mit Euro-Islam habe ich nichts zu tun.

Aber was ist Euro-Islam dann für Sie?

Ramadan: Euro-Islam ist ein Begriff, den Bassam Tibi erfunden hat und den Journalisten gern benutzen. Ich denke nicht an neue Modelle, die aus Europa kommen. Sie könnten aus jedem Teil der Welt kommen. Wir haben kein islamisches Modell für Europa. Für europäische Muslime sind mir drei Dinge zentral: Sie sollten die Sprache sprechen, sich an die Gesetze halten und loyal zu ihren Ländern stehen. Schließlich sind sie Europäer.

Interview: Claudia Mende

http://de.qantara.de/webcom/show_article.php/_c-469/_nr-1037/i.html


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Interview mit Nasr Hamid Abu Zaid

"Ich bin Zeuge des Wandels im Islam"

Nach Ansicht des ägyptischen Literaturwissenschaftlers und führenden islamischen Reformdenkers Nasr Hamid Abu Zaid stellt die Freiheit des Individuums die Voraussetzung des Glaubens dar. Deshalb habe auch jeder das Recht, zu konvertieren. Erhard Brunn hat sich mit ihm unterhalten.


Die Frage nach dem Verhältnis der Muslime zur Gewalt beschäftigt den Westen noch immer sehr stark. Sie haben jüngst darauf hingewiesen, dass diesbezüglich der Rekurs auf Koran-Suren im heutigen Zusammenhang völlig irreführend sei…

Abu Zaid: Natürlich benutzt der Koran teilweise eine scheinbar sehr starke Sprache, was die Aufforderung zum Kampf angeht. Da müssen sich die Forscher natürlich fragen, warum im Koran in diesem Fall eine so starke, persuasive Sprache gebraucht wird. Hier ist der Kontext entscheidend: Die Araber, die an Mohammed glaubten, sollten ja überzeugt werden, gegen ihre eigenen Familien zu kämpfen und somit der vorislamischen Tradition zu widersprechen. Demnach war es einem Individuum verboten, gegen seinen eigenen Stamm zu kämpfen. Aber das Erscheinen von Mohammed als Prophet hatte so viele Angehörige verschiedener Stämmen an sich gezogen. Als die Zeit kam, als sie ihre neue Gemeinschaft verteidigen mussten, kam die Drohung von ihren eigenen Stämmen. Hier können wir doch den entschlossenen Ton des Korans verstehen.
Der Islam wurde nicht inmitten eines Weltreiches geboren, sondern inmitten von Traditionen von Stämmen, von Stammesgesetzen, heidnischen Regeln. Die neue Gemeinschaft war nicht durch Blutsbande verbunden, nicht durch tribale Bande. Sie kamen ja von verschiedenen Stämmen. Sie formten eine neue Art von Stamm, der sich von Anfang an im Konflikt mit anderen Stämmen befand. Sie mussten sich verteidigen. All dies formte den Koran. Der Koran hielt wirklich fest, was sich an der Basis abspielte.
Daher können wir die Aussagen des Korans nicht verstehen, ohne den historischen Hintergrund zu kennen. Diese Leute folgten nicht einem neuen spirituellen Führer, um zu kämpfen. Sie waren irgendwie aus dem Stammessystem rausgefallen. Aber am Ende mussten sie kämpfen.

Sie haben mehrmals auf Johannes von Damaskus und dessen Analyse des Korans hingewiesen. Dieser wichtige Kirchenmann in der Frühzeit des Islam wies auf eine Reihe von Punkten hin, die er als widersprüchlich im Koran empfand. Was hat dieser christliche Theologe des 8. Jahrhunderts in Bezug auf die Koranexegese heute zu sagen?

Abu Zaid: Die erste Lektion, die ich nach dem ersten Lesen seiner provokanten Analyse des Koran empfand war: Hier handelt es sich um eine polemische Auseinandersetzung im 8. Jahrhundert, die jedoch durchaus produktiv war, da die frühen islamischen Theologen die von Johann aufgeworfenen Fragen als Herausforderung und nicht als Bedrohung begriffen. Die Relevanz all dieser provokativen Herausforderungen im anti-islamischen Diskurs wie die Mohamed-Karikaturen oder Filme wie "Fitna" oder "Submission" heute, ist für mich, dass ich immer versuche, Muslime zu ermutigen, dies ebenfalls als Herausforderung zu sehen. Denn nichts kann große Zivilisationen wirklich bedrohen, die über Jahrhunderte hinweg überlebt haben und dabei ganz verschiedene politische Systeme entwickelten – vom Stamm zum Imperium, vom Nationalstaat zur globalen Ordnung.
Johannes von Damaskus hatte ja nicht vor, islamische Theologen zu besseren Leistungen anzuspornen. Es zeigte lediglich das Verhältnis zwischen der muslimischen und der nichtmuslimischen Welt auf, das tiefer und historischer war als wir denken. Das Konzept zweier von einander geteilter Welten ist ein falsches Konzept. Solche Welten haben nie existiert.

Was machte den Islam zu einer großen Zivilisation?

Abu Zaid: Die Art der Interaktion und des Austauschs mit den Kulturen überall auf der Welt – ein Austausch, der bereits Ende des 7. Jahrhunderts und zu Beginn des 8. Jahrhunderts existierte und sich über Spanien und Sizilien fortsetzte. Denken Sie an die islamische Philosophie und Wissenschaft, die ins Lateinische übersetzt wurden.
Mit den Zivilisationen verhält es sich genau wie mit Wellen – sie sind ständig in Bewegung: Von Afrika kommend oder auch vom alten Irak, nach Griechenland und von dort zum Mittleren Osten. Die hellenistische Ära, als Alexander der Große versuchte, seine Autorität in der ganzen Region durchzusetzen. Darauf folgte die islamische Zivilisation. Und schließlich die Renaissance und die moderne westliche Zivilisation. Ausgehend vom 7. Jahrhundert fand diese Art des Austauschs statt, der den Dialog der Zivilisationen und den interreligiösen Dialog unterstreicht.

Damit widersprechen Sie gängigen Behauptungen von Islamkritikern, dass es keinen ernsthaften Austausch oder Dialog gegeben habe und dass Islam und Individualismus nicht miteinander vereinbar seien...

Abu Zaid: Genau. Das ist auch ein wichtiges Argument gegen die Ansicht, dass es aus muslimischer Sicht nicht möglich sei, zu konvertieren. Wenn Du einmal Muslim bist, kannst Du - laut vorherrschender Meinung der Islamgelehrten - den islamischen Glauben nicht wechseln. Oder Du musst verschwinden.
Ich meine, dass die Einladung des Propheten an die Menschen, ihm im Glauben zu folgen auf der Annahme der Freiwilligkeit beruhte. Denn es können ja keine Leute eingeladen werden, die keine freie Wahl haben. Die grundsätzliche Freiheit eines jeden Individuums, einem neuen spirituellen Führer zu folgen, sollte damit abgesichert werden, dass er auch die Möglichkeit hatte, seine Meinung wieder zu ändern.

Sie erwähnten die Wellenbewegungen im globalen historischen Prozess, die mitunter sehr kreative und dynamische Phase in der muslimischen Welt. Doch irgendwann ab dem 14. und 15. Jahrhundert scheint diese Dynamik verloren gegangen zu sein. Worauf führen Sie das zurück?

Abu Zaid: Da stimme ich Ihnen nicht ganz zu. Wenn Sie beispielsweise das islamische Denken im 15., 16. oder 17. Jahrhundert mit der Entwicklung des islamischen Denkens im 18. und 19. Jahrhunderts vergleichen, werden Sie eine große Gedankenvielfalt entdecken. Das Problem ist, dass einige Leute dazu tendieren, ein starres Bild von den Arabern zu pflegen. Sie können noch nicht einmal die vielen Unterschiede zwischen Tunesien und Saudi-Arabien ausmachen. Für sie ist der Islam eine feste Größe, was nicht der Realität entspricht. Es ist eine Entwicklung in der muslimischen Welt im Gang, eine Reformation. Sie begann Ende des 19. Jahrhunderts und hält im 20. Jahrhundert an. Und sie hat bereits Höhen und Tiefen erfahren.

Aber Sie selbst betrachten sich als Opfer dieser Entwicklungen?

Abu Zaid: Ja, ich bin ein Opfer. Aber ich bin auch ein Zeuge des Wandels, der vonstatten geht, allen Grausamkeiten – wie in meinem Fall – zum Trotz. Der berühmte arabisch-spanische Philosoph Averroës wurde verurteilt. Doch seine Ideen haben sich trotzdem im Westen ausgebreitet, sie gingen nach Syrien, wurden ins Lateinische übersetzt und formten die Grundlage der damaligen Kirche. Wir müssen also immer auf den Kontext achten – lokal wie international. Man darf nicht vergessen, dass auch die christliche Welt viele Denker verurteilt hat. Und dennoch wurde dort eine interne Dynamik ausgelöst.

Interview: Erhard Brunn

Prof. Abu Zaid wurde 1943 in der Nähe von Tanta, in Ägypten geboren. Nach dem Studium der Arabistik an der Universität Kairo wurde er 1987 außerordentlicher Professor am Institut für Arabische Sprache und Literatur. Seine Analysen des Korans, in denen er diesen auf dem Hintergrund seiner Entstehungsgeschichte analysierte, entzündeten sich heftige Kontroversen. In deren Folge wurde er von religiösen Hardlinern der Apostasie beschuldigt, eine Zwangsscheidung wurde gegen ihn durchgesetzt, so dass er Ägypten schließlich verließ. Seit 2004 lehrt Abu Zaid im niederländischen Leiden.

Quelle: http://de.qantara.de/webcom/show_article.php/_c-578/_nr-21/_p-1/i.html


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Interview mit Mathias Rohe zur Scharia-Debatte:

"Integrative Islam-Interpretationen sind alternativlos"

Nach Ansicht des Juristen und Islamwissenschaftlers Mathias Rohe ist es höchste Zeit für die hier lebende muslimische Bevölkerung, religiöse Grundlagen zu finden, die sich klar im Rahmen des säkularen Rechtsstaats bewegen. Mit ihm sprach Loay Mudhoon.

Rowan Williams, Erzbischof von Canterbury, sorgte mit seinem Plädoyer für die Eingliederung von Aspekten des islamischen Rechts ins britische Rechtswesen für großes Aufsehen und heftige Kritik in Großbritannien. Hierzulande warnten einige Publizisten vor einem "weiteren Schritt der westlichen Welt, sich der integrationsunwilligen muslimischen Einwanderer-Minderheit unterzuordnen". Sind diese Ängste berechtigt?

Mathias Rohe: Meines Erachtens sind sie nicht berechtigt. Der Alarmismus hat in unseren Tagen Konjunktur. Islamistischer Terror, "Ehrenmorde" und Moscheebau werden von manchen umstandslos auf eine Ebene gehoben und als Beleg für eine angebliche Islamisierung benannt. Die Entwicklung in Europa zeigt aber, dass man sich gegen islamisch begründete Gewalt sehr wohl zur Wehr zu setzen will und weiß. Verbrechen wie "Ehrenmorde" müssen gleichfalls bekämpft werden, finden im Islam aber keine Legitimation. Die Errichtung von Kultgebäuden schließlich zählt zu den verfassungsmäßig garantierten Rechten; die legale Errichtung einer religiösen Infrastruktur durch Einwohner und Bürger ist ein schlichtes Gebrauchmachen von Religionsfreiheit. Hier scheint es auch noch ein gewisses Bildungsbedürfnis bei manchen Vertretern der "Mehrheitsgesellschaft" zu geben. Im übrigen sind nach allen vorhandenen Erkenntnissen große Mehrheiten der Muslime in Europa – die noch größer werden könnten – durchaus integrationswillig oder schon längst integriert.

Wie bewerten diesen Vorstoß inhaltlich? Lässt er sich auf ein pauschales Plädoyer für das parallele Bestehen der Scharia mit dem britischen Gesetz überhaupt reduzieren?

Rohe: Der Erzbischof hat sich sehr differenziert zu diesem Thema geäußert und deutlich zwischen akzeptablen und nicht akzeptablen Aspekten der Scharia unterschieden. Ich hätte mir eine sachbezogenere Debatte gewünscht, auch wenn ich den Vorstoß des Erzbischofs inhaltlich nicht unterstütze.

Wie realistisch ist diese Vorstellung einer pluralen Gerichtsbarkeit? Können diese Überlegungen das Grundprinzip der Gleichheit vor dem Gesetz in Frage stellen?

Rohe: Das ist zumindest faktisch möglich und deshalb höchst problematisch. Selbstverständlich steht es jedermann frei, Konflikte außerhalb staatlicher Instanzen zu regeln. In Familien geschieht das ja täglich. Auch sind in vielen Bereichen Mediatoren und Schiedsgerichte erfolgreich tätig. Problematisch wird es dort, wo solche "freiwilligen" Institutionen für die Nutzung von Bevölkerungsteilen eingerichtet werden, die ohnehin in erheblicher Distanz zur staatlichen Ordnung und ihren Institutionen leben und die ihre hier geltenden Rechte zum Teil gar nicht kennen. Das kanadische Beispiel (zeitweilige Errichtung islamischer Schlichtungsinstitutionen) zeigt, dass dann Druck auf die schwächeren Beteiligten ausgeübt wird, sich ausschließlich an solche Instanzen zu wenden und damit einen Teil der staatlich garantierten Rechte aufzugeben. Konkret geht dies in aller Regel zu Lasten von Frauen, weil die Betreiber entsprechenden traditionellen Interpretationen des islamischen Rechts folgen.

Rowan Williams hat die Eingliederung von Aspekten des islamischen Rechts ins britische Rechtswesen als "unvermeidlich"bezeichnet und erklärte, die begrenzte Anwendung islamischen Rechts könne sogar die britische Gesellschaft insgesamt stärken. Welche Auswirkungen könnte die Berücksichtigung islamischer Normen für die Integrationsbereitschaft der Muslime haben?

Rohe: Manche Aspekte sind ohnehin schon längst eingegliedert, etwa die – rechtlich grundsätzlich unproblematischen – Instrumente klassischen islamischen Wirtschaftens. Selbst des Land Sachsen-Anhalt hat schon eine islamische Anleihe zur Kapitalbeschaffung aufgelegt. In Großbritannien hat man eine Form der Adoption eingeführt, die weniger weitreichende Folgen hat als die klassische Volladoption mit Statusfolge. Das mag zwar vor allem für Muslime vor den Hintergrund ihrer Rechtstradition gedacht sein, ist aber als neues Modell offen für alle. Insbesondere im Bereich des Familienrechts sollte man allerdings nicht vorschnell von "Unvermeidlichkeit" reden.
Es ist zwar Fakt, dass in Großbritannien gerade unter Einwanderern vom indischen Subkontinent eine Islam-rechtliche Parallelstruktur entstanden ist, worauf der Erzbischof offenbar Bezug nimmt. Man sollte aber versuchen, dort für die Vorzüge des geltenden staatlichen Rechts zu werben und deutlich zu machen, dass es in bestimmten Umfang Gestaltungsfreiheit zulässt, die auch religiös motiviert sein kann, zum Beispiel in Eheverträgen. Wichtig ist dann auch die Entwicklung einer kulturellen Sensibilität in staatlichen Institutionen, welche die Lebensverhältnisse solcher Zuwanderer berücksichtigt. Insgesamt ist gerade der Bereich des Ehe- und Familienrechts sensibel und im Hinblick auf Schutzbedürfnisse auch nicht nur "privat". Insofern müssen wir auf dem Grundgedanken der Gleichberechtigung der Geschlechter und der Religionen als für alle geltenden Prinzip beharren. Das sehen auch die meisten Muslime so. Förderung der Integrationsbereitschaft darf zudem nicht um den Preis der Aufgabe der eigenen Grundvorstellungen erfolgen.

Andere Kritiker weisen darauf hin, dass bereits seit längerem in England und in anderen europäischen Ländern subtilen Druck ausgeübt werde, (Teil)-Aspekte der Scharia mit dem Zivilrecht zu verknüpfen. Wie real ist dieser Druck in Deutschland?

Rohe: In Fällen internationaler Lebensverhältnisse schreiben unsere eigenen Gesetze es vor, in einem gewissen Rahmen auf Ausländer ihr Heimatrecht anzuwenden. Insofern haben wir selbst seit langem eine solche Verknüpfung ermöglicht, allerdings nicht dort, wo ihre Ergebnisse für unser Rechtsempfinden unerträglich wären. Im Hinblick auf interne Verhältnisse werden in Deutschland solche weitergehenden Forderungen nur von einzelnen Extremisten erhoben. Freilich gibt es auch hier Fälle, in denen zum Beispiel eine nur nach islamischem Ritus im Inland verheiratete Frau die Scheidung möchte. Sie in staatlichen Gerichten mit der Begründung abzuweisen, dass mangels bestehender gültiger Ehe auch keine Scheidung möglich sei, muss nicht der Weisheit letzter Schluss sein. Wir kennen ja auch den Gedanken deklaratorischer Aufhebung von Nicht-Bestehendem. Die allermeisten Muslime hier haben sich aber nach meiner Kenntnis sehr gut im geltenden Recht eingerichtet.

Unter dem Dach der freiheitlich-demokratischen Rechtsordnung in Deutschland gibt es religiöse Entfaltungsmöglichkeiten (Artikel 4 des Grundgesetzes). Welche Rechte können deutsche Muslime daraus ableiten?

Rohe: Sie können gleichberechtigt mit allen anderen Religionen und Weltanschauungen ihre Rechte geltend machen, die nach der religionsoffenen deutschen Verfassung auch das Sichtbarwerden und Wirken im öffentlichen Raum einschließt. Das reicht – bei Erfüllung der jeweiligen rechtlichen Voraussetzungen – vom Moscheebau über das Einrichten muslimischer Gräberfelder, dem fachgerechten Schächten und der Einrichtung islamischen Religionsunterrichts bis hin zu mittelbaren Wirkungen etwa in privaten Arbeitsverhältnissen (z.B. im Hinblick auf Gebetszeiten, religiöse Festtage oder Bekleidungssitten). Selbstverständlich hat auch die Religionsfreiheit Grenzen, die aber nicht nach Mehrheitsverhältnissen gezogen werden dürfen.

Viele Muslime und Nicht-Muslime sprechen von "islamischen Geboten", meinen jedoch "islamische Kultur". Wie geht das deutsche Recht mit den kulturellen Gebräuchen um?

Rohe: Kulturelle Gebräuche genießen nicht den Schutz der Religionsfreiheit, sondern den stärker eingeschränkten Schutz der freien Entfaltung der Persönlichkeit nach Art. 2 GG. Hier liegt im übrigen ein großes Aufgabenfeld für Muslime hierzulande: Manches, was als islamisch verstanden wird und anstößig wirkt, ist in kulturellen Praktiken und Überzeugungen verwurzelt. Ein Beispiel ist der zum Teil grotesk übersteigerte formale Ehrbegriff in patriarchalischen Lebensstrukturen, der immer wieder Auslöser für schlimmste Verbrechen wird.

Was sollten Muslime tun, um zu helfen, dass die normativen Vorgaben ihrer Religion in den heutigen säkularen Rechtsstaat besser berücksichtigt werden können?

Rohe: Es ist für eine auf Dauer hier lebende Bevölkerungsgruppe, die Teil unserer Gesellschaft geworden ist, hohe Zeit, religiöse Grundlagen zu formulieren und Interpretationen zu finden, die sich in den unverzichtbaren Rahmen des säkularen demokratischen Rechtsstaats einfügen. Das Instrumentarium hierfür ist vorhanden, man muss es nur nutzen. Viele Menschen hier haben ja keine Angst vor "dem Islam", sondern vor seinen extremistischen Schattenseiten, die sich in einer Fülle von Anschlägen und Hasspropaganda niederschlägt.
Freilich ist immer wieder deutlich zu machen, dass es sich hier um eine kleine Minderheit der Muslime handelt, deren Handeln und Ideen von der übergroßen Mehrheit scharf verurteilt werden. Zudem dürfen wir Muslime hier nicht in Kollektivhaft für bedrückende Phänomene wie die Unterdrückung von Christen und anderen Religionsangehörigen in vielen Teilen der islamischen Welt nehmen. Ferner kann die Herausbildung integrativer Islam-Interpretationen nur gelingen, wenn dafür auch die institutionellen Voraussetzungen geschaffen werden, wie die Einrichtung islamischen Religionsunterrichts und die Errichtung entsprechender Ausbildungsstätten für Religionslehrer und Imame. Das wird Geld und Energie kosten, ist aber alternativlos.

Interview: Loay Mudhoon

Prof. Dr. Mathias Rohe ist Jurist und Islamwissenschaftler. Als Inhaber des Lehrstuhls für Bürgerliches Recht, Internationales Privatrecht und Rechtsvergleichung ist er an der Juristischen Fakultät der Universität Erlangen-Nürnberg tätig. Seit 2001 ist er Vorsitzender der Gesellschaft für Arabisches und Islamisches Recht (Forschungsschwerpunkte: Islam in Europa und gegenwärtige Entwicklungen im Islamischen Recht, Islam und Rechtsstaatlichkeit).

Quelle: http://de.qantara.de/webcom/show_article.php/_c-469/_nr-894/webcom/show_article.php/_c-469/_nr-837/i.html