Prof. Husein Djozo (1912-1982) Pionier islamisches Reformen in Bosnien und Herzegowina


Die muslimische Geschichte in Bosnien
Ein Inspirationsquelle für die europäische Zukunft

Von Imam Benjamin Idriz

Tagtäglich werden wir zu Zeugen, wie unsere immer näher zusammenrückende Welt sich der wechselseitigen Beeinflussung durch Staaten und Völker nicht entziehen kann. Dabei bietet jede Seite ihre Privilegien an. Dass ein Land, das groß und mächtig ist, von einem anderen Land, das klein und weniger mächtig ist, sich auch mal was abschauen kann, sei erlaubt. 

Ohne Frage ist die Integration der Muslime in Deutschland eine der wichtigsten Grundsatzfragen unseres 21. Jahrhunderts. Und hier bietet der autochthone Islam im Balkan gegenüber dem immigrierten Islam in Westeuropa viele Perspektiven. Oder anders ausgedrückt: Trotz der zahlreichen Konflikte und Kriege im Balkan, ist es in Bosnien gelungen, einen anpassungsfähigen und heimischen Islam zu etablieren, der durchaus eine Leuchtturmfunktion haben sollte für eine ähnliche Entwicklung in Westeuropa. Der ehemalige deutsche Botschafter in Sarajewo Michael Schmunk bringt es auf den Punkt wenn er sagt: „Jedes Land, das neu in die EU eingegliedert wird, bereichert diesen Pakt mit Vorzügen und Vorbildlichem. Wenn eines Tages Bosnien ebenfalls zur Europäischen Union gehören sollte, so wird auch es mit einer Beispielhaftigkeit beitragen. Nämlich mit seinem Islamverständnis und der gleichzeitigen Verbundenheit zu Europa.“ 
Sarajewo wird mittlerweile unter Namen wie „Das Europäische Jerusalem“, „Das Gelebte Andalusien“, „Der Orient im Okzident“ und „Das Zentrum des Euro-Islams“ geführt.

Dem renommierten deutschen Politikwissenschaftler Bassam Tibi wird der Begriff und die Erfindung eines “Euro-Islams“ zugeschrieben. Wenn man jedoch etwas genauer die Islamische Geschichte durchforstet, so lassen sich schnell Schlüsse ziehen, dass der so genannte “Euro-Islam“ bereits in theoretischer Auslegung und praktischer Ausübung in Bosnien begann, noch bevor Herr Tibi in seiner syrischen Herkunftsstadt geboren wurde. Um die eigentlichen Urheber und Träger des Euro-Islams kennen zu lernen, dürfte ein kleiner Abstecher in die historische Vergangenheit von Interesse sein.

 Zum Ende des 19. Jahrhunderts durchleben die Muslime in Bosnien den Übergang vom Osmanischen Reich - einer islamischen Herrschaftsform - zum Österreich-Ungarischen Reich, zu einer christlichen Herrschaftsform. Das bedeutete für Bosnien eine Neuorientierung in Politik, Verwaltung und Kultur, und damit entfachte sich die Frage der Integration der Muslime in einen bisher unbekannten Staatsapparat. Bereits in den Anfängen des Machtwechsels beschäftigten sich in Sarajewo muslimische Denker und religiöse Führer mit dem Ansatz von Reformen in der Religion, um eine möglichst verlustfreie Integration der bosnischen Muslime in das Österreichisch-Ungarische Reich zu gewährleisten.

Diese Phase der Neuorientierung in Bosnien überbrückten und begleiteten vor allem islamische Denker und muslimische Intellektuelle. Ihnen ist es gelungen das muslimische Volk mit nachvollziehbaren, richtungweisenden Botschaften und tatkräftiger Arbeit für diese Eingliederung zu gewinnen.

Wie zu jeder Zeit und an jedem Ort üblich, und wie gegenwärtig in Europa zu spüren ist, ist auch die Geschichte Bosniens gezeichnet von solchen Muslimen und muslimischen Gelehrten, die sich in ein konservatives Lager spalten und solchen, die Reformen in Gang setzen. Während die Konservativen auf das Altbewährte hinwiesen und weiter auf den Osten setzten, verknüpften die Reformer den Islam mit dem Geist der Zeit, des Ortes und der vorherrschenden Begebenheiten.

Letztere gingen im Lauf der Zeit als Gewinner hervor. Die Stimmen der Reformer wurden immer mutiger, die von ihnen vorgelegten Handreichungen fanden breite Akzeptanz und Kooperation.

In den zahlreichen Veröffentlichungen der Reformer ist immer wieder darauf hingewiesen worden, dass es nicht darum geht, das religiöse Kleid abzustreifen um zu überleben, sondern als gläubiger Muslim die Himmelsrichtung nach Westen zu ändern, sich nach Europa auszurichten. 

 Erste Versuche in diese Richtung schaffte 1893 Mehmed-beg Kapetanović Ljubušak in seinem Werk „Zukunft oder Fortschritt von Mohammedanern in Bosnien und Herzegowina“. Enes Karic, Islamwissenschaftler und derzeit Gastprofessor an der LMU München, schreibt in seiner Bewertung zu Ljubusaks Ausführungen, dass dieser bereits einen “Euro-Islam“ umwirbt ohne dabei eine genaue Terminologie zu verwenden. (Islam in Bosnien und Herzegowina und Deutschland, Friedrich-Ebert-Stiftung, S. 131, Sarajewo, Juli 2008)

Den Reformern ging es hauptsächlich um eine Sensibilisierung des muslimischen Daseins im 19. Jahrhundert in Bosnien unter Österreich-Ungarn. Dazu mussten verankerte Strukturen, wie der endgültige Zerfall des Osmanischen Reiches, die Aufhebung des Kalifates, die durch Atatürk besiegelt war, als irreversible Entwicklungen und Tatsachen anerkannt werden und die früher entstandenen religiösen Muster teilweise zur Disposition gestellt werden.

Mehmed-beg Kapetanović Ljubušak lobt in seinem Werk von der ersten bis zur letzten Seite die „neue Ordnung“ in Bosnien, die dem Land einen Fortschritt bescherte, wie er schreibt, und ermutigt seine Landsleute, sich gegenüber der österreichisch-ungarischen Regierung zu öffnen und sich loyal zu ihr zu stellen.

Gelobt wird ausdrücklich Kaiser Franz Joseph I., der sein christliches Land den bosnischen Muslimen öffnete, ihnen nicht nur Toleranz entgegen brachte, sondern auch direkte Hilfe bot, um muslimische Identität zu pflegen. Besonders hervorgehoben werden die vielen muslimischen Bildungseinrichtungen, die unter dem Kaiser entstanden. Eine solche Einrichtung ist die Islamische Fakultät, die zu dieser Zeit 1878 gebaut wurde und damals als islamische Justizschule fungierte.
Nach dem Prinzip „Gib dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott was Gottes ist!“ möchte Ljubusak davon überzeugen, dass die Trennung von Staat und Kirche auch ein islamisches Prinzip sei, dessen sich die Muslime bisher so nicht bewusst waren.
1893 wird Ljubušak zum Bürgermeister von Sarajewo. Während dieser Zeit plädiert er vor allem für die Förderung der Bildung und fordert vor allem die jungen Leute dazu auf, die Bildungschancen im neuen Reich zu nutzen. Um Bildung zu erlangen sollte man nicht nach Asien auswandern, sondern das vor der Haustür angebotene Schulsystem für Mädchen und Jungen gleichermaßen nutzen. In einem berühmten Ausspruch von ihm heißt es: „Bolje učiti gimnaziju nego iči u Aziju“ also „Besser im Gymnasium lernen als nach Asien gehen.“

Ljubušak tritt auch für das Erlernen der deutschen Sprache ein. Er forderte seine Glaubensgemeinschaft auf, offen zur deutschen Sprache zu stehen und forderte die Religionsgelehrten und Geistlichen auf, die europäische Wissenschaft, die dem Islam nicht entgegengesetzt steht, wie er betont, zu studieren. Dieser legendäre Reformer – wenn nicht sogar: Reformator - schrieb dies nicht nur in seinen Werken nieder, sein gesamtes Wirken übte einen großen Einfluss auf die islamische reformerische und aufklärerische Öffentlichkeit in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Bosnien und Herzegowina aus. Von seinen Reformen ließen sich Intellektuelle genauso wie Theologen und geistliche Führer beeinflussen. Trotz des Widerstandes des konservativen Lagers, fand der reformatorische Ansatz, sowohl bei der Bevölkerung, als auch bei der großen Mehrheit der religiösen Würdenträger und bei der Österreichisch-Ungarischen Monarchie großen Zuspruch, so dass innerhalb kürzester Zeit in ganz Bosnien und weiteren Balkanstaaten diese Reformbewegung verbreitet werden konnte. Diesen Zug unterstützen weitere Theologen wie Reisu-l-ulema Džemaludin Čaušević. 

Zur Frage der „Versöhnung von Glaube und Vernunft“ veröffentlichen zwei muslimische Denker 1914 das Werk „Religion und gesunder Verstand“. Dabei geht es den beiden Autoren, Bekir Fejzagic und Munib Ceric, um eine Versöhnung der aus dem Osten kommenden Religion mit dem aus dem Westen beeinflussten Menschenverstand. Also darum, dass ein guter Europäer auch gleichzeitig ein guter Muslim sein kann. Dieses Modell stellt den Ausgangs- und den Schlusspunkt vieler Diskussionen dar. Das beschäftigte auch Adem Bise, der 1937 in Tuzla ein Buch veröffentlichte mit dem Titel, der genauso gut auch in unsere Zeit passt: „Kann ein Muslim ein europäisch-kulturelles Leben leben und ein guter Muslim bleiben?“ Einer der in diesem Zusammenhang nicht unerwähnt bleiben darf, ist Faik Zeki. In einem 1907 erschienen Essay mit dem Titel „Warum machen die islamischen Völker keine Fortschritte?“, macht er unter anderem die Imame und die muslimischen Herrscher für die Rückständigkeit des Islams verantwortlich.

Er kritisiert die Unkenntnis der Imame über den Westen und deren ablehnende Haltung gegenüber einem progressiven Gedankengut. 

Ein weiterer Punkt, der die Reformer beschäftigte, war die Frauenfrage. Frauen, die zum großen Teil Analphabeten waren, Frauen, die aus dem gesellschaftlichen Leben ohne triftige Gründe verbannt waren. Einer der zu seiner Zeit mit durchaus radikalen Lösungen für die muslimische Frauendebatte stand, war Dzevad Beg Sulejmanpasic, vor allem mit seinem Aufsatz von 1918 „Die Muslimische Frauenfrage, ein Beitrag zu ihrer Lösung“. Er unterstreicht: „Die massive Rückständigkeit unserer Frauen trägt dazu bei, dass wir als Gesellschaft dem Rückschritt unterworfen sind. Solange wir keine schnellen und grundlegenden Veränderungen herbeiführen, solange wird es für uns auch keinen wirklichen Fortschritt geben.“ Des Weiteren erklärt Sulejmanpasic, dass die österreichisch-ungarische Monarchie nicht genug Druck ausgeübt habe, aus Rücksicht auf die islamische Religion, Er schreibt: „Sie hätten uns zwingen sollen, unsere Kinder in die Schulen zu geben, sie hätten uns zwingen sollen den Frauen einen anderen Status in der Familie und Gesellschaft zu geben, wie ihn die neue Zeit verlangte.“ 

Während ein Reformator nach dem anderen das gesellschaftlich-religiöse Bild aufrüttelte, fehlte es aber immer noch an Wegweisungen von oberster Stelle. Genau in diese Zeit passt schließlich die Rede der höchsten religiösen Autorität in Bosnien, des Reisu-l-ulema Džemaludin Čaušević. In seinem Referat von 1927 vertritt er sehr liberale Auffassungen, fordert Reformen, Aufklärung und Fortschritt. Es dauerte nicht lange, bis sich eine scharfe Polemik um die Äußerungen Čauševićs, vor allem aus der Richtung der traditionellen Muslime dagegen wandte. Trotz allem Widerstand griff Čaušević viele Tabuthemen auf, aber vor allem forderte er den Verzicht der Verschleierung des Gesichtes, eine damals weit verbreitete Praxis für die muslimische Frau, und forderte die Muslima auf, sich aktiv in die Gesellschaftsordnung einzubringen.  

Ein engagierter Mitverfechter des Reis-ul Ulema war der Schariatsrichter Ajni Busatlic, der sich mit seiner 1928 erschienen Ausgabe „Die Frage des muslimischen Fortschritts in Bosnien und Herzegowina (Ein wahres und offenes Wort)“, engagiert auf die Seite Čauševićs stellte. Ebenso wirkte auch Dr. Mehmed Begović von der Juristischen Fakultät. In seinem 1930 verfassten Buch „Die Emanzipation der Frau“ benutzt er eine akademische Sprache und verurteilt die Einengung der Frauen auf den Harem und weist darauf hin, dass dieser Brauch keinem islamischen Ursprung entspringt. Er geht sogar so weit und räumt den Frauen das Recht ein, für eine Männergemeinde das Gebet zu leiten.

Die Abschaffung des Kalifates 1924 führt ebenfalls zu vielen Diskursen in Bosnien. Einer der diese Frage aufbrachte, war Bulbulović, der in seiner 1926 geschriebenen Broschüre die Macht in den Händen des Volkes sieht und sein Volk dazu anhält, endgültig dem Kalifat „Auf Nimmerwiedersehen“ zu sagen. 

Bestrebungen zu Reformen in der so genannten „Islamischen Welt“ kommen ungeachtet der inneren Spannungen in den jeweiligen Ländern, aus allen Bereichen der Gesellschaft. Die Ankara-Schule in der Türkei ist ein solches Beispiel, die auf diesem Wege fixierte Meilensteine setzen konnte. Ähnliche organisierte Reformbewegungen können wir in Ägypten, Malaysia, im Iran und selbst in Saudi Arabien feststellen, wenn wir sie nur zur Kenntnis nehmen, was bei uns in Europa leider viel zuwenig geschieht. 

In Europa war wiederum ein Bosnier, der Theologe Husein Đozo, einer der Vorreiter für ein ausgeprägtes und konsequentes Reformschema in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Đozo gelang es die erste Islamische Wissenschaftsfakultät in Bosnien zu gründen, mit Hilfe deren Absolventen die Reformideen weit und effektiv verbreitet wurden, die nicht nur von den Studenten, sondern auch ausschlaggebend von einer breiten Masse der Öffentlichkeit aus nahezu allen Schichten Unterstützung fand.

Ein Blick in die islamische Geschichte verrät, wie sich der Islam von den bestehenden Regierungssystemen, von der Gesellschaft, von der Kultur, von den Bräuchen und Sitten der jeweiligen Länder beeinflussen ließ. Dies zeugt von seiner Dynamik. Und so haben wir in Saudi Arabien eben nicht dasselbe Islamverständnis wie in der Türkei, in Bosnien, in Nigeria oder Indonesien. Wissenschaftler prägen daher Terminologien wie den “Saudischen Islam“, “Türkischen Islam“, “Afrikanischen Islam“, “Malaysischen Islam“ oder “Bosnischen Islam“.

Von diesem zentralen Ausgangspunkt aus, kann man sich nichts Natürlicheres vorstellen, als den Islam auch hier in Europa mit europäischen Wurzeln und Werten zu vereinbaren. Auch wenn das heute noch den einen oder anderen überfordert, ist klar, dass mit der Zeit immer mehr Muslime mit europäischen Hintergrund, die sich nicht nur in ihrem alltäglichen Lebensstil und Kleidungsverhalten als solche herauskristallisieren, eben auch einen Euro-Islam fordern werden. 

Die Religionsfreiheit in Europa garantiert Glauben und Moralvorstellungen im Sinne des Islams. Dazu kommen zeitkonforme Entwicklungen, wie demokratische Staatsformen, politische Rechtssysteme, Menschenrechte, Gleichberechtigung von Mann und Frau und Meinungsfreiheit. Das sind bereits hart erarbeitete Errungenschaften, die der Islam von Europa direkt übernehmen kann.

Der “Euro-Islam“ wird vor allem ein Islam sein, der einige bisherige islamische Rechtsauffassungen nicht weiter teilen wird. Er möchte aber auch ein Islam sein, der die Spiritualität in Europa beeinflussen kann. Das heißt, der “Euro-Islam“ sieht seine Chance in einem wechselseitigen Prozess eines ständigen Nehmens und Gebens, eines Annehmens und Angenommen Werdens. 

Für die Realisierung eines Europa-kompatiblen Islams bedarf es des Zusammenwirkens zahlreicher Kräfte, Institutionen und etablierter Einrichtungen, die vor allem die Debatten in der Anfangsphase steuernd übernehmen müssten, um hier Fehlentwicklungen gegenzusteuern. Die zentrale Aufgabe würde sich auf die neu auftauchenden Fragen der heranwachsenden muslimischen Generation konzentrieren und neue Ansätze in der Auslegung der Zeit und des Ortes entsprechend erstellen. Ebenso für die Verankerung eines wissenschaftlich fundierten und aufgeklärten Islamverständnisses sorgen, sowie der Identitätsbildung eines Europäischen Muslims stärkend bei Seite stehen, der sich in seiner Gesamtheit in erster Linie Europa verbunden denkt. Vor allem aber benötigen Muslime einen Perspektivenwechsel, der die religiösen Texte als „universell göttliche Werte“ zugänglich macht. Der es erlaubt, Verstand mit einzurechnen, Kritik zu üben, neue moderate Methoden zu entwickeln und impulsgebende Interpretationen zu wagen, ohne dabei das kulturelle Erbe völlig zu vernachlässigen. Europa bietet den Muslimen dieses Potential, Deutschland bietet es ihnen.

Im Interesse des “Euro-Islams“ liegt nicht eine Islamisierung Europas, genauso wie es nicht sein Interesse ist, den Islam zu europäisieren. Er möchte lediglich die Brücke schlagen zwischen dem Europäischen Denken und dem Muslimischen Dasein. Stolz möchte er sein, auf seine europäischen genauso wie auf seine muslimischen Werte, die er in ausgewogener Weise mit einander vereinbart, die er gleichermaßen schätzt und schützt. Der “Euro-Islam“ möchte den in Jahrhunderten wechselseitig angehäuften Vorurteilen, dem Misstrauen zwischen dem Westen und dem Osten, ein Ende setzen. Er möchte dazu beitragen, bessere politische und diplomatische Strategien aufzubauen, um den Euro-Muslimen und der Islamischen Welt wirkungsvolle Signale auszusenden. 

 Die Bestrebungen manch einer Moscheegemeinde in Deutschland, ihre Aktivitäten in erster Linie in deutscher Sprache anzubieten, den neu gebauten Moscheen einen modernen Architekturstil zu verleihen, und die Abkoppelung der einstigen ausländischen Einflüsse, sind klare Anzeichen zu einem aufrichtigen Bekenntnis zu Europa, die den theoretischen Euro-Islam an die praktische Umsetzung heranführen.

Und wenn ein CSU-Politiker wie Alois Glück als Präsident des Bayerischen Landtags in der Dialog-Reihe „Jahrhundert der Religionen“, einen offenen geistigen Austausch über den Islam in Europa fordert und dafür in den Landtag lädt, so ist auch dies eine deutliche Botschaft für die Suche nach gemeinsamen Lösungsansätzen. 

Nun, wie kann sich ein realer “Euro-Islam“ durchsetzen? Des Rätsels Lösung liegt darin, eine aktive Beteiligung der Muslime in diesem Prozess zu bewirken und Europa dafür zu gewinnen, die Glaubensgemeinschaft des Islams anzuerkennen und ihre Institutionalisierung auf den Weg zu bringen.

Das was in Bosnien Geschichte geschrieben hat, kann für Europa Inspiration sein zu einer fruchtbaren Zukunft.

Dafür aber bedarf es Menschen, wie einst Kaiser Franz Josef und muslimische Vordenker wie Džemaludin Čaušević, die an ihren Visionen zielstrebig festhielten und sie bis in unsere Zeit hinein spürbar werden lassen. 

Die Geschichte der Integration von Bosnischen Muslimen in das Europa des 20. Jahrhunderts lässt uns hoffen: Die Integration der Muslime in Deutschland kann in ähnlicher Form auch im 21. Jahrhundert, ja sogar besser und vitaler gelingen, wenn gegenseitiges Vertrauen und Kooperation da ist!

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Zuhören statt Abhören

Münchner Politiker reisen nach Bosnien, um sich über das Zusammenleben mit Muslimen und die Ausbildung von Imamen zu informieren


Nur einmal in diesen vier Tagen rutscht dem Penzberger Imam Benjamin Idriz eine Bemerkung heraus, die etwas bitter klingt. Es ist der zweite Abend in Sarajevo, der Hauptstadt von Bosnien-Herzegowina. Der Großmufti von Kroatien, Sefko Omerbasic, hat eine achtstündige Anfahrt von Zagreb auf sich genommen, um die Delegation aus München in Sarajevo treffen zu können. Politiker aller Landtagsfraktionen und des Münchner Stadtrats sind hierhergekommen, um sich ein Bild zu machen, wie eine mögliche Ausbildung von Imamen und islamischen Religionslehrern in München künftig aussehen könnte. Zusammengetrommelt hat die Reiseteilnehmer Münchens grüner Bürgermeister Hep Monatzeder; die Ursprungsidee aber stammt von Benjamin Idriz, der in München ein "Zentrum für Islam in Europa" aufbauen will.

Gerade hat Omerbasic davon berichtet, welche Rechte der Staatsvertrag in seinem Land der muslimischen Minderheit zusichert. Obwohl nach seiner Rechnung nur etwa zwei Prozent der Kroaten Muslime sind, habe die Eheschließung durch eigens bestellte Imame Gültigkeit; es gebe Seelsorger in Gefängnissen und beim Militär, eine Islamische Fakultät sei in Zagreb im Aufbau, der Staat zahle die Gehälter der islamischen Religionslehrer und Imame besäßen eine gewisse Immunität: Vor einer Festnahme müsse die oberste muslimische Instanz im Land, also er, angehört werden, erzählt der Großmufti. In dem Moment kann sich Benjamin Idriz einen leisen Anflug von Galgenhumor nicht verkneifen: "Bei uns werden sie abgehört."

Falscher Verdacht

Der Penzberger Imam ist seit dem vergangenen Sommer bemüht, seine Reputation wiederherzustellen. Damals hatte das bayerische Innenministerium ihn als verkappten Islamisten öffentlich vorgeführt. Dann stellte sich heraus, dass das belastende Schreiben, das Verfassungsschützer offenbar auf seinem PC abgefangen und ihm zugeordnet hatten, gar nicht von Idriz stammte. Dennoch stehen Mitarbeiter des Innenministeriums dem Imam und Vorstand der Penzberger Gemeinde nach wie vor skeptisch gegenüber. Idriz wiederum besucht seit Monaten Politiker und lädt sie in die Moschee nach Penzberg ein, um dort geleistete Integrationsarbeit zu zeigen, für die er von zahlreichen CSU-Politikern Dankesschreiben erhalten hat. Auf Einladung der CSU-nahen Hanns-Seidel-Stiftung hat er im Dezember sogar in Wildbad Kreuth gesprochen. Er will Vertrauen aufbauen - und für sein Projekt werben.

Seine Vision ist ein "Zentrum für Islam in Europa - München" (ZIEM), eine Stätte, an der die Religionen miteinander ins Gespräch kommen sollen und wo die Integration der Muslime unter anderem dadurch vorangebracht werden soll, dass Imame in deutscher Sprache und mit wissenschaftlichem Anspruch ausgebildet werden. Was der Penzberger Imam beweisen will, ist, dass man Europäer, überzeugter Demokrat - und ein guter Muslim sein kann. Dass ein "Euro-Islam" nicht die Absicht hat, Europa zu islamisieren, sondern dass diese Religion ein ergänzender, befruchtender - und ein längst gelebter Teil Europas ist.

In Bosnien, das soll die Reise auch vermitteln, sind Juden, Christen, Muslime über Jahrhunderte meist gut miteinander ausgekommen. Und trotz des Krieges, der das Land zwischen 1992 und 1995 verwüstete, funktioniere das Zusammenleben wieder, sagt der Weihbischof von Sarajevo, Pero Sudar. Wenn auch nicht mehr auf die "natürliche, selbstverständliche Art" wie zuvor.




Die Reise nach Sarajevo zum Auftakt des neuen Jahres hat die Stelle für Interkulturelle Arbeit im Münchner Sozialreferat organisiert. Gefolgt sind der Einladung von Bürgermeister Hep Monatzeder Politiker aus dem Münchner Stadtrat und aus den Landtagsfraktionen - parteiübergreifend. Von der SPD nahmen Yasar Fincan und Isabell Zacharias teil, von der CSU der Münchner Fraktionschef Josef Schmid und Martin Neumeyer, der in der CSU-Landtagsfraktion die Arbeitsgruppe "Integration und Islam" leitet. Die Fraktionsvorsitzende der Landtags-Grünen, Margarete Bause, und die grüne Stadträtin Demirel Gülseren reisten mit, Nadja Hirsch und Georg Barfuß für die FDP, Michael Piazolo für die Freien Wähler. Wissenschafts- und Sozialministerium hatten je einen Abgesandten geschickt, ebenso das Bundesamt für Migration, Eugen-Biser- und Hanns-Seidel-Stifung, Münchner Muslimrat und der Muslimische Elternverein der Landeshauptstadt. Evangelische Landeskirche und Münchner Erzbistum waren mit ihren Referenten für Interreligiösen Dialog vertreten. Nur zwei Angefragte hatten darauf verzichtet, mitzukommen: die Israelitische Kultusgemeinde - und das Innenministerium.

Dabei birgt schon der Besuch in der jüdischen Gemeinde in Sarajevo eine erste Überraschung. Eine Pförtnerin sitzt am Eingang, sonst bewacht hier niemand die Synagoge und das kleine Gemeindezentrum, das zur Mittagszeit kostenlos Essen an rund 40 bedürftige Gemeindemitglieder ausgibt. Zudem unterhält die Gemeinde ein "Home-Care-Programm", das 500 Menschen, darunter auch viele Muslime, in Sarajevo versorgt - dank eines finanzkräftigen jüdischen Sponsors aus den USA. Seit 500 Jahren sei man Teil dieser Stadt, sagt der Gemeindevorsteher Boris Kozimjakin. Und man lebe hier "wie alle anderen Bürger auch" - Bedrohung oder Schmierereien an den Wänden habe es seit Ausbruch des Krieges in Gaza nicht gegeben. Und dann sagt Kozimjakin etwas, das für Münchner Ohren ungewohnt klingt: Die Juden in Sarajevo hätten während der Belagerung der Stadt in den 90er Jahren genauso gelitten wie die Muslime. "Wir können das Leid der zivilen Opfer in Gaza also gut nachvollziehen". Die Gemeinde bete dafür, dass die Kämpfe aufhören. "Was dort passiert, ist nicht hinnehmbar."

An den Krieg vor der eigenen Haustür fühlen sich dieser Tage, da das russische Gas ausbleibt, ohnehin viele Menschen in Sarajevo erinnert. Wer keine Elektroradiatoren ergattert hat, muss in seiner Wohnung frieren. Auch im Empfangszimmer des Großmuftis von Bosnien-Herzegowina, Mustafa Ceric, rattert eine alte Heizung. Ceric erzählt erst einmal einen Witz - und erklärt den verblüfften Zuhörern dann begeistert Adenauers Verständnis vom Staat-Kirche-Verhältnis. Der in Deutschland für seine Integrationsbemühungen geschätzte und mit Ehrungen überhäufte Ceric bekleidet innerhalb der islamischen Welt das einmalige Amt des "Reis ul-Ulema", des "Führers der Gelehrten". Der österreichische Kaiser Franz Joseph I. schuf das Amt 1878, weil er einen Ansprechpartner in der größten Bevölkerungsgruppe des Landes haben wollte. Von Anfang an war der Reis ul-Ulema der höchste religiöse Führer, gleichzeitig aber auch politischer Repräsentant der Muslime von Bosnien-Herzegowina, die seit dem Balkan-Krieg auch in der Stadt Sarajevo die Mehrheit stellen. Denn die meisten der orthodoxen Serben leben jetzt im zur Republika Srpska gehörenden Ost-Teil der Stadt.

Die Muslime in Deutschland, so das Credo von Ceric, brauchen einen Repräsentanten. "Damit sie jemanden haben, der für sie spricht." Man solle dies nicht als Bedrohung begreifen, sondern als Chance, "ein Gegengewicht zu radikalen islamischen Stimmen". Dabei weiß Ceric um die Stolpersteine auf dem Weg zur Institutionalisierung: die Zersplitterung der deutschen Muslime in unzählige Vereine, die um den Verlust ihrer eigenen Souveränität fürchten, die vielen Herkunftsländer, mit denen sich vor allem die erste Zuwanderergeneration identifiziert. "Richtet euren Blick auf die zweite und dritte Generation", empfiehlt Ceric den deutschen Gästen. Er hält es offenbar für ratsam, dass der deutsche Staat mit sanftem Druck den Muslimen zu ihrem Glück verhilft. Als sein Amt damals vom österreichischen Kaiser eingeführt worden sei, seien auch "80 Prozent der Muslime dagegen" gewesen, sagt Ceric. Heute sei das Amt voll akzeptiert.

Nun mag das Amt heute zwar unumstritten sein, der Amtsinhaber ist es nicht. Vor allem säkulare Bosnier halten Ceric vor, dass er sich zu stark in die Politik einmischt und seinen großen Einfluss nun auch nach außen durch den Bau einer teuren neuen Dienstsitzes dokumentieren möchte. Kurz nach Weihnachten gingen in Sarajevo Tausende auf die Straße, um dagegen zu protestieren, dass die muslimische Verwaltungsdirektorin der Kindergärten den Weihnachtsmann aus den staatlichen Kindertagesstätten verbannt, dafür aber islamische Unterweisung eingeführt hatte. Eine Neuerung, für die die Demonstranten Ceric verantwortlich machten. Das parteipolitisch unabhängige Wochenmagazin Dani karikierte den Großmufti denn auch mit weißem Rauschebart. Ceric nimmt solche Kritik einerseits gelassen hin: In seinem Empfangsraum steht gerahmt eine andere Dani-Karikatur. Nur: Interviews gibt er der Zeitschrift nicht.

Das Amt des Reis, das Ceric gern europaweit eingeführt sähe, taugt wegen der politischen Verquickung also wohl nur bedingt als Vorbild für Deutschland. Umso interessanter ist die Arbeit der Islamisch-Theologischen Fakultät von Sarajevo, die sich nach Kräften bemüht, ihre Studenten nach europäischem Standard - und unabhängig von der Einflussnahme islamischer Autoritäten - auszubilden. Die Fakultät, deren Geschichte bis ins 15. Jahrhundert zurückreicht, ist seit 2004 formal-rechtlich Teil der staatlichen Universität Sarajevo und damit ebenso strukturiert wie die Theologischen Fakultäten in Deutschland. Nicht nur dies sei europaweit einzigartig, sagt der Religionswissenschaftler Stefan Schreiner von der Universität Tübingen, die seit einem Jahr mit der bosnischen Uni kooperiert. Schreiner hebt auch hervor, dass die Fakultät sich von Anfang an am Bologna-Prozess, also an der Schaffung eines einheitlichen europäischen Hochschulwesens beteiligt habe - und das, obwohl Bosnien-Herzegowina nicht Teil, sondern Protektorat der EU ist.



Die Fakultät bietet nach einem achtsemestrigen Studium einen Bachelor in islamischer Theologie sowie in islamischer Religionspädagogik an. Zudem gibt es einen sechs Semester dauernden Studiengang für Imame und Prediger, Hatiben genannt. 1996 beschloss die islamische Gemeinschaft von Bosnien-Herzegowina, dass alle Imame einen akademischen Abschluss haben müssen. Auch Imame, die bereits im Berufsleben stehen, müssen sich nachqualifizieren. Männer und Frauen studieren in dem schönen neomaurischen Gebäude am Rande der Altstadt von Sarajevo gemeinsam. Die Frauen werden nach Abschluss ihres Studiums meist Religionslehrerinnen oder gehen als Religionsgelehrte in islamische Einrichtungen. Viele der hier ausgebildeten Imame wandern allerdings, weil sie in Bosnien keine Anstellung finden, in die "Diaspora" aus, wie es Dekan Ismet Busatlic ausdrückt: nach Kroatien, Slowenien, Österreich, Deutschland, aber auch in die USA und nach Australien.

Keine Einflussnahme





Die Professoren der Islamisch-Theologischen Fakultät beteuern, dass weder der Großmufti noch irgendwelche ominösen saudischen Geldgeber, nach denen die Reiseteilnehmer fragen, Einfluss auf die Studieninhalte nehmen. Der Emir von Katar habe zwar den Wiederaufbau des im Krieg zerstörten Gebäudes finanziert, "aber das war"s dann auch", sagt der Dekan. Die meisten der knapp 30 ordentlichen Professoren haben einen Abschluss sowohl an einer bedeutenden islamischen als auch an einer europäischen Universität. Zum Curriculum gehört eine Einführung in jüdische und christliche Theologie, gehalten von jüdischen und christlichen Gastprofessoren. Die Fakultät bietet zudem einen Vier-Monatskurs in "Islamic-Studies" in englischer Sprache an, der sich unter den ausländischen Diplomaten in der Stadt großer Beliebtheit erfreut. Der Tübinger Professor Schreiner preist die Fakultet islamskih nauka in Sarajevo denn auch als "bedeutendste Stätte höherer islamischer Bildung, Ausbildung, Forschung und Lehre" in Europa. Schade sei nur, dass sie in der "westlichen Welt" praktisch kaum wahrgenommen werde. Aber das kann sich ja ändern. Der Koran-Experte Enes Karic jedenfalls, der an der Fakultät lehrt, ist derzeit Allianz-Gastprofessor an der Universität München (LMU).

Am Ende der Reise stehen keine greifbaren Beschlüsse. Die Politiker wollen sich erst "rückkoppeln" mit der eigenen Partei. Dass der Staat sich Gedanken machen muss über eine Hochschulausbildung für Imame, dass auch er eine Bringschuld hat beim Thema Integration, darin sind sich jedoch alle einig. Er stehe dem Projekt von Idriz und der Ausbildung von Imamen in München an sich "sehr aufgeschlossen gegenüber", resümiert CSU-Mann Josef Schmid. Nun müsse man das Projekt mit "Realitätssinn und Gründlichkeit" vorantreiben.

Bürgermeister Monatzeder will zeitnah zu einem Treffen ins Rathaus einladen, wo Idriz Gelegenheit erhalten soll, sein Projekt vorzustellen. Danach will man die wirklich schwierigen Fragen angehen: Wollen wir ein modifiziertes Konzept? Wer übernimmt die Trägerschaft - und, vor allem: wer zahlt?

Quelle:  www.sueddeutsche.de/158387/254/2715567/Zuhoeren-statt-abhoeren.html

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Die muslimische Geschichte in Bosnien
Ein Inspirationsquelle für die europäische Zukunft

Von Imam Benjamin Idriz

 Sarajewo, 07.01.2009


Die muslimische Geschichte in Bosnien